Love thy neighbor reloaded

Drei Jahre war ich mit gefühlt hundertjährigen, supersüßen Nachbarn gesegnet, von denen ich praktisch nur die Kuckucksuhr mitbekam. Fast schon hatte ich das Helene-Fischer-Trauma verdrängt.

Nun wohne ich in der Spießerzone, ihr kennt das, Ortsrand, 30er-Zone, Backsteinhölle, Reihenhäuser, Einfamilienhäuser, Vorgärten, Rasenmäherkonzert, Koi-Teich, Spießerzone. Das Haus, in dem ich wohne, ist das einzige hässliche Mehrparteienhaus in der Straße. Ich wohne unten, Terrasse, Garten zur Alleinnutzung. Über mir ein Typ, Balkon, Treppe zu seinem Garten zur Alleinnutzung. Geht nahtlos über in meinen, aber meiner geht um die Ecke, auch die Terrasse ist an der anderen Hausseite, Blümchen, Idylle, Ruhe. Katzenspielwiese. Wuchernder Löwenzahn, muhahaha.

Von oben kommt wochenlang eigentlich nur Schnarchen. Regelmäßiges Schnarchen, nach dem man die Uhr stellen kann: In der Woche von 0 bis 5:30 Uhr, dann Dusche, dann Abfahrt. Rückkehr um 16:30 Uhr. Am Wochenende kommt noch ein Mittagsschlaf dazu. Spießerzonenangemessen. Das einzig Unspießige: Er mäht seinen Rasen genausowenig wie ich. Im Grunde habe ich noch nie gesehen, dass er seinen Garten betritt.

Vergangene Woche dann: Rumpeln, Schreien, Rumpeln, Undefinierbares, alles ziemlich laut. Ich frage mich, ob es sich um sehr harten Sex, einen irren Drogentrip oder häusliche Gewalt handelt. Am Montag raffe ich mich auf, beuge mich dem sozialen Druck und mähe den Rasen, die anderen Nachbarn gucken schon mit Herzrasen auf meinen ausgeblühten Löwenzahn. Gehe jede Wette ein, dass der Nachbar oben spätestens am Samstag auch zum Mäher greifen wird. Spießerzonenzugzwang.

Mittwoch erstmal: Schreie. Eine Frau schimpft ihn Arschloch, Türenrumpeln, Stampfen im Treppenhaus, Abfahrt.

Freitag mäht er den Rasen.

Samstag werde ich wach, weil die Katze hektisch über mich rennt, weil der Nachbar vor meinem Schlafzimmerfenster einen Rasenmäher angeworfen hat – Benziner. Und MEINEN Rasen mäht. Ich taumle auf die Terrasse. „Warum mähen Sie meinen Rasen?“ „Hier mäht ja keiner!“, bellt er. „Aber ich hab doch gemäht!“ (Vor dir, du Pfosten, und dein Rasen hat mehr Sonne, der stand noch höher!) „Die Kanten müssen auch gemäht werden!“ Wirft den Mäher an und schreddert meine Lupinen. Aus Muddis Samen gezogen, jahrelang gepflegt und liebevoll umgezogen. Erdbeerblätter fliegen durch die Gegend.

Ich zieh mir erstmal was an, er hat schon alles getötet, was man töten kann und ich stehe in seinem Garten. „Kanten hin oder her, wie wärs, wenn Sie nächstes Mal bei mir klingeln und mit mir reden?!?!!?!“ Und er hält mir einen Vortrag, warum unser Gemeinschaftsmäher nicht für Flächen dieser Größe geeignet ist. (Ich behaupte: Das Problem ist weniger der gar nicht mal sooo große Garten, sondern die anderen Nachbarn, die den dritten Gartenanteil haben und den Rasenmäher immer mit leerem Akku im Schuppen parken…) „Kein Grund meine Pflanzen zu töten“, finde ich und gucke wild. Und überhaupt: In MEINEM Garten MUSS gar nichts! Er schwafelt was von „früher hats der Hausmeister gemacht“ und ich finde, er ist nicht mein Hausmeister, meinen Garten mähe ich selber und ich habe da mit Absicht Grün gelassen UND DA STANDEN EINFACH AUCH PFLANZEN VON MIR!!!

Halte das Thema für geklärt, gehe wütend und fassungslos duschen, fühle mich bevormundet und verunsichert, dass der da einfach durch meinen Garten Amok mäht und überhaupt. Sitze am Frühstückstisch und sehe, wie er mit dem Kantenschneider durch meinen Garten amokt.

