Liebes-Gesprächsfetzen Schleimer-Edition

Wie heißt eigentlich die neue Volontärin, fragt der Volontär. Ich hab mich noch gar nicht vorgestellt.

L., glaube ich, sage ich. Ich hab mich auch nicht vorgestellt. Möglicherweise weiß sie noch gar nicht, wie ich eigentlich heiße.

Na, DAS weiß sie besser!, sagt er streng.

Wieso das denn?, frage ich.

Na! Du bist hier die… – man sieht, wie er in Gedanken die Finger abzählt – … die ungefähr drittrelevanteste Person!

Wa?

Jetzt nimmt er wirklich die Finger: Na, die relevanteste Person ist Frau S. (die oberste Sekretärin). Wenn die mal nicht mehr hier is, können wir den Laden dicht machen. Dann wird das hier abgewickelt und wir tun so, als wär das alles nie passiert! (Wo er Recht hat…) Die zweitrelevanteste ist die IT. (Jaaa, naja. Ja.) Und dann kommst schon du. Na, und n bisschen der M.

Mein Lieblingsvolontär! ❤

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Zeitschleife

Ich sitze bei der Arbeit und ärgere mich die Pest über meinen Vorgesetzten. Ich verdrücke ein paar Wuttränen. Ich möchte würgen und treten. Ich überlege verzweifelt, wie ich aus dieser bekloppten Nummer wieder rauskomme.

Und oh weh, es ist wie beim letzten Job.

Suche: Tätigkeit OHNE MENSCHEN! Wirklich KEINE MENSCHEN. Ort egal. Vorzugsweise am Meer. Großraum Hamburg geht auch.

Kann: Muffen. Knurren. Beißen.

Kann nicht: MIT MENSCHEN!

Goldig

Der Arbeitsgatte findet, es sollte mir peinlich sein, dass ich dauernd mit dem Nerd „rumschäkere“.

Der Nerd macht sich gar nicht mehr die Mühe, seine Versuche als Scherz zu tarnen. Er macht ganz klar: Er will ficken! (Wobei ich sehen möchte, wie er reagiert, wenn ich sage, alles klar, fick! Ob er sich dann noch traut…)

Weil mir der Arbeitsgatte immer noch sympathischer ist, benutze ich ihn nach 1000 Tagen früh aufstehen als Kopfkissen. Dem Nerd zerfällt komplett das Gesicht. Der Arbeitsgatte riecht gut und ich bewege meinen Kopf keinen Millimeter von ihm runter. Er reicht mir Kaffee. (Wirklich ausgezeichnetes Arbeitsgattenmaterial!) Der Nerd wird unruhig.

Und markiert dann den ganzen Tag mit eindeutigen Bemerkungen sein Revier. Und irgendwann ranzt der Arbeitsgatte ihn an.

Ich hab stundenlang gelacht. Und jetzt muss ich mal ein Machtwort sprechen!

Rhetorikseminar für Gespräche mitm Chef Teil 1

Mein Chef nimmt in der Diskussion gerne Positionen des „gemeinen Bürgers“ ein, wegen der Lesernähe und so. Dumm nur, dass das alles nur in seinem Kopf stattfindet und er eigentlich keine Ahnung hat, was der „gemeine Leser“ so denkt.
Besonders gerne nimmt er die Position des allseits unbeliebten „besorgten Bürgers“ ein, um uns alle zu provozieren, uns dabei zuzugucken wie wir ausrasten und dann grinsend zu sagen: „Schreiben Sie das auf!“

Heute hat er sich als Ossi versucht. Nun stammt der Mann aus NRW und ist damit so Wessi wie geht. „Wir Ossis…“, setzt er zu einer eindeutig länger zu werden drohenden Rede zu uns vier anderen Wessis in der Runde an und ich unterbreche sofort: „Wir Ossis?!? Ja klar, SIE alter Ossi, natürlich!“

„Frau Fragezeichen, diskriminieren Sie mich gerade wegen meiner Herkunft?“, poltert er. „Haben Sie sonst noch etwas an mir auszusetzen, meine Hautfarbe vielleicht?“

„Naja, Sie sind ein alter, weißer Mann, Sie sind praktisch das Feindbild per se.“ Ich weiß schließlich auch, wie ich ihn maximal provozieren kann.

„Aha!“, mault er. „Sonst noch was? Mein Geschlecht vielleicht?“

„Hab ich doch grad gesagt, Sie sind ein alter, weißer Mann.“

Er steht auf und rennt aufgescheucht rum. „Möchten Sie vielleicht auch noch meine – vermutete – politische Überzeugung kritisieren?“

„Hab ich doch grad gesagt, Sie sind ein alter, weißer Mann.“ Ich muss das Kichern so sehr unterdrücken wie alle meine Kollegen.

