It gets better

… haben sie gesagt. Was sie nicht gesagt haben: Und dann wird’s wieder schlimmer.

Im Grunde hört man nie auf zu kämpfen und dabei ist man auch immer bloß allein. Da brächte auch der schönste Prinz auf dem schönsten Gaul nix: Der hat seinen eigenen Kampf zu kämpfen.

Neulich, als ich einmal dasaß und verzweifelt schluchzte und mir gute Ratschläge verbat, denn meinst du wirklich, die sind so originell, dass ich nicht schon selbst drauf gekommen werde und ich hier säße und verzweifelt schluchzte, wenn sie was brächten, kannst du mich vielleicht einfach in den Arm nehmen und sagen, jaja, du Arme, die Welt ist schlecht, alles schlimm, hörte ich: Du wirkst immer so, als wolltest du das gar nicht. Weil, das bringt ja auch nix. (Aber deine schlauen Ratschläge, oder was!?)

Also, selbst wenn der schönste Prinz auf dem schönsten Gaul würde einfach an mir vorbeireiten. Ich wirke einfach nicht wie eine Jungfrau in Nöten. Nicht mal verzweifelt schluchzend.

Ich bin dann mal die Klinge schärfen.

Von Gefallen

Da fragt man mich ob ich gerne in die Zukunft sehen können würde. Und ich denk nur so: Neinneinnein. Nein nein. Hilfe, nein!

Stell ma vor, was ich sehe, ist noch schlimmer als das was ist.

Wenn mein 14 Jahre altes Ich, dass jeden Abend gehofft hat, dass es am nächsten Morgen nicht wieder aufwachen muss, gesehen hätte, dass es in 20 Jahren anders, aber kein bisschen besser ist, hätte es vielleicht doch nachgeholfen mit dem Nicht-Aufwachen. Und ich frage mich, ob ich mir nicht nen gefallen getan hätte.

Und dann stellt sich die Frage, ob das 54 Jahre alte Ich dasselbe über mein 34 Jahre alte Ich denken wird.

Gebt mir Stumpfsinn

Ich hab nen Sonnenbrand und den Garten schön. Also, in meinen Augen, nicht in denen meiner Nachbarn. Ich hab den Buchstapel weiter dezimiert. Ich habe festgestellt, dass die Pillen vom Doc nicht so richtig ne Wirkung haben. Sobald die Realität wieder in mein Leben scharwenzelt, ist wieder alles dunkelschwarz und mein Go-to-Gedanke ist: Wenn ich nicht sone nutzlose Memme wäre, könnte ich mich jetzt umbringen, wäre die beste Lösung. Die einzige Wirkung, die ich bemerke, ist, dass sie die Spitzen aus den Angstattacken nehmen. Also, schon immer noch Angst und Bauchweh und Herzrasen und zitternde Hände, aber halt nicht mehr ganz so doll. Und mein Gehirn findet, dass mein Körper nicht mehr angemessen auf die *hust* „Bedrohung“ reagiert (sowas irre Gefährliches wie das Beantworten einer E-Mail zum Beispiel). Und macht daraufhin Aufstand. Einfach alles wahnsinnig logisch.

Heute fing ich wieder an zu arbeiten. Ich tue so, als sei ich in den vergangenen Wochen nicht mit Gossip und Infos versorgt worden und habe mich wieder in meinem Home Office eingerichtet. Obwohl das mittlerweile wohl schon so gut wie verboten ist wegen Penisproblemen. Oder so. Auch sonst fehlt nur das Zelt für den Zirkus. Ich wollte heute nur an die 20 Mal schreien, weil alle unfassbar unprofessionell sind. Und überhaupt. Ich hab keine Zeit für den Quatsch. Und Lust eh nicht. Aber darum geht’s ja nicht. Hauptsache das Hamsterrad läuft weiter. Ich hasse die Realität.

Ich muss einfach nur den stumpfsten Job finden, bei dem ich einfach in Ruhe auf der Gartenliege arbeiten darf. Nichts leichter als das. Höhö.

