Ausmisten

Ich halte mich ja nicht gerade für angenehme Gesellschaft. Ich bin laut, ich-bezogen, rechthaberisch, ordinär, halte mich für furchtbar witzig und rede auch noch ununterbrochen. Nein, ich habe keinen Ausknopf.

Ich halte mich auch nicht für ne gute Freundin. Aus den oben genannten Gründen und weil ich mich nicht gerne um Freundschaften kümmere. Da lieber ein Abend allein, als mich rausgequält, wenn ich keine Lust habe. Und ich habe nie Lust. Vorm Telefonieren hab ich Angst. Warum auch immer. Ich hasse es. Ich verhungere lieber, als zum Telefon zu greifen. Entweder man schreibt mir oder man hört nie wieder von mir.

Ich wäre auch erst recht keine gute Partnerin. Ich bin launisch, manipulativ, unehrlich, ganz schnell aggressiv und sprunghafter als ein junges Kaninchen. Ich bin ein Arschloch.

Ich bin immer ganz schön überrascht, wenn jemand trotzdem Zeit mit mir verbringen will – obwohl ich die Leute mitunter explizit vorwarne: Achtung, Arschloch! Ich nehme das dann verwundert hin, ich habe oft sogar Spaß, ich würde sogar behaupten, ich genieße es gelegentlich. Ich frage praktisch nie, ob man das wiederholen könnte, weil ich Leuten meine (unangenehme) Gesellschaft nicht aufdrängen mag.

Eine natürliche Folge ist, dass viele Kontakte schnell wieder einschlafen. Is halt so, wenn man sich nicht kümmert. Einige wenige Menschen bleiben. Die mit dem etwas speziellen Geschmack. Und dann sind da einige, die sind einen Moment da und verschwinden dann. Leute, die mich in der Ansicht bestätigen, dass ich keine gute Gesellschaft bin.

Und dann sind da so Leute, die sind da und saugen mir Energie aus und dann sind sie nicht da, um dann zurückzukehren und mir wie die Schmeißfliegen Energie auszusaugen und der einzige Grund, warum ihnen das möglich ist, ist dass sie irgendwas an sich haben, was mich anzieht. Weil es ihnen manchmal sogar gelingt, mein Herz zu berühren. Oft genug bringt mich das in seelische Nöte, weil ich ihre Unstetigkeit für eine Folge meiner Arschlochigkeit halte. Und dann find ich mich ganz schön scheiße.

Es fällt mir wahnsinnig schwer, solche Leute einfach auszumisten. Weil es mir ausgerechnet bei ihnen irre wichtig ist, dass sie mich mögen. Wahrscheinlich, weil es nicht selbstverständlich ist, dass sie es tun. Und weil es so unwahrscheinlich ist, dass sie es tun. Wie kann man mich schon mögen.

Manchmal muss man sie einfach ausmisten.

Splitter

Den Ex-Arbeitsgatten erfolgreich unter die Haube gebracht. Es war sehr schön. Ich bin sehr happy für die Beiden. So wenig ich selber mit dieser Liebe anfangen kann, so sehr freue ich mich an der von Anderen. Wie so ein Romantik-Vampir.

Ich war allerdings nach 12 Tagen Arbeit und davon die letzten 5 in der schlimmfrühen Frühschicht viel zu müde für derlei Veranstaltungen. Und mit den Gedanken eh woanders. Und ich lernte auf die harte Tour: Geh niemals alleine auf ne Hochzeit!

Kaum verkündete der Bräutigam, dass ich ja sozusagen seine Chefin war, hatte ich den T. am Hals. Der mir, qualifiziert durch ein Praktikum beim Dorf-Anzeiger und eins in D.C. (er ist ja so wichtig und polyglott), direkt mal das mit dem Journalismus erklärt hat. Ich bin SO froh, dass ich DAS jetzt endlich mal alles weiß…

Jedenfalls stellte der T. fest, dass wir als die beiden Alleinreisenden als Einzige ins Hotel in die Innenstadt ausgelagert wurden und wir angehalten sind, ein Taxi zu teilen und dann sind die Hotelzimmer ja eigentlich auch für zwei Personen und so… Ich habe vor, die Straßenbahn zu nehmen, erklärte ich und machte mich dünn.

Auch dem Stecher des Jahrtausends konnte ich einigermaßen ausweichen, ich musste nur drei Sätze mit ihm wechseln. Dafür schritt der komische und sehr betrunkene N. zur Tat, kaum dass seine Frau sich gen Kind verabschiedet hatte. Er ist weder attraktiv noch interessant und für 30 Sekunden war ich froh, dass der komische Typ, dessen Namen ich mir seit Jahren absichtlich nicht merke, einschritt, doch dann fiel mir wieder ein, warum ich mir seinen Namen nicht merken will. Und seine Frau half mir auch nicht, sie wat Trauzeugin und rotierte.