WAS IN DREI TEUFELS NAMEN?!?!?!?!?!?

Ich schreie, er soll gefälligst aus meinem Garten verschwinden und er ignoriert mich einfach. Legt in aller Seelenruhe das hässlich graue Zaunfundament der Nachbarn frei.

Wenn der sich seiner Alten gegenüber auch so verhält, verstehe ich das mit der häuslichen Gewalt, ich an ihrer Stelle würde auch auf ihn einschlagen.

Und ich bin mit den Nerven runter. Hysterisches Heulen. Eh ein bisschen dünnhäutig dieser Tage, wegen Rumgesterbe und so. Und dann kommt da so ein Typ und zerstört mir Blümchen, Idylle, Ruhe. Jedes Mal, wenn ich draußen irgendwas höre oder sich bewegen sehe, zucke ich zusammen. Fühle mich beobachtet und angreifbar. Muss ich jetzt dauernd damit rechnen, dass der durch meinen Garten wütet? In meine Wohnung spannt?

Was STIMMT denn mit dem nicht? Wie zum Teufel kommt man auf sone Idee? WARUM?!?!?!?

Warum mir Optimismus nicht liegt

Ich weiß ja nun schon seit Monaten, dass meiner Freundin J. wohl nur Monate bleiben. Ich habe schon unfassbar viel geheult, weil mir Monate nicht reichen. Ich habe nächtelang wach gelegen, weil mich der Gedanke daran, wie es ihr gehen muss, quält. Ich bin wütend, weil dieses Drecks-Corona ist und sie da ist und ich hier. Und weil das absolut nicht ok ist, wenn man nicht mal mehr noch mal ans Meer kann, weil Drecks-Corona ist. Und weil ein Drecks-Arzt im Sommer so unfassbar geschlampt hat und DAS übersehen hat. Obwohl es da wahrscheinlich auch schon zu spät war.

Ich habe mich von Anfang an gefragt, warum man ihr noch Chemo antut und warum sie sich das geben will, aber ich bin kein Arzt und es wird schon Gründe geben. Sie ist guter Dinge und sie ist optimistisch und ich verdränge, dass nur noch Monate bleiben, während Monate vergehen.

Es ist ein neues Jahr und vielleicht wird alles besser und sie kommt vom Arzt und sagt, die Metastasen haben sich zurückgebildet, beim Tumor gibt’s keine Veränderung und ich denke, hm ja, naja, besser als nix und vielleicht war die Chemo doch zu was gut.

Und ein paar Tage später bittet sie mich, ihren Befundbericht in normales Deutsch zu übersetzen, sie kapiert es einfach nicht. Und mit jedem Satz, den ich übersetze, denke ich mehr, dass der Arzt es mit Absicht kompliziert formuliert hat, damit sie nicht kapiert, was da los ist. Beim letzten Satz, der im Grunde auf Latein deutscher Grammatik verfasst ist, schlage ich den Laptop zu, will dieses Google löschen und heule so laut, dass die Katze erschrocken untern Schrank rutscht.

Es ist eine Beschreibung wie aus dem Lehrbuch, wie sich der Tumor durch Organe und Strukturen frisst, wie er sich immer weiter ausbreitet und eine Spur der Verwüstung hinterlässt. Es klingt wie ein steriler Versuchsaufbau, ein anonymer Körper, doch für mich und für sie ist er alles andere als anonym.

Ich brauche ganz schön lange, um ihr die Übersetzung zu schicken. Ich schicke sie kommentarlos, was könnte ich dazu schon sagen?

Sie hat keine Fragen. Sie schreibt nur: „Ich dachte, dass ich ein bisschen mehr Zeit hätte.“

Nachtrag

Bei dem ganzen Drama hatte ich schon verdrängt, dass ich morgens ja noch bei der Bahn anrief, um zu fragen, wo denn eigentlich meine neue BahnCard bleibt, die bereits seit dem Wochenende gültig ist. Nach längerem Gediskutiere stellte sich heraus, dass die an meine alte Adresse geschickt wurde.

Hö? Habsch doch geändert bei euch in diesem Internet. Jahaa, die Anschrift. Aber nicht die Rechnungsadresse.

HÄ? Ich hab doch hier ne Rechnung in der Hand???? Die hab ich nicht aus dem 300 Kilometer entfernten Postkasten geholt, an dem seit Dezember nicht mehr mein Name steht.

Nun ja, nun ist das so, nun müsse mir eine Ersatzkarte ausgestellt werden, die kostet 15 Euro.

ALTA, WOLLT IHR MICH VERARSCHEN?!