In(tro)spektion

Es ist ein bisschen wie Sommerferien. Ich liege in der Sonne und lese – ich lese mehr Bücher durch, als ich neu kaufe, was selten und eigentlich nur in den Sommerferien vorkommt. Ich bemerke ein bisschen erwachende Libido und bin reichlich überrascht, aber auch reichlich pessimistisch, was ihre Befriedigung angeht. Ich radle durchs Flachland zum Eisessen. Ich mag die Aussicht auf das Dorf in der Pampa. Ich bin ein bisschen überrascht, wie wohl ich mich da hinten, drei Straßen hinter der Kirche fühle. Fast ein bisschen zu Hause, auch wenn ich keinerlei Pläne habe, langfristig hier zu bleiben.

Für das heimlige Gefühl sorgt unter anderem, dass ich mich zum ersten Mal irgendwo richtig eingerichtet habe und sogar ein Bild an die Wand gehängt habe (!) und durchgelesene Bücher nicht zu den Eltern trage und im Kinderzimmer-Regal einsortiere, sondern hier ins Regal stelle. Für das heimlige Gefühl sorgt unter anderem der Garten, in dem ich Muttis Gartentricks anwende, Vögel – also das Katzenfutter – füttere, Essbares züchte und sogar Unkraut zupfe (!). Das ist enorm meditativ. Für das heimlige Gefühl sorgt unter anderem, dass meine Kellerwohnung nach hinten rausgeht und ich von der Welt maximal durch ihre Gärten schleichende Nachbarn mitbekomme. Und kreischende Kinder dieser Tage. Für das heimlige Gefühl sorgt vor allem die Katze, die nicht nur die Wohnung, in der sie mir gnädigerweise ein paar Quadratzentimeter Bett überlässt, eingenommen hat, sondern auch meinen und alle umliegenden Gärten bis zum Spielplatz hinten, auf dem sie sich spätabends gern rumtreibt. Heimlich rauchen mit den Jungs? Jedenfalls riecht ihr Fell oft nach Rauch, wenn sie nach Hause kommt, aber ich glaube, das liegt eher an den Boomen, die mit ihren Kaminen für exzellente Dorfluftqualität sorgen. Sie findets geil hier.

Ich habe jeden Tag ein bisschen Angstattacken, vor allem, wenn meine Gedanken Richtung Arbeit wabern, auf die ich mit jedem Tag, den ich verlese, weniger Lust habe. Die Tabletten gegen die Angst liegen unberührt in der Küche. Sie sollen meinem Gehirn erklären, wie das funktioniert bei Leuten, die nicht dauernd Angst haben und die Welt dunkelschwarz finden (offenbar ein Normalzustand, was ich für ein Gerücht halte), und das macht mir Angst. Ich mag nicht, dass Tabletten in meinem Gehirn rumbohren, weil ich die andere Seite nicht kenne. Ich finde die Welt schon mindestens seit dem Kindergarten dunkelschwarz und diffus gruselig. The devil you know und so. Ich habe Angst, dass die Tabletten was mit meiner Kreativität machen, denn diese entspringt meiner Düsternis. Keine griechische Tragödie ohne Tragödie, kein Galgenhumor ohne Galgen. Rational weiß ich, dass das alles Blödquatsch ist wie praktisch alle meine Ängste, aber das wäre ja mal was ganz Neues, dass rationales Denken mein Handeln anleitet. Als ob meine Kreativität jemals produktiv gewesen wäre. Dann müsste ich vielleicht nicht diesen ollen Brotjob machen, der mir Angst macht und mich in einen dissoziativ gestörten Roboter verwandelt.

Ich muss jetzt entscheiden, welches Buch ich als nächstes lese. Wörter in mein Hirn füllen. Damit es mehr Wörter hat, auf denen es rumkamen kann. Das befriedigt mich.

Rauschen

Der Doc bescheinigte mir schweres Leck-mich-am-Arsch-Syndrom mit schlechter Prognose und hoher Rezidiv-Gefahr. „Ich kann Sie auch die nächsten sechs bis neun Monate rausnehmen, müssen Sie wissen, wie Sie das bei der Arbeit kommunizieren.“ So verlockend das ist, aber „huhu, entfristet mal meinen Vertrag, ich komm dann nächstes Jahr wieder“ ist wenig realistisch.

Aber gut, allein die Tatsache, dass ich mich die nächsten zwei Wochen nicht mit dem Quatschladen auseinandersetzen muss und dass dem Frühling wieder eingefallen ist, dass er dran ist, ist eine ziemliche Erleichterung. Ich schlappe durchs Dorf zur Apotheke und zum Briefkasten und genieße die Dorfkindvibes. Mitten auf der Straße latschen, weil da eh nur Viertelstarke auf ihren Fahrrädern rumgurken. Vögeln beim „vögel mich, vögel mich“-Rufen lauschen. Den Geruch von Geistesgestörten (also frisch gemähter Rasen, frische Farbe, Grillwurst), die mich für geistesgestört (altes Hippiekind) halten, atmen. Frühling in the village eben.

