Oh yes, #youhave

No. 2 fragt mich, was das eigentlich soll, all diese Frauen, die jetzt, Jahre später sagen,  dass jemand sie belästigt oder sogar vergewaltigt hat. Das sei ja total unglaubwürdig.

– Hm, was? Wieso das denn?

– Naja, wenn der sie wirklich vergewaltigt hat, warum haben sie dann nicht gleich was gesagt? Dann wär er doch direkt am Arsch gewesen. Stattdessen haben sie mit sich machen lassen und von der fetten Karriere profitiert. Je länger das her sein soll, desto unglaubwürdiger ist das doch.

Ich atme tieeeeef ein. Ich atme tiiiiief aus. Ich versuche, ihm ganz entspannt zu erklären (schließlich kommt er aus einer Weltgegend, in der mit Frauen noch ganz anders umgegangen wird), dass es 1000 Gründe gibt – vernünftige und unvernünftige -, warum Frauen nicht immer gleich zur Polizei rennen, wenn sie missbraucht wurden.  Warum sie nicht gleich allen erzählen, dass jemand sie belästigt hat. Dass der Typ auch nicht zwingend am Arsch gewesen wäre. Und ja, dass es Frauen gibt, die durch ihr Schweigen auch profitiert haben (zu was für einem Preis?), dass es aber auch möglicherweise Frauen gibt, die aus den genannten x Gründen geschwiegen haben und trotzdem keinen Erfolg hatten. Und ja, dass es scheiße ist, dass die Frauen so lange nichts gesagt haben, weil auch dadurch noch mehr Frauen Opfer werden konnten. Und ja, dass es möglicherweise Trittbrettfahrerinnen gibt. Aber neinneinnein, sie sind nicht mehr oder weniger glaubwürdig, nur weil Ereignisse schon länger her sind.

Japs.

-Nach so langer Zeit kann ja jeder alles sagen, die wollen den nur doof dastehen lassen, ich glaub denen kein Wort, die hättens gleich sagen sollen. Wenn sies nicht gleich gesagt haben, dann war da auch nichts, dann haben die sich einfach nur für ihre Karriere verkauft.

Sagen wir auf Wiedersehen zu meiner Beherrschung…

-Oarrrr. So Typen wie DU sind einer der Gründe, warum Frauen nichts sagen!

Er will nicht einsehen, was er bitte damit zu tun haben soll.

Ich erkläre (ommmm), dass auch das ein Teil des ganzen Problems ist. Dass vieles einfach schweigend oder achselzuckend hingenommen wird, dass Frauen immer wieder unterstellt wird, dass sie sich das ausdenken, möglicherweise mit irgendeinem finsteren Motiv. Dass das ja so schlimm nicht gewesen sein kann, wenn sie sich gar nicht gewehrt haben. Und wenn sie schon mal freiwillig mit wem gebumst haben, dann kann es ja das eine mal nicht unfreiwillig gewesen sein, hmmm? Dass Frauen sich ja auch immer so anstellen! Und warum ziehen die sich eigentlich keine Burka an? (Kurzer Exkurs: Warum ziehen Männer sich eigentlich keine Augenbinde über, wenn sie beim Anblick einer normal bekleideten Frau Zunge und Finger und Schwanz nicht stillhalten können?)

Ich erwähne, dass es in dieser Debatte ja mal ganz abgesehen von der „klassischen Vergewaltigung“ noch um ganz andere Sachen geht. Antatschen, eklige Sprüche, Sexismus allgemein. Dass darauf hingewiesen wird, dass das sehr, sehr weit verbreitet ist. Dass viele Männer sich noch nicht mal immer bewusst sind, dass das, was sie tun, nicht ok ist. Weil andere Männer sie darin bestärken. Weil Frauen schweigend hinnehmen. Weil andere Frauen es wegkichern. Weil es ner anderen Frau mal gefallen hat. Weil keine ausreichende Kommunikation stattfindet. Man hat an #metoo ja gesehen, dass es kaum eine Frau gibt, die keine entsprechenden Erfahrungen gemacht hat. Das muss ja von irgendwem ausgehen. Es werden ja wohl kaum die gleichen drei Typen sein, die durch die Welt tingeln und 3,5 Milliarden Frauen belästigen.

