Wildes Schleudern

Ich glaube jeder, der heute zurückblickt auf Dinge, die er vor etwa einem Jahr zum Thema „Neues Jahr 2020, was da so kommt“ geschrieben hat, muss gerade ein bisschen grinsen. Was waren wir naiv und unschuldig. So süß!

2020 ist fast vorbei und wem kommt es nicht vor, als sei er in den vergangenen 12 Monaten etwa 10 Jahre gealtert?

Corona war eigentlich mein geringstes Problem, im Gegenteil. Endlich müssen Leute ABSTAND halten, das ist mir enorm recht. Ich hab das schon immer gehasst, wenn mir im Supermarkt einer in den Nacken gehustet hat. Brrr. Ich hatte auch immer Desinfektionsmittel in der Handtasche, falls mir mal wieder wer unbedingt die Hand schütteln musste. Ich hoffe, dass es künftig heißt: Hände schütteln? Das ist so 2010er! Ekelhaft! Ich liebe, liebe, liebe nach wie vor das Home Office. Im Schlafanzug mit der Katze schimmeln und nebenher ein bisschen Content schubsen – vielleicht ist es doch ein bisschen ein Traumberuf. Wenn da nicht die Verrückten wären. Auch mein kurzer Ausflug in die Kurzarbeit war eigentlich ganz gechillt. Trotzdem hab ich dieses Kackvirus sowas von SATT! Leute werden krank, Leute sterben, Leute verlieren ihre Existenz, is halt kacke. Ich hab keinen Bedarf an Ansteckung, besten Dank, ist halt kacke. Mir fehlt wenig, ich geh nie shoppen, ich geh nie Party machen, Kultur gibs hier im Nirgendwo eh nie, aber manchmal wärs halt schon nett, einfach wieder mal „was“ machen zu können. Oder mir ne Wohnung in nem anderen Bundesland suchen zu können, ohne im Januar im Auto übernachten zu müssen! So Luxusprobleme halt. Und es ist schon ein Unterschied, ob man Leute nicht sehen will oder nicht sehen darf.

Ich schrieb schon vor Monaten: „Alles geht in Zeitlupe und dabei rast die Zeit so schnell, dass mir von der Erdrotation schlecht wird.“ Es trifft’s immer noch. Ich habe dieses Jahr trotz Allem gar nicht so wenig erlebt und doch kommt mir alles wahnsinnig weit weg vor. Der? Den hab ich vor 1000 Jahren getroffen. Irgendwann im Jahr 2020. Das? Das war vor Lichtjahren. 2020 halt. Ich habe vor gut 24 Stunden meinen Job gekündigt. Ewig her. (Flurfunkgeschwindigkeit übrigens: 5 Kollegen wussten in 0,5 Stunden Bescheid, ich selbst habe für drei Kollegen vier Stunden gebraucht, weil wir richtig redeten. Einer kommt wahrscheinlich sogar mit und es wird schööööön ❤ Reden ist manchmal interessant.)

Ich habe dieses Jahr alle vorstellbaren Emotionen durch. Ich erinnere mich nur durch Watte an sie. Der Rest ist Erschöpfung. Vergessen. Corona-Brain. Und der Stress, der plötzlich mit dem Jobangebot aufkam und alles überlagert. Plötzlich klammere ich mich an alles, nur weil es sicher ist. Den Job, den ich hasse, die Wohnung, die mich deprimiert….

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Ja, es gab schlimmere Jahre. Schlimmer als 2016 will ich mir lieber gar nicht vorstellen, auch wenn ich es für durchaus möglich halte. Aber so ausgelaugt war ich noch nie.“ Ich kann mich beim besten Willen nicht an das Ende des letzten Jahres erinnern. Ich weiß nicht mehr, was war und wie ich mich gefühlt habe. 2016 war schlimm. War 2020 genauso schlimm? Zwischendurch hat es sich so angefühlt. Ich habe mich gefragt, ob ich all meine Resilienz aufgebraucht habe. Ich war an den dunkelsten Orten meiner Psyche. Die vergangenen sieben Tage haben mich aufgerüttelt wie eine Daunendecke, die ausgeschüttelt wird. Plötzlich muss ich unter die Lebenden zurückkehren. Und der Nebel über der Zeit vor vor einer Woche wird dichter.

