Gesprächsfetzen

J. und ich besprechen die letzten Details unseres Trips nach Barcelona. Sie jammert zum tausendsten Mal wegen des beschränkten Gepäcks.

Pause.

Müssen wir eigentlich in Barcelona bleiben, wenn wir aufm Rückflug Übergepäck haben?, fragt sie.

Ich glaub ja, sage ich.

Pause.

Dann gehen wir ordentlich shoppen!

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Und nun das Fazit.

Normalerweise beginne ich um diese Jahreszeit das große Gemaule. Alles schlimm. Dieses Jahr ist so vieles anders.

Ja, schlimm: Die Oma ist gestorben. Die Eltern sind total ausgeflippt. Die Muddi ist im Krankenhaus verschollen (es ist übrigens fast GAR NICHT stressig, wenn man nach einer riskanten OP nix von der Muddi hört. Für euch getestet.) Ich war ewig totsterbenskrank.

War schon doof.

Dafür bin ich endlich umgezogen. In eine zwar abgelegene, aber doch sehr, sehr nette Gegend. Am See. Herrlich.

Ich habe endlich einen neuen Job. Der ist jetzt zwar nicht das Anspruchsvollste, was ich tun könnte, dafür habe ich Spaß. Mit meinem geliebten G. Dem schönen L. Dem fabelhaften F. Dem stilltiefen Wasser M. Dem uncharmanten Herrn B. Dem fetten (seine Worte!) G. Dem völlig irren Chef. Und ja, irgendwie auch dem Nerd. Hassliebe. Meine verrückten Jungs…

Ich war viel unterwegs. In Polen und auf Usedom. In diesem komischen Sachsen. In Russland. In Norwegen. Beim Schneewittchen hinter den sieben Bergen. Auf Rügen. Und auf Usedom – und dann auch gleich wieder in Polen. In München. Und eh dauernd in Hamburg und in Schleswig-Holstein. Und ja, auch in Berlin. Und am Mittwoch geht’s gleich weiter mit diesem Unterwegs.

Ich war viel am Wasser. Hier am See. An der Ostsee überall. An der Nordsee, am Nordmeer, an der Barentssee. Am Stettiner Haff. An der Elbe, der Oder, der Moskwa, der Newa, der Isar, dem Siebenbergebach.

Ich hatte viel Sonne. Schon allein wegen diesem irren Sommer. Und der Mitternachtssonne in St. Petersburg. Und der Mitternachtssonne in Norwegen. Nehm ich mehr von. Diese Woche noch 🙂

Ja, doch, war ganz ok, dieses 2018. Wer hätte das gedacht. Nur das mit dem Sex war irgendwie… Lassen wir das…

Was will ich von diesem 2019? Mehr Unterwegs! Chile ist klar, geplant sind Buchmesse und endlich, endlich wieder Batzelooona. Vielleicht Portugal? Auf jeden Fall zur Eheschließung des liebsten Exkollegen. Und irre viel Hamburg. Und was immer noch so anfällt 🙂
Im Job: Mal sehen, wie der Chef sich rührt. Er hatte ja „Großes“ mit mir vor. Ich habe eine Ahnung, was er plant, DEN Zahn muss ich ihm ziehen. Ich habe einen anderen… Wir werden sehen… Vielleicht wird’s dann weniger schimpansig…
Und das mit diesem Sex… lassen wir das. Ich bezweifle, dass das unter diesen Vorzeichen noch was wird.

In diesem Sinne: Frohes Neues!

Heimat und so

Die Chile-Connection trifft sich in München.

Obwohl sie aus Orten stammen, von denen einige voneinander so weit entfernt voneinander sind wie München vom Nordpol, fühlen sie sich aufgrund ihrer Herkunft miteinander verbunden. Mehr als mit Leuten aus Bolivien, Peru oder – Hilfe! – Argentinien.

Obwohl sie selbst sagen: Eigentlich haben wir keine Heimat. Keiner will uns. Die Indigenen hassen uns, weil wir auf ihrer Erde rumlungern. Und die Spanier wollen uns erst recht nicht zurückhaben. Wir sind die Bastarde der Geschichte. Alle das Produkt einer Vergewaltigung vor ein paar Generationen.

Alle sind irgendwie froh, dass sie es nach Deutschland geschafft haben. Dass sie es aus der Gosse, von der Sorge, ob sie nächsten Monat noch ein Dach über dem Kopf haben und wo das nächste Essen herkommt, in die Bildungsoberschicht geschafft haben. Reich werden sie mit ihrem rumgedoktere nicht. Aber sie sagen: Noch nie waren wir so satt, noch nie waren wir so sicher vor Erdbeben, Tsunamis, Winkelspinnen und Überfällen, noch nie hatten wir es im Winter so warm, noch nie sind uns so wenige Steine in den Weg gelegt worden.

Sagen sie und schwärmen von ihrer Heimat.

Und was mache ich eigentlich in dieser Runde?

Du bist komplett chilenisiert, sagen sie. Du redest wie wir. Du isst wie wir. Du weißt mehr über unsere Geschichte und Politik als wir (Kunststück, meine Masterarbeit besteht zu großen Teilen daraus). Deine Zeitrechnung teilt sich wie unsere in „vor dem Erdbeben“ und „nach dem Erdbeben“. Du hast mit uns studiert. Du hast gelebt wie wir. Unter uns. Mit uns. Du weißt, wo wir herkommen. Du kennst unsere alltäglichen Kämpfe. Du hast es gesehen und gefühlt und bist dir bewusst über das enorme Privileg deiner Geburt. Du verstehst uns halt. Cachai?

