Mein Stimmungsring hat Depressionen

No. 1a hatte als Jugendliche so einen Stimmungsring. Das Ding ersparte den Gang zum Psychologen, denn schließlich zeigte es an, wie sie sich wirklich fühlte. Das ließ die interessantesten Rückschlüsse zu.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Farbveränderungen tatsächlich mit der Temperatur zu tun haben. Weil sie immer eiskalte Hände hat und ich immer brutzelwarme, habe ich neulich, als ich in einem Billo-Schmuckladen so Billo-Stimmungsringe entdeckte, gleich zwei gekauft, mal gucken, was passiert.

Ihrer wechselt, wie sich das gehört, fröhlich durch das Farbspektrum. Ich meinte, meiner müsste ja eigentlich bei der „Werkseinstellung“ bleiben: Genervt. Schließlich bin ich immer schlecht gelaunt. (Da muss eine Bombenstimmung geherrscht haben in der Fabrik.)

Stattdessen wurde mein Ring, kaum dass ich ihn überstreifte, dunkelschwarz. Und ist es seitdem. Scheißegal wie warm oder kalt meine Hände sind. Und natürlich erst recht scheißegal, wie ich mich fühle.

My beautiful picture

Mein Ring ist traurig. Ich mache mir Sorgen um ihn….

Kann mir grad mal einer dieses Internet wegnehmen?

No. 3 flog wegen eines wohl bevorstehenden Todesfalls in seiner Familie in seine Heimat.

Ich frage, wie’s ihm da so geht.

Offensichtlich fühlt er sich davon ermutigt. Am Ende debattieren wir unsere Gefühlslage der letzten Jahre. Es stellt sich heraus, dass wir beide – wenn auch nicht immer zum gleichen Zeitpunkt – durchaus immer mal über mehr als Sex nachgedacht haben. Uns aber nie was haben anmerken lassen, um uns ja keine Blöße zu geben.

Diese Scheu legt er in Sekunden ab und fabuliert von einer gemeinsamen Zukunft in seiner Heimat.

Öh… Moment!

Schließlich fragt er mich direkt, ob ich mir vorstellen kann, mit ihm zusammen zu sein.

Und endlich setzt sich EINMAL die Vernunft durch und ich sage geradeheraus: Nein!

Ich bekomme ein 😥 und das Gespräch ist unterbrochen.

Später will er wissen, warum.

Ich erinnere ihn daran, dass er schon eine Freundin hat. Die meines Erachtens auch viel besser zu ihm passt als ich. Und mit der er trotz aller Beschwerden immer noch zusammen ist. Das wird ja wohl einen Grund haben, wa?

Und dass es auch nicht gerade vertrauensbildend ist, wenn er mir erzählt, er habe seine Ex so oft betrogen und dass er das nie wieder machen will und dann nach ein paar Monaten in seiner neuen Beziehung in meinem Bett landet. Dass er sich immer wieder über sie allgemein und ganz speziell darüber beschwert, dass sie ihn sexuell nicht befriedigt. Dass er sich eine Beziehung mit mir viel aufregender vorstellt als mit ihr und ihr ganz offensichtlich fröhlich ins Gesicht lügt und immer wieder ihr Vertrauen missbraucht.

Dass ihn das zu einem Riesenarsch macht und ich ganz sicher nicht die Nächste sein möchte, über die er sich bei meiner Nachfolgerin beschwert. Schlimm genug, dass ich ihn lasse. (Riesenarsch und Riesenarsch gesellt sich gern.)

Er merkt noch kurz an, dass er es ja gar nicht nötig hätte, sich eine andere zu suchen, wenn er mit mir zusammen wäre, weil ich ihn ja im Gegensatz zu seinen bisherigen Freundinnen sexuell befriedigen könnte. (loooooooool)

Letztlich wird er zickig und bemerkt, dass ich recht habe und nur zweite Wahl bin. Albernerweise hat er es tatsächlich geschafft, mich damit zu kränken. Mein beklopptes Ego möchte bitte auch bei einem Typen, den ich selber gar nicht (mehr) will, noch die Nummer eins sein.