Und dann fällt mir das Spatzenhirn in den Rücken. Es denkt: Gut, dass du nicht mehr in der Stadt bist, denn dann würdest du jetzt anfangen, an Barcelona zu denken. Und dann würdest du anfangen, an das letzte Mal Barcelona zu denken. Barcelona mit J. Und dann würdest du daran denken, dass morgen vor einem Jahr die Monate aufgebraucht waren.

Was für ein mieses kleines Arschloch mein Spatzenhirn ist!

Seite 49ff

Da erreicht mich so Leserpost (YEAY, Leserpost! 📭). Das ist etwas, was ich an dem Blog mag: Ihr Menschen, mit mehr, anderen oder einfach Erfahrungen sagt manchmal was, dann denk ich drüber nach und dann ergibt es Erkenntnisgewinn. Dieser Leser schreibt also (Fehler sind seine eigenen):

z.B. „das Jahr 2016“, das erwähnst du immer wieder, wie schlecht es war, und dann läuft das bei mir wie in einem Stephen King Buch, wenn er auf Seite 49 sagt, „aber zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass der Schatten auch in ihr Haus gelangen würde“, da wird der Spannungsbogen hochgehalten, wie dieses Jahr wohl wirklich war. Irgendwann werde ich es lesen.

Ich musste dann hart über das Jahr 2016 nachdenken. Ich konnte nicht mal nachvollziehen, in welcher Stadt ich 2016 gelebt habe. Ich musste mit Hilfe der Finger nachrechnen: Wenn ich diesen Job seit nem knappen Jahr habe, den davor drei… 2016 im Sinn… Ohne in meinem eigenen Blog zu spicken, kann ich mich auch an nur ein Ereignis erinnern: Den Tod des großen Ungetüms. Alles andere ist Watte in meinem Kopf. Woran ich mich sehr lebhaft erinnere: Das Gefühl, nachts aufzuwachen und schon zu heulen, bevor ich überhaupt begriffen habe, dass ich wach bin. Weil heulen der natürliche Zustand war. Totale physische und psychische Erschöpfung.

Was war so besonders schlimm an 2016? Ich glaube, ich habe das hier im Blog schon mal irgendwann irgendwo geschrieben, ich finds nur grad nicht: Manchmal passieren Dinge, die einem vorkommen wie das Ende der Welt. Man kann sich nicht vorstellen, wie die Dinge weitergehen sollen. Wie das Leben funktionieren soll, angesichts dieses Ereignisses. Aber die Welt dreht sich weiter, die Zeit vergeht und irgendwie gelangt man auf die andere Seite, die Dinge gehen weiter, das Leben funktioniert, der Schmerz wird kleiner. Eine Lektion, die ich in meiner Jugend gelernt habe, als ich jeden Abend weinend eingeschlafen bin und mein einziger Wunsch war, dass ich morgens nicht wieder aufwache. Fünf Jahre lang. 2016 hatte ich das Gefühl, dass ich nie auf die andere Seite komme. Dass es nicht vorbei geht. Dass DAS jetzt mein Leben ist. Und deshalb fühlt sich 2016 – obwohl ich kaum eine aktive Erinnerung daran habe – schlimmer an als alles, was danach kam. Obwohl mehr, vielleicht sogar schlimmeres Schlimmes passiert ist.

Ich schrieb dem Leser: „Und deshalb kann es sein, dass 2021 trotz allem nicht schlimmer war als 2016. Weil ich weiß: Es wird wieder anders. Keine Ahnung wie. Keine Ahnung, ob besser. Aber anders.“

Aber bei Licht besehen bin ich nicht mehr so sicher. Auch 2021 in weitgehend in meiner Hirnwatte verschwunden. Ich habe alles getan, was ich tun konnte, um mein Leben in die richtige Richtung zu schubsen. Jeder ist seines Glückes Schmied am Arsch. Das Leben ist immer im Weg. Mir ist dieses 2016-Gefühl so nahe wie nie. Ich weiß gar nicht so genau, woher diese physische Erschöpfung kommt, ich mach ja nix außer Denkarbeit, aber sie knutscht wild mit der psychischen Erschöpfung und da ist es wieder: Das 2016-Girl, das im Schlaf heult. Und ich denke: Vielleicht ist DAS mein Leben. Vielleicht war da nur ein kurzes Intermezzo zwischendurch, kurz Luft holen, aber DAS ist mein Leben. Und es gibt keine andere Seite. Darauf erstmal eine Runde erschöpften Schlaf.

