Körner gegen Kilometer

Das Hamsterrad dreht und dreht sich. Vor unseren Augen verschwimmen seine Speichen zu einer zitternden Masse. Sie hypnotisiert uns, leert den Kopf, versperrt den Blick auf das, was vor uns liegt.

Weiter, immer weiter. Wie lange schon, wie lange noch? Wer weiß das schon. Je schneller wir rennen, desto langsamer vergeht die Zeit.

Schnell ein paar Körner werfen, aber Körner gibt’s nur gegen Kilometer, weiter, weiter, schneller, schneller.

Ganz egal, wohin.

Der Duft der Freiheit ist verflogen.

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Zurück im Hamsterrad

Ich bin zurück im Hamsterrad.

Ich weiß nicht, wie ich wieder hier gelandet bin. Ich muss auf meiner wilden Flucht irgendwann erschöpft eingeschlafen sein. Und jemand hat mich eingefangen.

Jetzt laufe ich wieder Tag für Tag, Kilometer für Kilometer und komme doch keinen Schritt voran. Der Weg, der vor mir liegt, ist mehr als klar gezeichnet und führt doch nirgendwo hin.

Ich laufe und laufe und weiß nicht mal, wofür.

Der Salat, den man mir für’s laufen gibt, schmeckt mir nicht.

Ich laufe und laufe und meine Kraft ist am Ende. Ich laufe und strauchle und laufe und falle. Alles tut weh. Aber ich laufe.

Meine Träume von der Freiheit und von meiner wilden Insel – jemand hat die Seifenblasen zum Platzen gebracht.

Auf einmal kommen sie mir albern vor. Was hab ich mir gedacht? Habe ich ernsthaft geglaubt, ich könnte das erreichen?

Ich laufe und laufe und werde doch nie irgendwo ankommen.

Winter im Hamsterland (2)

Der Winter hält sich, auch im Hamsterland.

Es hat angefangen zu schneien, das Fell saugt sich voll mit Feuchtigkeit. Ein Aufwärmen ist so gut wie unmöglich.

Die Nächte sind lang und doch lässt die Müdigkeit nie nach.

Der Packen Zweifel drückt, der Rücken schmerzt.

Ein Stein hat sich in meine Pfote gebohrt, eine Katze hat mich angefallen, die Wunden schmerzen.

Ich glaube, ich bin in eine Sackgasse geraten. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft für den Weg zurück habe…

Soll ich aufgeben?

Aufmunternde Worte vom wilden Hamster wären noch immer toll, aber er sitzt im warmen Käfig und muntert andere auf.

Eine Höhle wäre jetzt gut, da könnte ich Winterschlaf halten. Erst weitergehen, wenn der Winter abgezogen ist und die Wunden verheilt sind…

Winter im Hamsterland

An den haben wir dummen Hamster nicht gedacht, als wir ausgebüxt sind:

Den Winter.

Es ist kalt, der Wind braust. Hungrig und mit zerzaustem Fell sitzen wir unter kahlen Büschen, hinter kalten Steinen, in feuchten Erdhöhlen.

Der Wind zieht und rüttelt am Packen Zweifel und macht ein Weiterkommen fast unmöglich.

Es ist dunkel und der Weg noch schwerer zu erkennen.

Der kalte Nordwind hat den Wind der Freiheit verblasen, der Geruch ist kaum noch da.

Die Erinnerung an den Sommer verblasst, die Kälte kriecht bis in die Knochen.

Warum war ich noch losgezogen?

Ach wie warm war es im Hamsterkäfig, und immer gab es etwas zu essen.

Sollte ich doch zurückkehren?

Ein Rat vom wilden Hamster wäre gut, ein aufmunternder Zuruf. Wilde Worte, Mut, Unvernunft… doch sie haben ihn eingefangen

Die Wildnis ist groß und einsam und das Ziel weit weg.