Ich nenne ihm ein ganz naheliegendes Beispiel: Ihn selbst. Wie oft habe ich nackich neben ihm gelegen und er langte mir zwischen die Beine. Und ich sagte: Oh nöö, jetz nicht. Und er langte wieder hin. Und ich sagte: Neihen, jetzt nicht. Und er langte wieder hin. Ich nahm seine Hand weg. Er langte wieder hin. Ich kreuzte die Beine. Er bohrte seine Hand dazwischen. Mitunter hielt er sogar mit einer Hand meine Hände fest, um mit der anderen an meiner Muschi rumzufummeln. Er kichernd, ich endgenervt. (Wie oft habe ich ihm gesagt, Spaß is, wenn beide lachen?)

– Streng genommen, sage ich, ist das schon ne harte Belästigung. Auch wenn du mich zwei Minuten davor noch herrlich gefingert hast und ich dir zwei Minuten danach sage: Finger mich, Baby. Wenn ich nö sage, und das auch noch mehrfach, dann heißt das: Finger wech!

Er ist empört. Wie ich ihm sowas vorwerfen könne. Und warum ich dann überhaupt noch mit ihm penne, wenn er doch so ein Monster ist.

Seufz.

– Es ist ja nur ein Beispiel. Für die vielen Dinge, über die sich Männer nicht bewusst sind. Und wenn sie noch so offensichtlich erscheinen. Für die mangelnde Kommunikation. Und so…

Überhaupt sei ja gar nichts passiert in den geschilderten Situationen. Er sei sich ja auch überhaupt nicht bewusst gewesen über seine Grenzüberschreitung. Warum ich denn nichts gesagt hätte.

– Öhm, einmal: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. In diesem Fall vor Schuld. Und was soll ich denn noch sagen außer „nein, ich will das grad nich“? Soll ich dir eine reinhauen, die Bullen rufen…? Ich habe das hingenommen, weil so bist du halt – da bin ich auch selber Schuld – und ja, das hat genervt, aber es hat mich jetzt auch nicht nachhaltig traumatisiert. Aber wie gesagt, streng genommen kann man das schon als Belästigung sehen.

Nein, das will er nicht hinnehmen. Er habe ja auch nur „versucht“. Es sei also im Grunde nichts passiert.

– Und eine versuchte Vergewaltigung wär dann also auch „nichts“? Außerdem hast du mir an die Muschi gegriffen, das is nu mehr als ein „Versuch“.

Aber er habe ja nur kurz berührt, er habe die Hand da ja nicht gelassen, er habe sich mir ja nicht aufgezwungen.

– Doch ja, das war schon ziemlich aufgezwungen. Weil immer und immer wieder. Und festgehaltene Hände und so. Und die Länge der Berührung ist total irrelevant. Unerwünschte Berührung ist unerwünschte Berührung. Wenn ein x-beliebiger Typ in der S-Bahn mir zwischen die Beine greifen will, beziehungsweise mir zehn Mal jeweils ne Sekunde da hin tatscht, auch ohne die Hand „da zu lassen“, wäre das dann Belästigung?

Das sei ja überhaupt nicht vergleichbar.

– Warum nicht? Die Handlung ist die gleiche. Meine Ablehnung ist in der speziellen Situation die gleiche.

Den Typen in der S-Bahn hätte ich sofort zu Brei verarbeitet. Warum ich ihn nicht zu Brei verarbeitet hätte.

– Weil ich dich eigentlich nicht zu Brei verarbeiten möchte. Weil ich der naiven Hoffnung nachhänge, dass du mein „nein“ auf irgendeiner Ebene doch respektierst. Weil mir klar ist, dass du das im Grunde nicht böse meinst. Es ändert aber nichts daran, dass es eigentlich nicht ok ist.

Woher er denn bitte wissen soll, wann was ok ist. Frauen seien ja immer SOOO ambivalent.

– Öhm. Es ist nicht ok, wenn ich „nein“ sage. Es ist ok, wenn ich nicht mehr „nein“ sage und mich auch nicht körperlich dagegen wehre und besser noch sogar mitmache.

Woher er denn wissen soll, wann das ist, wenn er es nicht ausprobiert. Er „teste“ ja nur.

– Ach so, und das muss man zehn mal hintereinander testen? Wenn sich an der Ausgangslage nichts geändert hat?

Wenn ich nichts sage, könne er ja nicht schuldig sein.