Frau L. hatte auch keine Zeit für mich, sie hat jetzt nen P. und musste knutschen. Wir sehr vermisste ich den Herrn P., doch der Bräutigam zerstritt sich mit dem schönsten Mann der Stadt und so konnte er mir die Typen nicht vom Hals halten und mit nicht den Rücken kraulen und mich nicht unterhaltsam unterhalten. Und das Sahneschnittchen  – der einzige Anwesende, den ich mit ins Bett genommen hätte – sagt mir den ganzen Abend nicht mal hallo.

Am Ende habe ich keinen Sex und trotzdem eine Blasenentzündung. Was soll ich sagen: Wie man’s macht, man macht es falsch. Dass ich spät am Abend feststellen musste, dass ich mir die Vögelei hätte importieren können, hats auch nicht besser gemacht. Mrmpf. Dann hätte der Preis wenigstens ein Vergnügen gehabt. Aber ich bin wirklich nicht mal auf den Hauch der Idee gekommen, zu fragen.

Auf dem Weg nach Hause verpasste ich den Anschlusszug in Berlin, saß eine Stunde in der Kälte und natürlich musste ich an No. 3 denken. ZUM.KOTZEN. Ich kann aber mit Stolz berichten: Es war kein guter Gedanke dabei. Trotzdem schade um die verschwendeten Gedanken.

Weil dann die Muddi zu Besuch kam und die wilde Katze aus der Tiefgarage ob des Besuchs völlig freidrehte, hatte ich keine Zeit, die Blase zu kurieren und mir irgendwelche weiteren Gedanken um No. 3 zu machen, der mir derweil auf das alte Nokia schrieb, mit dem man keine Nummern blockieren kann. Er schrieb typisch No. 3ig, keinerlei Bezug nehmend auf das, was war, sondern: „Ich hoffe, du findest bald ein besseren Job, der besser zu dir passt.“

Ich hatte nicht mal Zeit, mich zu fragen: wtf?, sondern drückte einfach den „löschen“-Knopf und vergaß das Ganze wieder.

Ich finde das ein bisschen unangenehm, dass er theoretisch weiter diesen Kanal zu mir hat, stelle aber mit Freude fest: Ist mir total egal, wenn er schreibt und ich habe auch keinerlei Bedarf, da irgendwas zu antworten. Er ist mir noch nicht egal, aber ich glaube, ich bin auf dem Weg dahin. Und: Er ist mir zwar nicht egal, aber da ist auch nichts Positives bei den Dingen, die ich für ihn fühle…

Ab morgen dann wieder Alltagswahnsinn. Derweil liegt die Wärmflasche auf meiner Blase und die Wärmkatze an meinem Po und das mit dem Sex lassen wir mal fröhlich weiter.

Fremdkörper

Ich fahre durch 6 Bundesländer auf 7 Autobahnen vorbei an den letzten Paartausend Jahren deutscher Geschichte, zusammengefasst auf braunen Schildern. Ich lande in einem engen Tal mit einem verlassenen Dorf.

An einer steilen, schmalen Straße steht ein Haus voll rosa. Kitsch. Geraffel. Eine scheußliche Puppensammlung. Selbst das WC ist in einem Rosaton gehalten. Ob der Mann, der das alles finanziert und aufgebaut hat, bei der Innengestaltung ein Wörtchen mitzureden hatte?

Kein Staubkorn liegt herum, alles steht an seinem Platz. Selbst am Garagenfenster hängen frisch gesteifte Gardinen. Besser nirgends zu heftig atmen.

Es ist das Elternhaus meiner Freundin J. Die mir – obwohl wir uns so selten sehen und viel zu wenig reden – wichtig genug ist, um viele Hundert Kilometer zu fahren, wenn sie zum Geburtstag in ihrer alten Heimat lädt.

Auch ihre neuen Freunde aus der großen Stadt am Rhein sind gekommen, sie feiern wild und J. ist aufgedreht und betrunken, wie ich sie in all den Jahren nie gesehen habe. Sie ist wie ausgewechselt, alles nur wegen diesem Stecher…

Ich bin ein bisschen neidisch auf diese Clique, die so offensichtlich so viel gemeinsam erlebt hat und trotz der mittlerweile erfolgten Ankunft im Erwachsenenleben sehr viel 12 bewahrt hat.

Es ist eine milde Nacht, wir sind in einem alten Steinbruch, das Lagerfeuer lodert, sein Licht wird von den steilen Steinwänden zurückgeworfen, über uns leuchtet die Milchstraße am sonst so schwarzen Neumondhimmel.

