Note to self (wichtig!)

Ich muss mir einen Alias-Beruf für Party-Smalltalk ausdenken. Irgendwas, was garantiert langweilig genug ist, dass keiner nachfragt.

Mein richtiger Beruf hat irgendwie eine kuriose Wirkung auf Männer. Finden alle irgendwie spannend und aufregend. (Glaubt doch nicht alles was ihr im Fernsehen seht!) Und plötzlich bin ich umfassend auskunftspflichtig.

Oder die Herren müssen sich direkt produzieren mit ihren umfassenden Kenntnissen der aktuellen, vor allem politischen Lage. Den wenigsten fällt dabei ein, dass ich wahrscheinlich besser Bescheid weiß… Sollte es ihnen ausnahmsweise doch klar sein, wollen sie umfassende Meinungsbeiträge. Sorry, Leude, nur während der Arbeitszeit und niemals nach 23 Uhr!

Und kann bitte jemand den unangenehmen Mathelehrer von meiner Seite entfernen und ihn umfassend zu SEINEM aufregenden Beruf befragen???

Kann es sein, dass du dumm bist oder sowas?

Folgender Trialog hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach wiederholt.

Chefin zu meinem Teamleiter: Kannst du mit Darf man das? mal über die Rückkehr aus dem Home Office in die Redaktion sprechen?

Teamleiter schreibt mir: Du, die Chefin fragt, wann du wohl wieder in die Redaktion zurückkehrst.

Ich raste dem Teamleiter in die Sprachnachricht aus: Kann die Alte mit mir persönlich sprechen, wenn sie was will und nicht immer dich vorschicken? Ehem. Verzeihung, du kannst da nix für. Sag ihr, meine Haltung zu „eure Argumente sind Bullshit, Long Covid ist real, meine Arbeit ist 100% online und zu Hause nervt mich keiner mit Bullshit“ hat sich nicht geändert. Und sie möchte bitte in Zukunft direkt mit mir sprechen!

Teamleiter zur Chefin: Sie kommt erstmal nicht wieder rein, sprich doch bitte mit ihr persönlich.

Heute hatte er seinen ersten Arbeitstag nach dem Urlaub.

Teamleiter schreibt mir: Hat sie in meiner Abwesenheit mit dir über das Thema Home Office gesprochen? Klang so, als solle ich bald mal wieder mit dir darüber sprechen.

Ich so: Lololololooo! Dann hätte sie ja mit mir sprechen müssen. (Ich warte derweil immer noch darauf, welche der angekündigten neuen Aufgaben ich eigentlich seit Juni machen soll, da hat sie auch immer noch nicht mit mir drüber gesprochen.) Sie hat auch nicht mit mir darüber gesprochen, dass ich gekündigt habe. Hat sie mit DIR darüber gesprochen, dass ich in deiner Abwesenheit gekündigt habe???

Hatte sie nicht. Aber gut. Kommunikation geht ja nur, wenn wir in der Redaktion arbeiten. Deswegen sollen wir ja in der Redaktion arbeiten. SO kann sie ja unmöglich mit mir reden…

Wenn ich den See seh

Da begab es sich nun, dass ich zu einem Besuch in die Provinz zurückkehrte. Schon lange vor der Ankunft konnte ich den See sehn. Und den Mohn blühen. Und alles grünen. Es ist einfach die schönste Jahreszeit.

Und tagelang wurde ich umhergefahren und konnte einfach Beifahrer sein. Den See sehn. Und den Mohn. Und die Felder auf den sanften Hügeln. Kilometerweit keine Spuren von Besiedlung. Einfach Provinz. Wie ich sie liebe.

Und ich musste gar nicht so tief in mich gehen, um die dummen Chefs (allen voran das unfassbar dumme fette Arschloch), die mir das so kaputt gemacht haben, dass ich gegangen bin, sehr zu hassen. Noch mehr als vorher schon. Einfach der blanke Hass!

Vor allem jetzt, wenn ich bei 33 Grad keinen See mehr seh.

Groarrrrrr.

Ihre größte Schwäche: Schluss machen

Während ich immer noch nicht weiß, wie ich die Frau aus dem Supermarkt klar machen soll, haben mich die alten, weißen Männer zu einem zweiten Vorstellungsgespräch eingeladen. Und ich dachte, Männer stalken mich erst, wenn ich ihnen einen geblasen habe…

Und jetzt frage ich mich ernsthaft, wie ich das in meinen Terminkalender quetschen soll, obwohl ich den Job gar nicht will und keine Lust habe, die gestellte Aufgabe vorzubereiten und wieder 400 Kilometer durch die Republik zu gurken. Für einen Job, den ich gar nicht will. Und warum hadere ich? Weil ich ganz schlecht darin bin, Schluss zu machen. (Ja gut, und ein bisschen, weil beim aktuellen Job wieder bewiesen wird, dass es immer noch ein bisschen unprofessioneller geht. Immer dann, wenn man dachte, schlimmer, geht nimmer. Einmal mit Profis!)

