Gehen Sie weiter…

Ein Psychologe sagt im Fernsehen: Es ist oft schwerer, den Co-Abhängigen zu helfen, als den Abhängigen selbst. Bis DIE mal aufhören, sich für alles verantwortlich zu fühlen und alles zu regeln…

Und das Darf man das? sitzt da und heult.

Schnieft und richtet sich die Haare.

ICH KANN NICH AUFHÖREN MICH ZU KÜMMERN, DANN FLIECHT HIER DOCH ALLES AUSEINANDER.

Ehem. Hier gibt es nichts zu sehen!

Wir befinden uns im elften Jahr nach Beendigung des Co-Abhängigen-Verhältnisses…

Old habits die hard.

Adoleszenz reloaded

Ich inspiziere die Verspätete-Midlife-Krisen-Residenz am See meines Vaters. Mache mir ja doch Sorgen, dass er da in seinen Depressionen versackt und sich ganz seinen Süchten hingibt. Bin beruhigt, dass es sich um einen Große-Jungs-Spielplatz mit Langzeitprojekten handelt.

Sage meinter Mutter, dass ich da war. Um späteres Rumgedruckse und Rumgelüge zu vermeiden. Meine Mutter flippt höchst dramatisch aus, weil alle sie immer belügen und betrügen, gibt die arme verlassene Ehefrau, Gemüse und Messer fliegen durch die Küche.

Ich erinnere mich daran, dass ich erst vor wenigen Monaten einem Kollegen erzählte, es würde mich nicht wundern, wenn mein Vater meiner Mutter irgendwann eine Axt in den Schädel rammt – oder sie ihm ein Messer zwischen die Rippen.

Meine Mutter und ich  besaufen uns, sie heult sich bei mir aus, ich erhelle sie mit Lebensweisheiten, die ich in 30 langen Jahren Leben mit psychisch kranken Eltern gesammelt habe.

Sie stellt zum x-ten Male fest: „Du bist meine Tochter, nicht meine Müllhalde. Ich sollte dir das alles gar nicht erzählen.“

Sagt sie seit 15 Jahren. Mindestens. Zufällig etwa so lange, wie mein Vater mir sagt, er würde gerne ausziehen.

Und dann steht er schon in der Tür, denn meine Mutter ist immer noch schwer krank und dummerweise auf seine Hilfe angewiesen. Und so können sie sich weiter genüsslich hassen, während ich schon wieder dazwischen hänge. Wie vor 15 Jahren…

0190 Senior

Mein Papa hat sich ein Seniorenhandy zugelegt. Mit extra großen Tasten, für Maulwürfe mit Wurstfingern. Seine Worte. Außerdem behauptet er, er gehe auf die 70 zu. Er ist Jahrgang 1957…

Dieses Handy hat nicht nur nervige Tastentöne, nein, es liest einem die Nummern, die man wählt, auch noch laut vor.

Mein freundliches Angebot, das abzustellen, lehnte er freundlich ab.

Meine Mutter lacht ihn aus, jetzt kann er niemanden mehr heimlich anrufen.

Ich sage etwas wie: Ich sehe den Opi vor mir, der in der U-Bahn die 0190 Sex Mal die Sex wählt.

Alle lachen, ich habe die Unterhaltung schnell vergessen.

Meine Eltern leben auf dem Land, sie fahren überall mit dem Auto hin, wir fahren praktisch nie zusammen U-Bahn.

Bis wir heute mehrere Dinge an mehreren Orten in Hamburg abklapperten. Und dann doch mal die U-Bahn nahmen.

Meine Mama und ich plappern fröhlich, mein Papa kramt sein Handy hervor und die freundliche Stimme des Handys verkündet: Null Eins Neun Null Sechs…