In(tro)spektion

Es ist ein bisschen wie Sommerferien. Ich liege in der Sonne und lese – ich lese mehr Bücher durch, als ich neu kaufe, was selten und eigentlich nur in den Sommerferien vorkommt. Ich bemerke ein bisschen erwachende Libido und bin reichlich überrascht, aber auch reichlich pessimistisch, was ihre Befriedigung angeht. Ich radle durchs Flachland zum Eisessen. Ich mag die Aussicht auf das Dorf in der Pampa. Ich bin ein bisschen überrascht, wie wohl ich mich da hinten, drei Straßen hinter der Kirche fühle. Fast ein bisschen zu Hause, auch wenn ich keinerlei Pläne habe, langfristig hier zu bleiben.

Für das heimlige Gefühl sorgt unter anderem, dass ich mich zum ersten Mal irgendwo richtig eingerichtet habe und sogar ein Bild an die Wand gehängt habe (!) und durchgelesene Bücher nicht zu den Eltern trage und im Kinderzimmer-Regal einsortiere, sondern hier ins Regal stelle. Für das heimlige Gefühl sorgt unter anderem der Garten, in dem ich Muttis Gartentricks anwende, Vögel – also das Katzenfutter – füttere, Essbares züchte und sogar Unkraut zupfe (!). Das ist enorm meditativ. Für das heimlige Gefühl sorgt unter anderem, dass meine Kellerwohnung nach hinten rausgeht und ich von der Welt maximal durch ihre Gärten schleichende Nachbarn mitbekomme. Und kreischende Kinder dieser Tage. Für das heimlige Gefühl sorgt vor allem die Katze, die nicht nur die Wohnung, in der sie mir gnädigerweise ein paar Quadratzentimeter Bett überlässt, eingenommen hat, sondern auch meinen und alle umliegenden Gärten bis zum Spielplatz hinten, auf dem sie sich spätabends gern rumtreibt. Heimlich rauchen mit den Jungs? Jedenfalls riecht ihr Fell oft nach Rauch, wenn sie nach Hause kommt, aber ich glaube, das liegt eher an den Boomen, die mit ihren Kaminen für exzellente Dorfluftqualität sorgen. Sie findets geil hier.

Ich habe jeden Tag ein bisschen Angstattacken, vor allem, wenn meine Gedanken Richtung Arbeit wabern, auf die ich mit jedem Tag, den ich verlese, weniger Lust habe. Die Tabletten gegen die Angst liegen unberührt in der Küche. Sie sollen meinem Gehirn erklären, wie das funktioniert bei Leuten, die nicht dauernd Angst haben und die Welt dunkelschwarz finden (offenbar ein Normalzustand, was ich für ein Gerücht halte), und das macht mir Angst. Ich mag nicht, dass Tabletten in meinem Gehirn rumbohren, weil ich die andere Seite nicht kenne. Ich finde die Welt schon mindestens seit dem Kindergarten dunkelschwarz und diffus gruselig. The devil you know und so. Ich habe Angst, dass die Tabletten was mit meiner Kreativität machen, denn diese entspringt meiner Düsternis. Keine griechische Tragödie ohne Tragödie, kein Galgenhumor ohne Galgen. Rational weiß ich, dass das alles Blödquatsch ist wie praktisch alle meine Ängste, aber das wäre ja mal was ganz Neues, dass rationales Denken mein Handeln anleitet. Als ob meine Kreativität jemals produktiv gewesen wäre. Dann müsste ich vielleicht nicht diesen ollen Brotjob machen, der mir Angst macht und mich in einen dissoziativ gestörten Roboter verwandelt.

Ich muss jetzt entscheiden, welches Buch ich als nächstes lese. Wörter in mein Hirn füllen. Damit es mehr Wörter hat, auf denen es rumkamen kann. Das befriedigt mich.

7 Kommentare zu “In(tro)spektion

  1. Deine Persönlichkeit wird sich mit diesen Tabletten nicht ändern und du wirst nicht FDP-Wählerin. Du wirst nur mehr positive Gefühle empfinden wie du sie auch schon empfunden hast. Greif zu!
    (Ich wäre so ein schlechter Drogenverkäufer 😂).
    Das Dorfleben hilft dir bestimmt enorm zusätzlich 🖤

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    • Jetzt war ich heute aus Versehen doch im Buchladen… Upsi. Aber ich will erstmal „Santa María de las Flores negras“ von Hernán Rivera Letelier zu Ende lesen, da hänge ich schon ewig dran. Ich lese zwar viel auf Spanisch und normalerweise flutscht es fast wie Deutsch, aber das hat so viel Bergarbeiterfachchinesisch, dass ich manchmal echt raus bin.

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