Warum mir Optimismus nicht liegt

Ich weiß ja nun schon seit Monaten, dass meiner Freundin J. wohl nur Monate bleiben. Ich habe schon unfassbar viel geheult, weil mir Monate nicht reichen. Ich habe nächtelang wach gelegen, weil mich der Gedanke daran, wie es ihr gehen muss, quält. Ich bin wütend, weil dieses Drecks-Corona ist und sie da ist und ich hier. Und weil das absolut nicht ok ist, wenn man nicht mal mehr noch mal ans Meer kann, weil Drecks-Corona ist. Und weil ein Drecks-Arzt im Sommer so unfassbar geschlampt hat und DAS übersehen hat. Obwohl es da wahrscheinlich auch schon zu spät war.

Ich habe mich von Anfang an gefragt, warum man ihr noch Chemo antut und warum sie sich das geben will, aber ich bin kein Arzt und es wird schon Gründe geben. Sie ist guter Dinge und sie ist optimistisch und ich verdränge, dass nur noch Monate bleiben, während Monate vergehen.

Es ist ein neues Jahr und vielleicht wird alles besser und sie kommt vom Arzt und sagt, die Metastasen haben sich zurückgebildet, beim Tumor gibt’s keine Veränderung und ich denke, hm ja, naja, besser als nix und vielleicht war die Chemo doch zu was gut.

Und ein paar Tage später bittet sie mich, ihren Befundbericht in normales Deutsch zu übersetzen, sie kapiert es einfach nicht. Und mit jedem Satz, den ich übersetze, denke ich mehr, dass der Arzt es mit Absicht kompliziert formuliert hat, damit sie nicht kapiert, was da los ist. Beim letzten Satz, der im Grunde auf Latein deutscher Grammatik verfasst ist, schlage ich den Laptop zu, will dieses Google löschen und heule so laut, dass die Katze erschrocken untern Schrank rutscht.

Es ist eine Beschreibung wie aus dem Lehrbuch, wie sich der Tumor durch Organe und Strukturen frisst, wie er sich immer weiter ausbreitet und eine Spur der Verwüstung hinterlässt. Es klingt wie ein steriler Versuchsaufbau, ein anonymer Körper, doch für mich und für sie ist er alles andere als anonym.

Ich brauche ganz schön lange, um ihr die Übersetzung zu schicken. Ich schicke sie kommentarlos, was könnte ich dazu schon sagen?

Sie hat keine Fragen. Sie schreibt nur: „Ich dachte, dass ich ein bisschen mehr Zeit hätte.“

9 Kommentare zu “Warum mir Optimismus nicht liegt

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