Rhetorikseminar für Gespräche mitm Chef Teil 1

Mein Chef nimmt in der Diskussion gerne Positionen des „gemeinen Bürgers“ ein, wegen der Lesernähe und so. Dumm nur, dass das alles nur in seinem Kopf stattfindet und er eigentlich keine Ahnung hat, was der „gemeine Leser“ so denkt.
Besonders gerne nimmt er die Position des allseits unbeliebten „besorgten Bürgers“ ein, um uns alle zu provozieren, uns dabei zuzugucken wie wir ausrasten und dann grinsend zu sagen: „Schreiben Sie das auf!“

Heute hat er sich als Ossi versucht. Nun stammt der Mann aus NRW und ist damit so Wessi wie geht. „Wir Ossis…“, setzt er zu einer eindeutig länger zu werden drohenden Rede zu uns vier anderen Wessis in der Runde an und ich unterbreche sofort: „Wir Ossis?!? Ja klar, SIE alter Ossi, natürlich!“

„Frau Fragezeichen, diskriminieren Sie mich gerade wegen meiner Herkunft?“, poltert er. „Haben Sie sonst noch etwas an mir auszusetzen, meine Hautfarbe vielleicht?“

„Naja, Sie sind ein alter, weißer Mann, Sie sind praktisch das Feindbild per se.“ Ich weiß schließlich auch, wie ich ihn maximal provozieren kann.

„Aha!“, mault er. „Sonst noch was? Mein Geschlecht vielleicht?“

„Hab ich doch grad gesagt, Sie sind ein alter, weißer Mann.“

Er steht auf und rennt aufgescheucht rum. „Möchten Sie vielleicht auch noch meine – vermutete – politische Überzeugung kritisieren?“

„Hab ich doch grad gesagt, Sie sind ein alter, weißer Mann.“ Ich muss das Kichern so sehr unterdrücken wie alle meine Kollegen.

Der alte, nicht mehr weiße, sondern Bluthochdruck-rote Mann hat Schnappatmung. Dann geht er dramatisch ab.

Und wir werden nie erfahren, was das nun mit „uns Ossis“ auf sich hat.

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Es beginnt

Nun hat der schöne L. gekündigt. Ihm reicht’s. Geld hat schon lange eine Rolle gespielt, die Unperson hat ihm den Rest gegeben. Da wurden ihm ewig Versprechungen gemacht, dann wurde ihm die Alte vorgesetzt.

Jetzt wird es richtig traurig. Keiner mehr, der Flachwitze am laufenden Band macht. Jetzt wird es richtig bitter. Keiner mehr, der hart und unverblümt dumme Scheiße anspricht und sachlich kritisiert. Jetzt wird es richtig hart. Einer weniger, der alle Dienste kann. Für die Zeitung und für dieses Internet. Die frühen, die späten, die Wochenenddienste. Davon haben wir eh schon zu wenige. Ein guter Reporter weniger. Ein guter Kumpel weniger.

Ich bin sehr traurig.

Der Arbeitsgatte packt praktisch schon die Koffer. Er hat immer gesagt: Wenn L. geht, gehe ich. S. schweigt, aber keiner glaubt, dass er sich nicht umguckt. Was hält den Hauptstädter schon hier in der Provinz? Der große M. sagt: Bis Ende des Jahres noch. Wenn’s dann nicht anders ist, gehe ich. Das stilltiefe Wasser M. hadert. Er hofft noch auf Besserung. Rechnet, wie er sich das neue Häuschen ohne den Job leisten kann. Selbst die Sekretärin würde gerne weg.

Nur der Nerd und der nutzlose Kollege F. stören sich nicht an der Lage. Sie leben eben in ihrer eigenen Welt…

Eigentlich können die Chefs es sich nicht erlauben, noch mehr Leute zu verprellen. Merken tun sies offensichtlich nicht. Leider konnte L. noch keine echte Ansage machen. Er will so früh wie möglich aus seinem Vertrag raus und muss noch lieb bittebitte machen. Sie scheinen doch etwas zu ahnen. Er solle gefälligst den wahren Grund für seine Kündigung nennen, der offizielle Grund werde ihm nicht geglaubt. Die dümmste Scheiße, die ich je gehört habe.

