Entscheidungen und Handlungen

Ich las jüngst irgendwo, Liebe sei kein Gefühl, das einem einfach so passiert, sondern eine bewusste Entscheidung, nach der man dann auch handeln muss.

Ich denke, das ist eine gute Erklärung für den Platz, den die Liebe in meinem Leben einnimmt.

Ich habe irgendwann an einem kalten Oktobertag die Entscheidung getroffen, ein strubbliges, kleines, schwarzes Etwas in mein Leben zu lassen und sehr zu lieben. Und ich handle danach: Ich gehorche Mistress Scarlett blind, räume ihren Kram weg, stehe zu nachtschlafender Zeit auf, um ihr die Tür zu öffnen, bin immer bereit für Flauuuusch und Küsschen – im Grunde mach ich am liebsten nix anderes. Ich liebe meine immer noch ganz schön kleine, wunderschöne schwarze Queen. Und deshalb – und weil sie ganz schön süß ist! – bin zu einer ziemlich sesshaften Helikoptermuddi mutiert. Mehr oder weniger willentlich.

Menschen haben mehr Bedürfnisse als schlafen, kuscheln, fressen, kacken, jagen. Eine Entscheidung für die Liebe führte zu mehr Handlungen. Handlungen, auf die man selber nicht unbedingt Lust hat. Kompromisse. Faule Kompromisse, von denen ich schon mehr als genug habe in meinem Leben. Ich entscheide mich gegen weitere Kompromisse.

Ich möchte mich selbst zitieren: „Die Welt macht nen Riesenaufstand, schreibt Lieder und Gedichte, beginnt Kriege und ich bin nicht mal bereit, morgens früher aufzustehn…“ (*Außer für das schwarze Weichwesen.)

Und von vorn

So. Alle Möbel wieder aufgebaut. Nur eine Krise gekriegt. Längere Schrank-Krise, aber mit ein bisschen Fern-Expertise hat’s dann doch geklappt. Schränke laufen gelegentlich ein bei Umzügen. Oder dümmlichen Umziehenden. (Ich merks bei jedem Umzug: Tischler, heiraten und so. Das nächste Leben…)

Die Katze fragt, wann wir denn wohl endlich wieder nach Hause können. Am Anfang fand sie das Abenteuer ja noch ganz witzig, aber jetzt hat sie die Schnauze voll. Hier findet sie nur die Aussicht gut.

Jaaa, die Aussicht… Man kann alles andere als weit gucken, denn wir wohnen in der Spießerzone. ABER: Das Grün vor unserer Nase ist unsers. Garten, wunderschöne Terrasse und überall Blümschen. Dazu das Träumchen-Wetter, es macht mich enorm glücklich.

Alle Kisten ausgepackt, alle Regale eingeräumt, direkt wohnlich hier. Runde mit dem Fahrrad durchs Dorf gedreht, schöne alte Höfe und überdimensionierte Kirche besichtigt, Alpakas geflauscht, kein Eis gefunden, Pferde gerochen, die Berge im Hintergrund genossen. Also – was ein Fischkopp so als Berge bezeichnet.

Ich könnt jetzt ein bisschen Osterferien vertragen, aber morgen ist mein erster Arbeitstag. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA-.

Good grief

Es hat sich irgendwann verselbstständigt. Der geplatzte Reifen im April zog Panikattacken beim Autofahren nach sich. Windstoß, Unebenheit auf der Straße, zack, Herzrasen, Schweißausbruch, Atemnot. Lieber nicht irgendwohin fahren. Nicht so weit. Ganz sicher nicht auf der Autobahn.

