It gets better

… haben sie gesagt. Was sie nicht gesagt haben: Und dann wird’s wieder schlimmer.

Im Grunde hört man nie auf zu kämpfen und dabei ist man auch immer bloß allein. Da brächte auch der schönste Prinz auf dem schönsten Gaul nix: Der hat seinen eigenen Kampf zu kämpfen.

Neulich, als ich einmal dasaß und verzweifelt schluchzte und mir gute Ratschläge verbat, denn meinst du wirklich, die sind so originell, dass ich nicht schon selbst drauf gekommen werde und ich hier säße und verzweifelt schluchzte, wenn sie was brächten, kannst du mich vielleicht einfach in den Arm nehmen und sagen, jaja, du Arme, die Welt ist schlecht, alles schlimm, hörte ich: Du wirkst immer so, als wolltest du das gar nicht. Weil, das bringt ja auch nix. (Aber deine schlauen Ratschläge, oder was!?)

Also, selbst wenn der schönste Prinz auf dem schönsten Gaul würde einfach an mir vorbeireiten. Ich wirke einfach nicht wie eine Jungfrau in Nöten. Nicht mal verzweifelt schluchzend.

Ich bin dann mal die Klinge schärfen.

Von Gefallen

Da fragt man mich ob ich gerne in die Zukunft sehen können würde. Und ich denk nur so: Neinneinnein. Nein nein. Hilfe, nein!

Stell ma vor, was ich sehe, ist noch schlimmer als das was ist.

Wenn mein 14 Jahre altes Ich, dass jeden Abend gehofft hat, dass es am nächsten Morgen nicht wieder aufwachen muss, gesehen hätte, dass es in 20 Jahren anders, aber kein bisschen besser ist, hätte es vielleicht doch nachgeholfen mit dem Nicht-Aufwachen. Und ich frage mich, ob ich mir nicht nen gefallen getan hätte.

Und dann stellt sich die Frage, ob das 54 Jahre alte Ich dasselbe über mein 34 Jahre alte Ich denken wird.

Gesprächsfetzen ohne Pointe

Mit ausländischem Gast in der Stadt unterwegs. Wahlplakate allüberall.

Er: Und wer ist die?

Darf man das?: Keine Ahnung. Man hädde ja vielleicht ne Partei mit dranschreiben können.

Er: Ich will wissen, was die für Ideen hat, nicht, wie die aussieht.

Darf man das? geht ganz dich ran, um das Kleingedruckte in der Ecke zu entziffern: Ah, CDU! Also keine Ideen.

FML

Ich kann schon wieder recyceln, was ich schon mal geschrieben habe. Wie praktisch.

Da müht man sich, Dinge zu ändern, damit es besser werden kann. Doch kaum hat man ein Problem gelöst, tauchen drei neue auf. Hydra ist ne Bitch!

Probleme machen mich obsessiv. MUSS.LÖSEN! Nicht immer liegt es in meiner Hand. Nicht immer liegt es in meinen Möglichkeiten. 

Im Moment habe ich drölfzigerlei Probleme. Einige davon muss ich sehr akut lösen. Auch wenn es nicht nur bei mir liegt. Führt trotzdem kein Weg vorbei. Mir gehen die Ideen aus. Mir geht die Kraft aus.

Meinereiner 01/21

Aber schon irgendwie kacke, dass mein Leben so unoriginell ist. Es ist unfassbar anstrengend.

Oder wie ich schon schrieb:

Ich kann strampeln wie ich will, wilde Sprünge wagen, alles einstellen: Irgendjemand setzt mich immer wieder in mein bekacktes Hamsterrad zurück und ich kann überhaupt nichts machen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zu Heulen.

Meinereiner 08/22

Warum mach ich den Quatsch mit diesem Leben eigentlich, wenn da eh immer nur der gleiche nutzlose Scheiß bei rumkommt?

Freibadgedanken

Auf Wohnungssuche in der alten Heimat. Hotel Mama gebucht. Ziehe Bahnen im selben alten Freibad. Dasselbe alte Balzverhalten. Dieselben alten Nasen. Heute mit ihren eigenen Kindern (ich kann mich nicht erinnern, je mit meinen Eltern im Freibad gewesen zu sein. Außer an dem Tag, an dem meine Mutter mich zum Seepferdchen nötigte…)

Befriedigt stelle ich fest, dass ich in Vergleich zu denselben alten Nasen vergleichsweise wenig zugelegt habe. Und Frage mich, ob diese gar nicht mal so fesche Frau von L., der sich doch immer für so unwiderstehlich hielt, eigentlich weiß, was der für ne Arschkrampe ist.

Und ich frage mich, ob er eigentlich möchte, dass jemand seine Kinder so behandelt, wie er mich behandelt hat. Und ob er möchte, dass seine Kinder jemanden so behandeln, wie er mich behandelt hat.

Stelle fest, dass ich überhaupt keinen Bock habe, die ortsüblichen Mieten zu bezahlen. Da kann ich auch ne Kreditrate bedienen. Für so ein spießiges Eigenheim. Also, so spießiges olles Zeug, wie ich es with a little help from my Vaddi vielleicht ansatzweise finanzieren könnte.

Kann man Eiche rustikal eigentlich einfach mit fröhlichem Hellblau überpinseln? So Freibadblau?

Note to self (wichtig!)

Ich muss mir einen Alias-Beruf für Party-Smalltalk ausdenken. Irgendwas, was garantiert langweilig genug ist, dass keiner nachfragt.

Mein richtiger Beruf hat irgendwie eine kuriose Wirkung auf Männer. Finden alle irgendwie spannend und aufregend. (Glaubt doch nicht alles was ihr im Fernsehen seht!) Und plötzlich bin ich umfassend auskunftspflichtig.

