Gesprächsfetzen

Der Arbeitsgatte und ich arbeiten und telefonieren miteinander. Maulen. Ich kann über die 400 Kilometer Entfernung hören, wie seine Frau die Augen rollt. „Hat sich ja gar nix verändert. Ich denk, ihr seid keine Kollegen mehr.“

Sein Baby kräht: „LALALALALA!“

Der Ex-Arbeitsgatte stellt fest: „Ist ja wirklich wie in der Redaktion hier. Irgendjemand rennt immer rum und brüllt irgendwas. Wie das fette Arschloch.“

Ich hab ja nicht viel für Babys übrig, aber eins muss ich ihr lassen: „Was sie grad verkündete, war deutlich intelligenter als alles, was das fette Arschloch je gesagt hat!“

Gesprächsfetzen

Besuch einer Schloss- und Parkanlage mit dem Hasi aka Gold Star Lesbian.

GSL: Und was ist das jetzt hier alles?

Frau Fragezeichen räuspert ihre Fremdenführerstimme herbei: Irgendein Typ mit zu viel Geld und Penisproblemen musste sich hier irgendwie produzieren.

GSL: Aaah, die Geschichte der Welt in einem Satz.

Frau Fragezeichen: Joa, naja, al… Oh guck mal, Titten!

GLS: Hasi. Manchmal bist du echt gayer als ich!

An- in Abwesenheit

Es ist schon komisch, wie schnell ich mich an J.s Abwesenheit gewöhnt habe. Vielleicht auch, weil sie mir die andere J. dagelassen hat, die ohne Umschweife einen größeren Platz in meinem Leben eingenommen hat. Vielleicht auch, weil der Pandemiealltag fast derselbe geblieben ist. Vielleicht auch, weil ich einfach nicht so gern darüber nachdenke.

Und doch: Sie lauert überall. In einem Wort mitten im Roman. Im Wetter (das mit dem Rudern auf der Unwetterwolke muss sie noch üben. Kann ich einer Bescheid sagen, dass sie beim Einparken die Musik leiser drehen muss?). Im Küchenschrank. Im Bücherregal. In einer Anekdote, die nie erzählt werden wird. In meiner Handtasche.

Ihre Anwesenheit wirkt mitunter präsenter als es ihre Anwesenheit je war. Und es ist und bleibt eine unverschämte Schweinerei!

Es ist ernst

Einen nach dem anderen erwischt es. Dieses Erwachsenenleben. Diese Verantwortung. Dieses Hamsterrad.

Mit der Pandemie geht auch diese andere ansteckende Krankheit um sich, die meinen Bekanntenkreis deutlich dezimiert: Schwangerschaft.

Bläh.

Ich habe No. 1a daran verloren. Ich habe die Gattin des Ex-Arbeitsgatten, die – Ironie des Schicksals – in den gelockdownten Wintermonaten mein Knuffelkontakt war, daran verloren.

Und weil er nun also Vater wird, zieht der Ex-Arbeitsgatte nun in ein Reihenhaus in einer noch kleineren Stadt. Hat schon einen Rasenmäher gekauft, wie sich das gehört. Hat sich einen Job in einer spießigen Institution gesucht, bei dem er nicht mehr so irre Schichten arbeiten muss (eine weitere Kündigung, die ich meinem Ex-Arbeitgeber sehr, sehr gönne, muhahaha). Hat sein Auto verkauft!

DAS Auto. SEIN Auto! Die 70000-PS-Schleuder, die man durch die halbe Stadt röhren hörte. DAS AUTO!!!

Es ist das Ende einer Ära. Mein Weltbild ist erschüttert. Bin ich bald die einzig übriggebliebene Geistig-13-Jährige? Bin ich bald die Einzige, die an kindisch-unrealistischen Träumen festhält und sich nicht im Traum von Dingen trennt, die kein Stück vernünftig sind und einfach Spaß machen?

Und dabei mache ich schon viel zu wenig Dinge, die einfach Spaß machen, weil ich selber viel zu fest in diesem Hamsterrad stecke.

Erwachsen sein ist doof. Und es macht noch viel weniger Spaß, wenn alle um einen rum so dolle erwachsen werden.

Una copa de vino tinto

Heute hätte J. Geburtstag.

Es stürmt und regnet und ich brauche so sehr das Mittelmeer im Herzen. Nach Barcelona wollten wir eigentlich eine Geburtstag-am-Mittelmeer-Tradition schaffen. 2020 wollten wir nach Griechenland. Aber da kam was dazwischen… Wir haben das Mittelmeer im Herzen, haben wir gesagt. Nächstes Jahr, haben wir gesagt. Und jetzt ist nicht nur immer noch Pandemie, jetzt isse auch noch tot.

Ich sauf trotzdem una copa de vino tinto auf dich, meine Alte. Du bist ja offensichtlich angerudert auf deiner Schlechtwetterwolke! Und nächstes Jahr vielleicht wieder am Mittelmeer. Salud.

