Erdnussmomente

Am Ende bin ich doch zu der Beerdigung gefahren. Weil es immer noch unvorstellbar ist, dass J. wirklich tot sein soll. Weil ich gehofft habe, dass es vorstellbarer wird, wenn ich sehe, wie sie beerdigt wird. Und weil man mir gnädigerweise mitteilte, dass die erlaubte Personenzahl erhöht wurde, wir müssen uns nur alle mit nem Stäbchen in der Nase rumfummeln lassen. Wie das so ist in diesen Tagen.

Auch der Dresscode wurde durchgegeben. Dass kein Schwarz gewünscht ist, war klar, wir kennen doch unsere J. Doch nicht nur das: Erbeten werden Pink, Glitzer und Pailletten. Da kann ich beim besten Willen und aller Liebe nicht mit dienen. Mein Schrank bietet in erster Linie: fröhliches Schwarz.

Also stehe ich vor der Kapelle in fröhlich schwarzer Jeans und wegen der allen Liebe in weißen Turnschuhen – denn sie hat jahrelang versucht mich von Turnschuhen zu überzeugen und triumphiert als ich mir fürs Segeln welche anschaffte (und nur fürs Segeln!) – und in dem Pinkähnlichsten, das ich meinem Schrank entlocken konnte – auch wenns keiner sieht: dem rosa Tanga. J. hat nie verstanden, warum ich Tangas nicht mag. „Auch nicht im Sommer?!“ Nee, grad nicht im Sommer! Es gibt elegantere Gesten als sich den zwackenden Krustenkratzer, wie die Québécois sagen (nutzlose Vokabeln, die ich auch dann nicht vergessen werde, wenn ich schon meinen Namen nicht mehr weiß), aus der Arschritze zu klauben.

Ich bin in strahlendem Sonnenschein losgefahren, doch kurz vor dem Ziel kommt J. auf ihrer Schlechtwetterwolke angerudert und macht maximales Drama. Wie üblich. Erdnuss gefällig? Doch als der Typ mit der pinken Krawatte auftaucht, verzieht sie sich.

Der Typ mit der pinken Krawatte ist ein stadtbekannter Politiker einer bundesweit bekannten Partei mit C wie Zukunft und ist gelegentlich durch J.s Bett gerutscht. Aber eigentlich schon vor langer Zeit mit Schimpf und Schande davongejagt worden. Das hatte einfach keine Cukunft. Ich ziehe mir eilig die Maske übers Grinsen und am Prusten hinter mir erkenne ich die andere J., die ich bisher nur vom Telefon kannte.

Es ist eine kurze, pinke, formlose Zeremonie mit deutlich weniger Personen als das Drama erahnen ließ, die andere J. schummelt noch die Urne von Kater Paul mit in die Urne und irgendjemand muss mir mal erklären, wie man das mit dem Rotz unter der Maske machen soll.

Am Ende stehen wir unter einem Baum und man schmeißt pinke Rosenblätter in ein Loch. Der Bestatter hält mir das pinke Körbchen hin aber ich lehne dankend ab: Ich kippe eine Handvoll Erdnüsse auf die Urne. Der Bestatter guckt komisch, die Mädels hinter mir gackern. J., du warst doch eine alte Tratschtante!

Wir stehen unterm Baum und man befindet: perfekter Platz. Da wo am meisten los ist. Hat sie was zu lästern. Kann sie Erdnussmomente haben. Und Erdnüsse werfen.

Der Typ mit der pinken Krawatte geht und die nachtschwarze Wolke rudert an. Die andere J. befindet: Das dauert ihr zu lange. Sie hasst viel Gewese. Und sagt zu ihrer Freundin M. auf mich zeigend: Nehmen wir sie noch mit? Und M. sagt: Sie gehört doch zur Erbmasse. Und ich werde mitgeschleppt auf einen „Latte Matschaaato“ in J.s Ehren, Kekse und Spaghetti mit heilender Sauce.

