Schrate, die auf Wasser und Rudeltiere starren

Das olle Facebook erinnerte mich gestern während der Arbeit (ih, Arbeit! Ich hatte mich wirklich schon so schön davon entwöhnt!) an J.s Geburtstag. Ich hätte ihn ohne diese Erinnerung glatt vergessen. Obwohl ich Anfang des Jahres erwogen hatte, die nie entstandene Mittelmeertradition wieder aufzunehmen. Es ist nur dran gescheitert, dass ich mich immer noch nicht in ein Flugzeug quetschen mag.

Ich hatte nicht mal vino tinto im Haus, der weiße musste es tun. Ich war nur froh, dass der noch nicht umgekippt war. Keine Ahnung, wie lange der schon im Kühlschrank steht.

Langsam tritt so etwas wie ein Gewöhnen ein. An diese irre Realität, in der J. nicht mehr da ist. In der man ihren Geburtstag vergisst und ihr nicht mehr jeden Quatsch schreiben kann. Es ändert nichts daran, dass ich dieses bekackte Leben mit fauligen Zitronen bewerfen will, verreck doch an deiner Limo! Es ist und bleibt eine unverschämte Unverschämtheit, dieses Rumgesterbe.

Vielleicht ist es ganz gut, dass ich nicht am Mittelmeer bin. Selbst das Starren auf den See hat mich dem schmerzhaften Zustand des Starrens auf das Meer wieder viel zu nahe gebracht. Ich hatte exakt denselben Gedanken wie vor fast genau nem Jahr: „Nie ist die Diskrepanz zwischen dem, was ich will und dem, was ist, deutlicher als beim Starren aufs Meer den See.“ Mein blödes Gänsehirn ist einfach nicht so wahnsinnig originell.

Jetzt befand sich der See auch noch in einem klitzekleinen Pupsdorf hoch im Norden und im Mai regt sich dort in höchster Ungeduld und Dringlichkeit das Leben. Und all dieses frühjährliche Gesumms ähnelte dem Gesumms in meinem Heimatdorf aufs Haar. Ich habe die Dorfbalz schon immer belächelt, so ritualisiert, dass keiner mehr eine Erklärung für das Geschehen hat, die über „Saufen“ hinausgeht.

Gleichzeitig war ich auch immer schon ein bisschen neidisch. Die Ritualjünger haben ein Ziel und vor allem haben sie ein Rudel. Sie gehören irgendwo hin, sie wissen, was sie tun, wenn auch vielleicht nicht unbedingt wofür.

Ich habe keinerlei Interesse daran, mitzumachen. Ich habe das ein-, zweimal probiert damals und fand es so unangenehm und lästig – und unnütz – dass ich froh war, wenn ich mich heimlich davonmachen konnte. Aber manchmal wünsche ich mir, ich könnte das: mit dem Rudel laufen.

Menschen, die mich so im Alltag erleben, glauben mir das nicht, dass ich introvertiert bin und ein brummiger Waldschrat. Weil ich mein inneres Abgestoßensein und die unfassbare Anstrengung, an menschlicher Interaktion teilnehmen zu müssen, hinter furztrockenem Galgenhumor und dem tausendsten doofen Spruch verberge. Leute halten mich für extrovertiert und witzig, doch tatsächlich packe ich am Ende des Tages wie ein Wanderprediger mein kleines Podest ein und verkrieche mich in meiner Waldschrathöhle. Und möchte eigentlich morgen nicht wieder fürs Publikum kaspern, aber mich fragt ja keiner.

Am Ende des Tages haben andere Menschen ein Rudel und ich hab ne Katze. Ich hab die tollste Katze der Welt, keine Frage, aber das ändert auch nichts daran, dass ich mich im Grunde alleine durchbeißen muss.

Bei der Arbeit bekäme ich Schaum vor dem Mund ob dieser Verschwendung von Ressourcen, wenn Leute immer alles allein machen würden. So sehr ich Teamwork hasse, es gibt Gründe, warum Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen unterschiedliche Dinge machen – und am Ende profitieren alle davon.

Im Leben mach ich alles allein, obwohl ich weiß, dass es im Rudel einfacher, schneller, weniger schwachsinnig wäre. Dass ich Vieles, gerade Dinge, die ich nicht mag oder nicht kann, gar nicht machen müsste. Theoretisch verstehe ich schon dieses „der Mensch ist ein soziales Wesen“, auch wenn ich praktisch noch nie erfolgreich eins war. Jedes Mal, wenn ich es versuche, bleibe ich umso schmerzlicher außen vor. Weil ich kein soziales Wesen bin.