Erdnussmomente

Am Ende bin ich doch zu der Beerdigung gefahren. Weil es immer noch unvorstellbar ist, dass J. wirklich tot sein soll. Weil ich gehofft habe, dass es vorstellbarer wird, wenn ich sehe, wie sie beerdigt wird. Und weil man mir gnädigerweise mitteilte, dass die erlaubte Personenzahl erhöht wurde, wir müssen uns nur alle mit nem Stäbchen in der Nase rumfummeln lassen. Wie das so ist in diesen Tagen.

Auch der Dresscode wurde durchgegeben. Dass kein Schwarz gewünscht ist, war klar, wir kennen doch unsere J. Doch nicht nur das: Erbeten werden Pink, Glitzer und Pailletten. Da kann ich beim besten Willen und aller Liebe nicht mit dienen. Mein Schrank bietet in erster Linie: fröhliches Schwarz.

Also stehe ich vor der Kapelle in fröhlich schwarzer Jeans und wegen der allen Liebe in weißen Turnschuhen – denn sie hat jahrelang versucht mich von Turnschuhen zu überzeugen und triumphiert als ich mir fürs Segeln welche anschaffte (und nur fürs Segeln!) – und in dem Pinkähnlichsten, das ich meinem Schrank entlocken konnte – auch wenns keiner sieht: dem rosa Tanga. J. hat nie verstanden, warum ich Tangas nicht mag. „Auch nicht im Sommer?!“ Nee, grad nicht im Sommer! Es gibt elegantere Gesten als sich den zwackenden Krustenkratzer, wie die Québécois sagen (nutzlose Vokabeln, die ich auch dann nicht vergessen werde, wenn ich schon meinen Namen nicht mehr weiß), aus der Arschritze zu klauben.

Ich bin in strahlendem Sonnenschein losgefahren, doch kurz vor dem Ziel kommt J. auf ihrer Schlechtwetterwolke angerudert und macht maximales Drama. Wie üblich. Erdnuss gefällig? Doch als der Typ mit der pinken Krawatte auftaucht, verzieht sie sich.

Der Typ mit der pinken Krawatte ist ein stadtbekannter Politiker einer bundesweit bekannten Partei mit C wie Zukunft und ist gelegentlich durch J.s Bett gerutscht. Aber eigentlich schon vor langer Zeit mit Schimpf und Schande davongejagt worden. Das hatte einfach keine Cukunft. Ich ziehe mir eilig die Maske übers Grinsen und am Prusten hinter mir erkenne ich die andere J., die ich bisher nur vom Telefon kannte.

Es ist eine kurze, pinke, formlose Zeremonie mit deutlich weniger Personen als das Drama erahnen ließ, die andere J. schummelt noch die Urne von Kater Paul mit in die Urne und irgendjemand muss mir mal erklären, wie man das mit dem Rotz unter der Maske machen soll.

Am Ende stehen wir unter einem Baum und man schmeißt pinke Rosenblätter in ein Loch. Der Bestatter hält mir das pinke Körbchen hin aber ich lehne dankend ab: Ich kippe eine Handvoll Erdnüsse auf die Urne. Der Bestatter guckt komisch, die Mädels hinter mir gackern. J., du warst doch eine alte Tratschtante!

Wir stehen unterm Baum und man befindet: perfekter Platz. Da wo am meisten los ist. Hat sie was zu lästern. Kann sie Erdnussmomente haben. Und Erdnüsse werfen.

Der Typ mit der pinken Krawatte geht und die nachtschwarze Wolke rudert an. Die andere J. befindet: Das dauert ihr zu lange. Sie hasst viel Gewese. Und sagt zu ihrer Freundin M. auf mich zeigend: Nehmen wir sie noch mit? Und M. sagt: Sie gehört doch zur Erbmasse. Und ich werde mitgeschleppt auf einen „Latte Matschaaato“ in J.s Ehren, Kekse und Spaghetti mit heilender Sauce.

Wir quatschen, als kennten wir uns ewig, eine winzige Katze adoptiert mich auch und finden, dass die J. schon nen ziemlich guten Geschmack hatte. Auf dem Tisch krabbelt eine widerborstige Ameise, die sich einfach nicht raustragen lassen will und wir sind uns ziemlich sicher, wer da wohl reinkarniert ist…

Die andere J. zeigt mir ein Foto, das ich schon ganz vergessen hatte. J. hat es in Barcelona gemacht. Es sind nur unsere Füße drauf, unsere vom Barcelona-Marathon geschundenen Füße. Die Turnschuhe sind wohl nicht deine, hm?, sagt die andere J. Nee, meine Füße sind die mit den Sandalen, die J. mir mal geschenkt hat. Die Sandalen haben den Barcelona-Marathon nicht überlebt, sie wurden feierlich im Hotel-Mülleimer beerdigt.