– Womit im Grunde ja deutlich wird, was ich erläutern wollte. Viele merken einfach nicht, dass sie Grenzen überschreiten. Oder wollens nicht merken…

Womit im Grunde ja deutlich werde, dass er nichts falsch gemacht habe. Er habe ja nichts gemerkt.

Ooooch.

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Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen

Meine Oma ist gestürzt. Über ihren Sessel. Der dann auf sie raufgefallen ist. Meine Oma hat Osteoporose. Den Rest kann man sich ja denken.

Und weil unser Gesundheitssystem so toll ist, hat man sie nach einer Nacht im Krankenhaus wieder nach Hause geschickt. Weil sone 94-jährige Tatteromi, die kommt ja schnell wieder auf die Füße.

Die Frau von der Krankenversicherung meint, ihr Laden kommt nicht dafür auf, wenn da ab und an mal ein Pfleger nach Oma guckt und ihr ein bisschen hilft. Oma hat ja keine Pflegestufe. JEDER mit einem gebrochenen rechten Arm kommt doch super alleine klar. Warum nicht auch eine 94-jährige Tatteromi mit noch weiteren Knochenbrüchen.

Oma ist nicht dumm, ruft sich nachts den Krankenwagen und sagt, sie bekommt keine Luft mehr. Nach zwei Nächten im Krankenhaus schickt man sie nach Hause…

Meine Oma möchte nicht angerufen werden. Zu anstrengend. Außerdem müsste sie dann jedes Mal aufstehen. Mama sagt: Schreib ihr doch.

Ich dreh am Rad. Das letzte Mal, als es meinem Opa schlecht ging, schrieb ich ihm einen ewig langen Brief. Und in dem Moment, als ich den in den Briefkasten warf, wusste ich: Der kommt nicht mehr an. Am nächsten Tag war Opa tot.

Ich bin ja nicht abergläubisch. Aber ich mag meiner Oma nicht schreiben…

 

Ein Pferdemädchen ohne Pferd ist eben nur ein Mädchen

Mir fehlt ein Teil von mir. Ein 850 Kilo schwerer Teil.

Ich war noch in der Grundschule, als die Große zu uns gekommen ist. Ich weiß nicht mehr so genau, wie ein Leben ohne sie aussah. Und was ich eigentlich mit meiner freien Zeit gemacht habe…

Ihr Tod quält mich. War das wirklich die richtige Entscheidung? Für sie? Für mich? Hätte man nicht noch warten können? Habe ich viel zu lange gewartet?

Wäre es ihr akut schlecht gegangen, könnte ich wohl besser damit leben. So habe ich das Gefühl, es hat nur uns und dem Tierarzt in den Kram gepasst.

Am Ende war auch alles so hektisch. Da ist ja noch das Pferd meiner Mutter, wir mussten die beiden trennen, ohne dass sie den Braten riechen und ausrasten. Den richtigen Moment abpassen und dann schnell, schnell.

Meine Große war – nach der ersten  Was-ist-den-mit-der-Alten-was-will-die-denn-Haltung – am Ende sehr anhänglich und hat die Aufmerksamkeit genossen. So ist sie mir dann, ganz eng an mich gekuschelt, auf ihrem letzten Gang artig gefolgt  und nicht – wie man es von ihr erwartet hätte – beim Anblick des Tierarztes getürmt. Jetzt habe ich das Gefühl, mir ihr Vertrauen erschlichen und es missbraucht zu haben… Auch wenn ich mir einzureden versuche, dass ich ihr nur Stress erspart habe.

Ich habe nicht das Gefühl, mich richtig von ihr verabschiedet zu haben. Ihr gezeigt zu haben, dass das alles nicht stattfindet, um sie zu ärgern. Dass meine Anwesenheit bedeutet, dass ich sie lieb habe. Dass es mir leid tut, um all die Zeit, die ich mir nicht für sie genommen habe. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie ein Biest war. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie die Kooperation eingestellt hat, weil ICH einen Fehler gemacht hatte.