Und so beiße ich Leute weg, bin bockig, einsam und erschöpft und wünschte, ich könnte mich einfach mal betüddeln und in den Arm nehmen lassen. Aber ich weiß, dann wäre ich gestresst, überfordert und erschöpft.

Wahrscheinlich habe ich J. deshalb so gemocht. Weil auch sie mehr so ein Einzelgänger war, der Menschen gern immer so ein bisschen töten wollte. Weil boar, anstrengend. Wir haben halt zusammen jeder seinen Scheiß gemacht. Und und dann enorm darüber beschwert. Sterben musst du am Ende halt auch allein.

Blep

Es ist ja alles nicht das erste Mal. Ich möchte mal behaupten, in den 8, 9 Jahren, die ich als Journalistin arbeite, habe ich wirklich alle – und ich meine ALLE – vorstellbaren Nachrichtenlagen gehabt. Also, außer vielleicht die Zombiekalypse, aber mal im Ernst, wie viele Millimeter fehlen denn noch bis dahin?

In meinem Kopf ist trotzdem 404. Pandemie und Krieg und mein Dauerdrama und das 1000. Bild von weinenden Kindern und ich mag nimmer. Ich arbeite im Autopilot. Totale Dissoziation. Fragt mich nichts zu aktuellen Entwicklungen. Keine Ahnung, wie lange das schon geht. Ne Woche? Zwei? Zwei Jahre?

Ich habe mich noch nie so streng an „keine Nachrichten nach Feierabend“ gehalten. Geht eh nicht mehr rein in die Birne. 404 ist so anhaltend, ich krieg auch sonst nix mehr mit. Ich reiße wuchernde Pflanzen aus meinen Beeten und fummle Moos aus den Ritzen zwischen den Terrassensteinen und werde dabei minütlich aggressiver und dann ist Arbeit. Und dann ist Schlafen. Mit garantiert absurden Alpträumen. Und von vorn.

Ich bin so hart damit beschäftigt, zu dissoziieren, dass ich täglich erfolgreich vergesse, bei der Psycho-Hotline anzurufen, die mein Arbeitgeber extra eingerichtet hat, wegen: Ihr seht den ganzen Tag Krieg und Verderben. Und ich denk so: Frach ma die Leute vor Ort. Und arbeite weiter. Ohne hinzugucken.

Ich kann nicht mal mehr richtig gerade Sätze formulieren. Mein Kopf ist voller gordischer Synapsenknoten und Watte. Wegen Überfüllung geschlossen. Zu viele Informationen, zu viele Emotionen, da macht der Laden einfach komplett dicht. 404.

Ich will schaukeln.

Monate nach den Monaten

J. ist seit knapp 10 Monaten tot. Fast ein Jahr. Ein Jahr mit ganz vielen ersten Malen ohne. Und vielen „letztes Jahr“s.

Manchmal sind es die beklopptesten Dinge, die ihre Abwesenheit mit einer unverschämten Unverschämtheit in den Vordergrund rücken. Sowas wie: Heute fängt die neue Staffel GNTM an. Jahrelang der Moment, an dem hektisch um 20:10 Uhr Sektchen und Fressalien zusammengerafft wurden, um pünktlich mit dem Live-Kommentar auf dem Handy beginnen zu können. Ich bin sogar mal geblitzt worden, weil sie mich ungefähr fünfminütlich dran erinnerte, dass das gleich losgeht. Kam trotzdem 10 Minuten zu spät, reinster Frevel.

Man kann sich denken, dass ich den Quatsch nicht wegen der Hochwertigkeit des Programms verfolgt habe. Sondern wegen der Freude am Lästern. Und ich glaube, das ist der größere Verlust als GNTM: das Lästern. Ich hab schon furchtbar lange nicht so richtig rumgelästert. Möglicherweise ein ganzes Jahr lang. Und das liegt nicht daran, dass ich keinen Grund gehabt hätte.

Und so reihe ich mich ein in die Reihe der Menschen, die diese Qualitätssendung nicht mehr verfolgen. Allerdings nicht so sehr aus (vorgeschobener?) moralischer Überlegenheit wie so viele andere. Sondern aus Mangel an unmoralischer Begleitung.

Ja, es gibt sie. Eine Welt ohne J. Aber die macht keinen Spaß.

