Heaven is places on earth

Ich habe eine ganze Weile überlegt, ob ich von der vergangenen Woche schreiben soll oder nicht. Man kennt ja diese Geschichten von Orten, die voll im Arsch sind, weil irgendwelche fancy Blogger drüber bloggten. Nun bin ich kein fancy Blogger, aber trotzdem. Ich will am Ende nicht Schuld sein…
Ich hatte vor vielen Jahren das wahnsinnige Privileg, dass mich jemand an einen unfassbar schönen, nur mit einem Boot und auch damit nur schwer zugänglichen Ort mitgenommen hat, den damals nur Einheimische und ihre Gäste aufsuchten. In letzter Zeit kommen auch Touristen dahin – zwar noch sehr, sehr wenige, weil man weiter jemanden kennen muss, der jemanden kennt, der den Kontakt zu den Leuten mit dem Boot herstellt. Dennoch merkt man die Veränderung. Natürlich handelt es sich – wie praktisch überall – um ein empfindliches Ökosystem und eine ebenso empfindliche Sozialstruktur. Außerdem sind es Leute aus der Stadt, die an dem Spaß verdienen – nicht die Einheimischen, denen das Land gehört und die praktisch alle Indigene sind. Ich habe erlebt, dass Prinzessinchen aus Santiago, die auf Abenteuer-Trip im Süden waren, nicht mal in der Lage waren, dem Mann, der den schönsten Aussichtspunkt zugänglich gemacht hat – wenn man das einen Zugang nennen möchte:

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Einer der eher besseren Wegabschnitte…

und eine Plattform gebaut hat, damit man sich nicht in den Tod stürzt, die 2000 Pesos zu geben, die er dafür verlangt, dass man seinen Hof betritt.
Ich habe mich dafür entschieden, die Namen der Orte für mich zu behalten. Auch Fotos von auffälligen Landmarken werde ich euch vorenthalten. Ist dann nur halb so schön, aber jut. Dieses böse Internet…

An einem sonnigen Tag im Süden schlappe ich mit Sack und Pack zum Überlandbusbahnhof. Ich steige in den Minibus, der gen Küste fährt, schmeiße meinen Rucksack in die erste Reihe zu dem Sack Kartoffeln, den zwei Rollen Stacheldraht und den zwei Hackenporsches, nehme weiter hinten Platz und lasse mir von fliegenden Händlerinnen erst ein Brombeer- und dann ein Chirimoya-Eis andrehen, bevor es endlich losgeht.
Der Bus zuckelt aus der Stadt hinaus, dröhnt im ersten Gang die Hänge hoch, bis der Motor komisch riecht und rauscht die Hänge wieder runter, bis die Bremsen komisch riechen. Zwischendurch sammelt der Busfahrer Leute vom Straßenrand auf, wartet auf den Herren mit der Sextanerblase, liefert die Kartoffeln aus und plaudert mit Bekannten, die einsteigen und ein paar Kilometer mitfahren.
Wir fahren erst an einer Reihe von Bauernhöfen vorbei, dann wird der Urwald dichter und nur noch von ein paar Häusern mit gerade genug Wiese für die zwei Pferde, die Kühe, ein paar Schafe, ein Schweinchen und das Ochsengespann, die man hier so hat, wenn man auf dem Land wohnt, unterbrochen. Ein Torbogen weist darauf hin, dass man sich auf Mapuche-Gebiet befindet – wenn man das noch nicht anhand des Aussehens von Busfahrern und Fahrgästen erraten haben sollte…
Die Straße wird rumpeliger und schließlich schraubt sich der Bus hinunter in einen winzigen Hafen in einer winzigen Bucht. Dort schmeißt der Fahrer alle mit Sack und Pack raus, schließt sein Vehikel ab und geht frittierten Fisch essen.
Ich schultere mein Marschgepäck und hoffe auf ein Sammeltaxi, denn ich muss den nächsten Berg hoch und dann auf der anderen Seite wieder runter – mein Ziel liegt in der Nachbarbucht. Da, wo nur wenige Auswärtige hinkommen, weil man praktisch nicht baden kann (1. weil der Humboldtstrom das Wasser schweinekackenkalt macht, 2. fiese Strömungen rumströmen und 3. weil die Wellen viel zu heftig sind. So sieht das an einem fast windstillen Tag aus:

