Das seltsame Verhalten von Dumpfbirnen – ein Protokoll

Wochenende. Ich bin 48 Stunden auf Achse und habe wenig Gelegenheit, Menschen vollzuquatschen. Und somit wenig Gelegenheit, das Getöse in meinem Kopf mit Getöse aus meinem Mund zu übertönen. Ich bin viel unterwegs, unter anderem auf Pfaden meiner Vergangenheit. In meinem Kopf töst ganz viel „was wäre wenn“. Und aaach, meine Dumpfbirne, ganz viel No. 3.

Meine Post-No.3-Verwirrung hat sich in eine Prä-No.3-Verwirrung verkehrt. Ich stelle ihn mir in meiner Welt vor, will auf einmal ganz viele Dinge mit ihm teilen und allerhand Sachen mit ihm machen. Wie so oft stelle ich fest: Wir hatten damals einfach nicht genug Zeit, unsere Leidenschaft verglühen zu lassen, bevor das Leben uns unterschiedliche Pfade hingeworfen hat. Wir sind nie dazu gekommen, uns satt zu haben. Der Alltag hat uns nie die Sexyness verdorben.

Und nun schwirrt diese nie aufgebrauchte Leidenschaft tatenlos umher, um sich immer in den unpassendsten Momenten möglichst überfallartig und aus dem toten Winkel hervorspringend in Erinnerung zu rufen. Als könne sie nur durch Benutzung ins Jenseits befördert werden.

Und jetzt WILL ich ihn gegen alle Vernunft und alle überzeugenden Argumente. Ich will ihn in meinem Leben, in meinem Bett, in mir. Seinen Körper, seinen Geruch, seinen Geist.

Nicht gerade hilfreich, dass er mir am Sonntagmorgen schreibt: „Meine Freundin will mich anscheinend verlassen.“

„Anscheinend“, soso. Möglicherweise noch in diesem Jahrzehnt? So oft, wie er von bevorstehender Trennung sprach, glaube ich nicht einmal daran, wenn sie es wirklich tun – wahrscheinlich wären sie nach einer Woche wieder zusammen.

Ich habe keine Zeit dafür, ich will zum Pony, ich will spinnen mit dem großen Bruder, ich muss nach Hause fahren.

Ich sitze stundenlang im Auto, höre „unsere“ Musik und wälze den Fall No. 3. Ja, irgendwie will ich ihn, aber nein, ich will sicher nicht die nächste Frau sein, die er belügt und betrügt. Ich will nicht sein Trostpflaster sein, weil er einfach ne andere braucht, weil er Angst vorm Alleinsein hat. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass sein Gesäusel nicht von purer Berechnung rührt. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass ICH die Frau bin, die ihn zu einem besseren Menschen macht.

Mag sein, dass mein Körper nach ihm schreit und mein Bauch auch, aber trotz aller Hirnaussetzer weiß ich, dass ich der Arschkrampe nicht vertrauen kann. Dass das eine tiefe Verletzung mit Ankündigung wird.

Zu Hause angekommen, fühle ich ihm auf den Zahn. Was ist passiert, warum sollte sich jetzt wirklicher getrennt werden als bei den 100 Malen zuvor?

Immerhin, es kommt sowas wie Selbstkritik. Er weiß selbst, dass seine offene Beziehung nur mit Ehrlichkeit funktioniert und das war er wohl nicht. Er sei emotional woanders gewesen und sie habe es gemerkt. (Ich rechne seine Timeline nach und könnte mich treten für den großen kleinen Finger, den ich ihm reichte…) Er habe sich von ihr distanziert und sie habe kein Vertrauen mehr. Und nun habe sie angekündigt: Über die Semesterferien wolle sie eine Pause und dann sehen, wie sie sich fühlt. Also: Sie studiert immer noch? Was macht die denn? Und: Keine unmittelbar bevorstehende Trennung, die Semesterferien haben ja noch nicht mal angefangen.

Ich gehe in den Kumpel-Modus und erläutere ihm, warum ich nicht an eine Trennung glaube. Wenn die wirklich ohneeinander könnten, dann wären sie schon längst getrennt. Sie lieben sich halt. Und sind total abhängig voneinander. Er fürchtet sich vor der Zukunft ohne sie. Ich teile die Weisheiten der alten, lebenserfahrenen Darf man das? Dass es eben manchmal auch sinnvoll ist, gezwungen zu sein, Entscheidungen für sich selbst zu treffen.

Er sinniert über die Zukunft ohne sie, dafür mit mir. Ich teile ihm schonungslos meine Autogedanken mit: Ich will nicht die nächste Frau sein, die er belügt und betrügt. Er hat zig Gründe, warum er mich ja gar nicht belügen und betrügen müsste. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass ICH die Frau bin, die ihn zu einem besseren Menschen macht. Er weiß: Das weiß man nie. Und: Manchmal ist die Liebe alles andere als rational. „Ich frage mich manchmal auch, warum ich immer noch so an dir hänge“, fragt er sich und ich frage mich, was das nun damit zu tun hat. Und damit der Fragen nicht genug: „Was hast du bloß mit mir gemacht und warum bin ich in dich verliebt?“, will er wissen.

Wir werden uns für immer im Kreis drehen.

Schlagloch

Das spezifische Gewicht meines Lebens erhöht sich graduell. 500 Kilo November auf den Schultern. 700 Kilo Arbeitsfrust und Chefhass. 200 Kilo Absagen auf Bewerbungen. 10000 Kilo Ausweglosigkeit und Perspektivlosigkeit. 240 Kilo Monotonie und Einsamkeit. 165 Kilo Elternwahnsinn.