Arvorig

Acht Jahre bin ich nicht in der Bretagne gewesen. Es dauert genau acht Sekunden, bis ich wieder voll drin bin. Nur kurz durchs Dorf gefahren und schon erschlagen mich unzählige Erinnerungen. Kleinkram. Der Arztbesuch bei dem Dorfdoktor, der ungefähr so alt gewesen sein muss wie das Haus, in dem er praktizierte. Ohne Sprechstundenhilfe und viel Zeit. Die absurde Menge an Medikamenten, die die Apothekerin danach vor mir aufstapelte. Das morgendliche Zeitungskaufritual im Tabac: Ich kaufe die Zeitung nur für die Flutvorhersage, die mir referiert wird, sobald das Geld über den Tresen gewandert ist. Wesentlich detaillierter als da auf der drittletzten Zeitungsseite. Das stundenlange Rumgedrücke in der Citroen-Werkstatt, in der ein schnuckliger junger Mann die embrayage rettete (Worte, die ich nie vergessen werde…). Wäre wahrscheinlich schneller gegangen, hätte ich mich da nicht rumgedrückt. Menschen, die gestorben sind und Menschen, die geboren wurden. Dieselbe Katze streicht mir um die Beine, steinalt wie ihre Fellfarbe. Sie ist lauter geworden. Der Typ, der für immer meine Ansprüche an Männer viel zu hoch geschraubt hat. Obwohl wahrscheinlich auch er die Zahnpastatube nicht zuschraubt. Ich erinnere mich – obwohl der Sommer hier noch mal gründlich Zugabe gibt – plötzlich sogar an Februartage, an denen man Regen UND Gischt gleichzeitig in der Fresse hat. An dunkle Tage im Centre de recherche bretonne et celtique in Brest, die ich irgendwann frustriert abbrach und den fantastischen, liebenswerten Kauz im Ofis publik ar Brezhoneg in Carhaix, aus dem ich praktisch an einem Nachmittag meine Bachelor-Arbeit rausgepresst habe. Um sie dann mit Blick auf Sturm in Quiberon reinzuschreiben. Die kleinen Jungs von damals sind richtige Männer geworden. Und eine neue Riege kleiner Jungs zuppelt an den großen Pferden herum.

20 Jahre verbinden mich mit der Bretagne, 20 Jahre, in denen verrückt viel Zeug passiert ist. Mein Französisch ist ein bisschen eingerostet, weil ich es in den vergangenen 5 Jahren kaum benutzt habe, aber ich bin überrascht, wie mühelos ich mich über die verrücktesten Dinge unterhalten. Und manchmal stürze ich mich unbedarft in einen vermeintlich einfach Satz und verheddere mich hoffnungslos. Aber meistens hat mein Gegenüber eine Heckenschere für mein Sprachgewirr parat.

Irgendwo im Morbihan, mitten im Wald, zwischen Farnen und Misteln und Brombeergestrüpp, falle ich komplett auseinander. Ich kann keinem erklären, warum ich heule wie ein Schlosshund. Dafür kann ich danach im Land vor dem Meer auf die steigende Flut starren, ohne dass mich die große Schwermut befällt. Weil ich für einen Moment vergessen habe, wie die Welt hinter dem Land vor dem Meer aussieht.

An- in Abwesenheit

Es ist schon komisch, wie schnell ich mich an J.s Abwesenheit gewöhnt habe. Vielleicht auch, weil sie mir die andere J. dagelassen hat, die ohne Umschweife einen größeren Platz in meinem Leben eingenommen hat. Vielleicht auch, weil der Pandemiealltag fast derselbe geblieben ist. Vielleicht auch, weil ich einfach nicht so gern darüber nachdenke.

Und doch: Sie lauert überall. In einem Wort mitten im Roman. Im Wetter (das mit dem Rudern auf der Unwetterwolke muss sie noch üben. Kann ich einer Bescheid sagen, dass sie beim Einparken die Musik leiser drehen muss?). Im Küchenschrank. Im Bücherregal. In einer Anekdote, die nie erzählt werden wird. In meiner Handtasche.

Ihre Anwesenheit wirkt mitunter präsenter als es ihre Anwesenheit je war. Und es ist und bleibt eine unverschämte Schweinerei!

Love thy neighbor reloaded

Drei Jahre war ich mit gefühlt hundertjährigen, supersüßen Nachbarn gesegnet, von denen ich praktisch nur die Kuckucksuhr mitbekam. Fast schon hatte ich das Helene-Fischer-Trauma verdrängt.