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Ein Darf man das? = 1,64m

Deswegen können auch nur in der Nachbarbucht Boote ein- und auslaufen – und das auch nur bei ablaufendem Wasser. Auch die Straße hat schon mal bessere Zeiten gesehen – Wind, Wetter, der Ozean und die Erdbeben hinterlassen Spuren. Immerhin ist sie schon asphaltiert und damit ganzjährig passierbar, das ist eine jüngere Entwicklung.) Da, wo dieses Internet nicht so richtig angekommen ist und auch das Handysignal kaum hinkommt. (Der coole Jorge kriegt auf seinem supercoolen Schmartfon bei gutem Wetter einen Streifen hin und manchmal sogar 1G, wenn er es im oberen Stockwerk des Hauses auf dem Berg aufs Fensterbrett legt, leicht angewinkelt mit einem Schuh fixiert. Dann teilt er sein G mit allen und ist der Held.)

Begegnet man dann unterwegs diesen Kollegen:

weiß man, man ist auf dem richtigen Weg. Die Tiere gehören einem alten Mapuche, der oben auf dem Berg wohnt und auf wundersame Weise immer weiß, wo sie sich gerade herumtreiben…
Am Ende der Straße geht es dann wieder den Berg hinauf. Und jedes Mal, wenn ich die 383 Stufen hinaufstiefele, verfluche ich den Tag, an dem ich den Mann kennenlernte, in dessen Elternhaus ich die nächsten Tage verbringen werde. „Den Müll runterbringen“ bekommt hier eine ganz neue Dimension. Dafür wird man mit dieser Aussicht belohnt:
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Und man kann ohne schlechtes Gewissen alle Empanadas und Milcaos und Kuchen essen, die man will, schließlich rennt man mehrmals täglich 383 Stufen rauf und runter…

Hier, wo die Rabengeier kreisen, die steinharten Langschnabelsittiche krächzen, die Hauszaunkönige vögeln, die Pelikane vorbeidonnern und die Pinguine planschen, kurz gucken und abtauchen, wo der Ozean Tag und Nacht rauscht und donnert, sitze ich stundenlang da und warte darauf, dass Wale oder wenigstens ein paar Weißbauchdelfine vorbeiziehen (tun sie natürlich nie, wenn ich da bin, aber spätestens übermorgen tauchen sie auf, da geh ich jede Wette ein.), liege nachts am Strand und starre in den unvergleichlichen südlichen Sternenhimmel, kühle meine Füße im Pazifik tief, führe profunde Gespräche mit den streunenden Hunden und fühle mich wie Pablo Neruda (der zwar viiiiiele hundert Kilometer weiter nördlich gelebt hat, aber ach…). Einer der inspirierendsten und entspannendsten Orte, die ich kenne.

An einem windstillen Tag mache ich mich dann am frühen Morgen auf zum Hafen im Nachbarort, besteige das Boot von Juan Luis, er schmeißt den Motor an und selig vor Wiedersehensfreude schweigen wir uns die nächsten zwei Stunden an,

bis wir schließlich durchgeschüttelt von der Brandung in den Fluss einfahren und dann in seinem winzigen Dorf ganz ohne Straße, ganz ohne Laden, ganz ohne Warmwasseranschluss und so anlanden.

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Wo der Puma frühstückt.

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Wassertemperarur: Einstellig. Reicht zum Baden? Darf man das? sagt ja.

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Es macht mich auch diesmal sprachlos und demütig. Und traurig: Bald werden die Menschen dort sich nicht mehr so freuen, wenn Gäste kommen und sie ungefragt mit ihren Waldkräutern gegen den aus Schland mitgebrachten Husten versorgen. Der Strand so einsam sein und nachts so eine himmlische Ruhe herrschen. Ja, die Touristen bringen einen zum Lachen. („Wird es am 17. regnen?“ Hrhrhr. Puppe, wir wissen nicht mal, ob es um 17 Uhr regnen wird. Wahrscheinlich ja, irgendwann im Laufe des Tages. Die Luft ist heiß, der Sand glüht, das Meer ist eiskalt, das Wasser verdunstet, der Dunst bleibt an den Bergen hängen, zack, Regen. Physik für Volltrottel.)

