Dreifaltigkeit

Mein neuer Job hat ja nicht wirklich viele Vorteile. So wenig, dass ich ein bisschen Angst habe vor meinem Probezeit-Halbzeit-Gespräch kommende Woche. Bei den meisten meiner Kollegen wurde in diesen Gesprächen die Probezeit verkürzt, ich hätte den Kurze-Kündigungsfrist-Joker aber gern so lang, wie’s geht. Wie ich das diplomatisch vermitteln soll…

Ein Vorteil ist aber die Arbeitsort-Dreifaltigkeit. Präsenz-Pimmelei, Bett-Office und Bums-Büro. Wobei ich finde, dass eine Zweifaltigkeit aus Bett-Office und Bums-Büro völlig reichen würde…

(Was sagt eigentlich das Arbeitsgesetz zum Thema Sex mit betriebsfremden Personen während der Arbeitszeit…?)

Shift

Ich habe die letzten ernstzunehmenden Arbeitstage im ausklingenden Job hinter mich gebracht (da wartet noch ein Wochenenddienst Ende Oktober auf mich, aber pffft) und mich zurück in die Bretagne fahren lassen. Job, Umzug, Zeug, Leben, Reisen, es ist wieder alles auf einmal und zu viel. Mein Hirn klinkt sich in Blasen aus und betrachtet mich und mein Tun mit Staunen. Es ist reichlich unproduktiv und beschäftigt sich allein mit träger Reflexion.

Wir rauschen an der Autobahnabfahrt nach Brüssel vorbei und ich erinnere mich, dass es einmal eine gar nicht geringe Wahrscheinlichkeit gab, dass ich dort leben und arbeiten würde. Und ich erinnere mich, dass ich da sogar ziemlich geil drauf war. Es kommt mir heute komplett absurd vor. Was hätte ich gemacht in der großen Stadt?

Natürlich erinnere ich mich an den Typen, der meine Ansprüche an Männer für immer viel zu hoch geschraubt hat. Es gibt sogar ein sekundenlanges Wiedersehen aus der Ferne. Freundliches Winken, Abgang. Mein Hirn hängt ihm schon wieder ein bisschen nach, lächerlich wie es ist. Und findet dann allgemein allerhand Bretonen attraktiv. Und überhaupt, die Idee von: Einfach hierbleiben. Und von all den Jungs naschen…

In den vergangenen Wochen haben sich ein paar Dinge getan, die eine Tür einen Spaltbreit aufgestoßen haben. Noch kann sie wieder zufallen und das liegt nicht nur in meiner Hand. Wenn ich Glück habe, krieg ich einen Fuß hinein. Und dann könnte… Vielleicht…

Wir werden sehen.

Note to self (wichtig!)

Ich muss mir einen Alias-Beruf für Party-Smalltalk ausdenken. Irgendwas, was garantiert langweilig genug ist, dass keiner nachfragt.

Mein richtiger Beruf hat irgendwie eine kuriose Wirkung auf Männer. Finden alle irgendwie spannend und aufregend. (Glaubt doch nicht alles was ihr im Fernsehen seht!) Und plötzlich bin ich umfassend auskunftspflichtig.

Oder die Herren müssen sich direkt produzieren mit ihren umfassenden Kenntnissen der aktuellen, vor allem politischen Lage. Den wenigsten fällt dabei ein, dass ich wahrscheinlich besser Bescheid weiß… Sollte es ihnen ausnahmsweise doch klar sein, wollen sie umfassende Meinungsbeiträge. Sorry, Leude, nur während der Arbeitszeit und niemals nach 23 Uhr!

Und kann bitte jemand den unangenehmen Mathelehrer von meiner Seite entfernen und ihn umfassend zu SEINEM aufregenden Beruf befragen???

Kann es sein, dass du dumm bist oder sowas?

Folgender Trialog hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach wiederholt.

Chefin zu meinem Teamleiter: Kannst du mit Darf man das? mal über die Rückkehr aus dem Home Office in die Redaktion sprechen?

