Der Leibeigene

Besuch bei der kranken Oma.

Nachdem man sie ordentlich mit Schmerzmittel vollgepumpt hatte und sie zeitweise einigermaßen abwesend war, hat sie dann auch eine Pflegestufe bekommen.

Hat sie ein paar Wochen genossen. Jetzt ist sie wieder klar im Kopf und kann wieder allein rumlaufen und findet das mit der Pflege kacke. Da sollen sie fremde Leute anfassen, ist ja eklig. Und die bringen Unordnung. Und die machen das ja auch gar nicht richtig. Und das Essen schmeckt nicht. Und das wiederholt sich ja immer. Das kann sie ja selbst mit einem Arm besser. Und überhaupt – das is ja, als wäre sie alt!

Also bestellt sie eine Pflegeleistung nach der anderen ab. Nur das Mittagessen lässt sie sich noch liefern. „Nur noch bis Weihnachten“, betont sie. Dann will sie wieder was Richtiges. Und schickt mich schon mal zum Einkaufen. („Oma, ich kann deine Liste nicht lesen, meintest du Bier oder Eier?“ Sie wirft mit einer Plastikweihnachtskugel nach mir – die hatte ich eh nicht nach ihren Vorstellungen aufgehängt.)

Während sie sich erkundigt, ob das noch was wird mit den Urenkeln (als ob sie nicht schon genug hätte) und erläutert: „Das kommt über Nacht, weißt du!“, kommt der Junge vom DRK mit dem Mittagessen und den Tabletten.

„Das ist mein Leibeigener“, stellt sie vor. „Der hat schlimmeren Alzheimer als ich“, sagt sie und zeigt auf seinen Arm. „Der musste sich sogar den Namen seiner Tochter eingravieren lassen, damit er ihn nicht vergisst!“

Meine Mama sitzt da wie ein peinlich berührter Teenager, ich lache Tränen, der Leibeigene grinst und serviert formvollendet das Essen. Nur aussprechen kann er es nicht richtig und wird direkt belehrt. Dann wird er im allerbesten Oberschwesterkommandoton in die Küche geschickt, „Unordnung schaffen“ (das Geschirr vom Vortag einsammeln).

Ich frage sie, ob ich ihr nächstes Mal vielleicht eine Reitgerte mitbringen soll. Sie überlegt kurz und findet die Idee hervorragend. In der Zwischenzeit fuchtelt sie mit dem Rückenkratzer und scheucht auf dem Sessel thronend den Leibeigenen. („Die Tabletten da hin!“ „Heben Sie das doch mal auf.“ Aber: „Immerhin haben Sie sich heute richtig rasiert!“)

Ich freue mich, dass meine Oma doch wieder ziemlich lebendig ist und zu alter Form aufläuft. Und meine Mama stellt fest: „Irgendwie hat sich gerade mein Bild vom Sexleben meiner Eltern verändert…“

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9 Kommentare zu “Der Leibeigene

    • Bei meiner Oma trifft der Spruch „je oller je doller“ total zu! Sie wird immer selbstbewusster und schert sich immer weniger drum, was die Leute denken. Da lebt sie ihren schrägen Humor dann aus!

      • Das immer enthemmtere kann auch eine Folge von ihrem Zustand sein. Auf jeden Fall ist es schön, dass es ihr wieder besser geht und du die gemeinsame Zeit zu geniessen scheinst.
        Ist einkaufen in der Heimat wenigsten entspannter als in der grossen Stadt ;-)?

        • Nee, das war auch schon vorher so, dass sie immer lockerer wurde. Eigentlich, seit sie in die Kleinstadt gezogen ist und auch mehr Freundinnen hat. Sie sagt selbst, sie hat sich früher zu viele Sorgen darüber gemacht, was die Nachbarn denken. Sie wirkt oft richtig befreit.
          Einkaufen is immer doof, aber für Oma macht man doch alles 😉 Bei ihr is es weniger Kram, den man schleppen muss und es ist nur halb so weit.

  1. Pingback: Von Tropfen und Fässern | Begrabt mich mit dem Gesicht nach unten

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