Es fühlt sich unvollständig an, weil ich mir nicht den einen kleinen Moment genommen habe, sie nach ihrem Tod noch einmal zu kuscheln. Weil ich meine Mama nicht so lange allein mit dem anderen Pferd lassen wollte. Weil ich nicht einschätzen konnte, wie er reagiert. Weil wir ihn schließlich auch versorgen mussten. Da man ein Pferd nicht alleine halten kann, haben wir ihn vorübergehend in einem nahegelegenen Reitstall untergebracht. Die Haftanstalt, wie ich ihn nenne. Als ich das arme, eingeschüchterte Tier zwischen lauter fremden, unfreundlichen Pferden in der Gitterbox da zurücklassen musste und er mir kläglich hinterherwieherte, ist mir gleich noch mal das Herz gebrochen…

Dass ich für das andere Pferd einfach noch ein bisschen weiter funktionieren musste, hat mich vor einem Zusammenbruch auf freiem Feld bewahrt. Aber ich fürchte, es wird mich noch ewig verfolgen, dass meine letzte Erinnerung an die Prinzessin ist, wie meine Hand ihre noch warme Nase berührte, als ich sie zudeckte. Und ich weggezuckt bin, weil ich darauf so gar nicht vorbereitet war…

ZickenZeit

gaffer-1

Vier Tage Geflausche.

Das Wetter ist feucht und kalt, Stinkerbell hat Schmerzen und ist mies drauf. Ich hänge trotzdem an ihrem Hals und flausche ihren Bauch.

Muss sie durch.

Am Donnerstag kommt der Tierarzt mit der letzten Spritze. Bis dahin wird sie eben mit Liebe überschüttet. Ob sie will oder nicht…

Loslassen

Das große Ungetüm.

My beautiful picture

Die Erbsenprinzessin.

29 Jahre ist sie alt.

Seit fast 19 Jahren ist sie bei mir stehe ich in ihren Diensten.

Kaum noch Zähne im Maul, aber immer noch pummelig. Graue Haare auf der Stirn, aber da liegt ja der Schopf drüber.

Manchmal folgt sie wie ein Dackel, manchmal läuft sie davon wie ein Reh. Je nach Tagesform und Zyklusphase.

Sie öffnet jeden Knoten, Riegel, Hebel, selbst das Knacken von Schlössern traue ich ihr zu. Zur Not sprengt sie es mit ihrem Gewicht.

Wenn sie läuft, setzt sie ihre Hinterhufe voreinander ab, so dass ihr Popo aufreizend hin- und herschwingt.

Sie hat die längsten blonden Wimpern, die ich je gesehen habe.

Sie ist in vielerlei Hinsicht wie ich.

Meistens schlecht gelaunt.

Total verfressen.

Immer mit dem Kopf durch die Wand.

Ziemlich schlau, aber Intelligenz muss man ja nur nutzen, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht.

Ziemlich sexgeil.

Nicht sehr menschenbezogen.

Aber kleine Tiere sind toll.

Sie hat neben ihrem eigenen Fohlen auch ein blindes Lamm aufgezogen. Und kleine Kätzchen dürfen in kalten Nächten auch mal auf ihrem breiten Rücken schlafen. Und ihre Nieren wärmen.

Und wehe dem Hund, der sich in böser Absicht den Schafen nähert. Der kriegt es mit 800 Kilo Erbsenprinzessin zu tun.

Mit netten Hunden hingegen kann man toll Rennen spielen. Gut, mittlerweile eher locker Joggen…

Eigentlich findet sie es doof, wenn man sie lange ihrer Freiheit beraubt. Aber wenn ich eine Schulter zum Ausweinen brauche, hält sie ewig still.

Manche Menschen haben nach 19 Jahren schon lange einen Partner in ihrem Pferd. Ich habe… Little Big Miss Tausendschön. Inzwischen kommt sie immerhin manchmal ausgiebig kuscheln. Morgens lehnen wir uns oft verschlafen aneinander und kratzen uns gegenseitig den Rücken.

Sie ist 29 und hat Arthrose in beiden Vorderbeinen. Sie hat immer wieder Schmerzen.Wie sehr es sie beeinträchtigt, kann ich bei aller Pferdekenntnis nur schwer beurteilen. Pferde sind stille Leider.

Irgendwann in nicht so ferner Zukunft werde ich sie von ihren Schmerzen erlösen müssen.

Ist man da je bereit für?

Gegen Windmühlen

Oha, schon wieder ein Jahr um… Normalerweise ein Moment, um Bilanz zu ziehen. Aber ich stehe noch immer unter dem Eindruck des Wochenendes. Ich glaube daher kaum, dass ich gerade eine neutrale Bilanz ziehen kann.

