Haus am See

Nach einer Woche Arbeit, Penisproblemen und mehr Wahnsinn, als man sich vorstellen kann (glaubt mir wieder keiner, wenn ich erzähle, was in der Redaktion abgeht…), mache ich das einzig Sinnvolle: Ferien. Ich liege im Garten eines Hauses am See, im Apfelbaum über mir summen die Bienen, ein Specht verursacht ein enormes Echo, das über den ganzen See hallt, zwei Kuckucke tragen einen ernsten Revierkampf aus, Gänse und Enten halten Palaver, Blesshühner schimpfen (besonders über mich, weil ich mehrmals täglich wenige Meter neben ihrem Kindergarten im Schilf ins Wasser steige) und Haubentaucher halten sich raus.

Ich vergesse, was eigentlich meine bekloppte Arbeit ist und setze viel zu viel Hoffnung in ein Vorstellungsgespräch am Montag. Die komischen Pillen vom Doc zeigten weiter keine Wirkung, dafür konnte ich mich tagelang vor lauter Schwindel nicht rühren und jemand riet mir, noch mal den Beipackzettel zu lesen. Und diese „praktisch nebenwirkungsfreien“ Pillen erklärten neben dem brutalen Schwindel dann auch das Mehr an Angst, das Geschwitze, das Nasenbluten, die Gelenkschmerzen und die komplett irrsinnigen Träume. Spätestens, als ich von heißem Sex mit einer heißen Jungendfreundin und No. 3 (No. 3! of all Nummern!!!) träumte, hatte ich die Faxen dicke. (Immerhin hatte ich im Traum die Vernunft, No. 3, der sich schon wieder sonstwas einbildet, nach dem Sex auf den Pott zu setzen und ihn darauf hinzuweisen, dass er sich nichts einzubilden brauche, weil er trotz heißem Sex immer noch zu den größten Arschlöchern unter der Sonne zählt.)

Jedenfalls gammeln die Pillen jetzt schon länger im Müll und ich untern Baum. Ohne Schwindel und einen durch meine Träume geisternden No. 3. Und ohne Angst. Nur mit kalten Füßen. Weil das Wasser noch kackekalt ist. Tiefkühlung konserviert. Ich geh dann mal ins Wasser.

Mein spirit animoohl

Gebt mir Stumpfsinn

Ich hab nen Sonnenbrand und den Garten schön. Also, in meinen Augen, nicht in denen meiner Nachbarn. Ich hab den Buchstapel weiter dezimiert. Ich habe festgestellt, dass die Pillen vom Doc nicht so richtig ne Wirkung haben. Sobald die Realität wieder in mein Leben scharwenzelt, ist wieder alles dunkelschwarz und mein Go-to-Gedanke ist: Wenn ich nicht sone nutzlose Memme wäre, könnte ich mich jetzt umbringen, wäre die beste Lösung. Die einzige Wirkung, die ich bemerke, ist, dass sie die Spitzen aus den Angstattacken nehmen. Also, schon immer noch Angst und Bauchweh und Herzrasen und zitternde Hände, aber halt nicht mehr ganz so doll. Und mein Gehirn findet, dass mein Körper nicht mehr angemessen auf die *hust* „Bedrohung“ reagiert (sowas irre Gefährliches wie das Beantworten einer E-Mail zum Beispiel). Und macht daraufhin Aufstand. Einfach alles wahnsinnig logisch.

Heute fing ich wieder an zu arbeiten. Ich tue so, als sei ich in den vergangenen Wochen nicht mit Gossip und Infos versorgt worden und habe mich wieder in meinem Home Office eingerichtet. Obwohl das mittlerweile wohl schon so gut wie verboten ist wegen Penisproblemen. Oder so. Auch sonst fehlt nur das Zelt für den Zirkus. Ich wollte heute nur an die 20 Mal schreien, weil alle unfassbar unprofessionell sind. Und überhaupt. Ich hab keine Zeit für den Quatsch. Und Lust eh nicht. Aber darum geht’s ja nicht. Hauptsache das Hamsterrad läuft weiter. Ich hasse die Realität.

Ich muss einfach nur den stumpfsten Job finden, bei dem ich einfach in Ruhe auf der Gartenliege arbeiten darf. Nichts leichter als das. Höhö.

Rauschen

Der Doc bescheinigte mir schweres Leck-mich-am-Arsch-Syndrom mit schlechter Prognose und hoher Rezidiv-Gefahr. „Ich kann Sie auch die nächsten sechs bis neun Monate rausnehmen, müssen Sie wissen, wie Sie das bei der Arbeit kommunizieren.“ So verlockend das ist, aber „huhu, entfristet mal meinen Vertrag, ich komm dann nächstes Jahr wieder“ ist wenig realistisch.

Aber gut, allein die Tatsache, dass ich mich die nächsten zwei Wochen nicht mit dem Quatschladen auseinandersetzen muss und dass dem Frühling wieder eingefallen ist, dass er dran ist, ist eine ziemliche Erleichterung. Ich schlappe durchs Dorf zur Apotheke und zum Briefkasten und genieße die Dorfkindvibes. Mitten auf der Straße latschen, weil da eh nur Viertelstarke auf ihren Fahrrädern rumgurken. Vögeln beim „vögel mich, vögel mich“-Rufen lauschen. Den Geruch von Geistesgestörten (also frisch gemähter Rasen, frische Farbe, Grillwurst), die mich für geistesgestört (altes Hippiekind) halten, atmen. Frühling in the village eben.

