Gesprächsfetzen

Es ist sehr früh am Tag und ich bin mit einem Volontär allein in der Redaktion. Ich lese ihm die schönsten Facebook-Kommentare der Nacht vor.

„Macht die Augen auf, Leute! Wie diese Neubürger den Frauen hier ins Gesicht gucken!“ (Zahlreiche Ausrufezeichen wurden aus Lesbarkeitsgründen aus dem Zitat entfernt.)

ALTA!!!, sage ich. Die gucken den Frauen INS GESICHT. Stell dir das mal vor, INS GESICHT! Eins elf. Der Untergang des Abendlandes. Wo will die denn, dass die ihr hingucken?

Verschämt auf den Boden gucken?, fragt er.

ALTA, guck mir gefälligst auf die Brüste, wenn wir miteinander reden!!!

Er guckt verschämt auf den Boden…

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Psych-out

Womit ich mich am Wochenende so rumschlage:
Da poste ich auf der Facebookseite meines Arbeitgebers einen Artikel mit einem konkreten Leseraufruf. Wenige Stunden später finden sich dort 150 Kommentare. In 140 davon wird sich aufgeregt. Das Übliche: Die Gleichschaltung, die Meinungsdiktatur, Fake News und jede Menge Beschimpfungen. Ihr kennt das. (Es ging übrigens nicht um das, was ihr wieder denkt, sondern um Achtung: Pflanzen! Und Kinder. Hülfe!) Acht Leute freuen sich über das Engagement der vorgestellten Akteure und wünschen sich mehr davon. Und 2 (zwei!) machen tatsächlich Vorschläge.

Eigentlich sollte man das ganze Geblubber löschen, wegen am Thema vorbei. Dann hat man aber wieder das Geschrei von wegen Zensur und Meinungsdiktatur und so von diesem Besorgtbürgertum.

Und die Leute fragen mich immer, warum ich nach Wochenenddiensten über psychische Erschöpfung klage…

Dann rotze ich auf Anweisung des Leitenden eine total blödsinnige Gaga-Meldung zusammen, poste sie ebenfalls auf Facebook – unter lautem Protest, wenn auch wohl fürchtend wissend, dass das wahrscheinlich einigen Anklang finden würde. Und siehe da, die Meldung geht steil.

Und die Leute fragen mich immer, warum ich so wenig motiviert bin, geile Geschichten zu recherchieren…

Perlen… Säue… Ihr wisst schon.

Subjektive Intelligenzwahrnehmung

Ich bin dieses Wochenende Herrin über die Reporter on the ground, die Internetseite und die Social-Media-Kanäle.

Liege mit zwei Laptops im Bett und bereite die Reporter-Meldungen für dieses Internet auf. Verfasse Kurzversionen für die Infoscreens, klicke auf Exportieren und… Nichts. Hmhö? Ich versuchs noch mal, versichere mich, dass alle Häkchen gesetzt sind… Nichts. Probiere es mit einem anderen Artikel… Nichts.

Schreibe an die IT-Bereitschaft. Die fragen: Hast du alle Häkchen gesetzt?

OAR, haltet ihr mich für doof, oder was???

Ich widme mich diesem Facebook und mir drängt sich die Frage auf: SEID IHR ALLE DOOF, ODER WAS?

Sorry gays

Jemand fragte mich, warum ich denn auf Facebook so oft „irgendwelchen Homo-Kram“ like, obwohl ich doch selbst nicht homo sei.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich auch nicht wirklich als hetero bezeichnen würde: Muss ich denn direkt betroffen sein, um mich für etwas einzusetzen?

Ich bin hier auch kein Ausländer und finde Ausländerfeinde doof. Ich bin kein Tier und setze mich trotzdem für Tierrechte ein.

Soll ich lieber achselzuckend hinnehmen, dass Leute diskriminiert werden, weil ich grad mal nicht Opfer bin?

Wo genau ist der Unterschied zwischen Einsatz für Minderheitenrechte und dem Einsatz zum Schutz des Urwalds, lieber Facebook-Kontakt? Außer, dass dich das eine stört und dir das andere egal ist?

Ja, kann sein, dass überproportional häufig „irgendwelcher Homo-Kram“ in der Timeline auftaucht, wenn man mit mir befreundet ist. Das liegt unter anderem daran, dass ich trotz meines Einsatzes für Tiere oft einschlägige Seiten meide, weil man da immer wieder sehr viel Qual sehen muss, das kann ich schwer ertragen. Der „Homo-Kram“ kommt dagegen oft klug und witzig daher, da gibt’s halt mal ein schnelles Like. Glücklicherweise muss man nur sehr selten gequälte Homosexuelle sehen. Eben auch, weil es nicht (mehr) einfach achselzuckend hingenommen wird, wenn einer angegriffen wird, weil er schwul ist. Eben auch, weil auch Leute, die nicht direkt betroffen sind, mal den Mund aufgemacht haben.

Aber nee, is klar, ich lass das in Zukunft lieber – on- und offline. Das stört und es geht mich ja auch gar nix an.

So weit das Wort zum Sonntag.