Die Panikattacken schlichen sich ganz hinterhältig in den Alltag. Angstzustände mit Magengrimmen, heftigem Herzklopfen. Mit einem Auslöser, den ich nicht mehr greifen kann, sobald es angefangen hat. Aber der Gewissheit: Es war ein sehr realer, sehr realistischer Gedanke. Nichts Neues für mich eigentlich. Neu ist nur die Frequenz. Beklommenheit wegen Allem. Schlimme Verzweiflung wegen Allem und Nichts, total ungreifbar. Panikattacken, die mich zitternd ans Bett nageln, unfähig mich zu bewegen, das einzige, was mich bewegt, ist mein wild schlagendes Herz. Sauerstoff kann es aber nicht verteilen, denn Luft bekomme ich keine. Zwischendurch die Angst vor der nächsten Panikattacke.

Klarer Trigger: die Katze. Sie ist das beste Antidepressivum, das man sich vorstellen kann. Sie ist weich und süß und wild und lustig und fröhlich und kuschelig. Aber sie hat schlimme Nebenwirkungen. Sobald sie rausgeht, werde ich unruhig, ich alter Suchti. Ist sie länger als eine Stunde weg und kommt nicht, wenn ich sie rufe – verhält sie sich also wie eine ganz normale Katze -, kann man mich vergessen. Man kann sich ausrechnen, wie es mir nach 12 oder gar 24 Stunden feliner Abwesenheit geht. Das einzige Mittel, das die Panikattacke beendet: Auftauchen der Katze. Wirkt sofort.

Ich komme mir jedes Mal angemessen bescheuert vor. Mir sind wahrlich schlimmere Dinge im Leben passiert als ne Reifenpanne, bei der nix passiert ist und eine Katze, die sich verhält wie eine Katze.

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich wegen solcher Banalitäten so durchdrehe. Und ich glaube, dahinter gekommen zu sein: Kontrolle. Ich werfe gerne anderen Kontrollwahn vor, aber eigentlich bin ich da am schlimmsten. Ich muss immer alles im Blick haben, am besten alles selber machen, immer wenigstens irgendwas machen. Deswegen verbeiße ich mich so in die Arbeit. Und werde so stinkig, wenn mir jemand wie Fetti dazwischenfunkt. Deswegen habe ich so Dinge durchgestanden wie: Mein Vater macht jeden Tag besoffen irgendeinen anderen Scheiß, meine Mutter dreht deswegen durch und legt sich im Pillenkoma ins Bett, mein Vater zündet irgendwann das Haus an und ich bin halt der Konfliktpuffer, Muddipfleger, Pferdepfleger, Gärtner, die Putzfrau und weiß nicht was und mach halt nebenher noch Abi und Führerschein und was man sonst so macht mit 18. Eben einfach Zeug machen. Kontrolle über Dinge behalten.

Was ich damals gelernt habe: Alles geht irgendwann vorbei. Egal wie scheiße ich mich grad fühle, egal wie wenig ich mir vorstellen kann, wie ein Danach aussehen könnte: Es wird ein Danach geben. Und das wird sich nicht mehr scheiße anfühlen. Das hat mir schon durch die ein oder andere schlimme Zeit geholfen.

Das Problem ist: Ich kann weder mein Auto noch meine sich wie eine normale Katze verhaltende Katze kontrollieren. Und gerade in Sachen Katze hoffe ich auf ein Danach in frühestens 15 Jahren.

Vielleicht sollte ich es doch mal mit Alkohol probieren…

Akzeptanz und ihre Grenzen

Nachdem mein in unserer Zweisamkeit recht aufmüpfiges, außerhalb seiner Komfortzone jedoch reichlich ängstliches Kätzchen monatelang nur im Blumenpott saß und auf den Innenhof herabschaute und ich nicht unzufrieden davon ausging, dass es einfach kein Freigänger sein möchte, beschloss es vor einigen Wochen von einem Moment auf den anderen, doch ins Grün hinabzusteigen.

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Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich jetzt nicht mehr 24/7 helikoptern kann und dass Kitten vor all dem Schlimmen da draußen beschützen kann. Und dass es jetzt ein zweites Leben da draußen hat, in dem ich keine Rolle spiele. Ich kann immer noch nicht schlafen, solange sie rumstromert. Auch wenn ich ja weiß, dass Katzen so müssen.