Statt der Schuhe brachten wir den Erdnussmoment mit. Auf dem Hinflug wurden – ogottogott – keine Snacks serviert, weil jemand mit schwerer Erdnussallergie an Bord war. Meine Sitznachbarin verlor völlig die Fassung, weil sie nicht verstehen wollte, warum wir auf dem zweieinhalbstündigen Flug alle VERHUNGERN sollen, bloß weil da einer ne Erdnussallergie hat. Ist doch sein Problem, nicht unseres. Als der Flugbegleiter versuchte, ihr klarzumachen, dass es NOCH länger dauert, bis sie was zu futtern kriegt, wenn wir notlanden müssen, weil die Person einen anaphylaktischen Schock erleidet, versuchte sie, uns auf ihre Seite zu ziehen. Aber wir waren in ein SEHR wichtiges Gespräch vertieft. Als ich an der Gepäckausgabe auf unserer Handgepäck, das wir am Ende doch aufgeben mussten, wartend, total gestresst von der hysterischen Verhungernden ungeduldig zu knurren begann, meinte J. staubtrocken: Krisst wohl grad nen Erdnussmoment, wa?

Wir sind die Königinnen der Erdnussmomente. Ihre Wolke ist ein einziger Erdnussmoment.

Nee, ich finde es immer noch unvorstellbar, dass J. einfach nicht mehr da sein soll.

123456

Irgendwo mitten in Deutschland hat mein Auto heute die 123456 km-Marke überfahren. Mindestens 10000 davon haben wir in den vergangenen paar Wochen zurückgelegt. Und ich bin einfach unfassbar müde.

Ich wollte immer eine Nomadin sein. Aber dann kam das Leben und das hat da nicht mitgespielt. Und dann kam die Katze und die spielt da ganz sicher nicht mit! Und trotzdem bin ich immer unterwegs. Und dann habe ich einen Ort gefunden, an dem ich mir hätte vorstellen können, Wurzeln zu schlagen, aber einer Handvoll Idioten sei Dank habe ich es doch nicht getan. Eine Steppenhexe im eingezäunten Bereich.

Ich hab einfach keine Lust mehr, immer unterwegs zu sein, ohne richtig unterwegs zu sein. Das Leben hat mir sehr deutlich gezeigt, dass es endlich ist und ich mache dauernd Sachen, die ich gar nicht machen will und die unfassbar viel Zeit beanspruchen. Son Vollzeitjob zum Beispiel.

Da geht sie hin, die Lebenszeit, die Welt dreht und dreht sich und ich Steppenhexe wirble durch den eingezäunten Bereich, ohne Pause und dabei auch sehr allein. Die Leute in der Provinz – außer der Handvoll Idioten – waren toll und ich bin da jetzt nicht mehr. Ich sitze jetzt hier allein im Homeoffice. Die J. war supertoll und die ist gar nicht mehr da.

Ich bin allein und ich würd grad halt schon gern mal auf dem Beifahrersitz sitzen.

Stattdessen regel ich Zeug und arbeite Dinge ab und kümmer mich um alles außer mich selbst. Macht ja alles auch sonst keiner. Kein Mensch kümmert sich um Steppenhexen.

Also fahre ich weiter allein durch die Gegend und hab eigentlich keine Ahnung, wohin.

Auf die 234567.

Monate aufgebraucht

Da sind sie hin, die Monate. Keine fröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz mehr. Einfach gar keine Nachrichten mehr.

Ich stelle fest: Ja, es gibt sie. Eine Welt ohne J. Aber die macht keinen Spaß.

Und dann meine liebe Trude! Ich find ja nett, dass du versprochen hast, auf deiner Wolke hier vorbeizurudern. Aber kannste dafür vielleicht nächstes Mal ne Schönwetterwolke nehmen?

The other shoe II

Ja, Wohnung ist gemütlich und endlich wieder auf dem Dorf und so. Kollegen wirken ganz nett und ich bilde mir ein, bei der ein oder anderen Sache schon den Dreh raus zu haben. Krieg den neuen Job wohl hin. Und auch wenn er grad pausiert, der Frühling kommt und mein Garten blümt vor sich hin.

Und dann kommen da fröhliche Nachrichten aus dem Hospiz. Ich möchte keine fröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz. Ich möchte aber auch keine unfröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz. Ich möchte einfach Nachrichten von meiner Freundin. Ohne Hospiz. Aber das Leben ist ja ein Ponyhof mit ewigem Scheißegeschaufle.

Gesprächsfetzen

Der Arbeitsgatte hat mir Psycho-Wrack den Transporter durch die halbe Republik gefahren. Wir schmeißen meine Matratze ins Schlafzimmer und er verkündet: Endlich! Möbel schleppen, 400 Kilometer fahren und nochmal Möbel schleppen! Jetzt können wir vögeln! Ich lieg unten und mach nix!

Er wird übrigens im Oktober Vater 🎉 Und seine nur so mittelbegeisterte Frau erzählte es mir, bevor sie es ihm erzählte 🤪