Und ich rühre in meinem Tee und fühle mich in dieser kleinen Studentenbude am Rande der Stadt enorm zu Hause.

Fremdkörper

Ich fahre durch 6 Bundesländer auf 7 Autobahnen vorbei an den letzten Paartausend Jahren deutscher Geschichte, zusammengefasst auf braunen Schildern. Ich lande in einem engen Tal mit einem verlassenen Dorf.

An einer steilen, schmalen Straße steht ein Haus voll rosa. Kitsch. Geraffel. Eine scheußliche Puppensammlung. Selbst das WC ist in einem Rosaton gehalten. Ob der Mann, der das alles finanziert und aufgebaut hat, bei der Innengestaltung ein Wörtchen mitzureden hatte?

Kein Staubkorn liegt herum, alles steht an seinem Platz. Selbst am Garagenfenster hängen frisch gesteifte Gardinen. Besser nirgends zu heftig atmen.

Es ist das Elternhaus meiner Freundin J. Die mir – obwohl wir uns so selten sehen und viel zu wenig reden – wichtig genug ist, um viele Hundert Kilometer zu fahren, wenn sie zum Geburtstag in ihrer alten Heimat lädt.

Auch ihre neuen Freunde aus der großen Stadt am Rhein sind gekommen, sie feiern wild und J. ist aufgedreht und betrunken, wie ich sie in all den Jahren nie gesehen habe. Sie ist wie ausgewechselt, alles nur wegen diesem Stecher…

Ich bin ein bisschen neidisch auf diese Clique, die so offensichtlich so viel gemeinsam erlebt hat und trotz der mittlerweile erfolgten Ankunft im Erwachsenenleben sehr viel 12 bewahrt hat.

Es ist eine milde Nacht, wir sind in einem alten Steinbruch, das Lagerfeuer lodert, sein Licht wird von den steilen Steinwänden zurückgeworfen, über uns leuchtet die Milchstraße am sonst so schwarzen Neumondhimmel.

Ich könnte ewig hier liegen und den Geschichten von J.s alten Freunden aus der Schulzeit hören, Geschichten von einer Kindheit in dem engen Tal, in dem alle Türen offen standen und alle Kinder durch alle Häuser tollten. Ich höre Spitznamen, wie sie sonst nur in Kinderbüchern vorkommen und bei denen ich immer gedacht habe, dass solche Namen im richtigen Leben nicht verteilt werden. Blacky, das Böhnchen, der Dodo.

Kurz vor der Dämmerung laufen wir vom Steinbruch zurück ins Tal und ich erzähle von mir. Ich bin so weit weg von allem wie die letzten Sterne, die über uns glitzern.

… dropped

Irgendwie rede ich mit keinem mehr.

Also – natürlich sabbel ich den ganzen Tag, ich bin schließlich die schlimmste Quasselstrippe der Welt.

Aber wirklich richtig geredet habe ich schon lange mit keinem mehr. Ich mache alles mit mir selbst aus. Habe mich irgendwie von allen zurückgezogen. Und rede nur noch mit meinem Blog.

Sonst habe ich niemandem erzählt, dass zum Beispiel meine Oma gestorben ist. Oder dass meine Eltern gerade durchdrehen. Und was das mit mir macht. Das erzähle ich nicht mal dem Blog so richtig. Wahrscheinlich, weil ich mich dem Ganzen stellen müsste, um es aufschreiben zu können. Das möchte ich eigentlich nicht.

Ich bin dem irgendwie nicht gewachsen. Da kommt zu viel Zeug hoch, Zeug, das ich schön Tetris-mäßig in meinen inneren Wahnsinn-Schrank gestopft hatte. Jetzt krieg ich die Tür nicht mehr zu und sobald ich loslasse, erschlägt mich alles.

Ich wusste, dass mich das alles mal einholen würde, wenn ich den Schrank nicht aufräume. Aber es ist so lange nichts passiert, dass ich dachte, das erledigt sich von selbst. Wie immer ich mir das vorgestellt habe. Heinzelmännchen? Mysteriöse Umfangsvermehrung?

Selbstüberschätzung.

Manchmal hätte ich schon gern jemanden, bei dem ich all den Rumpel lassen könnte. Bei dem ich mich ankuscheln und auspacken kann. Nur dann müsste ich ja auch den Kram der Person anhören. Und sonstige soziale Interaktion in Kauf nehmen.

Das ist mir viel zu anstrengend.

Gesprächsfetzen

Ich bin bei einer lieben Freundin J. und ihren Katzen.

Sie will Karten fürs Theater vorbestellen, sitzt mit dem Telefon am Schreibtisch und der Kater wandert lautstark schnurrend vor ihr auf und ab und streicht dabei immer wieder mit dem buschigen Schwanz durch ihr Gesicht.

Die Frau von der Theaterkasse nimmt ab, just in dem Moment, in dem J. ihren Kater anraunzt:

Och Paul, nu nimm doch mal den Schwanz aus meinem Gesicht!