Ich könnte ewig hier liegen und den Geschichten von J.s alten Freunden aus der Schulzeit hören, Geschichten von einer Kindheit in dem engen Tal, in dem alle Türen offen standen und alle Kinder durch alle Häuser tollten. Ich höre Spitznamen, wie sie sonst nur in Kinderbüchern vorkommen und bei denen ich immer gedacht habe, dass solche Namen im richtigen Leben nicht verteilt werden. Blacky, das Böhnchen, der Dodo.

Kurz vor der Dämmerung laufen wir vom Steinbruch zurück ins Tal und ich erzähle von mir. Ich bin so weit weg von allem wie die letzten Sterne, die über uns glitzern.

TGIF

Puuuh, lange, anstrengende Woche.

Und plötzlich sehr nachrichtenreich. Schlimme Dinge, die auch mich immer wieder betroffen machen – zumal ich den Bildern so gar nicht ausweichen kann. Aber gleichzeitig auch mal dafür sorgen, dass ich bei der Arbeit nicht nur vor mich hinvegetiere und denke: Ein dressierter Affe kann meinen Job machen. Für eine zynische Nachrichtentante sind solche Tage sehr motivierend…

Viel positiver war das Wiederaufleben eines lange sträflich vernachlässigten Kontakts. In einer weniger geschäftigen Stunde bei der Arbeit war ich nämlich über eine Filmkritik gestolpert, sah das Szenefoto dazu und dachte: Wah, die Nase kennste doch! Das is doch der S. aus der Schule! Was die Bildunterschrift dann bestätigte. Ich nahm diesen Zufall als Anlass, ihm mal wieder zu schreiben (ich wusste doch schon immer, dass du der nächste – und viel wunderschönere – Klaus Kinski bist!). Wir knüpften dann direkt an unseren Wahnsinn der Schulzeit an, das war ausgesprochen vergnüglich und sehr schööön. Sollten wir öfter machen.

Und für meine Entspannung ist auch gesorgt, im Flauschige-Tiere-Kurs stellte ich fest, wie beruhigend Herztöne wirken. Meine Mami besorgte mir nun ein Stethoskop, jetz is kein Wauz und erst recht kein Pferd mehr vor mir sicher. Zennn und sehr amaaaaaazing.

In diesem Sinne: Erholsames Wochenende!

Ich hab das goldigste Hasi von der Welt!

– Hasi, diese Woche ist bei der Arbeit was ganz Schreckliches passiert.

Ich denke, da muss mindestens jemand gestorben sein.

– Man hat mir die Ische vorgestellt, die an deiner Stelle eingestellt wurde.

Und ich dachte, es wär was Schreckliches passiert.

– Ich wollte die überhaupt gar nicht kennenlernen.

– Ach komm Hasi, sei nicht bockig, vielleicht ist die ja ganz nett.

– Die war mir ja sooooooo unsympathisch.

– Naja, aber die kann ja bestimmt was, sonst hätt sie ja den Job nicht gekriegt.

– Die hat überhaupt nicht geredet!

(Öh, und woher weißt du dann, dass sie unsympathisch ist?)

– Und das bei einer KOMMUNIKATIONSstelle. Voll die Fehlbesetzung, wenn du mich fragst!

Sie hat dann noch eine ganze Weile geschimpft über die arme Frau, die da ja gar nix für kann und diese verfehlte Personalentscheidung.

Ist sie nicht süüüüüß? ❤

Loslassen

Das große Ungetüm.

My beautiful picture

Die Erbsenprinzessin.

29 Jahre ist sie alt.

Seit fast 19 Jahren ist sie bei mir stehe ich in ihren Diensten.

Kaum noch Zähne im Maul, aber immer noch pummelig. Graue Haare auf der Stirn, aber da liegt ja der Schopf drüber.

Manchmal folgt sie wie ein Dackel, manchmal läuft sie davon wie ein Reh. Je nach Tagesform und Zyklusphase.

Sie öffnet jeden Knoten, Riegel, Hebel, selbst das Knacken von Schlössern traue ich ihr zu. Zur Not sprengt sie es mit ihrem Gewicht.

Wenn sie läuft, setzt sie ihre Hinterhufe voreinander ab, so dass ihr Popo aufreizend hin- und herschwingt.

Sie hat die längsten blonden Wimpern, die ich je gesehen habe.

Sie ist in vielerlei Hinsicht wie ich.

Meistens schlecht gelaunt.

Total verfressen.

Immer mit dem Kopf durch die Wand.

Ziemlich schlau, aber Intelligenz muss man ja nur nutzen, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht.

Ziemlich sexgeil.

Nicht sehr menschenbezogen.

Aber kleine Tiere sind toll.

Sie hat neben ihrem eigenen Fohlen auch ein blindes Lamm aufgezogen. Und kleine Kätzchen dürfen in kalten Nächten auch mal auf ihrem breiten Rücken schlafen. Und ihre Nieren wärmen.