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Einen Ausblick auf dieses 2020 wage ich gar nicht. Was weiß denn ich, was da kommt. Ich hoffe, Veränderung. Ich fürchte: nicht.“ Was wussten denn wir, was da kommen würde! Süße Ahnungslosigkeit. Es hat sich alles verändert und doch irgendwie nichts. Meine Befürchtung für 2020 hat sich irgendwie erfüllt und meine Hoffnung wird auf den letzten Drücker erfüllt. Ein bisschen zu heftig für meinen Geschmack, aber eigentlich mag ich’s ja hart. Und ich weiß: Auch diese Daunenwolke wird sich legen. Auch dieser Wahnsinn wird vorbeigehen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie.

2021 wird definitiv Veränderung bringen. Für mich und alle. Einen Ausblick auf dieses 2021 wage ich nicht. Ich gebe nur die Prognose: Die ersten 4 Monate werden wie ein ICE auf mich zu und über mich rüber rasen. Danach könnte der Krise die Chance folgen. Aber Optimismus liegt mir nicht. Wir werden es sehen. Ich lasse den ICE rollen. Und dann sehe ich weiter.

Vor knapp einem Jahr schrieb ich: „Ereignisloser Neujahrsdienst, wo gibts denn sowas! Nächstes Jahr gebt ihr euch wieder mehr Mühe, ok? Ohne unschuldige Affen zu töten, bitte!“ Jetzt müsst ihr kreativ werden! Ich bin ja herzlich froh über Stillvester. Aber der Neujahrsdienst droht RICHTIG lang zu werden. Denkt euch was aus! Und kommt gut rüber!

2021 wird… 2021.

Vorspulen, bitte!

Ich stelle fest: Es ist enorm stressig, wenn mitten in der schlimmschlimmen Depression Versuche, Dinge zu ändern, unerwartet erfolgreich verlaufen. Eigentlich möchte ich nur daliegen und Serien konsumieren und plötzlich muss ich meinen Job kündigen, meine Wohnung kündigen und sonst so alles, mitten im Lockdown eine neue Wohnung in 400 Kilometern Entfernung – in einem anderen Bundesland – suchen, die auch noch den Kriterien ihrer königlichen Hoheit, der Katze, entspricht und überhaupt.

Mein Schädel brummt. Mein Bauch tut weh. Ich will mich zusammenrollen.

Ist aber halt keine Option. Moarrr.

SCHNAPPATMUNG!!!!

Tja, also, wenn ich will, kann ich nächstes Jahr nen neuen Job anfangen. Japs.

30 Sekunden Champagnerlaune, dann: UARRRRK, quer durch die Republik umziehen. Die arme Katze. Oh Gott, die Katze. Japs.

Mihihihi, das doofe Gesicht vom Chef sehen. Uark, dem Chef verklickern, dass ich dieses Jahr noch sein Gesicht sehen muss.

Ich lauf noch ein paar Runden schreiend im Kreis. Abwechselnd vor Freude und vor Wahnsinn.

Mesolimbisches System

Ich habe schon sehr, sehr, seeeehr lange keine Fiktion mehr geschrieben. Ich schreibe ja immer bloß Nachrichten und manchmal noch hier und das kann man der Menschheit ja vielleicht noch grade zumuten, aber was ich sonst so schreibe… Nee, Schrott, flacher Schrott, peinlicher Schrott, kann-man-ja-keinen-lesen-lassen-Schrott.

Trotzdem schreibe ich ihn gelegentlich auf, der ganze Rumpel, der sich in meinem Hirn ansammelt muss ja raus und wenn ich einmal aufgeschrieben habe und sehe, was das für ein Schrott ist, dann ist auch gut. Dann kann ich das in den Papierkorb bewegen, ohne dass es mir weiter im Kopf quer liegt. In den vergangenen Monaten habe ich wieder mehr geschrieben. Ausgerechnet beim Starren aufs Meer ist mir das Setting für eine Geschichte eingefallen, die mich schon ewig nervt und gerade am Setting hapert es bei mir sehr oft.

Ich schreibe sehr oft spätabends, wenn ich den ganzen Alltagsrotz erledigt habe und ich in angemessen düsterer Stimmung für meine alles andere als fröhliche Fiktion bin. Und wenn ich dann mein Abendwerk getan habe, erwartet ein Teil meines schon halb eingeschlummerten Gehirns irgendwie immer Reaktionen auf das Geschriebene. Sterne, Kommentare… sowas. Und ist dann ganz eingeschnappt, weil nix kommt. Und der noch wache Teil meines Gehirns lacht den schlaftrunkenen Teil aus, weil wer soll denn auf etwas reagieren, was gar nicht an Leser gerät?