Oder die Herren müssen sich direkt produzieren mit ihren umfassenden Kenntnissen der aktuellen, vor allem politischen Lage. Den wenigsten fällt dabei ein, dass ich wahrscheinlich besser Bescheid weiß… Sollte es ihnen ausnahmsweise doch klar sein, wollen sie umfassende Meinungsbeiträge. Sorry, Leude, nur während der Arbeitszeit und niemals nach 23 Uhr!

Und kann bitte jemand den unangenehmen Mathelehrer von meiner Seite entfernen und ihn umfassend zu SEINEM aufregenden Beruf befragen???

Kann es sein, dass du dumm bist oder sowas?

Folgender Trialog hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach wiederholt.

Chefin zu meinem Teamleiter: Kannst du mit Darf man das? mal über die Rückkehr aus dem Home Office in die Redaktion sprechen?

Teamleiter schreibt mir: Du, die Chefin fragt, wann du wohl wieder in die Redaktion zurückkehrst.

Ich raste dem Teamleiter in die Sprachnachricht aus: Kann die Alte mit mir persönlich sprechen, wenn sie was will und nicht immer dich vorschicken? Ehem. Verzeihung, du kannst da nix für. Sag ihr, meine Haltung zu „eure Argumente sind Bullshit, Long Covid ist real, meine Arbeit ist 100% online und zu Hause nervt mich keiner mit Bullshit“ hat sich nicht geändert. Und sie möchte bitte in Zukunft direkt mit mir sprechen!

Teamleiter zur Chefin: Sie kommt erstmal nicht wieder rein, sprich doch bitte mit ihr persönlich.

Heute hatte er seinen ersten Arbeitstag nach dem Urlaub.

Teamleiter schreibt mir: Hat sie in meiner Abwesenheit mit dir über das Thema Home Office gesprochen? Klang so, als solle ich bald mal wieder mit dir darüber sprechen.

Ich so: Lololololooo! Dann hätte sie ja mit mir sprechen müssen. (Ich warte derweil immer noch darauf, welche der angekündigten neuen Aufgaben ich eigentlich seit Juni machen soll, da hat sie auch immer noch nicht mit mir drüber gesprochen.) Sie hat auch nicht mit mir darüber gesprochen, dass ich gekündigt habe. Hat sie mit DIR darüber gesprochen, dass ich in deiner Abwesenheit gekündigt habe???

Hatte sie nicht. Aber gut. Kommunikation geht ja nur, wenn wir in der Redaktion arbeiten. Deswegen sollen wir ja in der Redaktion arbeiten. SO kann sie ja unmöglich mit mir reden…

Girl, übergeschnappt

Hätte man mich vor ein paar Tagen noch gefragt, wie es mir geht, hätte ich gesagt: „Eigentlich ganz gut. Muss man am Sommer liegen.“ Die dumpfe Schwere ist verschwunden. Das dunkelschwarze Weltempfinden.

Heute sage ich: Was ich als gut empfinde, ist eigentlich die Abwesenheit von Emotionen. Ich fühle nichts. Wobei: Nichts ist gelogen. Ich fühle Angst. Meine übliche Angst wegen dies und das und Quatsch. Und ich fühle Todesangst. Immer wieder. Aus dem Nichts. Bis ich merke: Das ist gar nicht meine Angst. Sie ist verknüpft mit sehr realen Situationen, sehr lebensbedrohlichen Situationen – nur habe ich sie gar nicht erlebt. Und dann ist sie weg und lässt mich mit dem umgedrehten Magen zurück.

Es muss die Hitze sein. Die drückende Spannung. Eine Emotionsspiegelung.

Zeit hat die Konsistenz von Grießbrei. Glibberige Raufasertapete. Intransparentes Vorbeischleimen. Mir fällt es schwer, Realität von Alptraum zu unterscheiden. Vielleicht weil meine Alpträume so real wie die Realität sind. Oder die Realität so alptraumhaft wie die Alpträume. Fließende Übergänge. Wie Grießbrei. Intransparentes Ineinanderschleimen.

Ist es ein Alptraum oder geht die Ordnung verloren? Es sind kleine Dinge, die nicht stimmen, aber sie stimmen sehr nachhaltig nicht. Kleine Dinge, die das Chaos vorhersagen. Die wie ein Barometer Richtung Apokalypse fallen. Subtil. Mit vorstürmischer Ruhe. Bin ich die Einzige, die sie bemerkt? Alle machen weiter wie bisher. Oder tun sie nur so und warten bis jemand anders zuerst zuckt? So wie ich. Die Fassade vor Angst und Todesangst.

Ich verliere den Überblick im Grießbrei, den Alpträumen und der Angst anderer. Ich finde Löcher in meiner Ellenbeuge als hätte mir jemand Blut abgenommen. Ich kann mich beim besten Willen nicht an einen Arztbesuch erinnern. Ich gehe davon aus, dass es die Katze war. Denn es gab gar keinen Anlass für einen Arztbesuch. Oder kann ich mich nur an die Alptraum-Realität nicht erinnern? Wenn ich anderer Leute Emotionen fühle, verschlampe ich dann anderer Leute Erinnerungen?

Mein Gehirn hat sich ganz offensichtlich für eine Trennung von sich selbst entschieden. Ein Teil kümmert sich um Alltag, Vertragsverhandlungen, Funktionieren. Lächeln und Winken. Der andere dreht grad völlig frei. Der ist an irgendwelche harten Drogen geraten von denen ich nichts weiß. Das könnte mir Angstgestörten eigentlich Angst machen. Aber beide Teile sind sich einig: Ist mir total egal.