Spätsommerdepression

Ich habe das Gefühl, Spätsommerdepression ist meine neue Winterdepression. Letztes Jahr war das Loch ja schon metertief. Dieses Jahr bin ich so tief unten, dass mein Hirn vom Druck zu platzen droht. Keine Übertreibung: Mein Hirn schmerzt permanent. Dumpfer Druckschmerz, der von düsteren Gedanken noch dumpfer wird. Seit Wochen geht das so. Trägt nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben.

Ich stelle wieder fest: Ich kann mein Leben ändern, auf den Kopf stellen, die Dinge ändern, die ich ändern kann – und das Leben hat nichts besseres zu tun, als mich mit Scheiße zu bewerfen.

Zu allem Überfluss sind mir nun auch noch die Ausreden ausgegangen, es hilft nix, ich muss wieder ins Büro. Und was soll ich sagen: ES IST KOMPLETT SINNLOS. Nicht nur, dass ich meine Zeit verplempere: Es ändert an meiner Arbeitsweise absolut überhaupt gar nichts. Im Gegenteil: Das Redaktionsnetzwerk ist komplett überlastet und unser veraltetes Redaktionssystem macht deshalb regelmäßig komplett die Grätsche, weshalb ich für Dinge, die mit meinem heimischen WLAN (nicht mal besonders fancy) normalerweise 30 Sekunden dauern, manchmal bis zu 10 Minuten brauche. Und das dutzendfach pro Schicht. Es ist also nicht nur Verplemperung meiner Zeit, sondern auch Verplemperung der Zeit der Firma. Ich sach ja bloß. Dazu kommt, dass wir im Großraumbüro doch nur chatten, weil wir aufgrund der Corona-Abstände so weit auseinander sitzen, dass wir brüllen müssten, um uns zu verständigen und damit alle nervten. Also: Alles wie vorher. Privat redet auch keiner mit mir, nicht, dass ich das wollen würde, aber es wirft halt jeden Tag deutlicher die Frage auf: WAS SOLL DAS EIGENTLICH? Und je mehr ich mit meiner Keinen-Bock-hier-zu-sein-Fresse rumlaufe, desto mehr isoliere ich mich selbst. Trägt alles nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben.

Die Katze findet das auch nicht gut.

Ebendiese Katze und die Pandemie haben meinen unsteten Nomadismus zum Stillstand gebracht. Nicht, dass ich nicht mehr rumziehen wollen würde. Es zieht in mir an mir. Aber ich krieg ja schon bei dem Gedanken, die Katze für ne Woche alleine zu lassen, komplette Schnappatmung. Da sind halt die Prioritäten anders. Und während ich so im Garten liege, die schnurrende Katze auf meiner Brust, meldet sich das leise Stimmchen in mir immer lauter, das sagt: Ich wär schon gern mal irgendwann irgendwo zu Hause. Und das ganz sicher nicht hier. Und mein beschissenes Hirn quält mich mit Wunschvorstellungen von dem, was ich gern hätte – und nie haben werde.

Ich werde mir nie aus eigener Kraft ein Zuhause leisten können und müsste halt aufs Erbe warten, was erstens nicht so erstrebenswert ist und zweitens auch hoffentlich noch so lange dauert, dass ich dann wohl eher keine Katze mehr haben werde, die mich zur Sesshaftigkeit schnurrt.

Das leise Stimmchen in mir säuselte in letzter Zeit häufiger vom Haus meiner Großmutter, das ziemlich viel von dem erfüllt, was ich mir wünsche. Wahrscheinlich hat es mir all die Flausen nur in den Kopf gesetzt. Nur, wie so oft, stellt sich die Frage: Wie soll ich da Geld verdienen? Denn natürlich wohnt Oma mitten in der Pampa, hinten im Naturschutzgebiet, kurz vorm Ende. Also: der Welt. Die Zeiten des Home Office hatten da noch mehr Flausen in meinen Kopf gesetzt und jetzt hat mir jemand diesen Stuhl unterm Arsch weggetreten!

Und dann verkündet der Papa, dem das Haus seit Opas Tod gehört, dass er es an den Onkel, dem die Hälfte des Grundstücks gehört, verkaufen will.

Also kann der sich mit dem kompletten Pack die Rente versilbern, oder meine Cousine kann irgendwann den dicken Reibach machen und mein Bruder und ich gucken in die Röhre.