Und trotz des Kilos Kätzchen, das gerade auf meiner Brust schnurrt, das so süß ist, dass mir das Herz platzt, das mich jeden Tag zum Lachen bringt, weil es wild, tollpatschig, frech und völlig verrückt ist:

Ich mag dieses Leben nicht mehr leben.

Musik-nackich

Drei Wochen der himmlischen Ruhe und des produktiven Arbeitens sind vorbei – das fette Arschloch der stellvertretende Chefredakteur ist aus dem Urlaub zurück.

Schon bevor er den Raum betritt, stopfe ich mir die Ohren mit Kopfhörern, alle seine Gesprächsversuche lenke ich gekonnt und auffällig auf meinen armen Kollegen M. ab, ich egoistisches Schwein.

Ich tue so, als ob ich arbeite – auf Anraten des Betriebsrats krümme ich praktisch keinen Finger mehr – bringt eh nix, solange die Personaldecke derart anorektisch ist – und höre Musik.

Etwas, was ich außerhalb des Autos nur noch selten tue, da ich nach meinem Studium die Schnauze von Kopfhörern gewaltig voll hatte und auch gar keine Geräusche direkt aufm Ohr mehr ertrug…

Jedenfalls gebe ich mich so ganz der Musik hin, weil alles besser ist als das störende Gelaber von Fetti und stelle mal wieder fest: All die gute Musik in dieser stunden- wenn nicht gar tagelangen Playlist lässt mich an No. 3 denken. Egal wie oft ich auf weiter drücke. Alles behaftet mit Gedanken – und wieder nicht an das unfassbare Arschloch, das er ist, sondern an den heißen, wilden, zärtlichen Typen von ganz damals, der für die 16-Jährige in mir Kryptonit ist. Den Typen, der schon längst nicht mehr existiert.

Jetzt ist ja nichts gegen schöne Erinnerungen einzuwenden, nur: Ich denke dann auch immer an seinen Körper, seinen Geruch, das Gefühl von seiner Haut unter meinen Händen. Und ich weiß, dass diese drei Dinge nur eine kurze Nachricht weit weg sind. Noch diese Woche könnte ich wild mit ihm vögeln. Und wahrscheinlich würde ich ihn direkt im Anschluss wieder einen Kopf kürzer machen wollen.

Mein Kopf ist sowas von durch mit diesem Typen, aber mein Körper irgendwie nicht. Und schon erst recht nicht mein Musik-Gedächtnis.

Mir bleibt keine Wahl: Ich brauche einen neuen Musik-Geschmack…

Wurmloch

Es fing an mit einem leisen Selbstzweifel. Weiß nicht mal mehr warum.

Dann die komplette Überforderung. Totalversagen. Vollständige Blockade. Und die Frage, was ich hier eigentlich mache. Wozu das alles? Und dann mach ich das ja auch noch alles falsch.

Versagerin auf der ganzen Linie. Nix erreicht. Auf dem Weg nach Nirgendwo.

Ganz viel Wut und Frust. Wegen mir und anderen.

Und plötzlich Angst. Wovor, warum? Keine Ahnung.

Aber es reicht, um mir den Magen zusammenzuschnüren und den Schlaf zu rauben…

Hör auf dein Bauchgefühl.

Und das Bauchgefühl so: Jajajajaja. Hm. Warte. Nein. Keine gute Idee. Aber eigentlich will ich. Doch schon irgendwie. Ja. Oder? Och nööö. Eigentlich nicht. Vielleicht nächste Woche? Weil, jetz grade? Neee. Aber wenn nich, dann ärgerste dich. Frag doch mal den Kopf.

Und der Kopf so: DU NERVST. Mach doch was du willst!

Engelchen und Teufelchen

Ich finde dieses ganze Verknalltsein nicht nur psychisch, sondern auch physisch sehr, sehr anstrengend. Das kann wirklich mal weg.

Und eine kleine Stimme in mir zetert: Könnte das nicht EINMAL hinhauen, dass ich mich in jemanden verliebe und der verliebt sich in mich und es gibt kein „ja, aber“ und nix spricht dagegen und die Schmetterlinge flattern und der Sex ist aufregend? WÄR DAS NICHT TOLL?

Und die andere sagt schnippisch und altklug: Neenee, das soll schon so sein. Wenn das mit dem Verknalltsein alle is, dann hast du wieder nur Langeweile und ziehst weiter. Und wenn du Pech hast, haste nen neuen Stalker, oder, noch schlimmer, der liebt dich. Und dass du das mit dieser Liebe nicht kannst, das haben wir ja schon hinreichend besprochen.

Und dann ich: NA DANN MACHT HALT DOCH DIESE GANZE SCHEISS GEFÜHLSDUSELEI AUS!!!

Harr.

Gehen Sie weiter…

Ein Psychologe sagt im Fernsehen: Es ist oft schwerer, den Co-Abhängigen zu helfen, als den Abhängigen selbst. Bis DIE mal aufhören, sich für alles verantwortlich zu fühlen und alles zu regeln…

Und das Darf man das? sitzt da und heult.

Schnieft und richtet sich die Haare.

ICH KANN NICH AUFHÖREN MICH ZU KÜMMERN, DANN FLIECHT HIER DOCH ALLES AUSEINANDER.

Ehem. Hier gibt es nichts zu sehen!

Wir befinden uns im elften Jahr nach Beendigung des Co-Abhängigen-Verhältnisses…

Old habits die hard.