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Guckstu hier.

Aber sie bringen auch Getrampel und Müll und Selfies. Noch gibt es nur zwei kleine Boote, die nur einmal am Tag fahren können – der Gezeiten wegen. Doch man baut an einer Straße…
Wer weiß, ob ich den Flecken Erde wiedererkennen werde, wenn ich das nächste Mal dort aufkreuze. Ich fühle mich ein bisschen schlecht, als ich in „meine“ Bucht zurückkehre (übrigens vollständig kuriert vom Husten). Auch ich bin nur eine olle Touristin…
Und bin umso dankbarer, dass ich diese Orte so kennenlernen durfte, wie sie waren.

Ich heule jedes Mal Rotz und Wasser, wenn ich Chile verlasse. Diesmal heule ich schon, als ich in den Bus zurück in die Stadt steige. (Der arme Mensch, der im Flieger neben mir sitzen wird…)

Ach Chile…

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Im engsten Familienkreis

Im engsten Familienkreis kommen wir auf 30 Mann. Und das nur, weil mein Bruder, ich und drei unserer Cousinen so fortpflanzungsunwillig sind.

Außer meiner Oma verbindet uns alle nicht viel. Der preußische Stock im Arsch. Der Galgenhumor. Die albernen Einhorntaschentücherpackungen vom Aldi, die wir alle schniefend in der Kapelle aus den Jackentaschen ziehen. Dass wir eigentlich alle ganz froh sind, dass die Möwen die Worte, die die komische Pastorin am Grab noch von sich gibt, übertönen. Und dass Oma eine ruhige Ecke mit Meerblick hat.

Wir sind alle so unterschiedlich, dass es für 6 Familien reicht. Und auch wenn ich glaube, dass jede Familie so ihre Scheiße mit sich herumträgt: An uns kann sich noch so mancher Telenovela-Autor inspirieren. Wir hatten schon alles dabei, was in eine gute gehört. Und noch viel mehr.

Umso schöner, dass wir es alle geschafft haben, uns für einen Tag lang würdevoll und zivilisiert zusammenzusetzen und Aldi-Taschentücher vollzuschniefen.

Ich glaube, es war das erste Mal, dass Oma nicht ein einziges Mal Grund gehabt hätte, zu verkünden: Ihr seid so ungezogen!

Und ja, das ist noch etwas, was uns verbindet: Wir sind alles, nur nicht gezogen. Den preußischen Stock kann man auch zweckentfremden.

Ihre Gene eben…

Oh yes, #youhave

No. 2 fragt mich, was das eigentlich soll, all diese Frauen, die jetzt, Jahre später sagen,  dass jemand sie belästigt oder sogar vergewaltigt hat. Das sei ja total unglaubwürdig.

– Hm, was? Wieso das denn?

– Naja, wenn der sie wirklich vergewaltigt hat, warum haben sie dann nicht gleich was gesagt? Dann wär er doch direkt am Arsch gewesen. Stattdessen haben sie mit sich machen lassen und von der fetten Karriere profitiert. Je länger das her sein soll, desto unglaubwürdiger ist das doch.

Ich atme tieeeeef ein. Ich atme tiiiiief aus. Ich versuche, ihm ganz entspannt zu erklären (schließlich kommt er aus einer Weltgegend, in der mit Frauen noch ganz anders umgegangen wird), dass es 1000 Gründe gibt – vernünftige und unvernünftige -, warum Frauen nicht immer gleich zur Polizei rennen, wenn sie missbraucht wurden.  Warum sie nicht gleich allen erzählen, dass jemand sie belästigt hat. Dass der Typ auch nicht zwingend am Arsch gewesen wäre. Und ja, dass es Frauen gibt, die durch ihr Schweigen auch profitiert haben (zu was für einem Preis?), dass es aber auch möglicherweise Frauen gibt, die aus den genannten x Gründen geschwiegen haben und trotzdem keinen Erfolg hatten. Und ja, dass es scheiße ist, dass die Frauen so lange nichts gesagt haben, weil auch dadurch noch mehr Frauen Opfer werden konnten. Und ja, dass es möglicherweise Trittbrettfahrerinnen gibt. Aber neinneinnein, sie sind nicht mehr oder weniger glaubwürdig, nur weil Ereignisse schon länger her sind.