Es ist ja gut, dass man der Fahrer im eigenen Leben ist. Dass man bestimmt, wo es hingeht (hoffentlich ans Meer), in welchem Tempo und überhaupt. Aber ich bräuchte mal ne Pause. Ich möchte gerne einfach mal Beifahrer sein auf dem Weg ans Meer (metaphorisch und in echt). Pause machen. Augen entspannen. Freies Dissoziieren. Das fehlt mir. Früher habe ich mich dem oft hingegeben, gerade beim Mitfahren im Auto. Ich habe den Körper dagelassen und war weg. Ganz weit weg. Ein schwer zu erreichender Zustand, wenn man selbst am Steuer sitzen muss. Es bleibt einem nicht viel übrig, als dem kalten Leben in die Augen zu sehen, während es einen mit Scheiße bewirft.

Meh

Es ist doch die schönste Zeit des Jahres: die Zeit der Jahresend-Roundup-Depression.

Was soll ich sagen: Ich stecke gar nicht so tief drin, dieses Jahr. Es war ein schlimmschlimm furchtbares Jahr. Ich hatte recht mit meiner Prognose vom letzten Jahr: „Die ersten 4 Monate werden wie ein ICE auf mich zu und über mich rüber rasen. Danach könnte der Krise die Chance folgen. Aber Optimismus liegt mir nicht.“

Tatsächlich ist der ICE bestimmt 4 oder 5 Mal über mich rübergerollt. Es wurde so richtig schlimm, richtig richtig schlimm und richtig schlimm.

Es ist allerdings alles unfassbar weit weg. Ich weiß, mir ging’s beschissen und alles war beschissen und scheiße und bäh, aber es fühlt sich an, als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Und alles, was danach kam: naja. Joa. Meh. Ich weiß, was ich dieses Jahr gemacht habe und was ich erlebt habe, ich kann da ne schöne Liste von machen. Aber meh. Es ist alles komplett gleichgültig. Es liegt dicke, fluffige Decke aus Meh und Gleichgültigkeit und weit weg drüber. Zwar transparent, aber wolkig. Selbst Frankreich: meh. Vielleicht hab ich mir das alles auch nur eingebildet. Oder jemand anderes hat es erlebt. Was weiß denn ich.

Das spiegelt sich auch im Blog wieder. Ich habe selten geschrieben. Nicht, dass nix los war. Aber es hat mich nicht ausreichend bewegt, um es aufzuschreiben. Weil: meh.

In diesem Sinne. Frohes Neues. Ich arbeite rein. Weil: eh egal.

34

Schon lange älter als ich je werden wollte.

Offensichtlich war ich sehr klarsichtig, was das angeht.

Ich habe schon vor einer Weile einen Haken an mein Leben gemacht. Ich finde es eigentlich schon immer ziel-, sinn- und freudlos. Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass sich das noch ändern wird. Habe schon an so vielen Schrauben geschraubt: Immer noch nur anstrengend. Liege weiter mit dem Gesicht auf dem Asphalt und werde vom Leben weitergeschliffen. Sätze wie „das Leben ist schön“ sind für mich ein Paradebeispiel für ein Oxymoron.

Wenn ich Pech habe, habe ich noch nicht mal die Hälfte von diesem Ätz geschafft.

In diesem Sinne: Happy Birthday to me. 🥂

Discomfort zone

Neulich stolperte ich über den Begriff „discomfort zone“. Nicht im Sinne der „growth zone“, die man betritt, wenn man die Komfortzone verlässt und über sich hinauswächst. Sondern einfach im Sinne von ungemütlich. Ende. Nach dieser Definition ist die discomfort zone ein Ort, an den sich Menschen mit Depressionen oder Traumaerfahrungen begeben, weil sie mit der Komfortzone nix anfangen können. Ihr Gehirn ist so an den Panikmodus gewöhnt, dass es sich falsch anfühlt, wenn alles in Ordnung ist. Das bedeutet Stress. Also wird die discomfort zone aufgesucht, die zwar auch nicht schön ist, aber vertraut, was auf paradoxe Weise beruhigend wirkt.

