Was machst du da eigentlich den ganzen Tag?

Ist das nicht furchtbar langweilig da draußen in der Provinz? Da kann man doch NIX machen!

Ja stimmt. Bleibt bloß weg. Es ist nicht auszuhalten.

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In diesem Sinne: Schöne Grüße aus der langweiligen Provinz!

 

Probleme über Probleme

Unbenannt

Mehrere Probleme. Eins davon: Ich besitze exakt NULL Paar Turnschuhe. Und erst recht keine rutschfesten.

Und: Welchen Bären soll ich mitnehmen?!?

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Gesprächsfetzen

Unterhaltung mit einem Freund aus Lateinamerika:

… Aber die Bahn hat den ICE ja nicht gebaut, sondern Siemens.

Ich dachte Siemens macht nur Waschmaschinen.

Naja, ICEs, Waschmaschinen, das ist doch vergleichbar.

Ja, nur das Waschmaschinen deutlich billiger sind als…

… als son Zug, beendet mein Gehirn voreilig den Satz.

… als son Bahnticket, sagt er.


Wo er recht hat…

Heißes Wachs

Es gibt Frauen, die heißes Wachs ganz pragmatisch zum Enthaaren benutzen.

Es gibt Frauen, die mit heißem Wachs wahnsinnig erotische Erlebnisse haben, Lustschmerz und so und überhaupt dieses Gefühl, wenn das heiße Wachs auf der Haut langsam kalt und fest wird… schnurrr.

Und dann gibt’s da mich. Die Frau, die die Beine genüsslich genau dann unter dem Balkontisch ausstreckt, als die Kerze beschließt, großzügig überzulaufen, sich dann wundert, woher denn an diesem furztrockenen Tag so viel Wasser auf ihren Fuß tropft, dann merkt, dass es kackenheiß ist, sich erschreckt, heftig zusammenzuckt, den Tisch umreißt und den Rest heißen Wachs dann auf ihren Oberschenkel kippt.

Gestatten: Darf man das? – stets überaus sexy und grazil.

Kryptonit

In Chile kommt man fast überall, wo es einigermaßen befahrbare Straßen gibt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin. Schon allein, weil längst nicht jeder ein eigenes Auto hat.

Da sind zum Einen die Fernbusse, die zu unschlagbaren Preisen Städte im ganzen Land miteinander verbinden. Kein Vergleich zu unseren unbequemen Rumpelfernbussen: Über hunderte und tausende Kilometer wird man stundenlang praktisch liegend transportiert, ein Steward kümmert sich um alles, es gibt saubere Decken und Kissen, Klimaanlage, Schnickschnack. Wenn man irgendwie geistesgestört ist und nicht so viel Wert auf  Körperpflege legt, kann man sich vier Tage lang die 5000 Kilometer von Arica nach Punta Arenas fahren lassen. Das Schlimmste was man machen kann: Mit einem Bus über mehrere hundert Kilometer zum Flughafen fahren und sich dann im Flieger in die Holzklasse zwängen. Plötzlich weiß selbst ich Zwerg nicht, wohin mit meinen Beinen.

Dann gibt es die Überlandbusse, die einen in die kleineren Städte und Dörfer rund um die großen Zentren rumpeln.

In Santiago gibt es ein paar Metrolinien, die nur so mittelhilfreich sind. Im Großraum Concepción fährt der Biotren, der sich in den vergangenen Jahren wirklich gemausert hat und den ich zuletzt ganz praktisch fand.

In den Städten selbst nimmt man die Micro. (Am Anfang habe ich bei dem Namen gerade wegen des weiblichen Artikels irgendwie immer an Mikrowellen gedacht, völlig absurd.) Außerhalb von Santiago handelt es sich um klapprige Minibusse mit teils so schnöden Liniennamen wie Concepción – Coronel – Lota, teils fantasievolleren Kreationen wie „Las Galaxias“ oder „Vía Láctea“. Mein Favorit: Die „Rapidos“ in Chillán, die kreuz und quer durch die ganze Stadt zuckeln, vorbei an allem Wichtigen wie dem Busbahnhof, dem Bahnhof, der Kathedrale, der Plaza de Armas, dem Markt… Nur eben alles andere als schnell, wie im Namen behauptet.