Japs.

-Nach so langer Zeit kann ja jeder alles sagen, die wollen den nur doof dastehen lassen, ich glaub denen kein Wort, die hättens gleich sagen sollen. Wenn sies nicht gleich gesagt haben, dann war da auch nichts, dann haben die sich einfach nur für ihre Karriere verkauft.

Sagen wir auf Wiedersehen zu meiner Beherrschung…

-Oarrrr. So Typen wie DU sind einer der Gründe, warum Frauen nichts sagen!

Er will nicht einsehen, was er bitte damit zu tun haben soll.

Ich erkläre (ommmm), dass auch das ein Teil des ganzen Problems ist. Dass vieles einfach schweigend oder achselzuckend hingenommen wird, dass Frauen immer wieder unterstellt wird, dass sie sich das ausdenken, möglicherweise mit irgendeinem finsteren Motiv. Dass das ja so schlimm nicht gewesen sein kann, wenn sie sich gar nicht gewehrt haben. Und wenn sie schon mal freiwillig mit wem gebumst haben, dann kann es ja das eine mal nicht unfreiwillig gewesen sein, hmmm? Dass Frauen sich ja auch immer so anstellen! Und warum ziehen die sich eigentlich keine Burka an? (Kurzer Exkurs: Warum ziehen Männer sich eigentlich keine Augenbinde über, wenn sie beim Anblick einer normal bekleideten Frau Zunge und Finger und Schwanz nicht stillhalten können?)

Ich erwähne, dass es in dieser Debatte ja mal ganz abgesehen von der „klassischen Vergewaltigung“ noch um ganz andere Sachen geht. Antatschen, eklige Sprüche, Sexismus allgemein. Dass darauf hingewiesen wird, dass das sehr, sehr weit verbreitet ist. Dass viele Männer sich noch nicht mal immer bewusst sind, dass das, was sie tun, nicht ok ist. Weil andere Männer sie darin bestärken. Weil Frauen schweigend hinnehmen. Weil andere Frauen es wegkichern. Weil es ner anderen Frau mal gefallen hat. Weil keine ausreichende Kommunikation stattfindet. Man hat an #metoo ja gesehen, dass es kaum eine Frau gibt, die keine entsprechenden Erfahrungen gemacht hat. Das muss ja von irgendwem ausgehen. Es werden ja wohl kaum die gleichen drei Typen sein, die durch die Welt tingeln und 3,5 Milliarden Frauen belästigen.

Ich nenne ihm ein ganz naheliegendes Beispiel: Ihn selbst. Wie oft habe ich nackich neben ihm gelegen und er langte mir zwischen die Beine. Und ich sagte: Oh nöö, jetz nicht. Und er langte wieder hin. Und ich sagte: Neihen, jetzt nicht. Und er langte wieder hin. Ich nahm seine Hand weg. Er langte wieder hin. Ich kreuzte die Beine. Er bohrte seine Hand dazwischen. Mitunter hielt er sogar mit einer Hand meine Hände fest, um mit der anderen an meiner Muschi rumzufummeln. Er kichernd, ich endgenervt. (Wie oft habe ich ihm gesagt, Spaß is, wenn beide lachen?)

– Streng genommen, sage ich, ist das schon ne harte Belästigung. Auch wenn du mich zwei Minuten davor noch herrlich gefingert hast und ich dir zwei Minuten danach sage: Finger mich, Baby. Wenn ich nö sage, und das auch noch mehrfach, dann heißt das: Finger wech!

Er ist empört. Wie ich ihm sowas vorwerfen könne. Und warum ich dann überhaupt noch mit ihm penne, wenn er doch so ein Monster ist.

Seufz.

– Es ist ja nur ein Beispiel. Für die vielen Dinge, über die sich Männer nicht bewusst sind. Und wenn sie noch so offensichtlich erscheinen. Für die mangelnde Kommunikation. Und so…

Überhaupt sei ja gar nichts passiert in den geschilderten Situationen. Er sei sich ja auch überhaupt nicht bewusst gewesen über seine Grenzüberschreitung. Warum ich denn nichts gesagt hätte.