Ich finde mich in dieser Theorie sehr wieder. Ich sehe das:

… und in meinem Hirn passiert Tod und Verderben – absolut naheliegend, oder? Ich produziere Bilder und Geschichten, die niemand seinen Kindern vorlesen würden. Ich reproduziere sie, wenn ich nicht schlafen kann. Und schlummere dann friedlich ein – obwohl ich gerade alle vorstellbaren negativen Emotionen durchlebt habe. Alltag halt.

Mir ist schon lange ganz rational bewusst, dass ich vielleicht ein Problem habe. Ich komme sehr, sehr langsam an einen Punkt, an dem ich beginne, den Gedanken zuzulassen, dass mein Gehirn nicht „normal“ funktioniert. Dass ich permanent im „Kampf-oder-Flucht“-Modus bin. Dass das Folgen und Konsequenzen hat, nicht nur psychisch, sondern auch ganz physisch. Allein schon, weil ich immer die Zähne zusammenbeiße. Nicht nur im übertragenen Sinne: Nur wenige Menschen dürften ein so durchtrainiertes Gesicht haben wie ich… Die Verspannungskaskade, die ich damit verursache, legt mich regelmäßig lahm. Man kann übrigens nicht lächeln, wenn man die Zähne aufeinanderpresst.

Und all die Energie, die mich das kostet… Es ist unfassbar anstrengend, ständig auf den nächsten Schlag in den Nacken zu warten und ihn im Zweifel dann einfach selber zu produzieren, weil das Warten halt auch keiner ertragen kann. Wollte noch jemand wissen, warum mein liebstes Hobby Rumliegen ist? In der mentalen discomfort zone, versteht sich.

Wahrscheinlich wird es mindestens so lange dauern, bis ich etwas für mein Spatzenhirn tue, wie es gedauert hat, bis ich verstanden habe, dass ich etwas tun sollte. Solange beobachte ich weiter andere Leute dabei, wie sie mehr als eine Sache pro Tag machen. Einkaufen nach der Arbeit oder vergleichbare Herkulesaufgaben. Verrückt.

Spätsommerdepression

Ich habe das Gefühl, Spätsommerdepression ist meine neue Winterdepression. Letztes Jahr war das Loch ja schon metertief. Dieses Jahr bin ich so tief unten, dass mein Hirn vom Druck zu platzen droht. Keine Übertreibung: Mein Hirn schmerzt permanent. Dumpfer Druckschmerz, der von düsteren Gedanken noch dumpfer wird. Seit Wochen geht das so. Trägt nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben.

Ich stelle wieder fest: Ich kann mein Leben ändern, auf den Kopf stellen, die Dinge ändern, die ich ändern kann – und das Leben hat nichts besseres zu tun, als mich mit Scheiße zu bewerfen.

Zu allem Überfluss sind mir nun auch noch die Ausreden ausgegangen, es hilft nix, ich muss wieder ins Büro. Und was soll ich sagen: ES IST KOMPLETT SINNLOS. Nicht nur, dass ich meine Zeit verplempere: Es ändert an meiner Arbeitsweise absolut überhaupt gar nichts. Im Gegenteil: Das Redaktionsnetzwerk ist komplett überlastet und unser veraltetes Redaktionssystem macht deshalb regelmäßig komplett die Grätsche, weshalb ich für Dinge, die mit meinem heimischen WLAN (nicht mal besonders fancy) normalerweise 30 Sekunden dauern, manchmal bis zu 10 Minuten brauche. Und das dutzendfach pro Schicht. Es ist also nicht nur Verplemperung meiner Zeit, sondern auch Verplemperung der Zeit der Firma. Ich sach ja bloß. Dazu kommt, dass wir im Großraumbüro doch nur chatten, weil wir aufgrund der Corona-Abstände so weit auseinander sitzen, dass wir brüllen müssten, um uns zu verständigen und damit alle nervten. Also: Alles wie vorher. Privat redet auch keiner mit mir, nicht, dass ich das wollen würde, aber es wirft halt jeden Tag deutlicher die Frage auf: WAS SOLL DAS EIGENTLICH? Und je mehr ich mit meiner Keinen-Bock-hier-zu-sein-Fresse rumlaufe, desto mehr isoliere ich mich selbst. Trägt alles nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben.