Und dann fällt mir das Spatzenhirn in den Rücken. Es denkt: Gut, dass du nicht mehr in der Stadt bist, denn dann würdest du jetzt anfangen, an Barcelona zu denken. Und dann würdest du anfangen, an das letzte Mal Barcelona zu denken. Barcelona mit J. Und dann würdest du daran denken, dass morgen vor einem Jahr die Monate aufgebraucht waren.

Was für ein mieses kleines Arschloch mein Spatzenhirn ist!

Gesprächsfetzen

Der Arbeitsgatte und ich arbeiten und telefonieren miteinander. Maulen. Ich kann über die 400 Kilometer Entfernung hören, wie seine Frau die Augen rollt. „Hat sich ja gar nix verändert. Ich denk, ihr seid keine Kollegen mehr.“

Sein Baby kräht: „LALALALALA!“

Der Ex-Arbeitsgatte stellt fest: „Ist ja wirklich wie in der Redaktion hier. Irgendjemand rennt immer rum und brüllt irgendwas. Wie das fette Arschloch.“

Ich hab ja nicht viel für Babys übrig, aber eins muss ich ihr lassen: „Was sie grad verkündete, war deutlich intelligenter als alles, was das fette Arschloch je gesagt hat!“

Meh die 195.

Es ist mal wieder alles so unfassbar meh.

Ich wollte vorhin nur kurz zusammenfassen, was bei der Arbeit gerade falsch läuft und dann bekam die arme Empfängerin eine 7-Minuten-Sprachnachricht (sorry!). Und ich spreche sehr schnell! Und dabei ging’s nicht mal im Ansatz um die derzeitige Nachrichtenlage. Was das angeht: Die Dauerdissoziation hält an, ich habe KEINE Ahnung, was gerade eigentlich los ist. Also, keine bewusste Ahnung.

Derweil war die Gefahr, sich mit der Seuche anzustecken noch nie so hoch wie jetzt und die Medizin hat immer noch keine Antwort auf das gar nicht mal so unwahrscheinliche Phänomen Long Covid und ich fühle mich von bestimmten Vorgesetzten enorm unter Druck gesetzt, wieder ins Büro zu kommen, weil das ja soooooo wichtig ist. Kaum sind sie nicht mehr gesetzlich verpflichtet, ihre Mitarbeiter zu schützen, können die sich gerne fröhlich untereinander anstecken, die Räumlichkeiten sind dafür ideal geeignet. Aber wir sind ja sooooooooooooo ein tolles Team, wir ham uns alle lieb und das ist so besonders hier. So besonders, dass man – übergriffig wie „tolle“ Teams so sind – am freien Tag morgens erstmal eine mit allerliebsten Emojis versehene Nachricht von der Chefin im Whats-App-Gruppenchat vom tooooooollen Team hat, wir möchten doch bitte alle unseren Arsch wieder in die Redaktion bewegen, wenn wir keine gravierenden Gründe dagegen haben. Ich habe leider auch noch keinen gravierenden Grund DAFÜR erkannt (ist ja nicht so, dass wir irgendetwas Physisches und Sinnvolles produzieren – nur heiße Luft und die auch noch digital). Außer, dass die Chefs ihre Wichtigkeit wieder vor Publikum demonstrieren können. Derweil kriegen sie organisatorisch und technisch nix geschissen und ich höre auf, mich aufzuregen. Ommmm.

Und dann entschließe ich – ausgerechnet ich! – mich mal, mir den „ich hab kein Bock mehr, leckt mich doch, kommt erstmal klar mit eurer Organisation und behelligt mich dann wieder“-Gelben-Schein zu holen und dann hat die Dorfarztpraxis wegen Umbauarbeiten geschlossen. Gnarf.

Was soll ich sagen. Ich bin euch fremdgegangen und habe anderswo so (Semi)Fiktion geschrieben, alle meine klugen Gedanken und schönen Sätze sind dafür draufgegangen. Deswegen heute nur Hass. In unschön. Lustigerweise stellte ich fest, dass ich nicht fiktionalisiert über die Seuche schreiben kann. In meiner Gedankenwelt ist alles kaputt, aber der Teil… der geht nicht rein. Wahrscheinlich kann ich Leute nicht so blöd schreiben, wie sie sind.

Stream of Consciousness

Ich las irgendwo: „Gott hat Burnout.“

Ich glaube nicht an Gott, aber ja, der hat definitiv Burnout. Lauter Zeug angefangen und dann keine Energie mehr gehabt. „Eh wurscht, die machen das schon und wenn nicht, ist auch egal.“ Und dann guckte er in die Luft und vergaß, was er machen wollte.