– Öhm, einmal: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. In diesem Fall vor Schuld. Und was soll ich denn noch sagen außer „nein, ich will das grad nich“? Soll ich dir eine reinhauen, die Bullen rufen…? Ich habe das hingenommen, weil so bist du halt – da bin ich auch selber Schuld – und ja, das hat genervt, aber es hat mich jetzt auch nicht nachhaltig traumatisiert. Aber wie gesagt, streng genommen kann man das schon als Belästigung sehen.

Nein, das will er nicht hinnehmen. Er habe ja auch nur „versucht“. Es sei also im Grunde nichts passiert.

– Und eine versuchte Vergewaltigung wär dann also auch „nichts“? Außerdem hast du mir an die Muschi gegriffen, das is nu mehr als ein „Versuch“.

Aber er habe ja nur kurz berührt, er habe die Hand da ja nicht gelassen, er habe sich mir ja nicht aufgezwungen.

– Doch ja, das war schon ziemlich aufgezwungen. Weil immer und immer wieder. Und festgehaltene Hände und so. Und die Länge der Berührung ist total irrelevant. Unerwünschte Berührung ist unerwünschte Berührung. Wenn ein x-beliebiger Typ in der S-Bahn mir zwischen die Beine greifen will, beziehungsweise mir zehn Mal jeweils ne Sekunde da hin tatscht, auch ohne die Hand „da zu lassen“, wäre das dann Belästigung?

Das sei ja überhaupt nicht vergleichbar.

– Warum nicht? Die Handlung ist die gleiche. Meine Ablehnung ist in der speziellen Situation die gleiche.

Den Typen in der S-Bahn hätte ich sofort zu Brei verarbeitet. Warum ich ihn nicht zu Brei verarbeitet hätte.

– Weil ich dich eigentlich nicht zu Brei verarbeiten möchte. Weil ich der naiven Hoffnung nachhänge, dass du mein „nein“ auf irgendeiner Ebene doch respektierst. Weil mir klar ist, dass du das im Grunde nicht böse meinst. Es ändert aber nichts daran, dass es eigentlich nicht ok ist.

Woher er denn bitte wissen soll, wann was ok ist. Frauen seien ja immer SOOO ambivalent.

– Öhm. Es ist nicht ok, wenn ich „nein“ sage. Es ist ok, wenn ich nicht mehr „nein“ sage und mich auch nicht körperlich dagegen wehre und besser noch sogar mitmache.

Woher er denn wissen soll, wann das ist, wenn er es nicht ausprobiert. Er „teste“ ja nur.

– Ach so, und das muss man zehn mal hintereinander testen? Wenn sich an der Ausgangslage nichts geändert hat?

Wenn ich nichts sage, könne er ja nicht schuldig sein.

– Womit im Grunde ja deutlich wird, was ich erläutern wollte. Viele merken einfach nicht, dass sie Grenzen überschreiten. Oder wollens nicht merken…

Womit im Grunde ja deutlich werde, dass er nichts falsch gemacht habe. Er habe ja nichts gemerkt.

Ooooch.

Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen

Meine Oma ist gestürzt. Über ihren Sessel. Der dann auf sie raufgefallen ist. Meine Oma hat Osteoporose. Den Rest kann man sich ja denken.

Und weil unser Gesundheitssystem so toll ist, hat man sie nach einer Nacht im Krankenhaus wieder nach Hause geschickt. Weil sone 94-jährige Tatteromi, die kommt ja schnell wieder auf die Füße.

Die Frau von der Krankenversicherung meint, ihr Laden kommt nicht dafür auf, wenn da ab und an mal ein Pfleger nach Oma guckt und ihr ein bisschen hilft. Oma hat ja keine Pflegestufe. JEDER mit einem gebrochenen rechten Arm kommt doch super alleine klar. Warum nicht auch eine 94-jährige Tatteromi mit noch weiteren Knochenbrüchen.

Oma ist nicht dumm, ruft sich nachts den Krankenwagen und sagt, sie bekommt keine Luft mehr. Nach zwei Nächten im Krankenhaus schickt man sie nach Hause…

Meine Oma möchte nicht angerufen werden. Zu anstrengend. Außerdem müsste sie dann jedes Mal aufstehen. Mama sagt: Schreib ihr doch.