Die Katze findet das auch nicht gut.

Ebendiese Katze und die Pandemie haben meinen unsteten Nomadismus zum Stillstand gebracht. Nicht, dass ich nicht mehr rumziehen wollen würde. Es zieht in mir an mir. Aber ich krieg ja schon bei dem Gedanken, die Katze für ne Woche alleine zu lassen, komplette Schnappatmung. Da sind halt die Prioritäten anders. Und während ich so im Garten liege, die schnurrende Katze auf meiner Brust, meldet sich das leise Stimmchen in mir immer lauter, das sagt: Ich wär schon gern mal irgendwann irgendwo zu Hause. Und das ganz sicher nicht hier. Und mein beschissenes Hirn quält mich mit Wunschvorstellungen von dem, was ich gern hätte – und nie haben werde.

Ich werde mir nie aus eigener Kraft ein Zuhause leisten können und müsste halt aufs Erbe warten, was erstens nicht so erstrebenswert ist und zweitens auch hoffentlich noch so lange dauert, dass ich dann wohl eher keine Katze mehr haben werde, die mich zur Sesshaftigkeit schnurrt.

Das leise Stimmchen in mir säuselte in letzter Zeit häufiger vom Haus meiner Großmutter, das ziemlich viel von dem erfüllt, was ich mir wünsche. Wahrscheinlich hat es mir all die Flausen nur in den Kopf gesetzt. Nur, wie so oft, stellt sich die Frage: Wie soll ich da Geld verdienen? Denn natürlich wohnt Oma mitten in der Pampa, hinten im Naturschutzgebiet, kurz vorm Ende. Also: der Welt. Die Zeiten des Home Office hatten da noch mehr Flausen in meinen Kopf gesetzt und jetzt hat mir jemand diesen Stuhl unterm Arsch weggetreten!

Und dann verkündet der Papa, dem das Haus seit Opas Tod gehört, dass er es an den Onkel, dem die Hälfte des Grundstücks gehört, verkaufen will.

Also kann der sich mit dem kompletten Pack die Rente versilbern, oder meine Cousine kann irgendwann den dicken Reibach machen und mein Bruder und ich gucken in die Röhre.

Natürlich kann mein Papa mit seinem Haus machen, was er will und mit dem Geld eh. Ist schließlich seins und nicht das von mir und meinem Bruder. Abgesehen davon scheue ich mich, ein Veto einzulegen, weil ich keine Ahnung habe, wann und ob ich überhaupt je in der Situation sein werde, das Haus auch wirklich nutzen zu können. Wäre dann ja auch dumm. Und trotzdem: Jetzt hat mir noch jemand den Stuhl unterm Arsch weggetreten!

Nicht mal Träume gönnt mir mein Leben noch.

Es fehlt mittlerweile wirklich nur noch ne Kleinigkeit, bis mein Druckkopf platzt.

Mir verursacht schon das Nachrichtengeräusch des Telefons Tinnitus, weil endlich das Ende der Probezeit und damit der Beginn des Urlaubs ansteht und eine Freundin fragte, ob wir wie in alten Zeiten wie immer in der ersten Oktoberwoche nach Frankreich fahren und ich meine klar, ich will, ich habe nur massive Schnappatmung wegen der Katze, aber lass mal machen und dann meint sie aus dem Nichts so: Das geht doch klar, dass wir mit deinem Auto fahren, ne? Und ich so: Bruhahahhaha.

Dann können wir doch ein Auto von deinen Eltern nehmen, findet sie und ich frage mich, welcher erwachsene Mensch ernsthaft auf so eine Idee kommt.

Wie dem auch sei: Das Problem hat sie bei mir abgeladen. Und ich will darüber nicht nachdenken. Kann halt auch kein zuverlässiges Auto stricken, so ganz spontan.

Urlaubsvorfreude im Arsch und vielleicht lieg ich auch einfach drei Wochen mit der Katze im Bett. Mir erscheint das sehr attraktiv.

So wird der große Kackekuchen permanent mit so kleinen Kackestreuseln bestreut, die für sich genommen total unbedeutend sind, aber um mein Fass herum grad Überschwemmung machen. Und ich hab einfach keine Lust mehr. Also so gar keine.