Sentimentäler

No. 3 jammert, er will mich sehen und fantasiert davon, wie er mich im Arm hält und meinen Nacken küsst.

Ich gebe zu, fast will ich mich ein bisschen drauf einlassen, wider besseres Wissen und ich schimpfe sehr mit mir selbst. Frage mich, was da kaputt ist in meinem Hirn. Und dann fällt mir auf, das die Erklärung leicht ist: Ich möchte mich gern begehrenswert fühlen, obwohl ich weiß, dass ich es nicht bin. Mit seinem dummen Gelaber erfüllt er dieses Bedürfnis.

Ich werde nicht schwach, denn ich weiß, er wird mir nicht geben, was ich will und noch weniger, was ich brauche. Aber ach, wenn ich mir so jemanden backen könnte…

Good grief

Es hat sich irgendwann verselbstständigt. Der geplatzte Reifen im April zog Panikattacken beim Autofahren nach sich. Windstoß, Unebenheit auf der Straße, zack, Herzrasen, Schweißausbruch, Atemnot. Lieber nicht irgendwohin fahren. Nicht so weit. Ganz sicher nicht auf der Autobahn.

Die Panikattacken schlichen sich ganz hinterhältig in den Alltag. Angstzustände mit Magengrimmen, heftigem Herzklopfen. Mit einem Auslöser, den ich nicht mehr greifen kann, sobald es angefangen hat. Aber der Gewissheit: Es war ein sehr realer, sehr realistischer Gedanke. Nichts Neues für mich eigentlich. Neu ist nur die Frequenz. Beklommenheit wegen Allem. Schlimme Verzweiflung wegen Allem und Nichts, total ungreifbar. Panikattacken, die mich zitternd ans Bett nageln, unfähig mich zu bewegen, das einzige, was mich bewegt, ist mein wild schlagendes Herz. Sauerstoff kann es aber nicht verteilen, denn Luft bekomme ich keine. Zwischendurch die Angst vor der nächsten Panikattacke.

Klarer Trigger: die Katze. Sie ist das beste Antidepressivum, das man sich vorstellen kann. Sie ist weich und süß und wild und lustig und fröhlich und kuschelig. Aber sie hat schlimme Nebenwirkungen. Sobald sie rausgeht, werde ich unruhig, ich alter Suchti. Ist sie länger als eine Stunde weg und kommt nicht, wenn ich sie rufe – verhält sie sich also wie eine ganz normale Katze -, kann man mich vergessen. Man kann sich ausrechnen, wie es mir nach 12 oder gar 24 Stunden feliner Abwesenheit geht. Das einzige Mittel, das die Panikattacke beendet: Auftauchen der Katze. Wirkt sofort.

Ich komme mir jedes Mal angemessen bescheuert vor. Mir sind wahrlich schlimmere Dinge im Leben passiert als ne Reifenpanne, bei der nix passiert ist und eine Katze, die sich verhält wie eine Katze.

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich wegen solcher Banalitäten so durchdrehe. Und ich glaube, dahinter gekommen zu sein: Kontrolle. Ich werfe gerne anderen Kontrollwahn vor, aber eigentlich bin ich da am schlimmsten. Ich muss immer alles im Blick haben, am besten alles selber machen, immer wenigstens irgendwas machen. Deswegen verbeiße ich mich so in die Arbeit. Und werde so stinkig, wenn mir jemand wie Fetti dazwischenfunkt. Deswegen habe ich so Dinge durchgestanden wie: Mein Vater macht jeden Tag besoffen irgendeinen anderen Scheiß, meine Mutter dreht deswegen durch und legt sich im Pillenkoma ins Bett, mein Vater zündet irgendwann das Haus an und ich bin halt der Konfliktpuffer, Muddipfleger, Pferdepfleger, Gärtner, die Putzfrau und weiß nicht was und mach halt nebenher noch Abi und Führerschein und was man sonst so macht mit 18. Eben einfach Zeug machen. Kontrolle über Dinge behalten.

