Schrate, die auf Wasser und Rudeltiere starren

Das olle Facebook erinnerte mich gestern während der Arbeit (ih, Arbeit! Ich hatte mich wirklich schon so schön davon entwöhnt!) an J.s Geburtstag. Ich hätte ihn ohne diese Erinnerung glatt vergessen. Obwohl ich Anfang des Jahres erwogen hatte, die nie entstandene Mittelmeertradition wieder aufzunehmen. Es ist nur dran gescheitert, dass ich mich immer noch nicht in ein Flugzeug quetschen mag.

Ich hatte nicht mal vino tinto im Haus, der weiße musste es tun. Ich war nur froh, dass der noch nicht umgekippt war. Keine Ahnung, wie lange der schon im Kühlschrank steht.

Langsam tritt so etwas wie ein Gewöhnen ein. An diese irre Realität, in der J. nicht mehr da ist. In der man ihren Geburtstag vergisst und ihr nicht mehr jeden Quatsch schreiben kann. Es ändert nichts daran, dass ich dieses bekackte Leben mit fauligen Zitronen bewerfen will, verreck doch an deiner Limo! Es ist und bleibt eine unverschämte Unverschämtheit, dieses Rumgesterbe.

Vielleicht ist es ganz gut, dass ich nicht am Mittelmeer bin. Selbst das Starren auf den See hat mich dem schmerzhaften Zustand des Starrens auf das Meer wieder viel zu nahe gebracht. Ich hatte exakt denselben Gedanken wie vor fast genau nem Jahr: „Nie ist die Diskrepanz zwischen dem, was ich will und dem, was ist, deutlicher als beim Starren aufs Meer den See.“ Mein blödes Gänsehirn ist einfach nicht so wahnsinnig originell.

Jetzt befand sich der See auch noch in einem klitzekleinen Pupsdorf hoch im Norden und im Mai regt sich dort in höchster Ungeduld und Dringlichkeit das Leben. Und all dieses frühjährliche Gesumms ähnelte dem Gesumms in meinem Heimatdorf aufs Haar. Ich habe die Dorfbalz schon immer belächelt, so ritualisiert, dass keiner mehr eine Erklärung für das Geschehen hat, die über „Saufen“ hinausgeht.

Gleichzeitig war ich auch immer schon ein bisschen neidisch. Die Ritualjünger haben ein Ziel und vor allem haben sie ein Rudel. Sie gehören irgendwo hin, sie wissen, was sie tun, wenn auch vielleicht nicht unbedingt wofür.

Ich habe keinerlei Interesse daran, mitzumachen. Ich habe das ein-, zweimal probiert damals und fand es so unangenehm und lästig – und unnütz – dass ich froh war, wenn ich mich heimlich davonmachen konnte. Aber manchmal wünsche ich mir, ich könnte das: mit dem Rudel laufen.

Menschen, die mich so im Alltag erleben, glauben mir das nicht, dass ich introvertiert bin und ein brummiger Waldschrat. Weil ich mein inneres Abgestoßensein und die unfassbare Anstrengung, an menschlicher Interaktion teilnehmen zu müssen, hinter furztrockenem Galgenhumor und dem tausendsten doofen Spruch verberge. Leute halten mich für extrovertiert und witzig, doch tatsächlich packe ich am Ende des Tages wie ein Wanderprediger mein kleines Podest ein und verkrieche mich in meiner Waldschrathöhle. Und möchte eigentlich morgen nicht wieder fürs Publikum kaspern, aber mich fragt ja keiner.

Am Ende des Tages haben andere Menschen ein Rudel und ich hab ne Katze. Ich hab die tollste Katze der Welt, keine Frage, aber das ändert auch nichts daran, dass ich mich im Grunde alleine durchbeißen muss.

Bei der Arbeit bekäme ich Schaum vor dem Mund ob dieser Verschwendung von Ressourcen, wenn Leute immer alles allein machen würden. So sehr ich Teamwork hasse, es gibt Gründe, warum Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen unterschiedliche Dinge machen – und am Ende profitieren alle davon.

Im Leben mach ich alles allein, obwohl ich weiß, dass es im Rudel einfacher, schneller, weniger schwachsinnig wäre. Dass ich Vieles, gerade Dinge, die ich nicht mag oder nicht kann, gar nicht machen müsste. Theoretisch verstehe ich schon dieses „der Mensch ist ein soziales Wesen“, auch wenn ich praktisch noch nie erfolgreich eins war. Jedes Mal, wenn ich es versuche, bleibe ich umso schmerzlicher außen vor. Weil ich kein soziales Wesen bin.