Natürlich kann mein Papa mit seinem Haus machen, was er will und mit dem Geld eh. Ist schließlich seins und nicht das von mir und meinem Bruder. Abgesehen davon scheue ich mich, ein Veto einzulegen, weil ich keine Ahnung habe, wann und ob ich überhaupt je in der Situation sein werde, das Haus auch wirklich nutzen zu können. Wäre dann ja auch dumm. Und trotzdem: Jetzt hat mir noch jemand den Stuhl unterm Arsch weggetreten!

Nicht mal Träume gönnt mir mein Leben noch.

Es fehlt mittlerweile wirklich nur noch ne Kleinigkeit, bis mein Druckkopf platzt.

Mir verursacht schon das Nachrichtengeräusch des Telefons Tinnitus, weil endlich das Ende der Probezeit und damit der Beginn des Urlaubs ansteht und eine Freundin fragte, ob wir wie in alten Zeiten wie immer in der ersten Oktoberwoche nach Frankreich fahren und ich meine klar, ich will, ich habe nur massive Schnappatmung wegen der Katze, aber lass mal machen und dann meint sie aus dem Nichts so: Das geht doch klar, dass wir mit deinem Auto fahren, ne? Und ich so: Bruhahahhaha.

Dann können wir doch ein Auto von deinen Eltern nehmen, findet sie und ich frage mich, welcher erwachsene Mensch ernsthaft auf so eine Idee kommt.

Wie dem auch sei: Das Problem hat sie bei mir abgeladen. Und ich will darüber nicht nachdenken. Kann halt auch kein zuverlässiges Auto stricken, so ganz spontan.

Urlaubsvorfreude im Arsch und vielleicht lieg ich auch einfach drei Wochen mit der Katze im Bett. Mir erscheint das sehr attraktiv.

So wird der große Kackekuchen permanent mit so kleinen Kackestreuseln bestreut, die für sich genommen total unbedeutend sind, aber um mein Fass herum grad Überschwemmung machen. Und ich hab einfach keine Lust mehr. Also so gar keine.

Snowflake

Der große Häuptling gewährte mir in seiner großen Güte und Gnade eine Sonderregelung, mit der ich bis Ende Juli im Home Office bleiben darf. (Was genau im August an der Situation so anders sein soll – außer dass die Ansteckungsgefahr NOCH ein bisschen größer ist, so wie die Dinge laufen – weiß ich auch nicht so genau.) Er tat das natürlich nicht ohne ekelhafte Großkotzigkeit, sonst wäre er nicht großer Häuptling. Er wolle „die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, darauf hinzuweisen“, dass er in keiner Weise verpflichtet ist, mir das in seiner großen Güte und Gnade zu gewähren. 🤢 Und das alles in einer Mail, der man anmerkte, dass er eigentlich gar nicht mehr so genau weiß, wer ich bin. Weil wir uns genau einmal gesehen haben, weil meine Anwesenheit in der Redaktion bisher kein Stück notwendig war, aber ich denke, bis nächsten Sonntag werden sich dringende betriebliche Gründe manifestiert haben, deretwegen ich UNBEDINGT da sein muss.

*Scrollt durch Stellenanzeigen*

Derweil höre ich, dass das Haus mit dem Blick auf den Pazifik und die vorbeiziehenden Wale und den krächzenden Langschnabelsittichen oben an den 383 Stufen verkauft werden soll. Es ist wie ein zweiter Verlust nach dem Verlust des Home Office. Dass mir dieser wunderherrliche, inspirierende Ort für mich verloren gehen soll.

Besonders fies ist eigentlich, dass ich mir das sogar fast leisten könnte. Abgesehen davon, dass es für Ausländer nicht ganz einfach ist, Grundstücke in Chile zu kaufen: Moarrr. Geht schon allein wegen der Katze nicht. Und: Das Geld, mit dem ich für eine Weile wie die Bohemienne leben könnte, als die ich mich dort sehe, wäre dann futsch.

Und dann denke ich: Alte, du hast dieses Geld auf Kante, schmeiß doch den Quatsch hin und überleg dir zwei Jahre lang was Besseres! Du kannst immerhin drei Sachen, die andere nicht können. Immerhin haben diese Skills dir im letzten Monat zwei kleinere Projekte nebenher eingebracht, für die die Auftraggeber zu doof waren und die ich mit einer halben Stunde Arbeitsaufwand geklärt habe – und mit denen ich mir allerhand Chichi gegönnt habe, den ich sonst erstmal nicht angeschafft hätte.