Was ich damals gelernt habe: Alles geht irgendwann vorbei. Egal wie scheiße ich mich grad fühle, egal wie wenig ich mir vorstellen kann, wie ein Danach aussehen könnte: Es wird ein Danach geben. Und das wird sich nicht mehr scheiße anfühlen. Das hat mir schon durch die ein oder andere schlimme Zeit geholfen.

Das Problem ist: Ich kann weder mein Auto noch meine sich wie eine normale Katze verhaltende Katze kontrollieren. Und gerade in Sachen Katze hoffe ich auf ein Danach in frühestens 15 Jahren.

Vielleicht sollte ich es doch mal mit Alkohol probieren…

33

Älter als ich je werden wollte und komplett desillusioniert. Allgemeines Meh. Allgemeine Niedergeschlagenheit. Und allgemeine Hoffnungsosigkeit.

So meh wie selten, ohne wirklich einen Grund ausmachen zu können. Außer das generelles Meh um Job, Wohnsituation, Helikopterkatzenmuttiangst und was will ich eigentlich, jedenfalls nicht das hier.

Darauf also Schnaps und Prost.

Neues aus der Anstalt

Also, die Chefs haben beschlossen, dass es jetzt doch keinen neuen Online-Chef geben wird. Die Stelle bleibt einfach unbesetzt.

Dem Kollegen M. haben sie das direkt im Auswahlgespräch gesagt, dem Arbeitsgatten schwafelten sie etwas vor von wegen sie fänden es schwierig, die Stelle mit jemandem zu besetzen, der ein freundschaftliches Verhältnis zu den Kollegen hat. Sprich, in diesem Laden musst du ein Arschloch sein, um was zu werden. Und: Um dumm Ausreden ist man nie verlegen…

Muss ja auch irre viel großartige externe Bewerber gegeben haben!

Derweil verbot man der Unperson, Inhalte auf unsere Internetseite zu stellen. Das muss erst der Chef höchstselbst gegenlesen und dann wird einer von uns Onlinern mit dem Export beauftragt. Auch sehr interessant.

Und ich so: gnihihihi.

So Tage…

Da werfe ich arschkratzend und noch nicht ganz wach den Computer für den Spätdienst an und das erste, was ich sehe, ist, dass die Sekretärin ein Gespräch mit dem Chefchef in meinen Kalender eingetragen hat. Na toll.

Ich sage den Kollegen Bescheid, dass ich nachmittags ne Stunde raus bin und sie einspringen müssen. „Wirst du die neue Online-Chefin?“, fragen sie praktisch im Chor. Eine Frage, die ich dieser Tage öfter höre. Gerade finden die Gespräche statt.

Meine Antwort ist immer dieselbe. Ich habe da wirklich sehr ernsthaft drüber nachgedacht. Ich halte mich intern für die beste Kandidatin. Und dennoch sage ich: Nur über meine Leiche! Ich liebe das Boffice. Ich schätze den Feierabend. Und ich hasse, hasse, hasse das fette Arschloch. Und dann müsste ich wieder mit dem reden! Und nee, ich will auch nicht Teil dieses Systems von Arschkrampen sein.

Weil in dem Termin meine Adresse stand, dachte ich, der Chef wolle telefonieren und ich muss mich nicht anziehen. Was ich mir so einbilde: Der Chef stand mitsamt Hund vor meiner Tür!

Wenigstens der Hund hat sich gefreut…

Und nein, der Chef wollte nicht mit mir über eine Beförderung sprechen. Ich hätte ihm eh dasselbe gesagt wie den Kollegen (mit exakt denselben Worten). Aber ich hatte das alles auch schon dem Interims-fetten-Arschloch gesagt und kurz darauf wurde die Stelle öffentlich ausgeschrieben…

Nein, der Chef kroch zu Kreuze. Ich dürfe mir keinen neuen Job suchen, man brauche mich doch, Leistungsträger wie mich, blabla. Und es tue ihm auch sehr leid, dass er mich so weit gebracht habe und dass das Fette Arschloch mich soweit gebracht habe und dem tue das auch sehr, sehr leid (und der wolle auch noch mit mir reden, HÜLFE!) . Und es soll alles ganz anders werden. Hat er in seiner Therapie gelernt, nachdem ihm ja nu die Frau weggelaufen sei und das Fette Arschloch müsse eigentlich auch eine machen. Und nein, also schlimm alles. Und das sei ja alles gar nicht so gemeint.

