Nervennackt

Ich bin völlig durch. Ich habe 12 Tage am Stück gearbeitet und dank des hohen Krankenstandes und der vielen Urlauber allein gemacht, was sonst 3 bis 5 Leute machen. Bzw. einiges einfach nicht gemacht.

Dabei habe ich neue Rekorde aufgestellt, aber auch Tiefschläge gehabt. Die Technik hat intensivst gestreikt und mir Vieles kaputt gemacht. Der Kollege, der die Frühschichten gemacht hat, war schon immer lahm, neuerdings ist er auch noch unselbstständig. Und belästigte mich selbst in meiner Freizeit mit seinen Fragen. Eine neue Kollegin in leitender Position kann offensichtlich nichts, aber die Klappe weit aufreißen. Und wirklich tolle Reporterinnen fertig machen. Weil sie selbst nix rafft. Die Stimmung ist mies. Immerhin: Der Chef ist weiter hochzufrieden mit dem, was ich tue. Die Chefin fand, sie könne maulen. Der feine Unterschied: Der Chef sieht jeden Tag, was ich tue und was das für Ergebnisse gibt, die Chefin weiß nicht mal, wie man www schreibt. Geärgert hat es mich trotzdem. Drei Tage lang.

Genervt und gestresst von allen und allem bin ich mit dem dünnsten Nervenkostüm aller Zeiten durch die Woche gestapft. Praktisch nervennackt. Dass es keine Toten gab, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass ich zu beschäftigt war.

Ich bin so in Arsch, dass ich meine eigenen Gefühle und Reaktionen weder kontrollieren noch lesen kann.

Meine große Baustelle: Der Arbeitsgatte. Ich bin untervögelt und projiziere mein Fickbedürfnis auf ihn. Sein Auto nervt. Ich finde nicht ok, dass er nicht so nette Sachen über mein Pony sagt. Ich schmolle und rede nicht mit ihm. Er knuddelt mich ungebeten und intensiv. Ich lästere über Kollegen mit ihm. Kollegen grinsen sich nen Wolf über uns. Wir schicken uns flauschige und herzchenlastige Nachrichten. Wir streiten uns um Kuchen. Funkenflug. Erstaunliche Annäherung von Gesichtern trotz 20 Zentimetern Höhenunterschied. Abbruch des Manövers wegen Publikumsverkehr. Ich muss seinen Bart flauschen. Er zitiert mich zum Vier-Augen-Gespräch zwecks Herzausschüttung wegen Arbeitsfrust (seinerseits). Unterhaltung über die Ersthelfer-Situation in der Redaktion. Grinsend-schnaufender Abbruch des Gesprächs, als ich was zu Mund-zu-Mund-Beatmung sage. Bekanntgabe, dass er sich jetzt zu seiner Freundin begibt und Abflug.

Ich bin durch. Ich habe jetzt drei Tage frei. Dann habe ich vier Tage Feierabend, bevor er überhaupt anfängt. Dann habe ich zwei Tage frei. Neun Tage, um mein Hirn zu entnebeln. Und hoffentlich eine andere Lösung für meinen Vögelstatus gefunden zu haben.

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2 Kommentare zu “Nervennackt

  1. Pingback: Die Vorderseite der Medaille | Begrabt mich mit dem Gesicht nach unten

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