Heimat und so

Die Chile-Connection trifft sich in München.

Obwohl sie aus Orten stammen, von denen einige voneinander so weit entfernt voneinander sind wie München vom Nordpol, fühlen sie sich aufgrund ihrer Herkunft miteinander verbunden. Mehr als mit Leuten aus Bolivien, Peru oder – Hilfe! – Argentinien.

Obwohl sie selbst sagen: Eigentlich haben wir keine Heimat. Keiner will uns. Die Indigenen hassen uns, weil wir auf ihrer Erde rumlungern. Und die Spanier wollen uns erst recht nicht zurückhaben. Wir sind die Bastarde der Geschichte. Alle das Produkt einer Vergewaltigung vor ein paar Generationen.

Alle sind irgendwie froh, dass sie es nach Deutschland geschafft haben. Dass sie es aus der Gosse, von der Sorge, ob sie nächsten Monat noch ein Dach über dem Kopf haben und wo das nächste Essen herkommt, in die Bildungsoberschicht geschafft haben. Reich werden sie mit ihrem rumgedoktere nicht. Aber sie sagen: Noch nie waren wir so satt, noch nie waren wir so sicher vor Erdbeben, Tsunamis, Winkelspinnen und Überfällen, noch nie hatten wir es im Winter so warm, noch nie sind uns so wenige Steine in den Weg gelegt worden.

Sagen sie und schwärmen von ihrer Heimat.

Und was mache ich eigentlich in dieser Runde?

Du bist komplett chilenisiert, sagen sie. Du redest wie wir. Du isst wie wir. Du weißt mehr über unsere Geschichte und Politik als wir (Kunststück, meine Masterarbeit besteht zu großen Teilen daraus). Deine Zeitrechnung teilt sich wie unsere in „vor dem Erdbeben“ und „nach dem Erdbeben“. Du hast mit uns studiert. Du hast gelebt wie wir. Unter uns. Mit uns. Du weißt, wo wir herkommen. Du kennst unsere alltäglichen Kämpfe. Du hast es gesehen und gefühlt und bist dir bewusst über das enorme Privileg deiner Geburt. Du verstehst uns halt. Cachai?

Und ich rühre in meinem Tee und fühle mich in dieser kleinen Studentenbude am Rande der Stadt enorm zu Hause.

Terra incognita

Der ICE schaukelt mich durch die Republik in eine Gegend, die ich sonst nur vom Durchfahren kenne. In der viel von „Heimat“ geredet wird. Die uns einen „Heimat“-Minister beschert hat. Und dessen „Heimat“-Definition nicht zu meiner Vorstellung dazu passt.

Der ICE schaukelt mich durch die Republik und ich schaue den Leuten beim Leben zu. Rausche mit 200 km/h an ihnen vorbei, ein kurzer Aufblitzer ihrer Existenz. Jungs, die einen Fußball durch eine enge Gasse kicken, ein Typ, der mit seinem Hund am Bach entlangläuft, ältere Damen beim Nordic Walking, man sieht wie sie laut lachen. Viele Menschen in Autos, auf dem Weg ins Wochenende. Schön ist’s hier. Kalt sieht’s aus. Das Gras glitzert vom gefrorenen Raureif. Wie gemalt. Ganz anderes Licht.

Ich gucke gerne Menschen beim Leben zu, stelle mir ihre Geschichten vor, frage mich oft, wer da so wohnt. Und vor allem: Warum? Wie trifft ein Mensch die Entscheidung, dass er sich jetzt hier niederlassen will? Es sind ja nicht alle so wie ich und folgen dem Job, wohin er sie treibt.

Manchmal beneide ich diese Unbekannten, aus deren Leben ich einen Sekundenausschnitt gesehen habe. Sie wirken alle sehr „zu Hause“.

Ich lebe seit 14 Jahren praktisch aus dem Koffer. Fast mein halbes Leben. Mal hier mal da und wieder zurück. Klar hab ich meine Heimat, das Land zwischen den Meeren, ungeschlagen. Aber ob ich da wieder dauerhaft leben wollte? Könnt ich gar nicht sagen.

Heimat, das sind irgenwie auch Menschen. Und die habe ich in der Heimat kaum noch. Überall verstreut auf drei Kontinenten habe ich meine Menschen. Ich war noch nie ein soziales Wesen. Über meine Herzensmenschen bin ich immer irgendwie und irgendwo zufällig gestolpert. Gezielt Netzwerke schaffen, Freundschaften schließen – da bin ich nicht gut drin. Am Ende fühl ich mich immer wie ein Fremdkörper.

Und so guck ich weiter anderen beim Zu-Hause-Sein zu und stell mir vor, wie’s is…

Ich will nach Hauuuuus

So langsam komme ich mir vor wie ein Kleinkind.

Je länger ich an diesem Pissort versauere, desto mehr will ich nach Haus.

Meine Stippvisite dort war amaaaaaazing: Endlich wieder das eigene Pferd unter den Fingernägeln, er ist doch einfach die größte Schmusebacke unter der Sonne. Schöön.

Dazu unendlich Energie: Erdbeeren ernten, schwimmen gehen, Pferd bespaßen, Fahrrad fahren – alles viel weniger anstrengend, als 8 bis 11 Stunden am Tag im Büro sitzen und Nase bohren.

Wenn man dann in Stadt und Job zurückkehrt, ist alles noch viel deprimierender als vorher. Seufz.

404

In einer Stadt, in der ich nicht leben will, für einen Job, der mir keinen Spaß mehr macht, scheiße bezahlt ist und dämliche Arbeitszeiten mit sich bringt, in einer Wohnung, die mich nervt und in der es schon wieder von der Decke tropft.

Irgendwie kommt mir ein Job an der Supermarktkasse in der Heimat grad attraktiv vor…

Urlauuuuuubbbb!

Sonne im Gesicht.

Wind im Haar.

Der Geruch von frisch bearbeiteter Erde und Salz.

Der Geschmack von Himbeeren.

Das Zirpen der Grillen.

Fell unter den Händen…

🙂

(Nicht ganz so schön, wie das Original, aber das Beste, was ich online fand…)