Der alte, nicht mehr weiße, sondern Bluthochdruck-rote Mann hat Schnappatmung. Dann geht er dramatisch ab.

Und wir werden nie erfahren, was das nun mit „uns Ossis“ auf sich hat.

Das Wettbüro ist geöffnet

Habe einem Kollegen in der Küche geschildert, dass ich mal sehr happy war mit dem Job und jetzt nicht mehr – im Beisein des Printleiters, der gerade im Kühlschrank rumwühlte.

Es dürfen Wetten abgeschlossen werden, ob mich die Chefredaktion in den kommenden Tagen zum Gespräch bittet.

Und wenn nicht ist auch alles klar…

Gesprächsfetzen

Es ist sehr früh am Tag und ich bin mit einem Volontär allein in der Redaktion. Ich lese ihm die schönsten Facebook-Kommentare der Nacht vor.

„Macht die Augen auf, Leute! Wie diese Neubürger den Frauen hier ins Gesicht gucken!“ (Zahlreiche Ausrufezeichen wurden aus Lesbarkeitsgründen aus dem Zitat entfernt.)

ALTA!!!, sage ich. Die gucken den Frauen INS GESICHT. Stell dir das mal vor, INS GESICHT! Eins elf. Der Untergang des Abendlandes. Wo will die denn, dass die ihr hingucken?

Verschämt auf den Boden gucken?, fragt er.

ALTA, guck mir gefälligst auf die Brüste, wenn wir miteinander reden!!!

Er guckt verschämt auf den Boden…

Das Wort zum Samstag

Leute schicken Nacktfotos von einer Frau an die Redaktion. Verweisen auf ihre Vergangenheit als Escort. Es ist eine Kollegin – von den Leuten, die uns die Bilder schicken. Eine Frau, die sich ehrenamtlich politisch engagiert. Man schickt uns die Bilder, damit das auch ja öffentlich wird. Um sie zu diskreditieren.

Ganz unabhängig davon, dass ich die politischen Überzeugungen der Frau nicht teile: Was für Arschlöcher! Sowas Asoziales. Natürlich Typen. Die NATÜRLICH eine blütenweiße, klinisch reine Weste haben. Nicht.

Was ich unfassbar finde: Dass Nacktbilder immer noch geeignet sind, um einen Skandal auszulösen. Also bitte. Wie 1950er ist das denn? Sollten wir nicht längst darüber hinweg sein? Ich hätte jetzt zu gern eine Studie dazu, wie viel Prozent der Bevölkerung unter 60 schon mal Nacktfotos von sich gemacht haben. Oder haben machen lassen. Und was genau ist denn bitte an Nacktheit verwerflich? Jedes Werbeplakat ist heutzutage expliziter als die Fotos dieser Frau. Die hatte sogar noch nen Schlübbi an…

Ich frage mich, wie man auf Nacktbilder eines Mannes reagieren würde… Nur: Würden diese überhaupt zum selben Zweck verschickt?

Lustigerweise wird sich ja auch vor allem in konservativen bis rechten Kreisen über sowas aufgeregt. Und ausgerechnet von denen (bzw. deren Mitstreiterinnen) tauchen dann so Bildchen auf. Ich will ja keinem was unterstellen, aber kann mal einer die sozialen und politischen Überzeugungen von Dick-Pic-Versendern untersuchen…? Also, ich habe da so Vermutungen…

Dass eine Escort-Vergangenheit immer noch geeignet ist, einen Skandal auszulösen. Wie 1960er ist das denn? Natürlich kann man argumentieren: Sie hätte das einfach nicht verheimlichen dürfen und sich nicht so ein Saubermannimage geben dürfen. Klar ist das blöd, sowas kommt IMMER raus. Die klügere Variante ist, zu sagen: Ich hab da mal sowas gemacht. Ende. Ich würde nicht mal sowas anhängen wie: Ich war jung und brauchte das Geld. Oder: Heute würde ich sowas nicht mehr machen. Drauf geschissen, von mir aus können die da immer noch Bock drauf haben. Was ich nicht verstehe: Warum hat man ein Schmutzigmannimage, wenn man sowas macht oder gemacht hat? Sollten wir darüber nicht auch hinweg sein?

Seufz.

Übrigens haben wir uns in der Redaktion auch nicht mit Ruhm bekleckert. Zwar waren wir immerhin anständig genug, die Bilder nicht zu veröffentlichen (klopfen wir uns doch mal bitte gaaanz fest auf die Schulter 🙄). Aber rumgezeigt wurden sie schon. Und während ich noch meinte: Hm, wenn man damit Geld verdienen will, hätte man sich schon ein bisschen Mühe geben können; haben sich die Typen auf allerfeinstes Bodyshaming verlegt.

So nett.

🙄