Nun wohne ich in der Spießerzone, ihr kennt das, Ortsrand, 30er-Zone, Backsteinhölle, Reihenhäuser, Einfamilienhäuser, Vorgärten, Rasenmäherkonzert, Koi-Teich, Spießerzone. Das Haus, in dem ich wohne, ist das einzige hässliche Mehrparteienhaus in der Straße. Ich wohne unten, Terrasse, Garten zur Alleinnutzung. Über mir ein Typ, Balkon, Treppe zu seinem Garten zur Alleinnutzung. Geht nahtlos über in meinen, aber meiner geht um die Ecke, auch die Terrasse ist an der anderen Hausseite, Blümchen, Idylle, Ruhe. Katzenspielwiese. Wuchernder Löwenzahn, muhahaha.

Von oben kommt wochenlang eigentlich nur Schnarchen. Regelmäßiges Schnarchen, nach dem man die Uhr stellen kann: In der Woche von 0 bis 5:30 Uhr, dann Dusche, dann Abfahrt. Rückkehr um 16:30 Uhr. Am Wochenende kommt noch ein Mittagsschlaf dazu. Spießerzonenangemessen. Das einzig Unspießige: Er mäht seinen Rasen genausowenig wie ich. Im Grunde habe ich noch nie gesehen, dass er seinen Garten betritt.

Vergangene Woche dann: Rumpeln, Schreien, Rumpeln, Undefinierbares, alles ziemlich laut. Ich frage mich, ob es sich um sehr harten Sex, einen irren Drogentrip oder häusliche Gewalt handelt. Am Montag raffe ich mich auf, beuge mich dem sozialen Druck und mähe den Rasen, die anderen Nachbarn gucken schon mit Herzrasen auf meinen ausgeblühten Löwenzahn. Gehe jede Wette ein, dass der Nachbar oben spätestens am Samstag auch zum Mäher greifen wird. Spießerzonenzugzwang.

Mittwoch erstmal: Schreie. Eine Frau schimpft ihn Arschloch, Türenrumpeln, Stampfen im Treppenhaus, Abfahrt.

Freitag mäht er den Rasen.

Samstag werde ich wach, weil die Katze hektisch über mich rennt, weil der Nachbar vor meinem Schlafzimmerfenster einen Rasenmäher angeworfen hat – Benziner. Und MEINEN Rasen mäht. Ich taumle auf die Terrasse. „Warum mähen Sie meinen Rasen?“ „Hier mäht ja keiner!“, bellt er. „Aber ich hab doch gemäht!“ (Vor dir, du Pfosten, und dein Rasen hat mehr Sonne, der stand noch höher!) „Die Kanten müssen auch gemäht werden!“ Wirft den Mäher an und schreddert meine Lupinen. Aus Muddis Samen gezogen, jahrelang gepflegt und liebevoll umgezogen. Erdbeerblätter fliegen durch die Gegend.

Ich zieh mir erstmal was an, er hat schon alles getötet, was man töten kann und ich stehe in seinem Garten. „Kanten hin oder her, wie wärs, wenn Sie nächstes Mal bei mir klingeln und mit mir reden?!?!!?!“ Und er hält mir einen Vortrag, warum unser Gemeinschaftsmäher nicht für Flächen dieser Größe geeignet ist. (Ich behaupte: Das Problem ist weniger der gar nicht mal sooo große Garten, sondern die anderen Nachbarn, die den dritten Gartenanteil haben und den Rasenmäher immer mit leerem Akku im Schuppen parken…) „Kein Grund meine Pflanzen zu töten“, finde ich und gucke wild. Und überhaupt: In MEINEM Garten MUSS gar nichts! Er schwafelt was von „früher hats der Hausmeister gemacht“ und ich finde, er ist nicht mein Hausmeister, meinen Garten mähe ich selber und ich habe da mit Absicht Grün gelassen UND DA STANDEN EINFACH AUCH PFLANZEN VON MIR!!!

Halte das Thema für geklärt, gehe wütend und fassungslos duschen, fühle mich bevormundet und verunsichert, dass der da einfach durch meinen Garten Amok mäht und überhaupt. Sitze am Frühstückstisch und sehe, wie er mit dem Kantenschneider durch meinen Garten amokt.

WAS IN DREI TEUFELS NAMEN?!?!?!?!?!?

Ich schreie, er soll gefälligst aus meinem Garten verschwinden und er ignoriert mich einfach. Legt in aller Seelenruhe das hässlich graue Zaunfundament der Nachbarn frei.