Einige Micros sind schlicht gehalten, wieder andere sind überbordend geschmückt mit Girlanden, Fußballdevotionalien, blinkenden Lichterketten und dem Klassiker: Heiligen- und Marienbildnissen. Am schönsten: Die Jungfrau inmitten von rosa Rüschen. (Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es sich beim Micro-Fahren um ein höchst männliches Gewerbe handelt, ich sah noch nie eine FahrerIN. Ich ließ mir sagen, im Großraum Concepción seien zwei Damen unterwegs.) Auch gern genommen: Aufkleber mit religiösen Botschaften. „Jesus ist für dich gestorben!“ oder „Jesus lebt!“ (Watt denn nu?)

Wer die Micro nimmt, macht sich besser auf ein lautes Vergnügen gefasst. Die Dinger dieseln und klappern nicht nur ordentlich – vor allem, wenn sie im ersten Gang die Berge hochkriechen und nach jedem Halten erst mal drei, vier Meter zurückrollen -, sie haben auch fast immer musikalische Untermalung. Wenn man Glück hat, läuft einfach das Radio. Wenn man Pech hat, laufen Reggaeton und Cumbia in Dauerschleife und wenn man die ganz goldene Arschkarte gezogen hat, läuft traditionelle chilenische Musik. Bis die Ohren bluten. Und Teenies, die mit ihren Handys laut Musik hören, sind wohl ein internationales Phänomen…

Die Micros dienen nicht nur dem Fahrgasttransport: Dort steigen auch Straßenmusiker oder -künstler ein und bieten Show. Mitunter erzählt ein Prediger vom Tod oder vom Leben von Jesus (ich muss da wohl mal besser zuhören, dann versteh ich’s vielleicht). Meistens bieten fliegende Händler Süßes, Eis, Getränke und im Herbst geröstete Araukarien-Kerne. Man munkelt, es seien sogar schon Motorsägen in der Micro verkauft worden…

Der Fahrstil der Micro-Fahrer ist… interessant. Die haben es immer eilig. So muss man unbedingt vor der Konkurrenz an der Haltestelle sein (viele Fahrer sind Herren über ihr eigenes Gefährt). Dann wird schon während der Fahrt die Tür geöffnet, was im Sommer ganz angenehm sein kann, im Winter etwas frisch. Und noch während die Leute ein- und aussteigen wird schon wieder losgepest, die Tür kann man an der nächsten Ampel noch zumachen. Man ist also besser behände, barrierefrei sind Micros nicht.

Das andere Extrem sind Fahrer, die an der Haltestelle stehen und auch auf den trödeligsten Opi warten, der noch drei Häuserblocks entfernt ist und so aussieht, als könne er eventuell die Micro nehmen wollen. Da hat man besser keine Eile, denn dieses Schauspiel wiederholt sich an jeder Haltestelle, während drei andere Micros der gleichen Linie an einem vorbeidonnern.

Die Micros haben eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 40 in der Stadt und 80 außerorts – daran gehalten hat sich meines Wissens noch kein Fahrer. Schön fand ich den Fahrer, der mit 110 Sachen an einer Polizeikolonne vorbeirauschte und dabei noch wild hupte. Wild gehupt wird eh dauernd: Sei es um andere Micro-Fahrer einzuschüchtern, um potenzielle Fahrgäste auf das eigene Herannahen aufmerksam zu machen oder einfach so…

Auch nett: Der Fahrer, der auf der Ruta 160 morgens um 5 noch ein Schläfchen hielt. Die Straße ist Dutzende Kilometer lang schnurgerade, die Micro kennt den Weg. Besser, man weckt den Mann nicht auf, sonst verreißt er noch das Steuer.

