Schockzustand

Alle außer dem Chef und seinem Stellvertreter hassen die Unperson. Die Unperson vergiftet die Stimmung. Ist sie im Raum, herrscht Schweigen. Wir nennen die Redaktion neuerdings auch „die Eiskammer“.

Die Unperson ist nicht nur unsympathisch und unfreundlich, sondern auch unfähig und herrisch. Leider auch ne dicke Freundin vom Chef. Von daher: Keine Chance, dass wir sie loswerden. Trotz ihrer offensichtlichen Überforderung. Nach kurzen Versuchen, ihr wenigstens das Nötigste beizubringen, denen mit Überheblichkeit, Bockigkeit, Respektlosigkeit und – nun ja – Unfähigkeit begegnet wurde, haben 90 Prozent der Belegschaft die Kooperation mit ihr eingestellt.

Das stilltiefe Wasser M., von dem ich lange dachte, er sei gar nicht in der Lage jemanden zu hassen, startet einen letzten Versuch im guten Willen. Er wird abgekanzelt und schließlich abgewürgt und am Ende schwärzt sie ihn noch beim Chef an (was sie immer tut, wenn sie nicht mehr weiterkommt).

„Ich muss mit G. (dem Stellvertreter, zu dem wir bis zur Ankunft der Unperson immer einen guten Draht hatten) reden!“, sagt er zu mir. Ich habe auch Redebedarf und weil ich ahne, dass G. einfach nur alles wegargumentieren wird, ohne Widerspruch zuzulassen, sage ich: „Ich komme mit.“

Mir ist klar, dass es keine Lösung auf dem Silbertablett geben wird. Was sollen die Chefs machen? „Ach, ihr findet die alle scheiße? Dann schmeißen wir die natürlich raus.“ Ja klar.

Eine Stunde sitzen wir in G.s Büro. Natürlich versucht er alles wegzuargumentieren. Hält uns unser Fehlverhalten vor. Wir haben eine lange Listen mit Gegenargumenten und IHREM Fehlverhalten. Ich betone mehrfach: Dies ist keine Einzelmeinung, es gibt Kollegen, die auf gepackten Koffern sitzen. Wir sind derzeit so dünn besetzt, jeder Weggang wäre eine Gefahr für die Produktion…

G. findet, die Unperson macht ihren Job super. Sie macht genau das, wofür sie eingestellt wurde. Und das war was genau? Das wurde uns nämlich nie mitgeteilt. Da war einfach plötzlich eine Alte, die die Chefin markiert hat. Und mindestens drei Leute, denen Beförderungen zugesagt wurden, die dann aber wegen „kein Geld“ doch nicht eintraten, wurde heftig vor den Kopf gestoßen.

G. meint, er habe überhaupt nicht mitbekommen, dass da schlechte Stimmung herrscht. Was – selbst wenn er die Stille und das Geätze nicht mitbekommen haben SOLLTE – glatt gelogen ist, denn, wie man mir hinterher erzählt, bereits vor drei Wochen fragte er den Arbeitsgatten, warum der schöne L., der doch sonst immer der Kasper ist, nur noch schweigt und brummt. Und der Arbeitsgatte sagte klipp und klar: die Unperson!

G. erklärt die Pläne für die Zukunft. Die Unperson soll viel mehr mit diesem Internet machen. Und das, obwohl sie dermaßen wenig Ahnung hat, dass sie – Achtung, kein Witz – nicht mal einen Link verschicken kann. Sie soll also noch viel tiefer in meine Domäne einsteigen. Und das ganze soll dann auch redaktionell neu ausgerichtet werden. Auf ihre Linie. Sozusagen auf die Linie einer großen Tageszeitung mit vier großen Buchstaben.

Von: Ich arbeite eigentlich gerne hier, da ist nur seit ein paar Wochen ein sehr lästiger Störfaktor, zu: Scheiße, ich brauche einen neuen Job! in einer Stunde… Das ist ein harter Ritt. Ich kann das noch gar nicht fassen. Während die Kollegen herzlich über G.s Aussagen lachen, bin ich am Heulen.

Es war schön, sich mal kurz im Job wohlgefühlt zu haben…

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22 Kommentare zu “Schockzustand

  1. Achduschreck, aus einer sehr lange zurückliegenden Periode erinnere ich mich an ganz ähnliche Situationen und wünsche viel Erfolg beim Umorientieren, denn Aussitzen macht nicht glücklicher.

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  2. Ich würde die Daumenschrauben gaaanz langsam anziehen. Die sitzen das Problem aus – warum solltet ihr euch dann Stress machen?

    Heißt: Zwischenzeugnis anfordern. Dann: Dienst nach Vorschrift. Öfter mal kränkeln. Öfter mal ’nen Tag Urlaub nehmen (Assessment Center, Vorstellungsgespräch, etc. pp.) Öfter mal darauf hinweisen dass man eigentlich gern bleiben würde. Aber aus persönlichen Gründen …

    … und der U., wann immer beginnendes Scheitern erkennbar ist, keine nützliche Hilfe zukommen lassen – soll sie doch allein auf die Fresse fliegen.

    Vielleicht auch hilfreich: Sammelbewerbungen an die umliegenden Tageszeitungen – nicht dass ihr da unbedingt arbeiten wollen würdet, aber die Chefs kennen sich mit Sicherheit, und sie werden miteinander reden.

    Unter Umständen wird’s ja doch noch was. Ihr könnt ja ’ne Quest draus machen: die Redaktion gegen das U.ngeheuer – und dann denkt ihr euch ’ne feine Punktetabelle aus, inklusive Punktewertung Einzel/Abteilung/ganzes Team. Wenn schon Galgen, dann mit Humor. 😉

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    • Geiler Vorschlag! An sowas Ähnliches hatte ich auch gedacht 😀 Das Problem wird nämlich sein, woanders ist auch nicht immer besser… Oder hast du vielleicht eine Option, dass du z. B. den Ort wechseln möchtest, irgendwas, was du ohnehin schon machen wolltest, dann kann sowas auch eine Chance sein.

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    • Haaaahahhaahaha, ich seh uns schon bei der direkten Konkurrenz anklopfen, da sitzen bei beiden Zeitungen Überläufer, die wissen Bescheid 😉
      Und: Der Chef weiß bereits, dass mein Arzt vermutet, dass ich gegen die Arbeit allergisch bin. Also: Irgendwas, was da in der Luft rumschwirrt. Von daher kann ich krank machen ohne Ende…

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      • Mach das. Und immer schön den Punktestand bei eurer Quest im Auge behalten. 😉

        … und was auch immer gut kommt: wenn die U. mal wieder eine Schote bringt – spontan zu einem Kollegen gehen, und dem fünf Euro in die Hand drücken und zur gewonnenen Wette gratulieren (wahlweise: die U. anschnauzen dass du wegen ihr jetzt grade wieder Geld verloren hast, und ob sie dich wohl an den Bettelstab bringen wolle?)

        Aber am Besten natürlich: im Rettungsboot sitzen wenn es gefiert wird. 😎

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