Mittelgroße Klappe

Ich entertaine fast 1,5 Stunden lang sechs alte, weiße und deutlich zu wohlhabende Männer. Zum Ende des Vorstellungsgesprächs fragt mich der große Häuptling, ob ich eigentlich immer so energisch und dynamisch sei (wohlerzogen für: kann der drübberen Alten mal einer den Stecker ziehen, nehme ich an).

Der hätte mich wenige Stunden später im Supermarkt sehen sollen, als ich einen Artikel umtauschen wollte, die Kassiererin ihre Chefin holte und ich mehrere peinliche Augenblicke lang wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappte, als ebenjene erwartungsvoll vor mir stand. Ich nehme an, mein hochsouveränes Stottern hat sie wahnsinnig angemacht.

Gebt mir Stumpfsinn

Ich hab nen Sonnenbrand und den Garten schön. Also, in meinen Augen, nicht in denen meiner Nachbarn. Ich hab den Buchstapel weiter dezimiert. Ich habe festgestellt, dass die Pillen vom Doc nicht so richtig ne Wirkung haben. Sobald die Realität wieder in mein Leben scharwenzelt, ist wieder alles dunkelschwarz und mein Go-to-Gedanke ist: Wenn ich nicht sone nutzlose Memme wäre, könnte ich mich jetzt umbringen, wäre die beste Lösung. Die einzige Wirkung, die ich bemerke, ist, dass sie die Spitzen aus den Angstattacken nehmen. Also, schon immer noch Angst und Bauchweh und Herzrasen und zitternde Hände, aber halt nicht mehr ganz so doll. Und mein Gehirn findet, dass mein Körper nicht mehr angemessen auf die *hust* „Bedrohung“ reagiert (sowas irre Gefährliches wie das Beantworten einer E-Mail zum Beispiel). Und macht daraufhin Aufstand. Einfach alles wahnsinnig logisch.

Heute fing ich wieder an zu arbeiten. Ich tue so, als sei ich in den vergangenen Wochen nicht mit Gossip und Infos versorgt worden und habe mich wieder in meinem Home Office eingerichtet. Obwohl das mittlerweile wohl schon so gut wie verboten ist wegen Penisproblemen. Oder so. Auch sonst fehlt nur das Zelt für den Zirkus. Ich wollte heute nur an die 20 Mal schreien, weil alle unfassbar unprofessionell sind. Und überhaupt. Ich hab keine Zeit für den Quatsch. Und Lust eh nicht. Aber darum geht’s ja nicht. Hauptsache das Hamsterrad läuft weiter. Ich hasse die Realität.

Ich muss einfach nur den stumpfsten Job finden, bei dem ich einfach in Ruhe auf der Gartenliege arbeiten darf. Nichts leichter als das. Höhö.

Rauschen

Der Doc bescheinigte mir schweres Leck-mich-am-Arsch-Syndrom mit schlechter Prognose und hoher Rezidiv-Gefahr. „Ich kann Sie auch die nächsten sechs bis neun Monate rausnehmen, müssen Sie wissen, wie Sie das bei der Arbeit kommunizieren.“ So verlockend das ist, aber „huhu, entfristet mal meinen Vertrag, ich komm dann nächstes Jahr wieder“ ist wenig realistisch.

Aber gut, allein die Tatsache, dass ich mich die nächsten zwei Wochen nicht mit dem Quatschladen auseinandersetzen muss und dass dem Frühling wieder eingefallen ist, dass er dran ist, ist eine ziemliche Erleichterung. Ich schlappe durchs Dorf zur Apotheke und zum Briefkasten und genieße die Dorfkindvibes. Mitten auf der Straße latschen, weil da eh nur Viertelstarke auf ihren Fahrrädern rumgurken. Vögeln beim „vögel mich, vögel mich“-Rufen lauschen. Den Geruch von Geistesgestörten (also frisch gemähter Rasen, frische Farbe, Grillwurst), die mich für geistesgestört (altes Hippiekind) halten, atmen. Frühling in the village eben.

Und dann fällt mir das Spatzenhirn in den Rücken. Es denkt: Gut, dass du nicht mehr in der Stadt bist, denn dann würdest du jetzt anfangen, an Barcelona zu denken. Und dann würdest du anfangen, an das letzte Mal Barcelona zu denken. Barcelona mit J. Und dann würdest du daran denken, dass morgen vor einem Jahr die Monate aufgebraucht waren.

Was für ein mieses kleines Arschloch mein Spatzenhirn ist!

Meh die 195.

Es ist mal wieder alles so unfassbar meh.

Ich wollte vorhin nur kurz zusammenfassen, was bei der Arbeit gerade falsch läuft und dann bekam die arme Empfängerin eine 7-Minuten-Sprachnachricht (sorry!). Und ich spreche sehr schnell! Und dabei ging’s nicht mal im Ansatz um die derzeitige Nachrichtenlage. Was das angeht: Die Dauerdissoziation hält an, ich habe KEINE Ahnung, was gerade eigentlich los ist. Also, keine bewusste Ahnung.

