Fremdkörper

Ich fahre durch 6 Bundesländer auf 7 Autobahnen vorbei an den letzten Paartausend Jahren deutscher Geschichte, zusammengefasst auf braunen Schildern. Ich lande in einem engen Tal mit einem verlassenen Dorf.

An einer steilen, schmalen Straße steht ein Haus voll rosa. Kitsch. Geraffel. Eine scheußliche Puppensammlung. Selbst das WC ist in einem Rosaton gehalten. Ob der Mann, der das alles finanziert und aufgebaut hat, bei der Innengestaltung ein Wörtchen mitzureden hatte?

Kein Staubkorn liegt herum, alles steht an seinem Platz. Selbst am Garagenfenster hängen frisch gesteifte Gardinen. Besser nirgends zu heftig atmen.

Es ist das Elternhaus meiner Freundin J. Die mir – obwohl wir uns so selten sehen und viel zu wenig reden – wichtig genug ist, um viele Hundert Kilometer zu fahren, wenn sie zum Geburtstag in ihrer alten Heimat lädt.

Auch ihre neuen Freunde aus der großen Stadt am Rhein sind gekommen, sie feiern wild und J. ist aufgedreht und betrunken, wie ich sie in all den Jahren nie gesehen habe. Sie ist wie ausgewechselt, alles nur wegen diesem Stecher…

Ich bin ein bisschen neidisch auf diese Clique, die so offensichtlich so viel gemeinsam erlebt hat und trotz der mittlerweile erfolgten Ankunft im Erwachsenenleben sehr viel 12 bewahrt hat.

Es ist eine milde Nacht, wir sind in einem alten Steinbruch, das Lagerfeuer lodert, sein Licht wird von den steilen Steinwänden zurückgeworfen, über uns leuchtet die Milchstraße am sonst so schwarzen Neumondhimmel.

Ich könnte ewig hier liegen und den Geschichten von J.s alten Freunden aus der Schulzeit hören, Geschichten von einer Kindheit in dem engen Tal, in dem alle Türen offen standen und alle Kinder durch alle Häuser tollten. Ich höre Spitznamen, wie sie sonst nur in Kinderbüchern vorkommen und bei denen ich immer gedacht habe, dass solche Namen im richtigen Leben nicht verteilt werden. Blacky, das Böhnchen, der Dodo.

Kurz vor der Dämmerung laufen wir vom Steinbruch zurück ins Tal und ich erzähle von mir. Ich bin so weit weg von allem wie die letzten Sterne, die über uns glitzern.

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4 Kommentare zu “Fremdkörper

  1. Pingback: Und nun das Fazit. | Begrabt mich mit dem Gesicht nach unten

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