Vielleicht sollte ich schon mal mit meinen Vertragsauflösungsverhandlungen beginnen…

Nervöses Ohrenzucken

Die freudige Überraschung (dass ich DAS mal sagen würde): Nach vielen Monaten menstruiere ich mal wieder. Ich denke: Endlich das Ende der schlechten Laune in Sicht. Dann legen mich die Krämpfe aufs Kreuz. Ibuprofen und Kaffee sind mein Freund. Oder auch nicht. Würg. Ich taumle dumpf und grün um die Nase zur Arbeit.

Der Chef bittet mich und den Kollegen S. zum Gespräch.

„Ich habe Sie zu zweit hergebeten, damit sich nicht einer in die Ecke gedrängt fühlt“, sagt der Chef. Und alles war klar.

Das Büro ist eng und muffig, der Hund ist nass und muffig, der Chef ist starker Raucher und muffig. Schlimm genug, aber wenn ich meine Tage habe, vervielfacht sich mein Geruchssinn und wo ist eigentlich der Mülleimer in den ich kotzen kann??! Urks.

Der Chef schwafelt darüber, wie die Arbeit in der Redaktion künftig verteilt werden soll und wer da welche Rolle spielen soll, natürlich auch die Frau S. – i.e. die Unperson! Mein Kollege S. und ich schweigen eisig.

„Zuallererst“, sagt der Chef, „möchte ich sagen, dass ich nie mit der Frau S. geschlafen habe, ich habe sie auch nie angefasst.“

…???

…!!?!?!

S. und ich schweigen und WO IST EIGENTLICH DER MÜLLEIMER??? Würg.

Frau S. habe sein volles Vertrauen, sagt der Chef, er wisse, was sie könne und er habe sich das SO toll vorgestellt, als er sie eingestellt habe, aber jetzt seien die Umstände ja so, dass die Stelle ja im Grunde nutzlos sei.

ACH. Und: nein, nein, nicht die Stelle, die FRAU.

S. und ich schweigen. Mir ist wirklich sehr, sehr grün um die Nase.

Der Chef fährt fort: Die Frau S. müsse ja auch lernen, wie man dies und jenes mache, unter anderem das mit dem Internet. (Längerer Blick auf mich – mich hatte er gebeten, ihr das zu zeigen. Ich hatte aus meiner Ablehnung keinen Hehl gemacht, ihr aber alles laut zähneknirschend gezeigt. Ihr gesagt: Man muss das üben, am besten täglich, wenn du Fragen hast, weißt du, wo du mich findest. Sie hat mich nie was gefragt… Und auch keinen Online-Kollegen.)

Sie stelle eben auch immer wieder fest, dass man ihr mit einer Sprachlosigkeit begegne und das sei ja nicht konstruktiv, sagt der Chef.

S. explodiert und erklärt, was er alles nicht konstruktiv findet. Der Chef verteidigt sich und meint, als Chef dürfe man das halt. Sehr konstruktiv.

Ich überlege, ob ich in den Hundenapf speie. Der arme Wauz. Ich halte mir die Hand vor den Mund.

„Gut“, sagt der Chef und guckt in die Runde. „Frau Fragezeichen sieht nicht so glücklich aus.“

Ich gucke hoch, stehe auf und greife wirklich nach dem Mülleimer.

„Mir gehts nicht so gut“, nuschle ich und verlasse fluchtartig das Büro.

War alles wieder sehr konstruktiv!

Männer und Frauen

Das stilltiefe Wasser M. und ich sind ein saugeiles Team. Seit wir zusammenarbeiten, hat sich die Reichweite der Homepage verdoppelt. Mindestens. Wir sind die geilsten Klicknutten in der Hütte. Wir sind praktisch die (vernachlässigte) Online-Redaktion und wir sind gut. Wir machen 17 Sachen gleichzeitig, mehr als jeder andere Redakteur. Wir treffen pro Tag etwa 1780 redaktionelle Entscheidungen (grobe Schätzung), mehr als jeder andere Redakteur. 99 % unserer Kollegen und 100 % unsrer Chefs haben keine Ahnung, was wir tun. Alle sehen nur: Läuft.

Wirklich alle?