Wir quatschen, als kennten wir uns ewig, eine winzige Katze adoptiert mich auch und finden, dass die J. schon nen ziemlich guten Geschmack hatte. Auf dem Tisch krabbelt eine widerborstige Ameise, die sich einfach nicht raustragen lassen will und wir sind uns ziemlich sicher, wer da wohl reinkarniert ist…

Die andere J. zeigt mir ein Foto, das ich schon ganz vergessen hatte. J. hat es in Barcelona gemacht. Es sind nur unsere Füße drauf, unsere vom Barcelona-Marathon geschundenen Füße. Die Turnschuhe sind wohl nicht deine, hm?, sagt die andere J. Nee, meine Füße sind die mit den Sandalen, die J. mir mal geschenkt hat. Die Sandalen haben den Barcelona-Marathon nicht überlebt, sie wurden feierlich im Hotel-Mülleimer beerdigt.

Statt der Schuhe brachten wir den Erdnussmoment mit. Auf dem Hinflug wurden – ogottogott – keine Snacks serviert, weil jemand mit schwerer Erdnussallergie an Bord war. Meine Sitznachbarin verlor völlig die Fassung, weil sie nicht verstehen wollte, warum wir auf dem zweieinhalbstündigen Flug alle VERHUNGERN sollen, bloß weil da einer ne Erdnussallergie hat. Ist doch sein Problem, nicht unseres. Als der Flugbegleiter versuchte, ihr klarzumachen, dass es NOCH länger dauert, bis sie was zu futtern kriegt, wenn wir notlanden müssen, weil die Person einen anaphylaktischen Schock erleidet, versuchte sie, uns auf ihre Seite zu ziehen. Aber wir waren in ein SEHR wichtiges Gespräch vertieft. Als ich an der Gepäckausgabe auf unserer Handgepäck, das wir am Ende doch aufgeben mussten, wartend, total gestresst von der hysterischen Verhungernden ungeduldig zu knurren begann, meinte J. staubtrocken: Krisst wohl grad nen Erdnussmoment, wa?

Wir sind die Königinnen der Erdnussmomente. Ihre Wolke ist ein einziger Erdnussmoment.

Nee, ich finde es immer noch unvorstellbar, dass J. einfach nicht mehr da sein soll.

Monate aufgebraucht

Da sind sie hin, die Monate. Keine fröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz mehr. Einfach gar keine Nachrichten mehr.

Ich stelle fest: Ja, es gibt sie. Eine Welt ohne J. Aber die macht keinen Spaß.

Und dann meine liebe Trude! Ich find ja nett, dass du versprochen hast, auf deiner Wolke hier vorbeizurudern. Aber kannste dafür vielleicht nächstes Mal ne Schönwetterwolke nehmen?

Isch over!

Nun denn, es ist vorbei.

Der Chef hat noch mal ein bisschen Kreide gefressen und in der Redaktionskonferenz eine Ansprache gehalten. Sich daran erinnert, dass ich hier ankam und sofort alles lauter wurde. Und schon nach wenigen Tagen hätte ich die Ärmel hochhgekrempelt und den Laden aufgeräumt. Tatsächlich erkannte er an, dass die Vervierfachung der Reichweite zu großen Teilen auf mein Konto geht. (Bitte, gern, hätte ich geahnt, was ihr damit tut… Ich hätte die Ärmel ja unten gelassen.) Meine Arbeit sei auch im Verkauf bemerkt worden, wo sich diese direkt in klingende Euros verwandelt habe. Ich sei also jeden Cent wert gewesen! (Hätte man mir ja auch jeden Monat drei Cent mehr überweisen können, aber hey, muss ich mich mit der feurigen Ansprache zufrieden geben.). Und wie ich diesen Herrn B. in Schach gehalten habe! Wie sich das keiner getraut hat. Und wie ich den eitlen Fatzke Starreporter immer wieder zu Höchstleistungen angespornt und seinen Ehrgeiz angepiekt habe… „Wir alle wissen um Ihr besonderes Verhältnis mit Herrn B., Frau Fragezeichen!“

Ich wollte den Herrn B. eigentlich noch persönlich anrufen und tränenreich Abschied nehmen, aber er kam mir mit einer Nachricht zuvor, die da begann mir: „Schatzi! Die Dödels wissen doch gar nicht, was uns verbindet!“ Und dann viel Gutes und Herzchen und so. (Hat er den Chef grad Dödel genannt?!?) Ich antwortete dem „Mausi“, dass ich sofort wiederkomme, wenn er der neue Chef wird! (Schon interessant, dass ich ihn, der irgendwie auch mein Vorgesetzter ist, regelmäßig als faul, lahm und Krawallbürste bezeichne und ihn immer an die verstreichende Zeit erinnere, und er mich dafür Schatzi nennt…)