Und so beiße ich Leute weg, bin bockig, einsam und erschöpft und wünschte, ich könnte mich einfach mal betüddeln und in den Arm nehmen lassen. Aber ich weiß, dann wäre ich gestresst, überfordert und erschöpft.

Wahrscheinlich habe ich J. deshalb so gemocht. Weil auch sie mehr so ein Einzelgänger war, der Menschen gern immer so ein bisschen töten wollte. Weil boar, anstrengend. Wir haben halt zusammen jeder seinen Scheiß gemacht. Und und dann enorm darüber beschwert. Sterben musst du am Ende halt auch allein.

123456

Irgendwo mitten in Deutschland hat mein Auto heute die 123456 km-Marke überfahren. Mindestens 10000 davon haben wir in den vergangenen paar Wochen zurückgelegt. Und ich bin einfach unfassbar müde.

Ich wollte immer eine Nomadin sein. Aber dann kam das Leben und das hat da nicht mitgespielt. Und dann kam die Katze und die spielt da ganz sicher nicht mit! Und trotzdem bin ich immer unterwegs. Und dann habe ich einen Ort gefunden, an dem ich mir hätte vorstellen können, Wurzeln zu schlagen, aber einer Handvoll Idioten sei Dank habe ich es doch nicht getan. Eine Steppenhexe im eingezäunten Bereich.

Ich hab einfach keine Lust mehr, immer unterwegs zu sein, ohne richtig unterwegs zu sein. Das Leben hat mir sehr deutlich gezeigt, dass es endlich ist und ich mache dauernd Sachen, die ich gar nicht machen will und die unfassbar viel Zeit beanspruchen. Son Vollzeitjob zum Beispiel.

Da geht sie hin, die Lebenszeit, die Welt dreht und dreht sich und ich Steppenhexe wirble durch den eingezäunten Bereich, ohne Pause und dabei auch sehr allein. Die Leute in der Provinz – außer der Handvoll Idioten – waren toll und ich bin da jetzt nicht mehr. Ich sitze jetzt hier allein im Homeoffice. Die J. war supertoll und die ist gar nicht mehr da.

Ich bin allein und ich würd grad halt schon gern mal auf dem Beifahrersitz sitzen.

Stattdessen regel ich Zeug und arbeite Dinge ab und kümmer mich um alles außer mich selbst. Macht ja alles auch sonst keiner. Kein Mensch kümmert sich um Steppenhexen.

Also fahre ich weiter allein durch die Gegend und hab eigentlich keine Ahnung, wohin.

Auf die 234567.

💪

Melde abgeschlossene Zerlegung aller meiner Möbel. Allein. Inklusive Viertürer-Kleiderschrank. Weil ich wuppe ja immer alles allein. Ich habe nur geringfügige Schäden verursacht und nur zweimal geheult. Keine ernsthaften Verletzungen.

Trotzdem hätte ich jetzt gerne ne Massage. Und ich will nie wieder umziehen. Gelogen. Aber ich will nie wieder Marke Eigenschlepp umziehen!

Depressions-Kater

Kennt ihr das? Dieses Nachhallen nach einer fiesen Kopfschmerzattacke? Es tut nicht mehr weh, aber da ist dieses Ziehen, diese Taubheit, dieses Pech beim Denken. In Form ist anders. Oder ist das ein Migräne-Ding?

Ich habe dieses Nachhallen nach einer fiesen Depressions-Attacke. Komplette Taubheit. Und, nun ja, in Form ist anders.

Da ist mir das Leben komplett entglitten und ich wusste, dass das kein Dauerzustand sein würde. Doch dieses Wissen hat nichts daran geändert, dass es furchtbar war.

Der Zug ist wieder halbwegs in der Spur, denn jeder Sturm geht vorbei. Es ist immer noch ganz schön pustig (und wenn das eine Norddeutsche sagt…), aber die rosarote blaue Pille spielt schon länger nicht mehr mit. Habe eh dauernd vergessen, sie zu nehmen, sie dürfte also eh wenig gebracht haben (außer jeder Menge Kopfschmerzen).