Hätte ich geahnt, wie der Tag weitergeht, ich wäre tatsächlich über Berlin gefahren, um die Bahnzentrale abzufackeln. Hätte weniger lange gedauert, als die irre Tour, die ich da machte.

Und dann latschte mir noch das Pony auf den Fuß, als es sich an mir vorbeidrückte, um  hinter mir vor den übermütigen Jungspunden, von denen es sich bedrängt fühlte, Schutz zu suchen. (Die wilde Darf man das? vertreibt auch Warmblutriesen, fauuuuch.)

Immerhin – man soll den Tag ja immer mit einem positiven Gedanken beenden: Es latschte auch auf den Zeh, den ich mir vor Monaten brach und der seitdem permanent mimimit und ich setzte schon an, um gewaltig vor Schmerz zu brüllen… War dann aber gar nicht so schlimm. Scheint zu werden.

Axt -> Kopf

Müde, genervt, durchgefroren, Blase voll.

Ich eile nach Hause.

Jemand macht mich von der Seite an.

Zu müde, zu genervt, zu durchgefroren, Blase zu voll, um auch nur ansatzweise zu reagieren.

Ich eile weiter.

Noch jemand macht mich von der Seite an.

Alta, hab ich n 1000-Mark-Schein anner Buxe klemmen, oder watt?!?

Zu müde, zu genervt, zu durchgefroren, Blase zu voll, um auch nur ansatzweise zu reagieren.

Ich eile weiter.

„Hallo, Schönheit!“, kommt von der Seite.

ALTA!

Ich eile weiter.

Und er rotzt mir gegen die Buxe.

Vollbremsung.

Gewaltanwendung.

#%§$&#

Langsam-den-Hals-umdrehen

Im kommenden Monat ist mein Geburtstag.

No. 1a und ich planten, das Wochenende danach zu nutzen, um ihn gebührend zu begehen.

Unser Megapartyplan: Das ganze Wochenende im Schlafanzug rumlungern und Serien gucken. Wegen der Nostalgie und so.

Da schreibt sie mir, ob ich zufällig schon am Freitag nach meinem Geburtstag frei hätte. Dann würde sie dann schon kommen und am Wochenende in die Nachbarstadt fahren und ihren Ex besuchen.

😮

wtf???

Übrigens schon das zweite Mal, dass sie mich an meinem Geburtstag wegen eines Typen hängen lässt…

Drecksalltag

Hmmm, das waren noch Zeiten.

No. 2 und ich ziehen ohne Ziel, ohne Verantwortung durch Patagonien/Skandinavien/Atacama. Einziges Limit: Das Ende der Semesterferien am Horizont.

Erwachsen sein ist doch doof. 48 Stunden, Wochenende alle, der Alltag ruft.

Das ist NICHT zufriedenstellend.

Grummelbrummel.

:( -> :)

Voll der ätzende Tag.

Die dämliche #%§$&# Arbeit geht mir SO auf die Nerven, der Chef mault und mir passiert zum 10millionsten Mal der gleiche Fehler.

Ich hab Bauchweh, ich hab Kopfweh und ich hab Fernweh.

Is doch alles scheiße.

Acht Stunden endlich abgesessen, nach Hause geschleppt, ich hab solche Schmerzen, ich kann mich kaum aufrecht halten.

Endlich im Bettchen.

Mein Handy klingelt.

Eine mir unbekannte Nummer. Da geh ich ja sonst nicht so ran. Schon gar nicht um die Uhrzeit. Auf der anderen Seite: Wer mich kennt, weiß, dass ich um diese nachtschlafende Zeit erst Feierabend mache.

Ich gehe ran.

No. 3

Hast du was dagegen, wenn ich morgen Abend komme?

Ich muss mir ein freudiges Kieksen verkneifen.

Neiiiin!!!

Vor lauter Grinsen kann ich nicht schlafen 🙂 🙂 🙂

To some of my friends

Meine Lieben!

Ich hab euch wirklich lieb. Sonst wärt ihr nicht meine Freunde.

ABER:

Könntet ihr bitte eure Ärsche in eure Hosen packen?

Entscheidungen treffen?

Schlussstriche ziehen?

Pflaster abreißen?

Mit der Faust auf den Tisch hauen?

Immer dieses Rumgeeiere und Rumgejammere. Das scheint ansteckend zu sein…

Aber ja, ich höre zu, ich tätschle Schultern, ich rate, ich mahne, ich warne.

Fragt aber bitte nicht nach mir. Ich geh woanders eiern und jammern…