Das rosa Nilpferd

Kurz vor Weihnachten bin ich aus Versehen in die Stadt des Grauens geraten. Tief in Gedanken Autobahn-Ausfahrt verpasst, die nächste genommen und weil die zwei Kilometer von dort bis zu mir bekannten Wegen ein schwarzes Loch auf meiner geistigen Landkarte sind, im Ghetto gelandet. Im Früher.

Vielleicht habe ich dort T. gesehen. Ich bin nicht sicher, ich habe den Weg gesucht und im Dezember sind die Tage dort im Norden etwa zweieinhalb Minuten lang und das Tageslicht kommt in 50 Grauschattierungen durch 50 Wolkenschichten. Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen.

Ich erzähle das nie jemandem, weil es mir wahnsinnig peinlich ist, aber T. ist vielleicht der einzige Typ, in den ich je wirklich verliebt gewesen bin.

Das Peinlichste ist, dass ich ihm in sentimentalen Momenten immer noch nachhänge. Es kommt gelegentlich vor, dass ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn er noch in meinem Leben wäre.

Im Grunde ist es komplett absurd. T. und ich, das war in einem anderen Leben. In diesem schlimmen Früher. Ich war ein anderer Mensch und er war… ein Mensch, den ich heute nicht mehr ertragen könnte.

Es gibt kein realistisches Szenario, in dem wir uns noch nicht gegenseitig den Hals umgedreht hätten. Wir mussten schon damals für die Definition von Hassliebe herhalten. Er wusste genau, wie man mich provozieren kann.

Natürlich habe ich ihn gegugelt. Was man findet: Seinen Vater, der gefühlt zweimal die Woche in der Lokalpresse auftaucht. Seine Mutter, der jemand das mit den Privatsphäre-Einstellungen in diesem Facebook erklären sollte. Seine Brüder in der großen Stadt, Jura, BWL, dickes Auto, blonde Freundin, 2.-Generation-Einwanderer-guck-her-ich-habs-geschafft. T. hat keine digitale Spur hinterlassen. Ich weiß nichts über den T. von heute.

Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen. Es reicht, um meinen Kopf zu ficken. Von der Bettkante stoßen würde ich ihn auch heute möglicherweise nicht. Und der Rest…? So ein Schwachfug!

Manchmal frage ich mich, ob ich damals meinen ganzen Vorrat an Verliebtsein aufgebraucht habe. Oder setze ich nur das Feuer von damals als viel zu hohe Messlatte an?

Manchmal frage ich mich, wie ernsthaft er mich zurückgeliebt hat. Und in ganz schwachen Momenten denke ich, wie schön es wäre, wenn es einer täte. Also, mich lieben. Nicht unbedingt er, sondern irgendwer.

Aber dann fällt mir ein, was für ein egoistischer Gedanke das ist. Denn ich liebe nicht zurück. Und überhaupt, man kann mich ja nicht lieben.

Am Ende ist es egal, ob ich T. gesehen habe, eine graue Katze oder ein rosa Nilpferd (rückblickend war es wahrscheinlich ein rosa Nilpferd). Wahrscheinlich ist es doch nur mein Hirn, das sich an das einzig sexye aus dem schlimmen Früher klammert. Die ultimative Vermeidungsstrategie. Vielleicht möchte mein Gehirn gar nicht, dass sich irgendetwas Besseres, Intensiveres, Realistischeres über diese Gefühle legt. Weil das Früher dann nur noch unerträglich wäre.

3 Kommentare zu “Das rosa Nilpferd

  1. Dein „Früher“ klingt sehr ominös.
    Eigentlich möchte unser Gehirn doch überlagern und überschreiben? Warum sollte deines das hier gerade nicht wollen?

    Davon abgesehen: Ja, ein Ausflug in die Vergangenheit ist immer wieder etwas besonderes. Manches Mal erbaulich, manches Mal traurig, manches Mal zum Kotzen.

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