Ich habe dieses Nachhallen und mein gelähmter Kopf grübelt viel zu viel. Und ich weiß nicht, ob es mein allgemeiner Winterblues ist, das entglittene Leben oder das social Distancing… Obwohl, das eher nicht, das hat ja kaum was an meinem Leben geändert. Das Einzige, womit ich wirklich hadere, ist, dass ich den Arbeitsgatten und den Kollegen M. nicht werde knuddeln können, wenn es an den Abschied geht. Nicht cool!

Also, ich weiß nicht, ob es mein allgemeiner Winterblues ist oder das entglittene Leben, aber ich bin im Moment extrem einsam. Das ist ein bisschen ungewöhnlich, weil ich schließlich gern allein bin und Soziales viel zu oft als unangenehme Verpflichtung wahrnehme und vielleicht hat es doch mit dem social Distancing zu tun. Nicht die Möglichkeit zu haben, selbst wenn ich wollte – umgekehrte Psychologie…

Ich will auch einfach Mal wieder ordentlich gevögelt werden und bin total vertrocknet und da beschuldige ich definitiv das social Distancing und das ist wirklich albern, als ob ich ohne Pandemie mehr Sex gehabt hätte. Hier draußen in der Provinz, mit der Visage und den Extra-Kilos, deretwegen ich nicht mehr so entspannt nackig rumlaufe wie Anno dazumal.

Aber es ist nicht nur der Sex. Mir ist nach Nähe. Ich glaub, die Katze hat mich versaut. Ich möchte kuscheln und mich verstanden fühlen, ich will mich jemandem anvertrauen können und wenn ich ganz ehrlich bin, will ich einfach nicht mehr immer die sein, die immer alles hinkriegt und das natürlich allein, weil 💪 Ich möchte mich auch einfach mal dem Gefühl der Überforderung hingeben und darauf vertrauen können, dass sich irgendwer anders kümmert. Um Zeug und um mich. Und es ist ein bisschen schmerzhaft, dass die eiskalte Realistin in mir mich dafür auslacht, was sind das denn für alberne Illusionen. Und dann fühle ich mich wieder so wahnsinnig erschöpft, weil ich weiß, dass ich es auch das nächste Mal wieder selber wuppen muss. Und das übernächste Mal. Und das da drauf. Und eh immer.

Manchmal will ich einfach nur aufn Arm.

Geister, die ich nicht mehr rufe

Ich bin missmutig und einsam und mit der Gesamtsituation unzufrieden, aber immerhin komme ich mal wieder zum Lesen. Und natürlich fällt mir ein Buch in die Hände, dass mich mit seinem ganzen Er-sie-Lateinamerika-Europa-Hassliebe-hin-und-her-Quatsch total an meine Beziehung zu No. 3 erinnert. Ich musste sehr viel lachen, weil der Typ in der Geschichte nicht grad gut wegkommt – sie allerdings auch nicht. Ich hab mich ein bisschen gegruselt, weil es für die beiden nie aufhörte. Droht mir das auch? Und ich hab ganz schön Sehnsucht bekommen, nach dem No. 3, den es schon so lange nicht mehr gibt. Nach dem, was wir einmal hatten.

Mir fehlt jemand wie der Typ, der er einmal war. Mir fehlt jemand, mit dem ich so sein kann, wie ich mit ihm sein konnte. Mir fehlt jemand, dem ich nicht erst lang erklären muss, wer und wie ich bin, weil er es weiß. Weil er schon fast alles gesehen hat.

Als hätte er einen Riecher für mein Grübeln, schreibt er mir. Beziehungsweise schickt mir ein Bild. Kein weiterer Kommentar. Keine Ahnung, was er mir sagen will.

Aber was soll ich sagen. Ist mir wurscht. Er bringt mich jedenfalls nicht zu einer Nachfrage. Er hält ein paar Wochen durch, dann fragt er, ob ich immer noch wohne, wo ich wohne.

Da sollte man meinen, wir hätten das geklärt. Unsere Geschichte ist vorbei. Der Typ, der er mal war, begraben. Er bringt mich gar nicht mehr in Versuchung, egal, wie er es versucht. Das was wir hatten, ist für immer verloren. Und so sehr es mir fehlt: Ich weiß, dass ich es nicht wiederhaben kann.

