Das Wettbüro ist geöffnet

Habe einem Kollegen in der Küche geschildert, dass ich mal sehr happy war mit dem Job und jetzt nicht mehr – im Beisein des Printleiters, der gerade im Kühlschrank rumwühlte.

Es dürfen Wetten abgeschlossen werden, ob mich die Chefredaktion in den kommenden Tagen zum Gespräch bittet.

Und wenn nicht ist auch alles klar…

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Gesprächsfetzen

Es ist sehr früh am Tag und ich bin mit einem Volontär allein in der Redaktion. Ich lese ihm die schönsten Facebook-Kommentare der Nacht vor.

„Macht die Augen auf, Leute! Wie diese Neubürger den Frauen hier ins Gesicht gucken!“ (Zahlreiche Ausrufezeichen wurden aus Lesbarkeitsgründen aus dem Zitat entfernt.)

ALTA!!!, sage ich. Die gucken den Frauen INS GESICHT. Stell dir das mal vor, INS GESICHT! Eins elf. Der Untergang des Abendlandes. Wo will die denn, dass die ihr hingucken?

Verschämt auf den Boden gucken?, fragt er.

ALTA, guck mir gefälligst auf die Brüste, wenn wir miteinander reden!!!

Er guckt verschämt auf den Boden…

Das Wort zum Samstag

Leute schicken Nacktfotos von einer Frau an die Redaktion. Verweisen auf ihre Vergangenheit als Escort. Es ist eine Kollegin – von den Leuten, die uns die Bilder schicken. Eine Frau, die sich ehrenamtlich politisch engagiert. Man schickt uns die Bilder, damit das auch ja öffentlich wird. Um sie zu diskreditieren.

Ganz unabhängig davon, dass ich die politischen Überzeugungen der Frau nicht teile: Was für Arschlöcher! Sowas Asoziales. Natürlich Typen. Die NATÜRLICH eine blütenweiße, klinisch reine Weste haben. Nicht.

Was ich unfassbar finde: Dass Nacktbilder immer noch geeignet sind, um einen Skandal auszulösen. Also bitte. Wie 1950er ist das denn? Sollten wir nicht längst darüber hinweg sein? Ich hätte jetzt zu gern eine Studie dazu, wie viel Prozent der Bevölkerung unter 60 schon mal Nacktfotos von sich gemacht haben. Oder haben machen lassen. Und was genau ist denn bitte an Nacktheit verwerflich? Jedes Werbeplakat ist heutzutage expliziter als die Fotos dieser Frau. Die hatte sogar noch nen Schlübbi an…

Ich frage mich, wie man auf Nacktbilder eines Mannes reagieren würde… Nur: Würden diese überhaupt zum selben Zweck verschickt?

Lustigerweise wird sich ja auch vor allem in konservativen bis rechten Kreisen über sowas aufgeregt. Und ausgerechnet von denen (bzw. deren Mitstreiterinnen) tauchen dann so Bildchen auf. Ich will ja keinem was unterstellen, aber kann mal einer die sozialen und politischen Überzeugungen von Dick-Pic-Versendern untersuchen…? Also, ich habe da so Vermutungen…

Dass eine Escort-Vergangenheit immer noch geeignet ist, einen Skandal auszulösen. Wie 1960er ist das denn? Natürlich kann man argumentieren: Sie hätte das einfach nicht verheimlichen dürfen und sich nicht so ein Saubermannimage geben dürfen. Klar ist das blöd, sowas kommt IMMER raus. Die klügere Variante ist, zu sagen: Ich hab da mal sowas gemacht. Ende. Ich würde nicht mal sowas anhängen wie: Ich war jung und brauchte das Geld. Oder: Heute würde ich sowas nicht mehr machen. Drauf geschissen, von mir aus können die da immer noch Bock drauf haben. Was ich nicht verstehe: Warum hat man ein Schmutzigmannimage, wenn man sowas macht oder gemacht hat? Sollten wir darüber nicht auch hinweg sein?

Seufz.

