Un-Leben

Es gibt Leute, die schreien seit Monaten: „Ich will mein Leben zurück!“ Und fordern eine Rückkehr zur „Normalität“. Bei mir steht so etwas wie die Rückkehr zur Normalität an und ich denke: „Ihr nehmt mir mein Leben weg!“

Das Home Office hat mich wirklich vor der Eskalation im alten Job gerettet. Hätte ich weiterhin mit diesen Wahnsinnigen in einer Redaktion sitzen müssen, wäre ich entweder durchgedreht oder irgendjemandem ins Gesicht gesprungen. Und das meine ich sehr wörtlich. Stattdessen konnte ich in Ruhe arbeiten und mich neu orientieren. Und gerade in den vergangenen drei Monaten auch leben!

Ich fand meine Arbeit auch schon vorher reichlich sinnbefreit. Jetzt arbeite ich in einem größeren Verlag mit größerem Budget, bei dem mir mehr technischer Schnickschnack zur Verfügung steht. Und im Grunde muss ich damit noch weniger tun, weil eine Maschine meine Arbeit tut. Was nur zeigt, was ich schon lange sage: Nicht nur ein dressierter Affe, auch ein Algorithmus kann meinen Job machen. Ich bin besser im Zwischen-den-Zeilen-Lesen und Emotionen-Erfassen. Dafür macht der Algorithmus keine Tippfehler und er müsste nicht mit dem CMS kämpfen. Und er verlangt keine Sozialabgaben.

All diese Sinnbefreitheit und viel Leerlauf kann ich im Home Office mit Sinn füllen. Nicht nur mit Wäschewaschen und Spülmaschine ausräumen. Sondern mit Dingen, die für mich sinnvoll sind. Die mich glücklich machen. Mit LEBEN.

Deswegen fühlt sich die Rückkehr in die Redaktion in erster Linie wie ein großer Verlust an. Ich kann mich nicht mal mehr über den Wahnsinn meiner Vorgesetzten aufregen, weil sie nicht wahnsinnig sind. Ich bin einfach verdammt zu Rumgeklicke in der Langeweile. Meine Tage werden wieder befüllt sein mit Sinnleere.

13 Kommentare zu “Un-Leben

  1. Kannst du denen eventuell anbieten, dass du – im Gegenzug für Heimarbeit – mit *etwas* weniger Geld zufrieden bist? Also 30 ct/km mal zwei mal die Arbeitstage? So als Ausgleich für „dann spare ich mir den Weg“?

    Oder sind die vielleicht zu beeindrucken durch „dann such‘ ich mir was anderes“?

    Ich habe den Eindruck, dass du mit der Option „von zuhause arbeiten“ genau das hast, was du willst. Nur die Art der Arbeit ist noch nicht das, was du gern hättest – du hättest gerne was mit Sinn. (Frage: was macht Sinn für dich aus?)

    Ich benutze gern das Bild von der Blickführung beim fahren: du fährst letztlich immer dahin, wo du hinblickst. Schaust du auf den Straßenrand / die Leitplanke / den Baum: krabumm!
    Also schau auf die Straße. 😉

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    • Ich kann mit dem Schwachfug leben, solange ich zu Hause bin.
      Ich denke, ich versuche Zeit zu schinden, indem ich sage, dass ich bitte erst auf die zweite Impfung warten möchte. Erst gestern veröffentlichte mein Arbeitgeber einen Artikel, in dem es hieß, dass man mit nur einer Spritze vor Delta praktisch nicht geschützt ist. Und bis Ende August hat sich die Infektionslage sicher noch Mal verändert.

      Wenn ich wüsste, was ich stattdessen wollte, würde ich ja schon dran arbeiten, nech Hasilein?

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      • Ich hätte da eine Idee. Geht beschdümmt auch von zu Hause aus, bringt aber (erstmal) wenig ein. Hat was mit Guerillakampf gegen die kapitalistische Marktordnung im Sektor bauen/wohnen zu tun.

        Soll ich mich melden wenn da was spruchreif wird? Oder magst du schon an den Vorarbeiten mitstricken? 😉

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  2. Pingback: Entscheidungen und Handlungen | Begrabt mich mit dem Gesicht nach unten

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