Und dann kommt die Stimme der Vernunft und sagt: Und wenn dir nichts Besseres einfällt? Passiert ja schon seit Jahren nicht. Und diese Jobs fallen gelegentlich vom Himmel, zuverlässig beschaffen kannste dir das nicht.

Ich bin ein fucking millenial snowflake und ich will mich bitteschön auf ganz hohem Niveau beklagen und dass gefälligst meine Bedürfnisse beachtet werden und mein Bedürfnis ist halt grad Home Office, kann doch nicht so schwer sein!

Mimimi.

Anti-Panik-Dancing in Underwear

Ich hatte drei Tage frei. Drei Tage habe ich mein Arbeitspostfach nicht geöffnet. Keine Ahnung, ob der große Häuptling auf mein „Bitte, darf ich bis nach der zweiten Impfung zu Hause bleiben“-Gesuch geantwortet hat. Heute Nachmittag bin ich wieder im Dienst. Muss das Postfach öffnen. Habe Panik. Panik, wieder ins Büro zu müssen.

Ihr kennt das… Aggressives Frusttanzen und so…

Un-Leben

Es gibt Leute, die schreien seit Monaten: „Ich will mein Leben zurück!“ Und fordern eine Rückkehr zur „Normalität“. Bei mir steht so etwas wie die Rückkehr zur Normalität an und ich denke: „Ihr nehmt mir mein Leben weg!“

Das Home Office hat mich wirklich vor der Eskalation im alten Job gerettet. Hätte ich weiterhin mit diesen Wahnsinnigen in einer Redaktion sitzen müssen, wäre ich entweder durchgedreht oder irgendjemandem ins Gesicht gesprungen. Und das meine ich sehr wörtlich. Stattdessen konnte ich in Ruhe arbeiten und mich neu orientieren. Und gerade in den vergangenen drei Monaten auch leben!

Ich fand meine Arbeit auch schon vorher reichlich sinnbefreit. Jetzt arbeite ich in einem größeren Verlag mit größerem Budget, bei dem mir mehr technischer Schnickschnack zur Verfügung steht. Und im Grunde muss ich damit noch weniger tun, weil eine Maschine meine Arbeit tut. Was nur zeigt, was ich schon lange sage: Nicht nur ein dressierter Affe, auch ein Algorithmus kann meinen Job machen. Ich bin besser im Zwischen-den-Zeilen-Lesen und Emotionen-Erfassen. Dafür macht der Algorithmus keine Tippfehler und er müsste nicht mit dem CMS kämpfen. Und er verlangt keine Sozialabgaben.

All diese Sinnbefreitheit und viel Leerlauf kann ich im Home Office mit Sinn füllen. Nicht nur mit Wäschewaschen und Spülmaschine ausräumen. Sondern mit Dingen, die für mich sinnvoll sind. Die mich glücklich machen. Mit LEBEN.

Deswegen fühlt sich die Rückkehr in die Redaktion in erster Linie wie ein großer Verlust an. Ich kann mich nicht mal mehr über den Wahnsinn meiner Vorgesetzten aufregen, weil sie nicht wahnsinnig sind. Ich bin einfach verdammt zu Rumgeklicke in der Langeweile. Meine Tage werden wieder befüllt sein mit Sinnleere.

FML

Ich will meine Zeit nicht mit Pendeln und im Büro sitzen verplempern“, schrieb sie und zack verkündete der große Häuptling, das bitteschön ab übernächster Woche alle wieder viermal die Woche in der Redaktion anzutanzen haben.

Abgesehen davon, dass man vielleicht warten könnte, bis die Leute ihre zweite Impfung haben: Ich will das nicht. Ich.wil.es.einfach.nicht. Es war alles so erträglich. Und so flauschig mit meiner Weltbesten Redaktionsassistentin auf vier Pfoten. Das arme Ding wird die Welt nicht mehr verstehen, es war ja noch ein Baby, als ich ins Bett Office wechselte. VIERMAL DIE WOCHE. Über einmal hätte ich ja mit mir reden lassen, zweimal auch, aber VIERMAL?!?