Und wehe dem Hund, der sich in böser Absicht den Schafen nähert. Der kriegt es mit 800 Kilo Erbsenprinzessin zu tun.

Mit netten Hunden hingegen kann man toll Rennen spielen. Gut, mittlerweile eher locker Joggen…

Eigentlich findet sie es doof, wenn man sie lange ihrer Freiheit beraubt. Aber wenn ich eine Schulter zum Ausweinen brauche, hält sie ewig still.

Manche Menschen haben nach 19 Jahren schon lange einen Partner in ihrem Pferd. Ich habe… Little Big Miss Tausendschön. Inzwischen kommt sie immerhin manchmal ausgiebig kuscheln. Morgens lehnen wir uns oft verschlafen aneinander und kratzen uns gegenseitig den Rücken.

Sie ist 29 und hat Arthrose in beiden Vorderbeinen. Sie hat immer wieder Schmerzen.Wie sehr es sie beeinträchtigt, kann ich bei aller Pferdekenntnis nur schwer beurteilen. Pferde sind stille Leider.

Irgendwann in nicht so ferner Zukunft werde ich sie von ihren Schmerzen erlösen müssen.

Ist man da je bereit für?

Andere Zeitzone

Mein Hasi wird 30 21.

Und Madame muss ja unbedingt in ihrer alten Heimat feiern und nicht in ihrer neuen am Meer… :/

Also nehme ich mir vier Tage frei und springe in den ICE. Der spuckt mich schon in Frankfurt wieder aus. 3,5 Stunden Regionalbahn warten auf mich.

Die zuckelt entlang großer Flüsse, rechts erheben sich die Weinberge, links dunkelgrüne Wälder, Schlösser, Burgen, über dem Tal düstere Wolken, Regen, kein Mensch auf den Straßen. Zwischendurch kleine Orte, alte Häuser, aneinandergedrängt, wie eingefallen. Ich fühle mich, als hätte mich jemand in eine dieser  Modelleisenbahnen gesetzt, gestaltet mit viel Liebe zum Detail.

Irgendjemand hat vor vielen Jahren die Zeit angehalten.

Kurz vor der Grenze zum Steuerparadies zwischen düsteren Bergen unter düsteren Wolken steige ich aus und ein zweistimmiges „Haaaaaaasi“ gellt durch den Bahnhof, alles glotzt und wir liegen uns in den Armen. Wir haben wirklich drei Jahre vergehen lassen, wir Bekloppten. Nichts hat sich verändert.

Nur wenig später werden wir auch im Supermarkt von allen Seiten doof angeglotzt, wir reden dumme Scheiße am laufenden Band und müssen uns am Einkaufswagen festhalten, um nicht vor Lachen umzufallen.

Ein ungehaltener Typ an der Kasse gibt uns den Rest. Als wir uns endlich bis zum Auto gerettet haben, kuschelt das Hasi sich an mich.

Haaasi, strahlt sie. Es hat sich wirklich nix verändert!

Ich bleib gern noch länger in dieser Zeitzone…

Freundschaft ist…

… wenn das Handy mitten in der Nacht klingelt und auf dem Display Hasi steht, das Hasi, von dem ich im letzten Jahr kaum etwas gehört habe, weil es dolle verliebt war (hab ich ihm gegönnt) und dann, weil es krank und depressiv war (sone doofe Scheiße!), und ich trotzdem oder grade deswegen rangehe.

… wenn das Hasi weiß, dass es mitten in der Nacht anrufen kann und ich rangehen werde.

… wenn das Hasi anruft, obwohl es weiß, dass ich erstmal drei Sätze lang unsensibel sarkastisch bin, wenn man mich wach macht.

… wenn das Hasi schon wieder ein bisschen lacht, wenn ich die sarkastische Phase überwunden habe.

… wenn ich am liebsten mitweinen möchte, während das Hasi lang und breit erläutert, wie es dazu kam, dass es jetz wieder Single ist, weil ich es gar nicht ertragen kann, wenn es so traurig ist und weil die beiden einfach zusammengehört haben.

… wenn das Hasi nur ein bisschen empört tut, wenn ich sage, dass ich die Gründe der Ex schon irgendwie nachvollziehen kann und sich dann in Ruhe die Erklärung dazu anhört. Und ein bisschen versteht. (Das is doch Mist, wenn Mädchen mit Mädchen Schluss machen, bei Typen kann man wenigstens sagen: Die sind eh alle scheiße, alle in einen Sack und… naja).

… wenn ich ein Päckchen mit liebevoll ausgesuchter, fair gehandelter, veganer Bioschokolade packe und total übermüdet meine alte Adresse als Absender angebe.

… und das Hasi mich auslacht und sich beschwert, dass nicht die richtige Sorte dabei war.

War ja klar!