Love thy neighbor

Ich mag ja meine Wohnung nicht besonders. Sie hat so allerhand Nachteile und mittlerweile kann ich mir was besseres leisten, dennoch habe ich an ihr festgehalten, weil ich dachte, ich finde nie wieder eine so ruhige Wohnung so nah am Zentrum.

Bis Herr M. kam. Herr M. wohnt eine Etage unter mir, auf der anderen Seite des Flurs. Also nicht wirklich ein Nachbar. Dennoch kann ich immer genau sagen, was er gerade für Musik hört. Man versteht jedes Wort. Und meine Wände beben. Gerne raucht er auch im Treppenhaus, lungert überall rum, immer alkoholisiert, pöbelt meine Flüchtlinge an.

Am liebsten hört er Helene Fischer. In der Dauerschleife. Stundenlang. Auch gerne bis in die Nacht. Das ganze Haus wird dann unruhig, ein Baby, von dem ich gar nicht wusste, dass es im Haus lebt, brüllt wie am Spieß, es wird gegen Wände geballert, Türen werden geknallt, an seine Tür gepoltert.

Bisher habe ich nur mit den Zähnen geknirscht, da ich selbst von nachmittags bis in die Nacht gearbeitet habe, hat’s zwar genervt, aber es es war jetzt auch kein Drama. In der Regel hat er es auch gegen halb 12 ausgestellt…

Seit meiner Beförderung mache ich jedoch die Frühschicht, stehe mit den Vögeln auf und es ist eh schon schwer genug, meine acht Stunden Schlaf zusammenzukriegen.

In der dritten Nacht mit Dauerbeschallung platzt mir gegen halb eins der Kragen. Selbst mit Ohrstöpseln habe ich noch kein Auge zugetan. Er bringt es tatsächlich fertig, mich aus meinem warmen Bett zu holen. Ich mache Konzert an seiner Türklingel. Keine Reaktion. Nur mein Handy rettet ihn vor den Bullen, es hat kein Netz und weigert sich, mich mit der 110 zu verbinden.

Ich schreibe noch schnell eine entnervte Mail an die Vermieter und gefühlt drei Sekunden später klingelt der Wecker. Während ich noch mit der Bettdecke kämpfe, übertönt Helene Fischer die Vögel.

Auf dem Weg nach unten muss ich, übermüdet wie ich bin, kurz Pause im ersten Stock machen. Ich lehne mich an seine Türklingel. Und oh Wunder, er öffnet. Alkoholisiert, natürlich. Bekleidet mit einem Hertha-Schal. Und sonst… Nichts.

„DU WICHSER“, brüllt er mich an, es duftet nach Rosen.

Ich checke kurz meine Möpse, ja, ich bin noch Frau, aber deswegen bin ich nicht hier. Ich hatte mir freundlich vorgenommen, also versuche ich freundlich. Ob er bitte wenigstens nachts die Lautstärke reduzieren oder Kopfhörer tragen könnte.

„DU WICHSER. WAS SIND DENN DAS FÜR LEUTE HIER!“

Das frage ich mich auch…

Es folgt eine fadenscheinige und sehr schwer nachvollziehbare Ausrede, von wegen gegenüber wäre so viel Krach (da ist eine Schule, da ist nachts um eins natürlich High Life).

Dann kommen Morddrohungen.

Er hat Pech, es ist immer noch Nachtruhe und mein Handy hat wieder Empfang.

Und während er mir nackt bis auf den Hertha-Schal hinterherwetzt und mich anpöbelt muss ich eigentlich nur noch die Adresse durchgeben, den Rest erledigt er schon selbst.

I love my neighbor!

40 Kommentare zu “Love thy neighbor

        • Ich habs erst mal bei der Meldung der Ruhestörung belassen, habe mir aber vorgenommen, ab jetzt jedes Mal bei den Bullen anzurufen, wenn um 22:15 Uhr noch Helene Fischer durchs Haus plärrt… Ich hab nen ziemlich langen Atem…. (ich weiß ja auch nicht, was die anderen Nachbarn so machen, die armen Schweine, die direkt neben dem wohnen…)

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          • Den langen Atem braucht man an der Stelle auch. Schlecht wird es nur dann, wenn die andere Partei objektiv betrachtet nichts Falsches tut, man aber trotzdem darunter leidet. Am Beispiel der direkten Nachbarn deines Spezialfalls: wenn der den ganzen Tag mit der Hand gegen die Wand klopft und die Ruhezeiten dabei einhält, kannste dem erst einmal rechtlich wenig.

            Wir sind mal aus einer Wohnung ausgezogen, weil über uns der Junge prompt um die Uhrzeit anfing, durch die Wohnung zu hüpfen, zu der unsere Tochter (frisch geschlüpft) schlafen sollte, die Nachbarn unter uns nächtelang auf dem Balkon unter unserem Schlafzimmer gesessen haben und irgendwann die alleinerziehende Mutter, die sich verhielt wie dein Spezialfall, das Fass zum Überlaufen brachte. War keine schöne Zeit damals.

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            • Naja, hier im Haus gelten schon relativ strenge Regeln. Und dagegen verstößt er klar. Ich denke, wenn ich die Vermieter oft genug nerve und irgendwann sogar die Miete mindere, dann werden sie schon was unternehmen… Hoffe ich … :S Oder ich finde bald einen Job woanders *Daumen drück*
              Vor ihm hat ein Papa mit einem Säugling in der Wohnung gewohnt. Von denen hat man NIX gehört. Also, es ist auch nicht besonders hellhörig hier. Ich weiß schon wenn ich in die Straße einbiege, dass der zu Hause ist. So laut ist die Musik. Das geht selbst tagsüber über das Zumutbare hinaus…

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      • Ich habe gelernt, dass es immer Einzelfälle sind, die einer ganzen (Haus-)Gemeinschaft das Leben zur Hölle machen können. Das war irgendwann das Killerargument für ein eigenes Haus. Ich wollte nie ein eigenes Haus haben …

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  1. Boah, Kopfkino, gehst du wohl aus!
    Oh Gott. 😀
    Wir hatten auch mal mit so einer Nachbarin gewohnt, allerdings war das Drama tagsüber und nur alle paar Tage mal. Genervt hats trotzdem.
    Was sagten die Bullen? *Neugier*

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    • Ich bin eigentlich ein kleiner Pöbler.
      Habe aber gelernt, dass man damit selten weit kommt und ich möchte auch unter den Nachbarn nicht als Zicke gelten, sondern hätte sie gern an meiner Seite.
      Aber ich denke schon, dass ich bei unserer nächsten Begegnung deutlich unfreundlicher zu ihm sein werde…

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      • Nimm die Nachbarn mit ins Boot. Wenn ihr alle jeden Tag den Vermieter anruft …
        Und bitte vorsichtig. Wenn der alkoholisiert ist … da ticken die manchmal recht unberechnbar.

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