Ich dreh am Rad. Das letzte Mal, als es meinem Opa schlecht ging, schrieb ich ihm einen ewig langen Brief. Und in dem Moment, als ich den in den Briefkasten warf, wusste ich: Der kommt nicht mehr an. Am nächsten Tag war Opa tot.

Ich bin ja nicht abergläubisch. Aber ich mag meiner Oma nicht schreiben…

 

Ein Pferdemädchen ohne Pferd ist eben nur ein Mädchen

Mir fehlt ein Teil von mir. Ein 850 Kilo schwerer Teil.

Ich war noch in der Grundschule, als die Große zu uns gekommen ist. Ich weiß nicht mehr so genau, wie ein Leben ohne sie aussah. Und was ich eigentlich mit meiner freien Zeit gemacht habe…

Ihr Tod quält mich. War das wirklich die richtige Entscheidung? Für sie? Für mich? Hätte man nicht noch warten können? Habe ich viel zu lange gewartet?

Wäre es ihr akut schlecht gegangen, könnte ich wohl besser damit leben. So habe ich das Gefühl, es hat nur uns und dem Tierarzt in den Kram gepasst.

Am Ende war auch alles so hektisch. Da ist ja noch das Pferd meiner Mutter, wir mussten die beiden trennen, ohne dass sie den Braten riechen und ausrasten. Den richtigen Moment abpassen und dann schnell, schnell.

Meine Große war – nach der ersten  Was-ist-den-mit-der-Alten-was-will-die-denn-Haltung – am Ende sehr anhänglich und hat die Aufmerksamkeit genossen. So ist sie mir dann, ganz eng an mich gekuschelt, auf ihrem letzten Gang artig gefolgt  und nicht – wie man es von ihr erwartet hätte – beim Anblick des Tierarztes getürmt. Jetzt habe ich das Gefühl, mir ihr Vertrauen erschlichen und es missbraucht zu haben… Auch wenn ich mir einzureden versuche, dass ich ihr nur Stress erspart habe.

Ich habe nicht das Gefühl, mich richtig von ihr verabschiedet zu haben. Ihr gezeigt zu haben, dass das alles nicht stattfindet, um sie zu ärgern. Dass meine Anwesenheit bedeutet, dass ich sie lieb habe. Dass es mir leid tut, um all die Zeit, die ich mir nicht für sie genommen habe. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie ein Biest war. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie die Kooperation eingestellt hat, weil ICH einen Fehler gemacht hatte.

Es fühlt sich unvollständig an, weil ich mir nicht den einen kleinen Moment genommen habe, sie nach ihrem Tod noch einmal zu kuscheln. Weil ich meine Mama nicht so lange allein mit dem anderen Pferd lassen wollte. Weil ich nicht einschätzen konnte, wie er reagiert. Weil wir ihn schließlich auch versorgen mussten. Da man ein Pferd nicht alleine halten kann, haben wir ihn vorübergehend in einem nahegelegenen Reitstall untergebracht. Die Haftanstalt, wie ich ihn nenne. Als ich das arme, eingeschüchterte Tier zwischen lauter fremden, unfreundlichen Pferden in der Gitterbox da zurücklassen musste und er mir kläglich hinterherwieherte, ist mir gleich noch mal das Herz gebrochen…

Dass ich für das andere Pferd einfach noch ein bisschen weiter funktionieren musste, hat mich vor einem Zusammenbruch auf freiem Feld bewahrt. Aber ich fürchte, es wird mich noch ewig verfolgen, dass meine letzte Erinnerung an die Prinzessin ist, wie meine Hand ihre noch warme Nase berührte, als ich sie zudeckte. Und ich weggezuckt bin, weil ich darauf so gar nicht vorbereitet war…

ZickenZeit

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Vier Tage Geflausche.

Das Wetter ist feucht und kalt, Stinkerbell hat Schmerzen und ist mies drauf. Ich hänge trotzdem an ihrem Hals und flausche ihren Bauch.

Muss sie durch.

Am Donnerstag kommt der Tierarzt mit der letzten Spritze. Bis dahin wird sie eben mit Liebe überschüttet. Ob sie will oder nicht…