Mein Vorgesetzter kommt angewatschelt und will, dass ich sofort dies und jenes tue. Kann ich machen, sage ich, ist halt kacke für die Reichweite. Ich erkläre ihm ausführlich die Gründe. Will er mir nicht glauben. Das stimmt doch gar nicht, sagt er. Emm, doch, sage ich. Aber woher willst du das denn wissen?, fragt er. Das hat einfach die Erfahrung gezeigt, sage ich. M. stimmt mir zu. Alle Kollegen, die auch mal online mitarbeiten, gucken peinlich berührt in die Luft. Mein Vorgesetzter mault: Wir müssen auch mal aufhören, an alten Verhaltensmustern festzuhalten!

Weil er in letzter Zeit mit permanentem Gemaule und unerträglicher Arroganz auffällt, da noch die Sache mit der Unperson ist und das mit meinem PMS, ist mein Geduldsfaden extrem kurz. Ich ärger mich täglich über irgendeine dumme Scheiße. Natürlich stört es mich da überhaupt nicht, wenn man meine Kompetenz anzweifelt und übergeht, sich Argumenten gegenüber taub stellt und um jeden Preis seinen Willen durchsetzen will – ohne eine Ahnung zu haben.

Ich hätte seinen Wunsch (zähneknirschend) in meine redaktionelle Planung einbauen können, ohne dass es was kaputt macht (außer meiner Stimmung und meiner sehr guten ursprünglichen Planung). Stattdessen mache ich es genau so, wie er es gerne wollte. Bitteschön. Wer nicht hören will…

Ich knirsche eine angemessene Zeit lang mit den Zähnen, dann gehe ich vor die Tür und knurre meinen Unmut in den Park. Verdrücke ein paar Wuttränen. Der Nerd taucht auf. Unser mehrfach preisgekrönter Starreporter. Knuddelt mich. Versucht zu verstehen, warum alles so dermaßen eskaliert ist. Und sagt: Ich weiß, dass kein Arsch meine Artikel lesen würde, wenn es dich nicht gäbe. Naja, sage ich, M. ist ja auch noch da. Jaaaa, sagt der Nerd. Aber der is so… weiblich. Der haut nich so auf den Tisch wie du und sagt: So machen wir das jetzt. Der is nich son Kerl wie du!

(Mein Vorgesetzter räumte übrigens am nächsten Morgen M. gegenüber seinen Fehler (der mit einem 3-Sekunden-Blick auf die Zahlen ersichtlich wurde) ein. Zu mir sagte er nichts.)

Schockzustand

Alle außer dem Chef und seinem Stellvertreter hassen die Unperson. Die Unperson vergiftet die Stimmung. Ist sie im Raum, herrscht Schweigen. Wir nennen die Redaktion neuerdings auch „die Eiskammer“.

Die Unperson ist nicht nur unsympathisch und unfreundlich, sondern auch unfähig und herrisch. Leider auch ne dicke Freundin vom Chef. Von daher: Keine Chance, dass wir sie loswerden. Trotz ihrer offensichtlichen Überforderung. Nach kurzen Versuchen, ihr wenigstens das Nötigste beizubringen, denen mit Überheblichkeit, Bockigkeit, Respektlosigkeit und – nun ja – Unfähigkeit begegnet wurde, haben 90 Prozent der Belegschaft die Kooperation mit ihr eingestellt.

Das stilltiefe Wasser M., von dem ich lange dachte, er sei gar nicht in der Lage jemanden zu hassen, startet einen letzten Versuch im guten Willen. Er wird abgekanzelt und schließlich abgewürgt und am Ende schwärzt sie ihn noch beim Chef an (was sie immer tut, wenn sie nicht mehr weiterkommt).

„Ich muss mit G. (dem Stellvertreter, zu dem wir bis zur Ankunft der Unperson immer einen guten Draht hatten) reden!“, sagt er zu mir. Ich habe auch Redebedarf und weil ich ahne, dass G. einfach nur alles wegargumentieren wird, ohne Widerspruch zuzulassen, sage ich: „Ich komme mit.“

Mir ist klar, dass es keine Lösung auf dem Silbertablett geben wird. Was sollen die Chefs machen? „Ach, ihr findet die alle scheiße? Dann schmeißen wir die natürlich raus.“ Ja klar.