Später in der Redaktion, als ich meine Sachen abgebe, läuft der Chef mir natürlich über den Weg und schwurbelt noch ein bisschen, verzeiht mir den „Fersenschuss“ aus der Meuterei-Konferenz von neulich und sagt: „Wir nehmen Sie jederzeit wieder zurück! Sie diktieren die Bedingungen!“ Ich will nur noch mit Herrn B. reden müssen, sage ich, aber der Chef findet das etwas schwierig in so nem Team und wenn der Herr B. mal Urlaub ist…

Ausgerechnet die Unperson ist auch da, wir reden freundlich über Katzen und Umzügen mit solchen und sie fragt mich, ob ich denn auch privat mit Herrn B. in Kontakt bleibe und wir uns dann auf WhatsApp sexten. Waaaaa? Irgendwie kriegen alle unsere innige Beziehung in den falschen Hals. (Der Herr B. hat gar keine privaten Kontaktdaten von mir.)

Es sind auch ein paar liebe Kollegen da, wir quatschen ewig, wir sind alle bemüht, nichts ins Auge zu kriegen und sind uns alle einig: Es ist im Grunde tragisch. Es ist so eine schöne Gegend, es sind so tolle Leute, es ist eigentlich n geiler Job, der einem viele Freiheiten bietet, und wegen drei Spackos! – dem Chef, dem fetten Arschloch und der Unperson – gehe ich und alle anderen sind unglücklich. Und jetzt ist da auch noch ne Online-Chefin, die die Frage, ob sie über Wlan mit dem Internet verbunden ist, nicht beantworten kann, die eine Seite nicht neu laden kann, die nicht wusste, dass Replys auf Twitter für alle Welt sichtbar sind, die eine Pressemitteilung nicht finden kann, die schon mehrere krasse Falschmeldungen produziert hat… Also eine richtig kompetente Online-Chefin… Für die, die bleiben, wirds nicht leichter. Und mein Weggang machts noch schwerer. Das tut mir ganz schön leid…

Es ist ein bisschen wie nach einem langen, sehr realistischen Alptraum. Ich bin aufgewacht, aber ich bin noch nicht sicher, ob es wirklich vorbei ist. Vielleicht kommt nach dem Kaffee die Euphorie.

Noch 11 Arbeitstage

Weil in der Redaktion Meuterei droht, gab es eine große Gesamtkonferenz, um über Dinge zu reden. Natürlich war es die große Chefchef-Show. Also im Grunde nutzlos.

Das Gute an Online-Konferenzen: Man kann ungeniert BULLSHIIIIIIIIIIIIT ins ausgeschaltete Mikro brüllen.

Das Schlechte an Online-Konferenzen: Man brüllt so viel und so ausgiebig BULLSHIT BULLSHIT BULLSHIT ins ausgeschaltete Mikro, dass man größere Mengen Eis schlecken muss, um den gereizten Rachen zu beruhigen.

Irgendwann habe ich das Mikro angemacht. Ich hielt einen längeren Vortrag. 30 Sekunden lang war der Chef danach still.

Und ich bekomme sehr süße Nachrichten von den Kollegen. Sie müssen die Chefredaktion wegputschen. Dann komm ich sofort zurück! LIEBE! (Und noch ein Eis.)

Im engsten Familienkreis

Im engsten Familienkreis kommen wir auf 30 Mann. Und das nur, weil mein Bruder, ich und drei unserer Cousinen so fortpflanzungsunwillig sind.

Außer meiner Oma verbindet uns alle nicht viel. Der preußische Stock im Arsch. Der Galgenhumor. Die albernen Einhorntaschentücherpackungen vom Aldi, die wir alle schniefend in der Kapelle aus den Jackentaschen ziehen. Dass wir eigentlich alle ganz froh sind, dass die Möwen die Worte, die die komische Pastorin am Grab noch von sich gibt, übertönen. Und dass Oma eine ruhige Ecke mit Meerblick hat.