Übrigens haben wir uns in der Redaktion auch nicht mit Ruhm bekleckert. Zwar waren wir immerhin anständig genug, die Bilder nicht zu veröffentlichen (klopfen wir uns doch mal bitte gaaanz fest auf die Schulter 🙄). Aber rumgezeigt wurden sie schon. Und während ich noch meinte: Hm, wenn man damit Geld verdienen will, hätte man sich schon ein bisschen Mühe geben können; haben sich die Typen auf allerfeinstes Bodyshaming verlegt.

So nett.

🙄

Die Vorderseite der Medaille (2)

Eigentlich tragisch. Da ging der schöne L., der nutzlose F. wurde gegangen, der Arbeitsgatte nimmt sich Burnout und fällt wer weiß wie lange aus –  und wer weiß für wie lange er zurückkehrt… Und nun hat auch noch die rundum tolle J., die zwar Regio-Kram macht, aber auch für dieses Internet höchst nützlich ist – und nebenbei superliebst – gekündigt.

Der ganze Laden zerkloppt sich selbst.

Immerhin: Weil ich nicht wieder die Letzte sein will, die den sinkenden Kahn verlässt, bin ich endlich wieder im Bewerbungs-Flow.

Seriöse Journalisten

Ich versuche den Nerd davon zu überzeugen, dass ich in höchstem Maße keusch und unschuldig bin. Er lacht mich aus.

Doooch, sage ich, wie ein Engelchen.

Er gibt in der Suchfunktion unserer Facebook-Nachrichten das Wort „Penis“ ein. Es kommen sehr viele Ergebnisse. Alles Beiträge von mir. Irgendwo sehe ich das Wort „anatomisch“.

Siiiiehst du, sage ich, ich habe ein rein anatomisch-medizinisches Interesse an Penissen. Wie eine Klosterschülerin!

Hmmhmm, sagt er, wie die Klosterschülerinnen aus den Filmen, die ich immer gucke.

Bestimmt künstlerisch hochwertige Streifen, sage ich anerkennend.

Ja, antwortet er, es wird sich sehr künstlerisch mit Penissen auseinandergesetzt.

Hmmm, Penisse, sage ich.

„Hmm“ im Sinne von lecker?, fragt er.

Hab ich zumindest gern im Mund sowas, antworte ich.

Er behauptet, sich jetzt wirklich mal auf seinen Text konzentrieren zu müssen und das könne er nicht, wenn ich über Penisse im Mund spreche.

Ich spamme ihn mit P-Worten zu.

Priester.

Pfarrer.

Papst.

Pädophile.

Ich sehe schon, sagt er, alles Schlechte fängt mit P an.

Außer Penis, murmelt er, während ich gleichzeitig sage: Außer Pommes.

Pommes, sagt er. Das Andere, was ich gerne im Mund habe!

(Er behauptete dann, nur zitiert zu haben, was ich nicht ausgesprochen habe.)

JA, wir sind wirklich sehr erwachsen.

Es beginnt

Nun hat der schöne L. gekündigt. Ihm reicht’s. Geld hat schon lange eine Rolle gespielt, die Unperson hat ihm den Rest gegeben. Da wurden ihm ewig Versprechungen gemacht, dann wurde ihm die Alte vorgesetzt.

Jetzt wird es richtig traurig. Keiner mehr, der Flachwitze am laufenden Band macht. Jetzt wird es richtig bitter. Keiner mehr, der hart und unverblümt dumme Scheiße anspricht und sachlich kritisiert. Jetzt wird es richtig hart. Einer weniger, der alle Dienste kann. Für die Zeitung und für dieses Internet. Die frühen, die späten, die Wochenenddienste. Davon haben wir eh schon zu wenige. Ein guter Reporter weniger. Ein guter Kumpel weniger.

Ich bin sehr traurig.

Der Arbeitsgatte packt praktisch schon die Koffer. Er hat immer gesagt: Wenn L. geht, gehe ich. S. schweigt, aber keiner glaubt, dass er sich nicht umguckt. Was hält den Hauptstädter schon hier in der Provinz? Der große M. sagt: Bis Ende des Jahres noch. Wenn’s dann nicht anders ist, gehe ich. Das stilltiefe Wasser M. hadert. Er hofft noch auf Besserung. Rechnet, wie er sich das neue Häuschen ohne den Job leisten kann. Selbst die Sekretärin würde gerne weg.