Eine Stunde sitzen wir in G.s Büro. Natürlich versucht er alles wegzuargumentieren. Hält uns unser Fehlverhalten vor. Wir haben eine lange Listen mit Gegenargumenten und IHREM Fehlverhalten. Ich betone mehrfach: Dies ist keine Einzelmeinung, es gibt Kollegen, die auf gepackten Koffern sitzen. Wir sind derzeit so dünn besetzt, jeder Weggang wäre eine Gefahr für die Produktion…

G. findet, die Unperson macht ihren Job super. Sie macht genau das, wofür sie eingestellt wurde. Und das war was genau? Das wurde uns nämlich nie mitgeteilt. Da war einfach plötzlich eine Alte, die die Chefin markiert hat. Und mindestens drei Leute, denen Beförderungen zugesagt wurden, die dann aber wegen „kein Geld“ doch nicht eintraten, wurde heftig vor den Kopf gestoßen.

G. meint, er habe überhaupt nicht mitbekommen, dass da schlechte Stimmung herrscht. Was – selbst wenn er die Stille und das Geätze nicht mitbekommen haben SOLLTE – glatt gelogen ist, denn, wie man mir hinterher erzählt, bereits vor drei Wochen fragte er den Arbeitsgatten, warum der schöne L., der doch sonst immer der Kasper ist, nur noch schweigt und brummt. Und der Arbeitsgatte sagte klipp und klar: die Unperson!

G. erklärt die Pläne für die Zukunft. Die Unperson soll viel mehr mit diesem Internet machen. Und das, obwohl sie dermaßen wenig Ahnung hat, dass sie – Achtung, kein Witz – nicht mal einen Link verschicken kann. Sie soll also noch viel tiefer in meine Domäne einsteigen. Und das ganze soll dann auch redaktionell neu ausgerichtet werden. Auf ihre Linie. Sozusagen auf die Linie einer großen Tageszeitung mit vier großen Buchstaben.

Von: Ich arbeite eigentlich gerne hier, da ist nur seit ein paar Wochen ein sehr lästiger Störfaktor, zu: Scheiße, ich brauche einen neuen Job! in einer Stunde… Das ist ein harter Ritt. Ich kann das noch gar nicht fassen. Während die Kollegen herzlich über G.s Aussagen lachen, bin ich am Heulen.

Es war schön, sich mal kurz im Job wohlgefühlt zu haben…

Hoppla, Euer Ehren. Ich hatte meine Tage.

No. 2 gräbt ein Problem aus, von dem ich dachte, es wäre schon vor Jahren (!) im Keim erstickt worden. Macht daraus ne Riesennummer. Und behauptet, ICH sei Schuld an der ganzen Chose und ICH könnte das einfach aus der Welt räumen. Indem ich einfach meine Meinung ändere. ICH.

Klar, sage ich, ich lege einfach den Knopf um und passe mich DEINER natürlich einzig wahren Meinung an. Und erschieße ihn.

Der Chef mault, weil am Sonntagmorgen um 8 noch Inhalte vom Samstagabend auf der Startseite waren.
Möglicherweise, weil die Schicht erst um 8:30 Uhr beginnt, merke ich an.
Dann solle man gefälligst am Vorabend vorsorgen, dass nicht in einem Top-Artikel am Sonntagmorgen „am Samstagabend wird xy erwartet“ steht.
Ja, sage ich, wir werden in Zukunft alle alle Inhalte aller Artikel auf der Seite auswendig lernen und zwei Stunden früher zur Arbeit kommen, das bisschen Einsatz kann man ja zeigen. Und erschieße ihn.

Der Kollege mault, weil ich es wagte, externe Inhalte in seinen Artikel einzubetten. Das stelle seine Glaubwürdigkeit in Frage.
Verzeihung, Eure Hoheit, sage ich, ich werde nie wieder Maßnahmen zur Verbesserung der Online-Lesbarkeit Eurer Artikel ergreifen, auf dass sie in all ihrer Glaubwürdigkeit ungelesen bleiben. Und erschieße ihn.

Der nächste Kollege zickt mich seit Tagen an, sobald ich ein Wort sage. Als ich die Kommunikation mit ihm einstelle, zickt er mich an, wenn ich mit anderen Kollegen spreche. Und als ich einfach weiter mit den anderen rede, zickt er, weil ich ihn ignoriere.
Ich sage nichts. Und erschieße ihn.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

… dass der Chef mitten in einem allgemein albernen Gespräch über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz plötzlich innehält und sagt: „Ja, Frau Fragezeichen, wir haben heute auch in größerer Herrenrunde über Sie gesprochen“ und komisch grinst.