Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen

Meine Oma ist gestürzt. Über ihren Sessel. Der dann auf sie raufgefallen ist. Meine Oma hat Osteoporose. Den Rest kann man sich ja denken.

Und weil unser Gesundheitssystem so toll ist, hat man sie nach einer Nacht im Krankenhaus wieder nach Hause geschickt. Weil sone 94-jährige Tatteromi, die kommt ja schnell wieder auf die Füße.

Die Frau von der Krankenversicherung meint, ihr Laden kommt nicht dafür auf, wenn da ab und an mal ein Pfleger nach Oma guckt und ihr ein bisschen hilft. Oma hat ja keine Pflegestufe. JEDER mit einem gebrochenen rechten Arm kommt doch super alleine klar. Warum nicht auch eine 94-jährige Tatteromi mit noch weiteren Knochenbrüchen.

Oma ist nicht dumm, ruft sich nachts den Krankenwagen und sagt, sie bekommt keine Luft mehr. Nach zwei Nächten im Krankenhaus schickt man sie nach Hause…

Meine Oma möchte nicht angerufen werden. Zu anstrengend. Außerdem müsste sie dann jedes Mal aufstehen. Mama sagt: Schreib ihr doch.

Ich dreh am Rad. Das letzte Mal, als es meinem Opa schlecht ging, schrieb ich ihm einen ewig langen Brief. Und in dem Moment, als ich den in den Briefkasten warf, wusste ich: Der kommt nicht mehr an. Am nächsten Tag war Opa tot.

Ich bin ja nicht abergläubisch. Aber ich mag meiner Oma nicht schreiben…

 

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Ein Pferdemädchen ohne Pferd ist eben nur ein Mädchen

Mir fehlt ein Teil von mir. Ein 850 Kilo schwerer Teil.

Ich war noch in der Grundschule, als die Große zu uns gekommen ist. Ich weiß nicht mehr so genau, wie ein Leben ohne sie aussah. Und was ich eigentlich mit meiner freien Zeit gemacht habe…

Ihr Tod quält mich. War das wirklich die richtige Entscheidung? Für sie? Für mich? Hätte man nicht noch warten können? Habe ich viel zu lange gewartet?

Wäre es ihr akut schlecht gegangen, könnte ich wohl besser damit leben. So habe ich das Gefühl, es hat nur uns und dem Tierarzt in den Kram gepasst.

Am Ende war auch alles so hektisch. Da ist ja noch das Pferd meiner Mutter, wir mussten die beiden trennen, ohne dass sie den Braten riechen und ausrasten. Den richtigen Moment abpassen und dann schnell, schnell.

Meine Große war – nach der ersten  Was-ist-den-mit-der-Alten-was-will-die-denn-Haltung – am Ende sehr anhänglich und hat die Aufmerksamkeit genossen. So ist sie mir dann, ganz eng an mich gekuschelt, auf ihrem letzten Gang artig gefolgt  und nicht – wie man es von ihr erwartet hätte – beim Anblick des Tierarztes getürmt. Jetzt habe ich das Gefühl, mir ihr Vertrauen erschlichen und es missbraucht zu haben… Auch wenn ich mir einzureden versuche, dass ich ihr nur Stress erspart habe.

Ich habe nicht das Gefühl, mich richtig von ihr verabschiedet zu haben. Ihr gezeigt zu haben, dass das alles nicht stattfindet, um sie zu ärgern. Dass meine Anwesenheit bedeutet, dass ich sie lieb habe. Dass es mir leid tut, um all die Zeit, die ich mir nicht für sie genommen habe. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie ein Biest war. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie die Kooperation eingestellt hat, weil ICH einen Fehler gemacht hatte.

Es fühlt sich unvollständig an, weil ich mir nicht den einen kleinen Moment genommen habe, sie nach ihrem Tod noch einmal zu kuscheln. Weil ich meine Mama nicht so lange allein mit dem anderen Pferd lassen wollte. Weil ich nicht einschätzen konnte, wie er reagiert. Weil wir ihn schließlich auch versorgen mussten. Da man ein Pferd nicht alleine halten kann, haben wir ihn vorübergehend in einem nahegelegenen Reitstall untergebracht. Die Haftanstalt, wie ich ihn nenne. Als ich das arme, eingeschüchterte Tier zwischen lauter fremden, unfreundlichen Pferden in der Gitterbox da zurücklassen musste und er mir kläglich hinterherwieherte, ist mir gleich noch mal das Herz gebrochen…

Dass ich für das andere Pferd einfach noch ein bisschen weiter funktionieren musste, hat mich vor einem Zusammenbruch auf freiem Feld bewahrt. Aber ich fürchte, es wird mich noch ewig verfolgen, dass meine letzte Erinnerung an die Prinzessin ist, wie meine Hand ihre noch warme Nase berührte, als ich sie zudeckte. Und ich weggezuckt bin, weil ich darauf so gar nicht vorbereitet war…

ZickenZeit

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Vier Tage Geflausche.

