Eigentlich

Das Folgende wird euch bekannt vorkommen. Dieses „Alles ist furchtbar, keiner versteht mich, niemand kann mir helfen, es ist unmöglich etwas zu ändern, mein Leben kann in die Tonne“, was regelmäßig von dramatischen Dreizehnjährigen kommt. Entspricht etwas meiner geistigen Reife.

Dabei ist mindestens 80 Prozent selbstgerührtes Schicksal.

Ich liege im Sonnenschein, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern, die Katze gurrt, die Rasenmäher röhren und ich bin unglücklich. Mein Kopf sagt: Hey, wie viel besser du es hast als noch vor ein paar Jahren. Als noch vor ein paar Monaten. Du hast dich aus dem Loch geschaufelt. Und dann kommt mein Bauch und sagt: Ja, es ist besser. Aber es ist deswegen nicht gut.

Und meine Angst ist, dass es nicht besser wird. Dass ich für den Rest meines Lebens mit diesem oder einem ähnlichen Kompromiss klarkommen muss.

Eigentlich hätte ich gerne einen weniger stumpfen und sinnbefreiten Job. Eigentlich hätte ich lieber eine Bleibe im Grünen ohne Nachbarn mit Rasenmäher-Fetisch. Und nicht so weit weg vom Meer. Eigentlich.

Natürlich könnte ich hingehen, mir den Arsch aufreißen, Karriere machen, mehr Geld kassieren, mehr möglich machen. Aber ich will eigentlich nicht mehr raus aus dem Garden/Bett/Sofa-Office. Ich will meine Zeit nicht mit Pendeln und im Büro sitzen verplempern. Man spart ja nicht nur die Fahrtzeit. Im Büro kann ich nicht nebenher die Wäsche machen, die Spülmaschine ausräumen, meine Zähne putzen, die Haare kämmen, mir was an- oder ausziehen, Walderdbeeren ernten, mit der Katze spielen, mit der Katze kuscheln, der Katze beim glücklich sein zusehen. Ich kann mich, wenn abends schon nix, nix und nix mehr los ist, schon bettfertig machen und muss nicht erst um 23 Uhr ins Auto steigen, nach Hause fahren, da noch Zeug erledigen und DANN irgendwann ins Bett. Ich kann der Katze mittlerweile überhaupt nicht mehr vermitteln, dass ich gelegentlich das Haus verlassen muss und sie dann tagsüber drinne sein muss, weil wir keine Katzenklappe einbauen dürfen. Ich werde eine schlimme Tierquälerin geschimpft… Und wenn ich dann nach Hause komme, will sie natürlich raus und wann soll ich dann bitte mit ihr kuscheln? Hm?

Ich will auch nicht mehr Präsenz zeigen, mehr Stunden arbeiten, dauernd erreichbar sein. Einfach nö. Ich finde ja, 40 Stunden sind eh schon mehr als zu viel Zeit, die ich mit dem Quatsch verbringe. 32 würden eigentlich auch reichen… LOCKER.

Eigentlich hätte ich auch gerne mehr Sex. Oder überhaupt mal Sex. Aber ich hab keine Lust mich mit Idioten und ihrem Idiotenkram rumzuschlagen, mich irgendwo hinzubegeben, die Zeit eben nicht mit meiner superflauschigen Katze zu verbringen und dann doch wieder ohne Orgasmus und möglicherweise mit ner Blasenentzündung nach Hause zu kommen. Einfach nö. Und meine Idiotentrefferquote war zuletzt (deeeeehnbarer Zeitraum) wirklich… bei ca. 100 Prozent.

Und eigentlich fände ich es auch mal ganz schön, nicht auf ein Sexobjekt reduziert zu werden. Aber auch das ist selbstgebaut. Ich hab ja sonst nix zu bieten außer Sex. Also biete ich das. Und werde für genau das wahrgenommen. Und schlage mich nach schlechtem Sex wieder allein mit flauschiger Katze durch.

Eigentlich.

Es sind alles faule Kompromisse. Ich habe Ideen und Vorstellungen, was ich ändern könnte. Allein: Es fehlt an den Möglichkeiten, das umzusetzen. Und so liege ich in der Sonne, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern, die Katze gurrt, die Kirchenglocken läuten und ich bin unglücklich. Buhu.

19 Kommentare zu “Eigentlich

  1. Ich habe bewusst zwischen uns und dir differenziert. Es freut mich natürlich sehr, dass du dich zu uns zählst, aber im konkreten Fall war das nicht so gemeint. Wir wollen uns schließlich am eklatant überhöhten Mietzins bereichern. ^^

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  2. Pingback: FML | Begrabt mich mit dem Gesicht nach unten

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