Nur der Nerd und der nutzlose Kollege F. stören sich nicht an der Lage. Sie leben eben in ihrer eigenen Welt…

Eigentlich können die Chefs es sich nicht erlauben, noch mehr Leute zu verprellen. Merken tun sies offensichtlich nicht. Leider konnte L. noch keine echte Ansage machen. Er will so früh wie möglich aus seinem Vertrag raus und muss noch lieb bittebitte machen. Sie scheinen doch etwas zu ahnen. Er solle gefälligst den wahren Grund für seine Kündigung nennen, der offizielle Grund werde ihm nicht geglaubt. Die dümmste Scheiße, die ich je gehört habe.

Vielleicht sollte ich schon mal mit meinen Vertragsauflösungsverhandlungen beginnen…

Männer und Frauen

Das stilltiefe Wasser M. und ich sind ein saugeiles Team. Seit wir zusammenarbeiten, hat sich die Reichweite der Homepage verdoppelt. Mindestens. Wir sind die geilsten Klicknutten in der Hütte. Wir sind praktisch die (vernachlässigte) Online-Redaktion und wir sind gut. Wir machen 17 Sachen gleichzeitig, mehr als jeder andere Redakteur. Wir treffen pro Tag etwa 1780 redaktionelle Entscheidungen (grobe Schätzung), mehr als jeder andere Redakteur. 99 % unserer Kollegen und 100 % unsrer Chefs haben keine Ahnung, was wir tun. Alle sehen nur: Läuft.

Wirklich alle?

Mein Vorgesetzter kommt angewatschelt und will, dass ich sofort dies und jenes tue. Kann ich machen, sage ich, ist halt kacke für die Reichweite. Ich erkläre ihm ausführlich die Gründe. Will er mir nicht glauben. Das stimmt doch gar nicht, sagt er. Emm, doch, sage ich. Aber woher willst du das denn wissen?, fragt er. Das hat einfach die Erfahrung gezeigt, sage ich. M. stimmt mir zu. Alle Kollegen, die auch mal online mitarbeiten, gucken peinlich berührt in die Luft. Mein Vorgesetzter mault: Wir müssen auch mal aufhören, an alten Verhaltensmustern festzuhalten!

Weil er in letzter Zeit mit permanentem Gemaule und unerträglicher Arroganz auffällt, da noch die Sache mit der Unperson ist und das mit meinem PMS, ist mein Geduldsfaden extrem kurz. Ich ärger mich täglich über irgendeine dumme Scheiße. Natürlich stört es mich da überhaupt nicht, wenn man meine Kompetenz anzweifelt und übergeht, sich Argumenten gegenüber taub stellt und um jeden Preis seinen Willen durchsetzen will – ohne eine Ahnung zu haben.

Ich hätte seinen Wunsch (zähneknirschend) in meine redaktionelle Planung einbauen können, ohne dass es was kaputt macht (außer meiner Stimmung und meiner sehr guten ursprünglichen Planung). Stattdessen mache ich es genau so, wie er es gerne wollte. Bitteschön. Wer nicht hören will…

Ich knirsche eine angemessene Zeit lang mit den Zähnen, dann gehe ich vor die Tür und knurre meinen Unmut in den Park. Verdrücke ein paar Wuttränen. Der Nerd taucht auf. Unser mehrfach preisgekrönter Starreporter. Knuddelt mich. Versucht zu verstehen, warum alles so dermaßen eskaliert ist. Und sagt: Ich weiß, dass kein Arsch meine Artikel lesen würde, wenn es dich nicht gäbe. Naja, sage ich, M. ist ja auch noch da. Jaaaa, sagt der Nerd. Aber der is so… weiblich. Der haut nich so auf den Tisch wie du und sagt: So machen wir das jetzt. Der is nich son Kerl wie du!

(Mein Vorgesetzter räumte übrigens am nächsten Morgen M. gegenüber seinen Fehler (der mit einem 3-Sekunden-Blick auf die Zahlen ersichtlich wurde) ein. Zu mir sagte er nichts.)