Wer weiß wie viele Winter hier draußen noch auf mich warten…

Neues vom Hamster

Der wilde Hamster hat sich fangen lassen, hab ich gehört.

Das ist irgendwie traurig…

Könnte gerade ein paar gute Nachrichten vertragen.

Mein Packen Zweifel wird immer schwerer. Manchmal spüre ich ihn nicht so, weil ich es gewohnt bin, ihn mit mir herumzuschleppen. Aber dann macht er sich wieder umso deutlicher bemerkbar…

Fühle mich auf einmal allein in der Wildnis.

Das Hamsterrad

Er ist ein wilder Hamster. Ein dünner, drahtiger Hamster mit struppeligem Fell, das sich nicht glatt bürsten lässt. Irgendjemand hat ihn eingefangen und in ein Hamsterrad gesteckt. Dort läuft er, weil er keinen Ausweg sieht. Aber er ist unglücklich und er ist müde und seine Pfoten bluten schon vom vielen Laufen. Und er sehnt sich nach der Freiheit.

Ich bin in das Hamsterrad hineingeboren worden. Manchmal bin ich einfach in die andere Richtung gelaufen und habe mein Fell zerzaust. Aber man hat mich immer wieder in die „richtige“ Richtung gedrängt und das Fell wieder glatt gebürstet.

Einmal hat jemand den Stall nicht richtig zugemacht und ich bin weggelaufen. Nach kurzer Zeit habe ich eine Oase der Freiheit gefunden. Da waren auch andere Hamster, wilde Hamster und entlaufene Hamster. Ich hatte eine gute Zeit. Aber dann habe ich Angst bekommen. Was ist, wenn alle Früchte der Oase gegessen sind? Dann werde ich verhungern. Und ich bin zum Stall zurückgekehrt und schneller im Rad gelaufen als je zuvor.

Eines Tages, als ich gerade am schnellsten rannte, kam der wilde Hamster vorbei. Er hatte gerade eine Pause und bot mir an, mich in meiner Pause zu ihm zu gesellen. Ich habe etwas gezögert, weil ich ihn nicht kannte und mich sein struppeliges Fell skeptisch gemacht hat. Aber ich habe angenommen und es war schön. Aber dann hat man uns in verschiedene Käfige gesetzt und wir haben uns nicht wieder gesehen.

Einmal hat jemand den Stall nicht richtig zugemacht und der wilde Hamster ist weggelaufen. Endlich riecht er ihn wieder, den Wind der Freiheit. Aber er zögert. Wer gibt ihm zu essen, wenn er wegläuft? Wer gibt ihm zu trinken? Er weiß auch, dass einige Hamster traurig sein werden, wenn er geht, andere werden enttäuscht sein. Er will niemanden traurig machen und niemanden enttäuschen, denn sein wildes Herz ist groß.

Einmal hat jemand den Stall nicht richtig zugemacht und ich habe kurz gezögert und dann bin ich mitten im Lauf aus dem Rad gesprungen. Und ich bin gerannt wie eine Verrückte. Aber plötzlich weiß ich nicht mehr, ob ich in meiner blinden Flucht nicht einfach in ein anderes Rad geraten bin, das ich nur nicht als Rad erkenne, weil es so anders ist. Oder ob ich auf dem Weg in die Freiheit eben durch die Wüste muss.

Mitten im Nichts treffe ich den wilden Hamster.

Er fragt, was soll ich tun?

Lauf, rufe ich, lauf so lange du kannst. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie dich wieder einfangen. Genieß die Freiheit, so lange du kannst. Lass deine Pfoten heilen und deine Seele. Sammle Kraft und Eindrücke, du wirst sie brauchen. Du weißt doch, wo du Futter und Wasser findest, du bist doch ein wilder Hamster. Und die anderen Hamster werden sich freuen, wenn sie sehen, dass du glücklich bist. Trage dein struppeliges Fell mit Stolz, es macht dich einzigartig.