Das Wetter ist feucht und kalt, Stinkerbell hat Schmerzen und ist mies drauf. Ich hänge trotzdem an ihrem Hals und flausche ihren Bauch.

Muss sie durch.

Am Donnerstag kommt der Tierarzt mit der letzten Spritze. Bis dahin wird sie eben mit Liebe überschüttet. Ob sie will oder nicht…

Loslassen

Das große Ungetüm.

My beautiful picture

Die Erbsenprinzessin.

29 Jahre ist sie alt.

Seit fast 19 Jahren ist sie bei mir stehe ich in ihren Diensten.

Kaum noch Zähne im Maul, aber immer noch pummelig. Graue Haare auf der Stirn, aber da liegt ja der Schopf drüber.

Manchmal folgt sie wie ein Dackel, manchmal läuft sie davon wie ein Reh. Je nach Tagesform und Zyklusphase.

Sie öffnet jeden Knoten, Riegel, Hebel, selbst das Knacken von Schlössern traue ich ihr zu. Zur Not sprengt sie es mit ihrem Gewicht.

Wenn sie läuft, setzt sie ihre Hinterhufe voreinander ab, so dass ihr Popo aufreizend hin- und herschwingt.

Sie hat die längsten blonden Wimpern, die ich je gesehen habe.

Sie ist in vielerlei Hinsicht wie ich.

Meistens schlecht gelaunt.

Total verfressen.

Immer mit dem Kopf durch die Wand.

Ziemlich schlau, aber Intelligenz muss man ja nur nutzen, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht.

Ziemlich sexgeil.

Nicht sehr menschenbezogen.

Aber kleine Tiere sind toll.

Sie hat neben ihrem eigenen Fohlen auch ein blindes Lamm aufgezogen. Und kleine Kätzchen dürfen in kalten Nächten auch mal auf ihrem breiten Rücken schlafen. Und ihre Nieren wärmen.

Und wehe dem Hund, der sich in böser Absicht den Schafen nähert. Der kriegt es mit 800 Kilo Erbsenprinzessin zu tun.

Mit netten Hunden hingegen kann man toll Rennen spielen. Gut, mittlerweile eher locker Joggen…

Eigentlich findet sie es doof, wenn man sie lange ihrer Freiheit beraubt. Aber wenn ich eine Schulter zum Ausweinen brauche, hält sie ewig still.

Manche Menschen haben nach 19 Jahren schon lange einen Partner in ihrem Pferd. Ich habe… Little Big Miss Tausendschön. Inzwischen kommt sie immerhin manchmal ausgiebig kuscheln. Morgens lehnen wir uns oft verschlafen aneinander und kratzen uns gegenseitig den Rücken.

Sie ist 29 und hat Arthrose in beiden Vorderbeinen. Sie hat immer wieder Schmerzen.Wie sehr es sie beeinträchtigt, kann ich bei aller Pferdekenntnis nur schwer beurteilen. Pferde sind stille Leider.

Irgendwann in nicht so ferner Zukunft werde ich sie von ihren Schmerzen erlösen müssen.

Ist man da je bereit für?

Gegen Windmühlen

Oha, schon wieder ein Jahr um… Normalerweise ein Moment, um Bilanz zu ziehen. Aber ich stehe noch immer unter dem Eindruck des Wochenendes. Ich glaube daher kaum, dass ich gerade eine neutrale Bilanz ziehen kann.

Letztes Jahr war ich frustriert und orientierungslos. Dieses Jahr fühle ich mich wie betäubt.

Ich fühle mich wie der Zauberlehrling, der den Geistern, die er rief, hilflos bei ihrem grausamen Tanz zusehen muss…

Der Wunsch, Journalistin zu werden, ist irgendwann nach dem Dritten Golfkrieg in mir gewachsen. In der Zeit, als sich die Dinge im Irak von schrecklich zu katastrophal entwickelten. Ich war entsetzt über das, was ich sah, las und hörte – und entsetzt über die Gleichgültigkeit und die Unwissenheit in meinem Umfeld über das, was da auch in unserem Namen geschah. Und was für Folgen das haben würde. Nicht nur für die Menschen dort, sondern auch hier bei uns. Da hatten uns die Anschläge vom 11. September 2001 schon gezeigt, dass die Front nicht nur in Ländern verläuft, die wir auf der Landkarte kaum finden.