Zurückweisungselefanten

In der Sonne liegen und das Alleinsein genießen – ich kann dieser Isolation wirklich viel abgewinnen. Keiner nervt, Menschen müssen Abstand von mir halten (auch wenn einige das immer noch nicht hinkriegen), ich muss nicht den ganzen Tag auf Sonnenlicht verzichten, das fette Arschloch habe ich stummgeschaltet (ich bin wirklich eine die Traum-Mitarbeiterin jedes Chefs…)…

Und doch kriecht von hinten die Einsamkeit heran. Es liegt nicht an der Isolation, nicht am Alleinsein. Im Grunde bin ich nicht einsam, ich mache mich einsam.

Ich ziehe mich bei der erstbesten Gelegenheit zurück, mache aus der kleinsten Zurückweisungsmaus einen Zurückweisungselefanten und vielleicht war das auch nur eine Zurückweisungsillusion – sie reicht mir schon. Vielleicht war es ja doch eine richtige Zurückweisung? Ich ziehe mich beleidigt in mein Schneckenhaus zurück und weil ich die vier am Ende nicht mehr voneinander unterscheiden kann und von einer richtigen Zurückweisung ausgehe, mag ich auch die Fühler nicht mehr ausstrecken. Und wenn die Einsamkeit ihre Tentakel um meine Kehle geschnürt hat, ist es eh zu spät.

Ich habe beschlossen…

…dass meine aktuelle Phase der akuten und sehr anstrengenden Verknalltheit schlicht und ergreifend auf meine akute und recht beklemmende Phase der Einsamkeit zurückzuführen ist. Die mich derzeit besonders hart trifft, nachdem ich in Chile praktisch nur während einiger Busfahrten allein war und sonst Tag und Nacht Leute um mich hatte.

Es wird also vorbeigehen! (So ein Glück!)

Muff

Ich gestehe mir das ungern ein, aber ich bin derzeit wirklich nähebedürftig. Und ich weiß nicht, ob es wirklich nur das Wetter ist. Vielleicht hat mich das zu meinem No. 3-Rückfall getrieben.

Dass ich das kurz hatte, bevor es so abrupt endete, macht den Aufprall wohl noch unsanfter, als ich je zugeben würde. (Ihr habt das gerade also nicht gelesen, klar?!)

Dass No. 3 mich dazu brachte, viel aktiver als bisher eine eh unerreichbare Person anzuschmachten, ist auch nicht besonders toll.

Was ich sonst so schätze – nach Feierabend quer im Bett liegen, alle Viere von mir strecken und kein Wort reden zu müssen – ist gerade arg unbefriedigend.

Und dann watschelt da im Pseudo-Netflix ein superverliebtes, absolut füreinander geschaffenes Liebespaar nach dem anderen durch alle Serien. Ab jetzt nur noch Splatter-Filme. Grmpf.

Allein

Ich war eigentlich immer allein.

Als Kind hatte ich nicht viele Freunde, mit den anderen Kindern im Dorf konnte ich nicht viel anfangen und auch mein Bruder lebte in einer anderen Welt.

Ich habe meine Freizeit mit Büchern, den Pferden und den Katzen verbracht.

In Kanada hatte das Alleinsein auch geografische Gründe, da draußen verbrachte ich meine Zeit eben mit Büchern, den Pferden, den Katzen und den Hunden.

Nach der Schule gab es nur mich, meinen Rucksack und Südeuropa. Und einige wenige Wochen, in denen ich mir die Wohnung in Barcelona mit No. 1 teilte. In denen jeder seiner Arbeit nachging und ich meine Freizeit trotzdem meist allein gestaltete…

Der Gedanke, während des Studiums in eine WG zu ziehen, erschien mir vollkommen abwegig und da ich mich aus den meisten Aktivitäten raushielt, war ich auch in diesen Jahren die meiste Zeit allein.

Auch jetzt bin ich alleinige Herrin über meine Wohnung und in der Redaktion tummeln sich nicht gerade die Massen.

Ich kann die Zeit mit mir sehr gut allein totschlagen, Besuch empfinde ich oft als Invasion und zum Besuchen muss ich mich meist zwingen.

Einsam habe ich mich dabei selten gefühlt.

Zur Not rede ich mit ihm:

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Er hört toll zu und ist ein hervorragender Umarmer.

Manchmal hätte ich trotzdem gerne Antwort…