Teamleiter schreibt mir: Du, die Chefin fragt, wann du wohl wieder in die Redaktion zurückkehrst.

Ich raste dem Teamleiter in die Sprachnachricht aus: Kann die Alte mit mir persönlich sprechen, wenn sie was will und nicht immer dich vorschicken? Ehem. Verzeihung, du kannst da nix für. Sag ihr, meine Haltung zu „eure Argumente sind Bullshit, Long Covid ist real, meine Arbeit ist 100% online und zu Hause nervt mich keiner mit Bullshit“ hat sich nicht geändert. Und sie möchte bitte in Zukunft direkt mit mir sprechen!

Teamleiter zur Chefin: Sie kommt erstmal nicht wieder rein, sprich doch bitte mit ihr persönlich.

Heute hatte er seinen ersten Arbeitstag nach dem Urlaub.

Teamleiter schreibt mir: Hat sie in meiner Abwesenheit mit dir über das Thema Home Office gesprochen? Klang so, als solle ich bald mal wieder mit dir darüber sprechen.

Ich so: Lololololooo! Dann hätte sie ja mit mir sprechen müssen. (Ich warte derweil immer noch darauf, welche der angekündigten neuen Aufgaben ich eigentlich seit Juni machen soll, da hat sie auch immer noch nicht mit mir drüber gesprochen.) Sie hat auch nicht mit mir darüber gesprochen, dass ich gekündigt habe. Hat sie mit DIR darüber gesprochen, dass ich in deiner Abwesenheit gekündigt habe???

Hatte sie nicht. Aber gut. Kommunikation geht ja nur, wenn wir in der Redaktion arbeiten. Deswegen sollen wir ja in der Redaktion arbeiten. SO kann sie ja unmöglich mit mir reden…

Wenn ich den See seh

Da begab es sich nun, dass ich zu einem Besuch in die Provinz zurückkehrte. Schon lange vor der Ankunft konnte ich den See sehn. Und den Mohn blühen. Und alles grünen. Es ist einfach die schönste Jahreszeit.

Und tagelang wurde ich umhergefahren und konnte einfach Beifahrer sein. Den See sehn. Und den Mohn. Und die Felder auf den sanften Hügeln. Kilometerweit keine Spuren von Besiedlung. Einfach Provinz. Wie ich sie liebe.

Und ich musste gar nicht so tief in mich gehen, um die dummen Chefs (allen voran das unfassbar dumme fette Arschloch), die mir das so kaputt gemacht haben, dass ich gegangen bin, sehr zu hassen. Noch mehr als vorher schon. Einfach der blanke Hass!

Vor allem jetzt, wenn ich bei 33 Grad keinen See mehr seh.

Groarrrrrr.

Ihre größte Schwäche: Schluss machen

Während ich immer noch nicht weiß, wie ich die Frau aus dem Supermarkt klar machen soll, haben mich die alten, weißen Männer zu einem zweiten Vorstellungsgespräch eingeladen. Und ich dachte, Männer stalken mich erst, wenn ich ihnen einen geblasen habe…

Und jetzt frage ich mich ernsthaft, wie ich das in meinen Terminkalender quetschen soll, obwohl ich den Job gar nicht will und keine Lust habe, die gestellte Aufgabe vorzubereiten und wieder 400 Kilometer durch die Republik zu gurken. Für einen Job, den ich gar nicht will. Und warum hadere ich? Weil ich ganz schlecht darin bin, Schluss zu machen. (Ja gut, und ein bisschen, weil beim aktuellen Job wieder bewiesen wird, dass es immer noch ein bisschen unprofessioneller geht. Immer dann, wenn man dachte, schlimmer, geht nimmer. Einmal mit Profis!)

Mittelgroße Klappe

Ich entertaine fast 1,5 Stunden lang sechs alte, weiße und deutlich zu wohlhabende Männer. Zum Ende des Vorstellungsgesprächs fragt mich der große Häuptling, ob ich eigentlich immer so energisch und dynamisch sei (wohlerzogen für: kann der drübberen Alten mal einer den Stecker ziehen, nehme ich an).