IHR seid Schuld! Ihr habt mir das Mesolimbische System versaut! Ihr alten Dopamin-Dealer!

Das Fest der Anerkennung

Weihnachtspost von der Geschäftsführung. An die „liebe Frau Fragezeichen“. Leeres Geschwurbel über das besondere, schwierige Jahr. „Daher möchten wir uns zum Jahresende herzlich und aufrichtig für ihr Engagement bedanken.“

Was beinhaltete dieser rührende Brief wohl noch? Na?

Einen Keks! Jaja, was man lieben, engagierten Mitarbeitern so zu Weihnachten schickt. NEN KEKS! Einen! 16 Gramm Anerkennung!

Wenn es wenigstens Koks gewesen wäre…

(Ich möchte mich keinesfalls beschweren, ich lache seit 1,5 Stunden Tränen. Hatte ich auch schon lange nicht mehr.)

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„Alles wird gut.“

„Alles wird gut.“

Das steht in krakeliger Fünftklässlerschrift auf einem roten Zettel auf dem ein Pfennig klebt und der an meinem Spiegel hängt. Früher einmal, also damals, da hing der Zettel mit dem Spruch in der krakeligen Schrift und dem Pfennig an einer roten Rose. Sie ist längst verblüht, vertrocknet und zu Staub zerfallen. Die Rose mit dem Zettel und dem Pfennig überreichte unser Schuldirektor uns zum Abitur.

„Alles wird gut.“ Das war die Botschaft, die er uns mit auf den Weg gab. Wie schon bei der Einschulung, beim Wechsel aufs Gymnasium, zum Beginn der Oberstufe hörten wir den altbekannten Spruch: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“ Und zum ersten Mal fühlte es sich… nun ja: Ernst an. Plötzlich soll man „etwas aus sich machen“. Und zwar allein. Was eigentlich genau? Keine Ahnung. Natürlich gab es einige, die es offenbar schon voll raus hatten. Den Plan. Alles organisiert. Dass das keine Garantie für irgendwas war, haben wir erst sehr viel später gelernt.

„Alles wird gut.“ Das war seine Antwort auf unsere Beklemmung, die großen Fragezeichen, die sehr viel Platz in unseren Köpfen einnahmen. Auf das große Unbekannte, was vor uns lag. Eine Antwort, die mich ratlos zurückließ.

„Alles wird gut.“
Warum der Zettel mit dem Spruch und dem Pfennig an meinem Spiegel landete, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, weil ich die Gewissheit brauchte, dass die lange Zeit der Ratlosigkeit, des gefühlten und tatsächlichen Versagens, des Beginnens und nicht Beendens, irgendwann enden und alles gut werden würde.

„Alles wird gut.“
Warum der Zettel mit dem Spruch und dem Pfennig immer noch an meinem Spiegel hängt, weiß ich nicht. Vielleicht weil ich nach Fortschritten, Erkenntnissen, Erfolgen, Rückschritten, Verzweiflungen und Misserfolgen immer noch die Gewissheit brauche, dass irgendwann alles gut wird. Wann immer das sein mag.

Optimismus liegt mir nicht

Habe mich krankschreiben lassen wegen einer Sache, bei der ich normalerweise die Zähne zusammengebissen und durchgepowert hätte. Normal ist hier schon lange nichts mehr.

Plus meine freien Tage habe ich damit bis nach Weihnachten frei. Ich werde eins mit der Matratze.

Montag habe ich ein Vorstellungsgespräch. In soner richtigen Redaktion. Da drüben in der Zivilisation.

Vielleicht, ganz vielleicht wird nächstes Jahr alles besser.

Vielleicht wird es auch nur 2020 2.0.

Sentimentäler

No. 3 jammert, er will mich sehen und fantasiert davon, wie er mich im Arm hält und meinen Nacken küsst.

Ich gebe zu, fast will ich mich ein bisschen drauf einlassen, wider besseres Wissen und ich schimpfe sehr mit mir selbst. Frage mich, was da kaputt ist in meinem Hirn. Und dann fällt mir auf, das die Erklärung leicht ist: Ich möchte mich gern begehrenswert fühlen, obwohl ich weiß, dass ich es nicht bin. Mit seinem dummen Gelaber erfüllt er dieses Bedürfnis.

Ich werde nicht schwach, denn ich weiß, er wird mir nicht geben, was ich will und noch weniger, was ich brauche. Aber ach, wenn ich mir so jemanden backen könnte…