Letztes Jahr war ich frustriert und orientierungslos. Dieses Jahr fühle ich mich wie betäubt.

Ich fühle mich wie der Zauberlehrling, der den Geistern, die er rief, hilflos bei ihrem grausamen Tanz zusehen muss…

Der Wunsch, Journalistin zu werden, ist irgendwann nach dem Dritten Golfkrieg in mir gewachsen. In der Zeit, als sich die Dinge im Irak von schrecklich zu katastrophal entwickelten. Ich war entsetzt über das, was ich sah, las und hörte – und entsetzt über die Gleichgültigkeit und die Unwissenheit in meinem Umfeld über das, was da auch in unserem Namen geschah. Und was für Folgen das haben würde. Nicht nur für die Menschen dort, sondern auch hier bei uns. Da hatten uns die Anschläge vom 11. September 2001 schon gezeigt, dass die Front nicht nur in Ländern verläuft, die wir auf der Landkarte kaum finden.

Ich hatte das – vielleicht naive – Bestreben, als Reporterin aus Bagdad-Jerusalem-Damaskus-Kabul von all dem Wahnsinn zu berichten und dadurch vielleicht einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, die Geschehnisse etwas mehr ins Bewusstsein der Menschen zu Hause zu rücken.

Seit dem Dritten Golfkrieg ist viel passiert (ich habe unter anderem – aus Gründen, die sich mir heute nicht mehr erschließen – etwas anderes studiert), vieles hat sich verändert, anderes dagegen überhaupt nicht.

In den heute genau zwei Jahren, die ich jetzt als Journalistin arbeite, bin ich unfreiwillig zur Terrorexpertin geworden.

Es hat sich allein in der kurzen Zeit allerhand ereignet, das die Welt von heute prägt. Ich habe mir mit der Maidan-Bewegung meine ersten Sporen verdient, was viele Medien später als die Blutnacht von Kiew bezeichneten, war meine erste durchberichtete Nacht. Seitdem gab es unzählige Rücktritte, Unglücke, Krisen und Möchtegernkrisen, Aufreger und Dauerthemen. Flugzeuge verschwanden und wurden vom Himmel geholt.

Und es ist – und ich glaube, das kann ich behaupten, ohne zu übertrieben – kein Tag vergangen, an dem nicht irgendwo auf der Welt mindestens ein Attentat stattgefunden hat. Ich habe Tausende Menschen zu Grabe geschrieben. Anschläge, weit weg in den Krisengebieten, sind Alltag. Es interessiert niemanden mehr so richtig, ein Attentat wird zur Standardmeldung, die wenn überhaupt, dann erst ab zehn Toten mindestens verfasst wird.

Erst wenn das Sterben vor unserer Haustür stattfindet, nehmen die Menschen hier es wahr. Weil sie verdrängen, wie eng das Sterben dort mit dem Sterben hier zusammenhängt.

Der Terror ist kein regionales Problem mehr, er wird immer komplexer, aber die Antworten scheinen immer einfacher zu werden:

Da wird mit dem Finger auf andere gezeigt, die Welt in „gut“ (wir) und „böse“ (die) eingeteilt.

Als ob es Gewalt und Sterben nur bei „denen“ gäbe und nur von „denen“ käme.

Nein, das gibt es auch bei uns, das tragen auch wir nach außen. Das ist nur – wieder und noch – nicht der Alltag.

Wir leben – wieder und noch – einen Wimpernschlag lang – in Frieden und können uns es deshalb leisten, friedlich zu sein.

Sind wir deshalb „gut“, ja vielleicht sogar „besser“? Die Versuchung, das zu glauben, ist groß.

Die Welt ist zu komplex für einfache Antworten.

Meine Motive von damals sind aktueller denn je.

Ich bin weit weg von Bagdad-Jerusalem-Damaskus-Kabul. Aber sie sind immer noch ein Ziel. Unterdessen glaube ich, dass ich auch, wenn ich aus der zweiten Reihe berichte, dazu beitragen kann, Geschehnisse und Zusammenhänge präsent zu machen.

Manchmal frage ich mich allerdings, ob ich mir das wirklich antun will und kann.

Und ich habe das Gefühl, die Menschen, die am dringendsten der Information bedürfen, wollen gar nicht hören, was ich zu sagen habe.

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und ich bin gerade sehr, sehr müde…