Es wäre fantastisch, wenn ich es jetzt einfach darauf beruhen lassen könnte. Ja, da war mal mehr, auch bei ihm, siehst du, albernes, kleines Ego. Nein, jetzt will ich nicht mehr, Thema beendet. Und es war richtig, ihm das klar zu sagen.

Und doch rumort das alberne, kleine Ego irgendwo tief in mir. Und grollt, weil ich eine Tür zuschlug. In der es gerne noch einen Fuß gelassen hätte, nur zu seiner persönlichen Befriedigung. Und ich fürchte, dass es mich dazu bringen wird, doch wieder mit No. 3 zu reden. Statt einfach mal endgültig nen Schlussstrich zu ziehen.

Oäch. Ich find mich grad doof…

Das Seelenband

Als ich klein war, habe ich mir die Seele wie ein Band vorgestellt. So ein breites Schleifenband.

Es reicht von der Stelle im Bauch, die sich immer zusammenzieht, wenn man traurig und verzweifelt ist, bis zu der Stelle im Hals, an der sich der Kloß bildet.

Mein Seelenband war wie die Jahresringe eines Baums: Wie an einem Zeitstrang kann man daran einschneidene Ereignisse wiederkennen: Das Jahr der Dürre, die drei kalten Winter am Stück, das Jahr, in dem das Auto gegen den Baum gefahren ist. Das gebrochene Herz, der Tod einer geliebten Person, der riesige, hässliche Streit.

Das Seelenband in meiner Vorstellung war eine Aneinanderreihung von offenen Wunden und Narben, an mancher Stelle war nur der sprichwörtliche seidene Faden übrig.

Manchmal habe ich mir vorgestellt, dass – wenn ich mal tot bin – jemand mein Seelenband aus meinem Körper fischt und mich für eine arme Wurst hält. Ich habe mir auch ein bisschen gewünscht, dass der ein oder andere ein schlechtes Gewissen kriegt.

Auch heute denke ich manchmal noch ein mein Seelenband. Wenn es im Bauch zieht und im Hals eng wird, stelle ich mir vor, dass sich das Band spannt und dieser grässliche Moment eine Kerbe hineinschlägt.

Was passiert, wenn das Seelenband reißt?

Der Waldschrat nimmt ein Bad im Selbstmitleid

Ich sinniere über die Liebe, das unbekannte Wesen. 

In der Folge übermäßigen Konsums von kitschigen Filmen und Serien ist in mir in den vergangenen Wochen der Wunsch nach einem Prinzen gewachsen, der mich wachküsst und in einen Kokon aus Liebe hüllt, in dem ich mich fallen lassen kann…

Nach einem, der tatsächlich zu mir durchdringt.

Mit positiven Emotionen habe ich es nicht so. Sie sind wie betäubt, oder mit einer dicken Schicht Dreck bedeckt, so dick, dass man sie nicht sehen und kaum fühlen kann.

Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals ausgelassen über etwas gefreut zu haben und wenn man mich fragt, wann ich mal so richtig glücklich war, kann ich höchstens ein paar Momente aufzählen, in denen ich nicht unglücklich war. Und ich kann nicht wirklich sagen, ob ich einfach nur gern Zeit mit jemandem verbringe oder ob ich verliebt in diese Person bin…

Es ist vorgekommen, dass Männer in mich verliebt waren (wie es dazu kommen konnte, ist mir unerklärlich).

Sie haben es mir gesagt, sie haben es mir gezeigt und rational wusste ich, der ist in mich verliebt. Geliebt gefühlt habe ich mich nicht.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Prinz plötzlich große Gefühle in mir wecken könnte. Und selbst wenn, fürchte ich, dass das nichts werden kann. Schließlich kann ich einem Menschen, den ich liebe, nicht so eine gestörte Alte zumuten…

Lassen wir das also.

Ich bleibe halt ein Waldschrat…

3, 2, 1, Aufprall

D, ich und das Haus in der Wildnis.

Es ist das Paradies, himmlische Ruhe.

Er lacht über mich, weil ich mich wie ein Kind freue am Wald und am so farbenfrohen Herbst, der am Wochenende plötzlich vor der Tür stand und den üppigen Sommer mit einem kräftigen Fußtritt davongejagt hat, und weil ich mir einbilde, einen Waschbären anlocken zu können (wart’s ab, Baby).