EINE Stunde lang hat er auf mich eingeredet. Eine Stunde lang werd ich auf denjenigen einschlagen, der da gesungen hat (wobei es möglicherweise den Chefredakteur der Konkurrenz treffen könnte – dem ich zu teuer war, Idiot).

Nur eins muss ich dem Chef lassen: Er kam im richtigen Moment, um mich sehr sinnvoll abzulenken. Ich war gerade dabei intensiv ins Taschentuch zu rotzen, weil meine Freundin J. mir erzählte, dass man ihr sagte, dass der Krebs unheilbar sei und gleich noch fragte, ob ich – also im Fall des Falles – ihre Katzen nähme.

Dass Crazy-Cat-Ladyness unausweichlich ist, ist mir klar. Aber so muss das nun auch nicht sein.

Und nun sitz ich hier, traurig und traumatisiert und warte darauf, dass meine Rumtreiberkatze von ihrem Abendspaziergang zurückkehrt. Ich hasse es, wenn sie sich rumtreibt. Panikattacke incoming…

Geister, die ich nicht mehr rufe

Ich bin missmutig und einsam und mit der Gesamtsituation unzufrieden, aber immerhin komme ich mal wieder zum Lesen. Und natürlich fällt mir ein Buch in die Hände, dass mich mit seinem ganzen Er-sie-Lateinamerika-Europa-Hassliebe-hin-und-her-Quatsch total an meine Beziehung zu No. 3 erinnert. Ich musste sehr viel lachen, weil der Typ in der Geschichte nicht grad gut wegkommt – sie allerdings auch nicht. Ich hab mich ein bisschen gegruselt, weil es für die beiden nie aufhörte. Droht mir das auch? Und ich hab ganz schön Sehnsucht bekommen, nach dem No. 3, den es schon so lange nicht mehr gibt. Nach dem, was wir einmal hatten.

Mir fehlt jemand wie der Typ, der er einmal war. Mir fehlt jemand, mit dem ich so sein kann, wie ich mit ihm sein konnte. Mir fehlt jemand, dem ich nicht erst lang erklären muss, wer und wie ich bin, weil er es weiß. Weil er schon fast alles gesehen hat.

Als hätte er einen Riecher für mein Grübeln, schreibt er mir. Beziehungsweise schickt mir ein Bild. Kein weiterer Kommentar. Keine Ahnung, was er mir sagen will.

Aber was soll ich sagen. Ist mir wurscht. Er bringt mich jedenfalls nicht zu einer Nachfrage. Er hält ein paar Wochen durch, dann fragt er, ob ich immer noch wohne, wo ich wohne.

Da sollte man meinen, wir hätten das geklärt. Unsere Geschichte ist vorbei. Der Typ, der er mal war, begraben. Er bringt mich gar nicht mehr in Versuchung, egal, wie er es versucht. Das was wir hatten, ist für immer verloren. Und so sehr es mir fehlt: Ich weiß, dass ich es nicht wiederhaben kann.

Dummherzchen

Dies ist ein älterer Archivbeitrag, den ich zum Zeitpunkt des Geschehens nicht veröffentlichen wollte – wie immer: aus Gründen. Das Ganze hat sich erstaunlich schnell aufgelöst, die Person war schnell vergessen. In dieser Hinsicht geht’s mir gut…

Fast hätte ich vielleicht ein bisschen oder möglicherweise sogar einen Hauch von tatsächlich mein Herz verloren. Glücklicherweise prallte es ab an einer Wand aus… Zurückweisung? Abgestoßenheit? Verletzter Eitelkeit? Ich weiß es nicht und werde es auch nie erfahren. Obwohl ich wohl die Steine für die Mauer selbst angereicht habe. Es prallte also ab und kehrte dorthin zurück, wo es hingehört; gut gekühlt und fest verschlossen. Das Ungewöhnliche – oder eher das für mich Ungewohnte – dabei ist, dass es sich bei seinem kurzen Abenteuer eine winzige vielleicht gar nicht mal so kleine Beule zuzog.