Mir ist bewusst, dass ich all die Zeit in einer Luxusposition war, dass es immer noch nicht das schlimmstmögliche Szenario ist, aber trotzdem. Heute hätte ein schöner Tag sein können. Ich habe endlich meine erste Impfung bekommen. Aber statt THIS.GIRL.IS.ON.PFIZER! nur Biontech-Brummschädel und Büro-Blues.

Ich möchte nicht nur weinen, ich weine.

Gehirnschmerzen

So also.

Ich bekam Blümchen vonne Firma zum Einstand, vergaß sie am Gründonnerstag in der Redaktion und bekam in der neuen Woche neue Blümchen als Ersatz von den Kollegen. So sind die.

Ich musste beim Chef vortanzen, beim Chefchef, beim Chefchefchef und alle wollen sie geduzt werden (trotzdem: WIE spricht man deinen Nachnamen aus? WIE MAN IHN SCHREIBT!) und arschlochfreie Zone hier (jaja, du Unsympath) und alle FREUEN sich so, dass ich endlich da bin.

Ich bekam Einweisung in gefühlt Dreihundertdrölf Systeme und Programme. Und weil ich am Dienstag wie durch ein Wunder immer noch konnte, was man mir am Donnerstag gezeigt hatte (außer das Gefummel im Photoshop, das musste man mit zweimal erklären – moarrr), ließ man mich direkt solo fliegen.

Ich hätte eigentlich mit Schnappatmung meinerseits gerechnet, doch sie benutzen zwar andere Systeme, aber am Ende isses dasselbe in grün. Nur VIEL umständlicher. Aber ich kann, was ich kann und mache supercool, was ich immer gemacht habe. Und bis jetzt hat mir noch kein Arschloch dumm reingequatscht. Tatsächlich hatte ich SO wenig Rückmeldung, dass ich mich ein bisschen frage, ob überhaupt jemand geguckt hat, was ich getan habe… Oder ich bin einfach gut…?

Nach dieser kurzen Woche und einer letzten Handwerker-Anstrengung mit meinem Papa, um meine Bude endgültig wohnlich zu machen (ich besitze jetzt zum ersten Mal in meinem Leben eine Garderobe, ich bin ja SO erwachsen), bin ich komplett T-O-T. Mein Gehirn hat Muskelkater. Und der Rest von mir auch. Plan für morgen: Liegen, Katze füttern, liegen, Katze füttern, liegen.

Und von vorn

So. Alle Möbel wieder aufgebaut. Nur eine Krise gekriegt. Längere Schrank-Krise, aber mit ein bisschen Fern-Expertise hat’s dann doch geklappt. Schränke laufen gelegentlich ein bei Umzügen. Oder dümmlichen Umziehenden. (Ich merks bei jedem Umzug: Tischler, heiraten und so. Das nächste Leben…)

Die Katze fragt, wann wir denn wohl endlich wieder nach Hause können. Am Anfang fand sie das Abenteuer ja noch ganz witzig, aber jetzt hat sie die Schnauze voll. Hier findet sie nur die Aussicht gut.

Jaaa, die Aussicht… Man kann alles andere als weit gucken, denn wir wohnen in der Spießerzone. ABER: Das Grün vor unserer Nase ist unsers. Garten, wunderschöne Terrasse und überall Blümschen. Dazu das Träumchen-Wetter, es macht mich enorm glücklich.

Alle Kisten ausgepackt, alle Regale eingeräumt, direkt wohnlich hier. Runde mit dem Fahrrad durchs Dorf gedreht, schöne alte Höfe und überdimensionierte Kirche besichtigt, Alpakas geflauscht, kein Eis gefunden, Pferde gerochen, die Berge im Hintergrund genossen. Also – was ein Fischkopp so als Berge bezeichnet.

Ich könnt jetzt ein bisschen Osterferien vertragen, aber morgen ist mein erster Arbeitstag. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA-.

Gesprächsfetzen

Neuer Chef ruft an, Start besprechen.

Haben Sie noch Fragen?, fragt er.

Muss ich vollständig bekleidet und gekämmt sein?

Jaaaaa, das sind so die Herausforderungen in diesen Zeiten. Wenn Sie vielleicht nicht in Jogginghose kommen? Also, zumindest nicht am ersten Tag?