Nicht zu verachten ist der Unterhaltungsfaktor einer Micro-Fahrt. Chilenen sind äußerst pragmatisch: Warum einfach Bus fahren, wenn man gleichzeitig Achterbahn fahren kann? Meine speziellen Empfehlungen: Eine Fahrt über die Brücke Juan Pablo II zwischen Concepción und San Pedro de la Paz, die nach dem Erdbeben 2010 etwas… uneben zurückblieb. Paar Stützen drunter und schon fließt der Verkehr wieder… Wenn die Micro-Fahrer dort alles aus ihrem Vehikel rausholen und Stoßdämpfer ein Fremdwort sind – yihaaaaa. Noch besser: Eine Fahrt von Caleta Tumbes den Berg runter nach Talcahuano, wenn der Fahrer mal aufs Klo muss. Am besten in der letzten Reihe in der Mitte sitzen und bei vollem Bewusstsein die Nahtoderfahrung machen. Alles zum Preis von weniger als einem Euro.

Praktisch: Eine Micro hält nicht nur an den Haltestellen, man kann auch einfach irgendwo rumstehen und sich eine ranwinken. Genauso kann man den Fahrer nett fragen (oder durch den ganzen Bus brüllen), ob man da an der Ecke rauskann.

Das Problem an der Micro: Es gibt keine Fahrpläne, was schon allein am wahnsinnigen Verkehr und den wahnsinnigen Fahrstilen liegt, aber auch an der schieren Masse der Micros und eben der Tatsache, dass viele Fahrer ihr eigenes Ding machen. Dann bleibt man halt morgens mal länger liegen oder schiebt abends ne Sonderschicht ein. Es gibt auch keine Tages-, Wochen-, oder gar Monatskarten, jede Micro wird einzeln bezahlt, muss man umsteigen, zahlt man halt zweimal. Und: Es gibt keine Linienpläne, höchstens im Bus selbst finden sich welche und auch nur für diese Linie. Wenn der Plan nicht vom Marienbild überdeckt wird. Vorne steht zwar die ungefähre Route dran, aber außer ein paar Orientierungspunkten wie „Busbahnhof“ oder „Mall“ sind die für Ortsunkundige eher nichtssagend. Weil man nicht unbedingt weiß, wo sich die benannten Straßen befinden und weil die Straßen meist kilometerlang sind. Was hilft es, wenn ich an einem Ende der Straße aussteigen kann, aber ans ganz andere muss?

Dazu kommen die wahrlich großartigen Wegbeschreibungn der Chilenen. „Steig aus, wo die Micro um die Ecke fährt.“ Danke für diesen Hinweis, eine Micro fährt pro Tour um mehrere Hundert Ecken. „Steig an der Plaza de Armas aus“, ist schon hilfreicher. Die Plaza de Armas liegt in der Regel im Stadtzentrum, ist recht groß, grün und meistens stehen Stauen oder Büsten von so Kollegen wie Bernardo O’Higgins oder Anibal Pinto drauf rum. Doof nur, wenn man die Plaza eines Ortes nicht kennt, denn große grüne Plätze gibt es auch gern mal mehrere und dann auch noch mit Kaspern drauf. Ich kann auch nicht behaupten, genau zu wissen, wie die beiden oben genannten Herren genau aussehen, der O’Higgins ist im Zweifel der uffm Gaul, das ist aber auch nicht gesetzt.

Nun gibt es noch die Colectivos, Sammeltaxis, die festgelegte Routen abklappen, bei wenig Fahrgästen oder nachts aber auch gerne mal einen kleinen Schlenker fahren, wenn man lieb bitte sagt. Könnte man schon weiter mit kommen, nur wieder das Problem: Fährt der überhaupt in die Nähe von da, wo ich hinwill?

So gut ich mich in Chile mit all seinem Chaos zurechtfinde (meine Freunde führen ein Darf-man-das?-Chilenisierungspunktekonto auf dem ich kurz vor der Einbürgerung stehe): Die Micros sorgen immer noch dafür, dass ich immer neue Ecken kennenlerne – wenn auch höchst unfreiwillig. (Minuspunkte ohne Ende auf dem Chilenisierungskonto.)  In Concepción habe ich monatelang jeden Weg zu Fuß gemacht, weil ich es einfach nicht hingekriegt habe. Ich bin zwar noch jedes Mal am Ziel angekommen. Dennoch merke ich jedes Mal, wenn ich wieder irgendwo ganz anders aussteige, als ich wollte, wie in quietschroter Leuchtschrift das Wort „Gringa“ auf meiner Stirn aufleuchtet… Seufz.

