Das Hamsterrad

Er ist ein wilder Hamster. Ein dünner, drahtiger Hamster mit struppeligem Fell, das sich nicht glatt bürsten lässt. Irgendjemand hat ihn eingefangen und in ein Hamsterrad gesteckt. Dort läuft er, weil er keinen Ausweg sieht. Aber er ist unglücklich und er ist müde und seine Pfoten bluten schon vom vielen Laufen. Und er sehnt sich nach der Freiheit.

Ich bin in das Hamsterrad hineingeboren worden. Manchmal bin ich einfach in die andere Richtung gelaufen und habe mein Fell zerzaust. Aber man hat mich immer wieder in die „richtige“ Richtung gedrängt und das Fell wieder glatt gebürstet.

Einmal hat jemand den Stall nicht richtig zugemacht und ich bin weggelaufen. Nach kurzer Zeit habe ich eine Oase der Freiheit gefunden. Da waren auch andere Hamster, wilde Hamster und entlaufene Hamster. Ich hatte eine gute Zeit. Aber dann habe ich Angst bekommen. Was ist, wenn alle Früchte der Oase gegessen sind? Dann werde ich verhungern. Und ich bin zum Stall zurückgekehrt und schneller im Rad gelaufen als je zuvor.

Eines Tages, als ich gerade am schnellsten rannte, kam der wilde Hamster vorbei. Er hatte gerade eine Pause und bot mir an, mich in meiner Pause zu ihm zu gesellen. Ich habe etwas gezögert, weil ich ihn nicht kannte und mich sein struppeliges Fell skeptisch gemacht hat. Aber ich habe angenommen und es war schön. Aber dann hat man uns in verschiedene Käfige gesetzt und wir haben uns nicht wieder gesehen.

Einmal hat jemand den Stall nicht richtig zugemacht und der wilde Hamster ist weggelaufen. Endlich riecht er ihn wieder, den Wind der Freiheit. Aber er zögert. Wer gibt ihm zu essen, wenn er wegläuft? Wer gibt ihm zu trinken? Er weiß auch, dass einige Hamster traurig sein werden, wenn er geht, andere werden enttäuscht sein. Er will niemanden traurig machen und niemanden enttäuschen, denn sein wildes Herz ist groß.

Einmal hat jemand den Stall nicht richtig zugemacht und ich habe kurz gezögert und dann bin ich mitten im Lauf aus dem Rad gesprungen. Und ich bin gerannt wie eine Verrückte. Aber plötzlich weiß ich nicht mehr, ob ich in meiner blinden Flucht nicht einfach in ein anderes Rad geraten bin, das ich nur nicht als Rad erkenne, weil es so anders ist. Oder ob ich auf dem Weg in die Freiheit eben durch die Wüste muss.

Mitten im Nichts treffe ich den wilden Hamster.

Er fragt, was soll ich tun?

Lauf, rufe ich, lauf so lange du kannst. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie dich wieder einfangen. Genieß die Freiheit, so lange du kannst. Lass deine Pfoten heilen und deine Seele. Sammle Kraft und Eindrücke, du wirst sie brauchen. Du weißt doch, wo du Futter und Wasser findest, du bist doch ein wilder Hamster. Und die anderen Hamster werden sich freuen, wenn sie sehen, dass du glücklich bist. Trage dein struppeliges Fell mit Stolz, es macht dich einzigartig.

Er sagt, er hat Angst, dass er nie einen Bau findet, wenn er immer läuft. Da kann ich ihm nichts raten, ich bekomme Platzangst in Bauen.

Ich frage, was soll ich tun?

Lauf, ruft er, lauf so schnell du kannst. Es ist die Wüste und wahrscheinlich musst du noch über die Berge und das Meer. Ich weiß es ist schwer, man sieht es dir an. Du bist dünner geworden, du bist erschöpft, aber du bist glücklicher. Du kannst es, weil du es willst. Du kannst alles was du willst. Du wolltest die Schnellste im Rad sein und du warst die Schnellste. Selbst wenn du gestrauchelt bist, warst du noch schneller als die Anderen. Jetzt willst du auf deine Insel der Freiheit, du musst nur den Weg finden. Vielleicht hast du ja auch Glück und du findest ein Boot, das dich über das Meer bringt. Und wenn nicht, dann schwimmst du eben. Du kannst es, weil du es willst. Du weißt, dass es die Insel gibt, du hast von ihr geträumt und du hast Hamster von dort getroffen. Du weißt, dass es nicht leicht wird, weil du die Freiheit nicht gewohnt bist und weil die Insel wirklich wild ist. Dort fressen sich die Hamster gegenseitig, aber du willst keine andere Insel. Du willst das Abenteuer. Du hast Angst, aber auch wenn es ganz schlimm wird: Wenn du ans Zurückkehren denkst, erinnere dich daran, wie unglücklich du warst. Und wie müde du warst. Du wolltest dir lieber das eigene Bein abbeißen, als weiter zu laufen. Ich habe sie gesehen die blutigen Flecken in deinem Fell. Du hast versucht, sie zu verstecken, weil ein guter Hamster so etwas nicht macht. Aber du bist nie ein guter Hamster gewesen, hast du es vergessen? Außerdem, glaubst du, sie sind nett zu einem Hamster, der schon zwei Mal weggelaufen ist? Du bist gesprungen, als du am schnellsten gelaufen bist. Todesmutig, wild entschlossen. Halte daran fest!

Er hat ja recht.

Aber war wirklich Mut oder nur Leichtsinn?

Und dann ist da noch ein anderer Hamster. Er ist auch ein wilder Hamster. Ein dicker, fauler Hamster. Er sagt, er hat das Rad verstanden. Er rennt gerade genug, um weiter ein dicker Hamster bleiben zu können. Er will das Rad nutzen, um zu bekommen, was er will. Und dann will er wieder in die Wildnis zurückkehren. Er will, dass ich mit ihm im Rad laufe, er meint, dann geht es leichter. Und wenn wir lange genug gelaufen sind, dann will er mich mitnehmen, zu seinem Stamm. Aber das ist nicht auf meiner Insel und sie leben in Bauen. Aber ich mag ihn sehr und ich fühle mich wohl mit ihm und ich habe nicht so viel Angst, wenn er bei mir ist. Und ich weiß, dass er sehr traurig wäre, wenn ich einfach ohne ihn zu meiner Insel weiterzöge. Und ich will ihn nicht traurig machen. Und ich will ihn nicht verlieren.

Der wilde Hamster und ich sitzen zusammen im Nichts und mit ein bisschen Neid denken wir an die Hamster, die sich in ihren Rädern eingerichtet haben. Die sich darin wohl fühlen. Oder auch nichts vermissen, weil sie gar nichts anderes kennen. Wir wissen, dass wir nie so sein können. Weil wir den Wind der Freiheit gerochen haben. Für uns ist es zu spät.

Dann nehmen wir unsere Bündel mit Zweifeln und ziehen weiter. Jeder auf seinem Weg.

Ich frage mich, ob ich ihn in der Freiheit wiedertreffen werde.

Der Wind fährt unter mein Fell, aber er bewirkt nicht viel. Es ist noch zu glatt gestriegelt…

11 Kommentare zu “Das Hamsterrad

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