Ich arbeite an seinem Nachholbedarf und sehe mit ihm Pornos, um ihm dann zu zeigen, was Frauen wohl noch so alles im Schmutzfilm und auch im richtigen Leben nicht nur tun, sondern auch genießen…

Stundenlang liegen wir nackt auf dem Sofa vor dem Kamin, er schlingt seine festen Arbeiterarme um mich, seine Nase an meinem Nacken.

Tagelang leben wir weitab von der Realität und weigern uns, über sie oder meine baldige Abreise zu sprechen.

Er verabschiedet sich für das Wochenende, um Überstunden für die nächste Woche mit mir in der Wildnis zu sammeln.

Ich fische meinen Laptop aus dem Rucksack, um meine E-Mails zu lesen. Seien wir ehrlich: Um zu sehen, ob No. 3 mir noch mal geschrieben hat.

Hat er und er ist online.

– Ich finde, wir verstehen uns sehr gut. Unsere Art, es zu tun… deine perverse Art begeistert mich. Es ist wirklich gut, man sollte es so oft wie möglich wiederholen (…) Und niemand bläst so gut wie du.

Hach, das – muss ich gestehen – geht mir runter wie Öl.

Dennoch ein Ablenkungsversuch:
– Ist deine Süße gar nicht in der Nähe?

– Doch, aber du weißt ja: Ich bin ein Zuchtbulle!

Seeeltsamer Vergleich. Das schmächtige Jungchen und ein Bulle… Naja, lassen wir das…

Er schwelgt in Erinnerungen.

– Es wäre großartig, wenn wir in der gleichen Stadt wohnen würden. Suchst du eigentlich immer noch einen Job?

– Hmmm, ja…

– Ich ziehe demnächst nach Kotzbrechwürgstadt.

Die Nummer 2 bis 3 auf meiner Liste der Städte, in denen ich NICHT wohnen möchte….

– Willst du dir nicht dort einen Job suchen? Versprich mir, dass du dich zumindest umguckst!

– Hmhmm, ich muss dann auch mal los!

– Ok. Ich wünsch dir viele Orgasmen und dass dir jemand ins Gesicht spritzt!

Warum habe ich eigentlich den Laptop mitgenommen???

No. 3s Gespür für Timing

Ich bin mit D auf dem Weg in die Wildnis, da schreibt mir No. 3.

Wann ich denn mal wieder im Lande sei, er habe Lust auf eine unserer „Sessions“.

Schmetterlingsmassenkarambolage in meinem Bauch.

Und ich frage mich, ob das mit No. 3 noch gut gehen kann. Oder ob ich ihm nicht schon viel zu sehr verfallen bin…

Lassen wir die Katze aus dem Sack! … ?

Mein Urlaub rast unaufhaltsam dem Ende zu 😦 Und damit auch die flattrigen Teenager-Tage…

Finden D und ich blöde. Viel zu wenig Zeit zum Händchen halten, Sterne gucken, Knutschen, Füße im Fluss baden, Knutschen, wilde Tiere gucken, Reden, Knutschen…

Wir wollen ganz viel Zeit und möglichst ohne Ausreden und mit einem Dach überm Kopf, langsam wird’s kühl. Ich will morgens mit meiner Nase an seinem Hals aufwachen…

UND ICH WILL ENDLICH MIT IHM BUMSEN! (Das musste jetzt mal raus…)

Jemand hat da ein Chalet weit draußen in der Wildnis (noch weiter draußen als wir eh schon sind…) Fahren wir hin?

Spätestens DAS fällt dann allerdings auf, wenn wir zwei Wochen verschwinden – wenn uns nicht eh schon längst irgendjemand gesichtet und es direkt per Dorffunk verbreitet hat.

Wir wollen dringend unter uns sein – aber nicht unbedingt, dass es jemand seinen Kindern auf die Nase bindet.

Lassen wir die Katze aus dem Sack?

So ein Scheiß. In Zukunft dann wieder nur kinderlose Unbekannte…