Wenn der sich seiner Alten gegenüber auch so verhält, verstehe ich das mit der häuslichen Gewalt, ich an ihrer Stelle würde auch auf ihn einschlagen.

Und ich bin mit den Nerven runter. Hysterisches Heulen. Eh ein bisschen dünnhäutig dieser Tage, wegen Rumgesterbe und so. Und dann kommt da so ein Typ und zerstört mir Blümchen, Idylle, Ruhe. Jedes Mal, wenn ich draußen irgendwas höre oder sich bewegen sehe, zucke ich zusammen. Fühle mich beobachtet und angreifbar. Muss ich jetzt dauernd damit rechnen, dass der durch meinen Garten wütet? In meine Wohnung spannt?

Was STIMMT denn mit dem nicht? Wie zum Teufel kommt man auf sone Idee? WARUM?!?!?!?

Erdnussmomente

Am Ende bin ich doch zu der Beerdigung gefahren. Weil es immer noch unvorstellbar ist, dass J. wirklich tot sein soll. Weil ich gehofft habe, dass es vorstellbarer wird, wenn ich sehe, wie sie beerdigt wird. Und weil man mir gnädigerweise mitteilte, dass die erlaubte Personenzahl erhöht wurde, wir müssen uns nur alle mit nem Stäbchen in der Nase rumfummeln lassen. Wie das so ist in diesen Tagen.

Auch der Dresscode wurde durchgegeben. Dass kein Schwarz gewünscht ist, war klar, wir kennen doch unsere J. Doch nicht nur das: Erbeten werden Pink, Glitzer und Pailletten. Da kann ich beim besten Willen und aller Liebe nicht mit dienen. Mein Schrank bietet in erster Linie: fröhliches Schwarz.

Also stehe ich vor der Kapelle in fröhlich schwarzer Jeans und wegen der allen Liebe in weißen Turnschuhen – denn sie hat jahrelang versucht mich von Turnschuhen zu überzeugen und triumphiert als ich mir fürs Segeln welche anschaffte (und nur fürs Segeln!) – und in dem Pinkähnlichsten, das ich meinem Schrank entlocken konnte – auch wenns keiner sieht: dem rosa Tanga. J. hat nie verstanden, warum ich Tangas nicht mag. „Auch nicht im Sommer?!“ Nee, grad nicht im Sommer! Es gibt elegantere Gesten als sich den zwackenden Krustenkratzer, wie die Québécois sagen (nutzlose Vokabeln, die ich auch dann nicht vergessen werde, wenn ich schon meinen Namen nicht mehr weiß), aus der Arschritze zu klauben.

Ich bin in strahlendem Sonnenschein losgefahren, doch kurz vor dem Ziel kommt J. auf ihrer Schlechtwetterwolke angerudert und macht maximales Drama. Wie üblich. Erdnuss gefällig? Doch als der Typ mit der pinken Krawatte auftaucht, verzieht sie sich.

Der Typ mit der pinken Krawatte ist ein stadtbekannter Politiker einer bundesweit bekannten Partei mit C wie Zukunft und ist gelegentlich durch J.s Bett gerutscht. Aber eigentlich schon vor langer Zeit mit Schimpf und Schande davongejagt worden. Das hatte einfach keine Cukunft. Ich ziehe mir eilig die Maske übers Grinsen und am Prusten hinter mir erkenne ich die andere J., die ich bisher nur vom Telefon kannte.

Es ist eine kurze, pinke, formlose Zeremonie mit deutlich weniger Personen als das Drama erahnen ließ, die andere J. schummelt noch die Urne von Kater Paul mit in die Urne und irgendjemand muss mir mal erklären, wie man das mit dem Rotz unter der Maske machen soll.

Am Ende stehen wir unter einem Baum und man schmeißt pinke Rosenblätter in ein Loch. Der Bestatter hält mir das pinke Körbchen hin aber ich lehne dankend ab: Ich kippe eine Handvoll Erdnüsse auf die Urne. Der Bestatter guckt komisch, die Mädels hinter mir gackern. J., du warst doch eine alte Tratschtante!

Wir stehen unterm Baum und man befindet: perfekter Platz. Da wo am meisten los ist. Hat sie was zu lästern. Kann sie Erdnussmomente haben. Und Erdnüsse werfen.

Der Typ mit der pinken Krawatte geht und die nachtschwarze Wolke rudert an. Die andere J. befindet: Das dauert ihr zu lange. Sie hasst viel Gewese. Und sagt zu ihrer Freundin M. auf mich zeigend: Nehmen wir sie noch mit? Und M. sagt: Sie gehört doch zur Erbmasse. Und ich werde mitgeschleppt auf einen „Latte Matschaaato“ in J.s Ehren, Kekse und Spaghetti mit heilender Sauce.