Ich hatte das – vielleicht naive – Bestreben, als Reporterin aus Bagdad-Jerusalem-Damaskus-Kabul von all dem Wahnsinn zu berichten und dadurch vielleicht einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, die Geschehnisse etwas mehr ins Bewusstsein der Menschen zu Hause zu rücken.

Seit dem Dritten Golfkrieg ist viel passiert (ich habe unter anderem – aus Gründen, die sich mir heute nicht mehr erschließen – etwas anderes studiert), vieles hat sich verändert, anderes dagegen überhaupt nicht.

In den heute genau zwei Jahren, die ich jetzt als Journalistin arbeite, bin ich unfreiwillig zur Terrorexpertin geworden.

Es hat sich allein in der kurzen Zeit allerhand ereignet, das die Welt von heute prägt. Ich habe mir mit der Maidan-Bewegung meine ersten Sporen verdient, was viele Medien später als die Blutnacht von Kiew bezeichneten, war meine erste durchberichtete Nacht. Seitdem gab es unzählige Rücktritte, Unglücke, Krisen und Möchtegernkrisen, Aufreger und Dauerthemen. Flugzeuge verschwanden und wurden vom Himmel geholt.

Und es ist – und ich glaube, das kann ich behaupten, ohne zu übertrieben – kein Tag vergangen, an dem nicht irgendwo auf der Welt mindestens ein Attentat stattgefunden hat. Ich habe Tausende Menschen zu Grabe geschrieben. Anschläge, weit weg in den Krisengebieten, sind Alltag. Es interessiert niemanden mehr so richtig, ein Attentat wird zur Standardmeldung, die wenn überhaupt, dann erst ab zehn Toten mindestens verfasst wird.

Erst wenn das Sterben vor unserer Haustür stattfindet, nehmen die Menschen hier es wahr. Weil sie verdrängen, wie eng das Sterben dort mit dem Sterben hier zusammenhängt.

Der Terror ist kein regionales Problem mehr, er wird immer komplexer, aber die Antworten scheinen immer einfacher zu werden:

Da wird mit dem Finger auf andere gezeigt, die Welt in „gut“ (wir) und „böse“ (die) eingeteilt.

Als ob es Gewalt und Sterben nur bei „denen“ gäbe und nur von „denen“ käme.

Nein, das gibt es auch bei uns, das tragen auch wir nach außen. Das ist nur – wieder und noch – nicht der Alltag.

Wir leben – wieder und noch – einen Wimpernschlag lang – in Frieden und können uns es deshalb leisten, friedlich zu sein.

Sind wir deshalb „gut“, ja vielleicht sogar „besser“? Die Versuchung, das zu glauben, ist groß.

Die Welt ist zu komplex für einfache Antworten.

Meine Motive von damals sind aktueller denn je.

Ich bin weit weg von Bagdad-Jerusalem-Damaskus-Kabul. Aber sie sind immer noch ein Ziel. Unterdessen glaube ich, dass ich auch, wenn ich aus der zweiten Reihe berichte, dazu beitragen kann, Geschehnisse und Zusammenhänge präsent zu machen.

Manchmal frage ich mich allerdings, ob ich mir das wirklich antun will und kann.

Und ich habe das Gefühl, die Menschen, die am dringendsten der Information bedürfen, wollen gar nicht hören, was ich zu sagen habe.

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und ich bin gerade sehr, sehr müde…

Die Bedeutung einer kleinen (1)

Wenn man abends früh ins Bett geht, damit man morgens fit ist für die Arbeit

Wenn man morgens nur schnell gucken will, was nachts so los war, damit man nicht uninformiert zur Arbeit geht

Wenn man sieht, dass es in einer Stadt, in der viele Freunde und Kollegen leben, ein Blutbad gegeben hat

Wenn man mit zitternden Fingern hastig Nachrichten schreibt, um bald Gewissheit zu haben

Wenn man bei der Arbeit den ganzen Tag vom Geschehen berichten darf, weil man die Einzige in der Redaktion ist, die anständiges Französisch kann

Wenn man immer und immer wieder die selben Bilder sehen muss, Statements und Erkenntnisse verwerten, Fakten von Spekulationen trennen

Wenn man hektisch tippt und telefoniert und zwischendurch immer wieder mit einem mauen Gefühl im Bauch aufs Handy und ins Facebook guckt

Dann kann eine kleine (1) neben dem Facebook-Logo so viel Erleichterung bedeuten. Zumindest für einen Moment. Schließlich hatten andere nicht so viel Glück.

Tout va bien – pas du tout!