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Terra incognita

Der ICE schaukelt mich durch die Republik in eine Gegend, die ich sonst nur vom Durchfahren kenne. In der viel von „Heimat“ geredet wird. Die uns einen „Heimat“-Minister beschert hat. Und dessen „Heimat“-Definition nicht zu meiner Vorstellung dazu passt.

Der ICE schaukelt mich durch die Republik und ich schaue den Leuten beim Leben zu. Rausche mit 200 km/h an ihnen vorbei, ein kurzer Aufblitzer ihrer Existenz. Jungs, die einen Fußball durch eine enge Gasse kicken, ein Typ, der mit seinem Hund am Bach entlangläuft, ältere Damen beim Nordic Walking, man sieht wie sie laut lachen. Viele Menschen in Autos, auf dem Weg ins Wochenende. Schön ist’s hier. Kalt sieht’s aus. Das Gras glitzert vom gefrorenen Raureif. Wie gemalt. Ganz anderes Licht.

Ich gucke gerne Menschen beim Leben zu, stelle mir ihre Geschichten vor, frage mich oft, wer da so wohnt. Und vor allem: Warum? Wie trifft ein Mensch die Entscheidung, dass er sich jetzt hier niederlassen will? Es sind ja nicht alle so wie ich und folgen dem Job, wohin er sie treibt.

Manchmal beneide ich diese Unbekannten, aus deren Leben ich einen Sekundenausschnitt gesehen habe. Sie wirken alle sehr „zu Hause“.

Ich lebe seit 14 Jahren praktisch aus dem Koffer. Fast mein halbes Leben. Mal hier mal da und wieder zurück. Klar hab ich meine Heimat, das Land zwischen den Meeren, ungeschlagen. Aber ob ich da wieder dauerhaft leben wollte? Könnt ich gar nicht sagen.

Heimat, das sind irgenwie auch Menschen. Und die habe ich in der Heimat kaum noch. Überall verstreut auf drei Kontinenten habe ich meine Menschen. Ich war noch nie ein soziales Wesen. Über meine Herzensmenschen bin ich immer irgendwie und irgendwo zufällig gestolpert. Gezielt Netzwerke schaffen, Freundschaften schließen – da bin ich nicht gut drin. Am Ende fühl ich mich immer wie ein Fremdkörper.

Und so guck ich weiter anderen beim Zu-Hause-Sein zu und stell mir vor, wie’s is…

Dings ehm… erwachsen

Vor einiger Zeit erreichte mich Leserpost (YEAY, Leserpost! 📭). Der junge Mann schrieb (Ich hoffe, er verklagt mich jetzt nicht wegen Datenschutz und Urheberrecht): „Es ist einfach interessant Blogs auf WordPress zu finden von Menschen, die richtig im Leben stehen und sich aber trotzdem immer noch bisschen mit Kleinigkeiten in Sachen Beziehung und Sexualität abmühen.“

Gnihhihihi. Hihi. „Richtig im Leben stehen“. Ich. Haaaach. *Tränenwegwisch* Ich erfreue mich seit Wochen an diesen Worten. In diesem Sinne: Herzlichen Dank dafür.

Die Frau, die wochenlang mit der Anschaffung eines Autos haderte, weil ihr das zu erwachsen war (bin im letzten Monat übrigens mehr als 4000 Kilometer gefahren – und das ausschließlich an den Wochenenden und im Urlaub -, alles Strecken, die ich eh gemacht hätte, nur eben deutlich langwieriger mit der Bahn…), die Frau, die mit eingebildeten Freunden spricht, nicht weiß, was sie werden soll, wenn sie groß ist, ihren Haushalt nicht ordentlich führen kann, die steht also richtig im Leben. Hmhmm.

Aber daran sieht man mal, wie bereichernd der Austausch mit den Lesern so ist: In den vergangenen Wochen habe ich mir immer mal gesagt: Er findet, du stehst richtig im Leben. Eine richtig im Leben stehende Frau macht sowas. Und dann mache ich das.

Irre.