Wir quatschen, als kennten wir uns ewig, eine winzige Katze adoptiert mich auch und finden, dass die J. schon nen ziemlich guten Geschmack hatte. Auf dem Tisch krabbelt eine widerborstige Ameise, die sich einfach nicht raustragen lassen will und wir sind uns ziemlich sicher, wer da wohl reinkarniert ist…

Die andere J. zeigt mir ein Foto, das ich schon ganz vergessen hatte. J. hat es in Barcelona gemacht. Es sind nur unsere Füße drauf, unsere vom Barcelona-Marathon geschundenen Füße. Die Turnschuhe sind wohl nicht deine, hm?, sagt die andere J. Nee, meine Füße sind die mit den Sandalen, die J. mir mal geschenkt hat. Die Sandalen haben den Barcelona-Marathon nicht überlebt, sie wurden feierlich im Hotel-Mülleimer beerdigt.

Statt der Schuhe brachten wir den Erdnussmoment mit. Auf dem Hinflug wurden – ogottogott – keine Snacks serviert, weil jemand mit schwerer Erdnussallergie an Bord war. Meine Sitznachbarin verlor völlig die Fassung, weil sie nicht verstehen wollte, warum wir auf dem zweieinhalbstündigen Flug alle VERHUNGERN sollen, bloß weil da einer ne Erdnussallergie hat. Ist doch sein Problem, nicht unseres. Als der Flugbegleiter versuchte, ihr klarzumachen, dass es NOCH länger dauert, bis sie was zu futtern kriegt, wenn wir notlanden müssen, weil die Person einen anaphylaktischen Schock erleidet, versuchte sie, uns auf ihre Seite zu ziehen. Aber wir waren in ein SEHR wichtiges Gespräch vertieft. Als ich an der Gepäckausgabe auf unserer Handgepäck, das wir am Ende doch aufgeben mussten, wartend, total gestresst von der hysterischen Verhungernden ungeduldig zu knurren begann, meinte J. staubtrocken: Krisst wohl grad nen Erdnussmoment, wa?

Wir sind die Königinnen der Erdnussmomente. Ihre Wolke ist ein einziger Erdnussmoment.

Nee, ich finde es immer noch unvorstellbar, dass J. einfach nicht mehr da sein soll.

Die unerträgliche Schwierigkeit des Seins

Seit 15 Tagen stehe ich bleischwer auf. Liegt es daran, dass ich seit 16 Tagen nicht mehr vernünftig ausgeschlafen habe oder daran, dass J. seit 16 Tagen tot ist?

Erst kommt die Schwere und dann die Erkenntnis über das, was passiert ist. Und zur Schwere gesellt sich die Traurigkeit.

Dass es um die Bestattung auch noch Drama gab, machts nicht besser.

Und jetzt steh ich vor der Frage, ob ich da überhaupt hin will, zu dieser Bestattung. Noch mal 500 Kilometer abreißen müssen. Und das an einem Tag – und so einem beschissenen – dank Beherbergungsverbot. Noch mal allein mit Autobahnpanik und Freundinnenverlust. Zumal ich mich nicht willkommen fühle. Ist ja nur ne begrenzte Personenzahl erlaubt und die ist gedacht für die „richtigen“ Freunde, die in den letzten Wochen da waren, wurde mir kommuniziert.

Ja, danke. Fühl mich allein schon schlecht genug damit. Jaja, weit weg und Pandemie und Lockdown und Umzug und neuer Job und Drama Drama, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, oder? Und jetz auf einmal, jetzt wo’s zu spät ist, geht’s irgendwie doch.

Der getroffene Hund ist getroffen.

Fahr ich hin oder rede ich hier weiter mit den Wolken? Ich muss den Lebenden nix beweisen, höchstens noch mir. Aber was eigentlich genau?

Monate aufgebraucht

Da sind sie hin, die Monate. Keine fröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz mehr. Einfach gar keine Nachrichten mehr.

Ich stelle fest: Ja, es gibt sie. Eine Welt ohne J. Aber die macht keinen Spaß.

Und dann meine liebe Trude! Ich find ja nett, dass du versprochen hast, auf deiner Wolke hier vorbeizurudern. Aber kannste dafür vielleicht nächstes Mal ne Schönwetterwolke nehmen?