Ein Freund schreibt: „Krieg, Seuche und bald noch Hunger. Und die FDP gibt es auch noch, von der war aber in der Bibel keine Rede.“

Er liegt mit Corona flach, zwei Meter Mann gefällt wie ein Bäumchen und ich motze über den Quark mit der Eigenverantwortung bis ich Schaum vorm Mund habe. Und wir möchten doch bitte eigenverantwortlich in Büro zurückkehren, der oh so wichtige Austausch, blabla. People are fucking stupid! Eigenverantwortung, dass ich nicht lache. Eigenverantwortlich.

Ich fühle mich wie ein Nichtraucher prä Rauchverbot. Ich handle eigenverantwortlich, aber so super coole Typen bringen trotzdem meine Gesundheit in Gefahr. Und ich bin diejenige, die sich rechtfertigen muss, wenn sie eigenverantwortlich keinen Bock auf Rudelbumsen in der Redaktion oder sonstwo hat. FUCKING SCHAUM VORM MUND.

Mein Kopf funktioniert immer noch nicht wieder. Nur, um Pfeifen in meinem Ohr zu produzieren. Eine Physiotherapeutin hat mein durchtrainiertes Gesicht bearbeitet, bis ich nach drei Wochen Bearbeitung meinen Kiefer wieder öffnen konnte. Sogar halbwegs schmerzfrei. Weil mir ohne das Zähnezusammenpressen alle Spannung aus Nacken und Schultern gerutscht ist und ich tagelang vor Schmerzen heulte, hat sie mich wieder zusammengeklebt. Stellt sich raus: Ich bin arschallergisch gegen Tape. Und während sich die wenigen verbliebenen Reste meiner Haut schälen wie nach einem Sonnenbrand, scheint sich auch meine Intelligenz zu schälen. Vielleicht bin ich irgendwann dumm genug, um Menschen zu ertragen. Ist dann halt auch alles egal.

Vielleicht mach ich n Yoga-Retreat mit Gott.

Blep

Es ist ja alles nicht das erste Mal. Ich möchte mal behaupten, in den 8, 9 Jahren, die ich als Journalistin arbeite, habe ich wirklich alle – und ich meine ALLE – vorstellbaren Nachrichtenlagen gehabt. Also, außer vielleicht die Zombiekalypse, aber mal im Ernst, wie viele Millimeter fehlen denn noch bis dahin?

In meinem Kopf ist trotzdem 404. Pandemie und Krieg und mein Dauerdrama und das 1000. Bild von weinenden Kindern und ich mag nimmer. Ich arbeite im Autopilot. Totale Dissoziation. Fragt mich nichts zu aktuellen Entwicklungen. Keine Ahnung, wie lange das schon geht. Ne Woche? Zwei? Zwei Jahre?

Ich habe mich noch nie so streng an „keine Nachrichten nach Feierabend“ gehalten. Geht eh nicht mehr rein in die Birne. 404 ist so anhaltend, ich krieg auch sonst nix mehr mit. Ich reiße wuchernde Pflanzen aus meinen Beeten und fummle Moos aus den Ritzen zwischen den Terrassensteinen und werde dabei minütlich aggressiver und dann ist Arbeit. Und dann ist Schlafen. Mit garantiert absurden Alpträumen. Und von vorn.

Ich bin so hart damit beschäftigt, zu dissoziieren, dass ich täglich erfolgreich vergesse, bei der Psycho-Hotline anzurufen, die mein Arbeitgeber extra eingerichtet hat, wegen: Ihr seht den ganzen Tag Krieg und Verderben. Und ich denk so: Frach ma die Leute vor Ort. Und arbeite weiter. Ohne hinzugucken.

Ich kann nicht mal mehr richtig gerade Sätze formulieren. Mein Kopf ist voller gordischer Synapsenknoten und Watte. Wegen Überfüllung geschlossen. Zu viele Informationen, zu viele Emotionen, da macht der Laden einfach komplett dicht. 404.

Ich will schaukeln.

Wochenenderleuchtung

Nachdem nach mir auch der Arbeitsgatte, mein Kollege M., ein Volontär und noch zwei Kollegen meinen ehemaligen Arbeitsplatz verlassen haben, musste das fette Arschloch einen Wochenenddienst übernehmen. Und stellte in der Montagskonferenz fest: Der Workload ist nicht zu schaffen! (Und er hatte dabei nicht mal ein fettes Arschloch im Nacken…)

(Ganz viel Liebe an den Ex-Kollegen, der mich weiter mit so wunderbarem Gossip versorgt. Unbezahlbar.)

Champagne problems deluxe

Mein Vorgesetzter sagt, dass der große Häuptling gefragt hat, ob ich schon gefragt habe, ob mein Vertrag verlängert wird.

Alter, das ist n Zweijahresvertrag und es ist noch nicht mal ein Jahr rum! (Mir war auch neu, dass der große Häuptling meine Existenz noch ein weiteres Mal zur Kenntnis genommen hat.)

Und eigentlich will ich den Vertrag gar nicht verlängern. Aber weil ich noch nichts anderes in Aussicht habe, will ich noch nicht verkünden, dass ich nicht verlängern will.

Aber ich will auch nicht sagen: Jaja, verlängern und dann ätsch, doch nicht.

Grmpf.