Der hätte mich wenige Stunden später im Supermarkt sehen sollen, als ich einen Artikel umtauschen wollte, die Kassiererin ihre Chefin holte und ich mehrere peinliche Augenblicke lang wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappte, als ebenjene erwartungsvoll vor mir stand. Ich nehme an, mein hochsouveränes Stottern hat sie wahnsinnig angemacht.

Gebt mir Stumpfsinn

Ich hab nen Sonnenbrand und den Garten schön. Also, in meinen Augen, nicht in denen meiner Nachbarn. Ich hab den Buchstapel weiter dezimiert. Ich habe festgestellt, dass die Pillen vom Doc nicht so richtig ne Wirkung haben. Sobald die Realität wieder in mein Leben scharwenzelt, ist wieder alles dunkelschwarz und mein Go-to-Gedanke ist: Wenn ich nicht sone nutzlose Memme wäre, könnte ich mich jetzt umbringen, wäre die beste Lösung. Die einzige Wirkung, die ich bemerke, ist, dass sie die Spitzen aus den Angstattacken nehmen. Also, schon immer noch Angst und Bauchweh und Herzrasen und zitternde Hände, aber halt nicht mehr ganz so doll. Und mein Gehirn findet, dass mein Körper nicht mehr angemessen auf die *hust* „Bedrohung“ reagiert (sowas irre Gefährliches wie das Beantworten einer E-Mail zum Beispiel). Und macht daraufhin Aufstand. Einfach alles wahnsinnig logisch.

Heute fing ich wieder an zu arbeiten. Ich tue so, als sei ich in den vergangenen Wochen nicht mit Gossip und Infos versorgt worden und habe mich wieder in meinem Home Office eingerichtet. Obwohl das mittlerweile wohl schon so gut wie verboten ist wegen Penisproblemen. Oder so. Auch sonst fehlt nur das Zelt für den Zirkus. Ich wollte heute nur an die 20 Mal schreien, weil alle unfassbar unprofessionell sind. Und überhaupt. Ich hab keine Zeit für den Quatsch. Und Lust eh nicht. Aber darum geht’s ja nicht. Hauptsache das Hamsterrad läuft weiter. Ich hasse die Realität.

Ich muss einfach nur den stumpfsten Job finden, bei dem ich einfach in Ruhe auf der Gartenliege arbeiten darf. Nichts leichter als das. Höhö.

Rauschen

Der Doc bescheinigte mir schweres Leck-mich-am-Arsch-Syndrom mit schlechter Prognose und hoher Rezidiv-Gefahr. „Ich kann Sie auch die nächsten sechs bis neun Monate rausnehmen, müssen Sie wissen, wie Sie das bei der Arbeit kommunizieren.“ So verlockend das ist, aber „huhu, entfristet mal meinen Vertrag, ich komm dann nächstes Jahr wieder“ ist wenig realistisch.

Aber gut, allein die Tatsache, dass ich mich die nächsten zwei Wochen nicht mit dem Quatschladen auseinandersetzen muss und dass dem Frühling wieder eingefallen ist, dass er dran ist, ist eine ziemliche Erleichterung. Ich schlappe durchs Dorf zur Apotheke und zum Briefkasten und genieße die Dorfkindvibes. Mitten auf der Straße latschen, weil da eh nur Viertelstarke auf ihren Fahrrädern rumgurken. Vögeln beim „vögel mich, vögel mich“-Rufen lauschen. Den Geruch von Geistesgestörten (also frisch gemähter Rasen, frische Farbe, Grillwurst), die mich für geistesgestört (altes Hippiekind) halten, atmen. Frühling in the village eben.

Und dann fällt mir das Spatzenhirn in den Rücken. Es denkt: Gut, dass du nicht mehr in der Stadt bist, denn dann würdest du jetzt anfangen, an Barcelona zu denken. Und dann würdest du anfangen, an das letzte Mal Barcelona zu denken. Barcelona mit J. Und dann würdest du daran denken, dass morgen vor einem Jahr die Monate aufgebraucht waren.

Was für ein mieses kleines Arschloch mein Spatzenhirn ist!