Ich gehe davon aus, dass es aus seinem Abenteuer gelernt hat und solche Ausflüge in Zukunft bleiben lässt. Denn die Mauern werden bleiben. Meine eigenen und die anderer – mit meinen und mit anderen Steinen.

Rettungsweste aus Blei

Wahrscheinlich habt ihr es mitgekriegt: Hier war ein paar Wochen Sendepause. Aus Gründen und sowieso. Das war nicht geplant und schon gar nicht für so lange und eigentlich… total egal. Am Anfang war ich ja noch n büschen auf Entzug, aber mittlerweile muss ich sagen: Ich hab kein Bock auf Blog.

Im Grunde hat sich der Sinn dieses Blogs – so er denn je einen hatte – erübrigt. Ich habe keine Lust mehr, mich mit meinen Befindlichkeiten auseinanderzusetzen. Es ist enorm ermüdend, und wie ihr mitbekommen habt, immer wieder das Gleiche in Variationen. Und es führt zu absolut nichts.

In den vergangenen Wochen ist in meiner kleinen Welt allerhand passiert, manche Dinge einfach so, andere habe ich angestoßen, einige wurden von außen angeschubst. Ich kann’s sehr kurz zusammenfassen: Es hat sich praktisch nix verändert. Ich kann strampeln wie ich will, wilde Sprünge wagen, alles einstellen: Irgendjemand setzt mich immer wieder in mein bekacktes Hamsterrad zurück und ich kann überhaupt nichts machen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zu Heulen.

Ich habe auch keine Lust mehr, mich mit den Befindlichkeiten von irgendwelchen Typen auseinanderzusetzen. Leider kann ich ja nicht einfach mit irgendwelchen x-beliebigen Typen rumvögeln, ich muss ja immer auch irgendwas mit denen anfangen können. Kack Hirn, das mitfickt. Dumm nur, dass wirklich jeder Mensch mit seinem eigenen Päckchen daherkommt. Entweder, man macht das Hirn aus, oder man setzt sich eben damit auseinander. Beides will ich nicht. Allein, was ich in den vergangenen Monaten mit verschiedenen Männern erlebt habe… nä! Dafür ist der Sex, den ich habe, nicht gut genug. Das ist schon bitter: Wenn ich drüber nachdenke und mich richtig ehrlich mache, hatte ich zuletzt wirklich guten Sex, als das mit No. 3 frisch war. Das ist jetzt halt auch schon 7 Jahre her. Da kann ich den Laden auch dicht machen. Und dass ich mich so lange nicht mehr locker machen konnte, zeigt auch noch mal sehr deutlich, dass ich mich in einer gewaltigen Abwärtsspirale befinde (und dass es immer zwei Leute braucht für schlechten Sex). Gut, dass ich derzeit eh keine Lust habe…

Mir ist im Moment alles eine Last, der Blog, das Leben und vor allem ich selbst. Selbst ein Sommerurlaub wie damals, mit nur barfuß im Sand und immerzu die Haare nass vom Meer und Sonnenbrand, bis sich die Pelle häutet, bringt nix Gutes.

Denn Starren aufs Meer (SCHLIMMER Anblick übrigens)

– also, richtig schlimm –

und in Sternschnuppen (enorme Ausbeute dieses Jahr) führt bloß zu Grübeleien, die bei mir ja ausschließlich Unfreundliches hervorbringen.

Da ist mir so viel Dreck widerfahren im Leben und ein Strandurlaub reißt mich in das möglicherweise tiefste Loch… Kein Tag vergeht, ohne dass ich nicht wegen irgendwas reichlich grundlos rumheule, und jeder klare Gedanke, den es mir zu fassen gelingt, löst eine Panikattacke aus. Alles geht in Zeitlupe und dabei rast die Zeit so schnell, dass mir von der Erdrotation schlecht wird.

Mir ist das Leben zu schwer geworden, um mich weiter damit auseinanderzusetzen. Und das führt ja doch zu nix.