Derweil war die Gefahr, sich mit der Seuche anzustecken noch nie so hoch wie jetzt und die Medizin hat immer noch keine Antwort auf das gar nicht mal so unwahrscheinliche Phänomen Long Covid und ich fühle mich von bestimmten Vorgesetzten enorm unter Druck gesetzt, wieder ins Büro zu kommen, weil das ja soooooo wichtig ist. Kaum sind sie nicht mehr gesetzlich verpflichtet, ihre Mitarbeiter zu schützen, können die sich gerne fröhlich untereinander anstecken, die Räumlichkeiten sind dafür ideal geeignet. Aber wir sind ja sooooooooooooo ein tolles Team, wir ham uns alle lieb und das ist so besonders hier. So besonders, dass man – übergriffig wie „tolle“ Teams so sind – am freien Tag morgens erstmal eine mit allerliebsten Emojis versehene Nachricht von der Chefin im Whats-App-Gruppenchat vom tooooooollen Team hat, wir möchten doch bitte alle unseren Arsch wieder in die Redaktion bewegen, wenn wir keine gravierenden Gründe dagegen haben. Ich habe leider auch noch keinen gravierenden Grund DAFÜR erkannt (ist ja nicht so, dass wir irgendetwas Physisches und Sinnvolles produzieren – nur heiße Luft und die auch noch digital). Außer, dass die Chefs ihre Wichtigkeit wieder vor Publikum demonstrieren können. Derweil kriegen sie organisatorisch und technisch nix geschissen und ich höre auf, mich aufzuregen. Ommmm.

Und dann entschließe ich – ausgerechnet ich! – mich mal, mir den „ich hab kein Bock mehr, leckt mich doch, kommt erstmal klar mit eurer Organisation und behelligt mich dann wieder“-Gelben-Schein zu holen und dann hat die Dorfarztpraxis wegen Umbauarbeiten geschlossen. Gnarf.

Was soll ich sagen. Ich bin euch fremdgegangen und habe anderswo so (Semi)Fiktion geschrieben, alle meine klugen Gedanken und schönen Sätze sind dafür draufgegangen. Deswegen heute nur Hass. In unschön. Lustigerweise stellte ich fest, dass ich nicht fiktionalisiert über die Seuche schreiben kann. In meiner Gedankenwelt ist alles kaputt, aber der Teil… der geht nicht rein. Wahrscheinlich kann ich Leute nicht so blöd schreiben, wie sie sind.

Stream of Consciousness

Ich las irgendwo: „Gott hat Burnout.“

Ich glaube nicht an Gott, aber ja, der hat definitiv Burnout. Lauter Zeug angefangen und dann keine Energie mehr gehabt. „Eh wurscht, die machen das schon und wenn nicht, ist auch egal.“ Und dann guckte er in die Luft und vergaß, was er machen wollte.

Ein Freund schreibt: „Krieg, Seuche und bald noch Hunger. Und die FDP gibt es auch noch, von der war aber in der Bibel keine Rede.“

Er liegt mit Corona flach, zwei Meter Mann gefällt wie ein Bäumchen und ich motze über den Quark mit der Eigenverantwortung bis ich Schaum vorm Mund habe. Und wir möchten doch bitte eigenverantwortlich in Büro zurückkehren, der oh so wichtige Austausch, blabla. People are fucking stupid! Eigenverantwortung, dass ich nicht lache. Eigenverantwortlich.

Ich fühle mich wie ein Nichtraucher prä Rauchverbot. Ich handle eigenverantwortlich, aber so super coole Typen bringen trotzdem meine Gesundheit in Gefahr. Und ich bin diejenige, die sich rechtfertigen muss, wenn sie eigenverantwortlich keinen Bock auf Rudelbumsen in der Redaktion oder sonstwo hat. FUCKING SCHAUM VORM MUND.

Mein Kopf funktioniert immer noch nicht wieder. Nur, um Pfeifen in meinem Ohr zu produzieren. Eine Physiotherapeutin hat mein durchtrainiertes Gesicht bearbeitet, bis ich nach drei Wochen Bearbeitung meinen Kiefer wieder öffnen konnte. Sogar halbwegs schmerzfrei. Weil mir ohne das Zähnezusammenpressen alle Spannung aus Nacken und Schultern gerutscht ist und ich tagelang vor Schmerzen heulte, hat sie mich wieder zusammengeklebt. Stellt sich raus: Ich bin arschallergisch gegen Tape. Und während sich die wenigen verbliebenen Reste meiner Haut schälen wie nach einem Sonnenbrand, scheint sich auch meine Intelligenz zu schälen. Vielleicht bin ich irgendwann dumm genug, um Menschen zu ertragen. Ist dann halt auch alles egal.

Vielleicht mach ich n Yoga-Retreat mit Gott.