Er sagt, er hat Angst, dass er nie einen Bau findet, wenn er immer läuft. Da kann ich ihm nichts raten, ich bekomme Platzangst in Bauen.

Ich frage, was soll ich tun?

Lauf, ruft er, lauf so schnell du kannst. Es ist die Wüste und wahrscheinlich musst du noch über die Berge und das Meer. Ich weiß es ist schwer, man sieht es dir an. Du bist dünner geworden, du bist erschöpft, aber du bist glücklicher. Du kannst es, weil du es willst. Du kannst alles was du willst. Du wolltest die Schnellste im Rad sein und du warst die Schnellste. Selbst wenn du gestrauchelt bist, warst du noch schneller als die Anderen. Jetzt willst du auf deine Insel der Freiheit, du musst nur den Weg finden. Vielleicht hast du ja auch Glück und du findest ein Boot, das dich über das Meer bringt. Und wenn nicht, dann schwimmst du eben. Du kannst es, weil du es willst. Du weißt, dass es die Insel gibt, du hast von ihr geträumt und du hast Hamster von dort getroffen. Du weißt, dass es nicht leicht wird, weil du die Freiheit nicht gewohnt bist und weil die Insel wirklich wild ist. Dort fressen sich die Hamster gegenseitig, aber du willst keine andere Insel. Du willst das Abenteuer. Du hast Angst, aber auch wenn es ganz schlimm wird: Wenn du ans Zurückkehren denkst, erinnere dich daran, wie unglücklich du warst. Und wie müde du warst. Du wolltest dir lieber das eigene Bein abbeißen, als weiter zu laufen. Ich habe sie gesehen die blutigen Flecken in deinem Fell. Du hast versucht, sie zu verstecken, weil ein guter Hamster so etwas nicht macht. Aber du bist nie ein guter Hamster gewesen, hast du es vergessen? Außerdem, glaubst du, sie sind nett zu einem Hamster, der schon zwei Mal weggelaufen ist? Du bist gesprungen, als du am schnellsten gelaufen bist. Todesmutig, wild entschlossen. Halte daran fest!

Er hat ja recht.

Aber war wirklich Mut oder nur Leichtsinn?

Und dann ist da noch ein anderer Hamster. Er ist auch ein wilder Hamster. Ein dicker, fauler Hamster. Er sagt, er hat das Rad verstanden. Er rennt gerade genug, um weiter ein dicker Hamster bleiben zu können. Er will das Rad nutzen, um zu bekommen, was er will. Und dann will er wieder in die Wildnis zurückkehren. Er will, dass ich mit ihm im Rad laufe, er meint, dann geht es leichter. Und wenn wir lange genug gelaufen sind, dann will er mich mitnehmen, zu seinem Stamm. Aber das ist nicht auf meiner Insel und sie leben in Bauen. Aber ich mag ihn sehr und ich fühle mich wohl mit ihm und ich habe nicht so viel Angst, wenn er bei mir ist. Und ich weiß, dass er sehr traurig wäre, wenn ich einfach ohne ihn zu meiner Insel weiterzöge. Und ich will ihn nicht traurig machen. Und ich will ihn nicht verlieren.

Der wilde Hamster und ich sitzen zusammen im Nichts und mit ein bisschen Neid denken wir an die Hamster, die sich in ihren Rädern eingerichtet haben. Die sich darin wohl fühlen. Oder auch nichts vermissen, weil sie gar nichts anderes kennen. Wir wissen, dass wir nie so sein können. Weil wir den Wind der Freiheit gerochen haben. Für uns ist es zu spät.

Dann nehmen wir unsere Bündel mit Zweifeln und ziehen weiter. Jeder auf seinem Weg.

Ich frage mich, ob ich ihn in der Freiheit wiedertreffen werde.

Der Wind fährt unter mein Fell, aber er bewirkt nicht viel. Es ist noch zu glatt gestriegelt…