Wir sind alle so unterschiedlich, dass es für 6 Familien reicht. Und auch wenn ich glaube, dass jede Familie so ihre Scheiße mit sich herumträgt: An uns kann sich noch so mancher Telenovela-Autor inspirieren. Wir hatten schon alles dabei, was in eine gute gehört. Und noch viel mehr.

Umso schöner, dass wir es alle geschafft haben, uns für einen Tag lang würdevoll und zivilisiert zusammenzusetzen und Aldi-Taschentücher vollzuschniefen.

Ich glaube, es war das erste Mal, dass Oma nicht ein einziges Mal Grund gehabt hätte, zu verkünden: Ihr seid so ungezogen!

Und ja, das ist noch etwas, was uns verbindet: Wir sind alles, nur nicht gezogen. Den preußischen Stock kann man auch zweckentfremden.

Ihre Gene eben…

Ein Pferdemädchen ohne Pferd ist eben nur ein Mädchen

Mir fehlt ein Teil von mir. Ein 850 Kilo schwerer Teil.

Ich war noch in der Grundschule, als die Große zu uns gekommen ist. Ich weiß nicht mehr so genau, wie ein Leben ohne sie aussah. Und was ich eigentlich mit meiner freien Zeit gemacht habe…

Ihr Tod quält mich. War das wirklich die richtige Entscheidung? Für sie? Für mich? Hätte man nicht noch warten können? Habe ich viel zu lange gewartet?

Wäre es ihr akut schlecht gegangen, könnte ich wohl besser damit leben. So habe ich das Gefühl, es hat nur uns und dem Tierarzt in den Kram gepasst.

Am Ende war auch alles so hektisch. Da ist ja noch das Pferd meiner Mutter, wir mussten die beiden trennen, ohne dass sie den Braten riechen und ausrasten. Den richtigen Moment abpassen und dann schnell, schnell.

Meine Große war – nach der ersten  Was-ist-den-mit-der-Alten-was-will-die-denn-Haltung – am Ende sehr anhänglich und hat die Aufmerksamkeit genossen. So ist sie mir dann, ganz eng an mich gekuschelt, auf ihrem letzten Gang artig gefolgt  und nicht – wie man es von ihr erwartet hätte – beim Anblick des Tierarztes getürmt. Jetzt habe ich das Gefühl, mir ihr Vertrauen erschlichen und es missbraucht zu haben… Auch wenn ich mir einzureden versuche, dass ich ihr nur Stress erspart habe.

Ich habe nicht das Gefühl, mich richtig von ihr verabschiedet zu haben. Ihr gezeigt zu haben, dass das alles nicht stattfindet, um sie zu ärgern. Dass meine Anwesenheit bedeutet, dass ich sie lieb habe. Dass es mir leid tut, um all die Zeit, die ich mir nicht für sie genommen habe. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie ein Biest war. Um all die Male, die ich aus der Haut gefahren bin, weil sie die Kooperation eingestellt hat, weil ICH einen Fehler gemacht hatte.

Es fühlt sich unvollständig an, weil ich mir nicht den einen kleinen Moment genommen habe, sie nach ihrem Tod noch einmal zu kuscheln. Weil ich meine Mama nicht so lange allein mit dem anderen Pferd lassen wollte. Weil ich nicht einschätzen konnte, wie er reagiert. Weil wir ihn schließlich auch versorgen mussten. Da man ein Pferd nicht alleine halten kann, haben wir ihn vorübergehend in einem nahegelegenen Reitstall untergebracht. Die Haftanstalt, wie ich ihn nenne. Als ich das arme, eingeschüchterte Tier zwischen lauter fremden, unfreundlichen Pferden in der Gitterbox da zurücklassen musste und er mir kläglich hinterherwieherte, ist mir gleich noch mal das Herz gebrochen…

Dass ich für das andere Pferd einfach noch ein bisschen weiter funktionieren musste, hat mich vor einem Zusammenbruch auf freiem Feld bewahrt. Aber ich fürchte, es wird mich noch ewig verfolgen, dass meine letzte Erinnerung an die Prinzessin ist, wie meine Hand ihre noch warme Nase berührte, als ich sie zudeckte. Und ich weggezuckt bin, weil ich darauf so gar nicht vorbereitet war…