Zum Glück habe ich bisher ein recht artiges Aschenputtel, das pünktlich mit Einsetzen der Dämmerung ins Grün hüpft und pünktlich gegen Mitternacht wieder zurückkommt. Und es ist herzerwärmend zu sehen, wie sie über die Wiese tobt und Insekten jagt, durch die Büsche spurt und die Bäume hochrennt. Sie lauert auch Vögeln auf, aber die Amseln haben längst allen Bescheid gesagt und ihre Attacken lösten bei mir und bei den Piepmätzen bisher nur Gekicher aus. Die Hoffnung, dass mein Duracell-Kätzchen durch Rennen, Jagen, Klettern in der Wohnung mal einen Gang runterschaltet, hat sich keinesfalls erfüllt. Neuerdings bringt sie um Mitternacht statt eines Prinzen bereits flugunfähige, aber noch sehr lebendige, dicke Nachtfalter mit, da kann man sich auch noch ein, zwei Stunden in der warmen Wohnung mit beschäftigen.

Ich finde das Falter-Leid schwer erträglich – das Dilemma eines fühlenden Katzenbesitzers. Gestern Abend kam dann das Aschenputtel früher rein, seine Ankunft laut verkündend, stolz geschwellte Brust, eine sehr tot aussehende Spitzmaus im Maul. Ich wollte mich gerade beeindruckt zeigen, ob des doch recht unverhofften Jagderfolgs, ich gebs ja zu, ich habs ihr gar nicht zugetraut. Da setzt sie das Insektenfresserchen neben mein Bett und es ist sehr lebendig.

Für einen Moment erwäge ich, dem Gang der Dinge einfach seinen Lauf und die Katze ihr Werk beenden zu lassen, doch dann denke ich daran, dass Spitzmäuse im Gegensatz zu ihren Namensvettern zwar eher Nütz- als Schädlinge sind, aber dennoch Exkremente hinterlassen und überhaupt, das arme Tier und nicht in meinem Schlafzimmer! Und boar, das arme Mäuschen. Das auch noch so zuvorkommend war, direkt aus dem Zimmer in den Flur zu flüchten und sich unter einem Schuh zu verstecken.

Ich fange durchdrehende Pferde, panische Schafe, empörte Enten – eine Spitzmaus in Todesangst bringt mich an meine Grenzen. Das Tier ist schnell und passt selbst unter der Tür durch, ich hab keine große Lust, gebissen zu werden und noch mehr weh tun will ich dem armen Ding auch nicht. Plötzlich verstehe ich, warum Leute angesichts so kleiner und harmloser Tiere kreischen, was ja auf den ersten Blick mal gar nix bringt: Es ist enorm befreiend. Die Spitzmaus verschwindet unter einer Fußleiste und ich gebs auf. Wenn sie da reinpasst, hab ich keine Chance.

Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass ich jetzt eine weitere Mitbewohnerin habe und finde das eigentlich gar nicht mehr schlimm, gebe ihr sogar einen Namen und hoffe, dass sie doch irgendwie unverletzt geblieben ist. Auch wenn ich weiß, dass sie eigentlich auch keine Chance hat: Spitzmäuse sterben schon nach wenigen Stunden ohne Futternachschub und was die wilde Flucht an Kalorien verbraucht hat, kann man sich ja ausrechnen.

Ich versuche, für den Rest des Abends nicht mehr drüber nachzudenken, als die Katze wieder aufdreht: Das Hinterteil der Spitzmaus kommt unter der Fußleiste hervor und ich sehe mich gezwungen, doch noch zu handeln. Ich will sie rausziehen, sie wehrt sich, hängt fest, kommt weder vor noch zurück, ist jetzt wirklich verletzt, die Katze tobt und ich heule hysterisch, während unter meiner Hand die Lebensgeister schwinden.

Am Ende ist die Spitzmaus tot, die Katze sauer, meine Wohnung wieder eine 2er-WG und ich bin fertig mit den Nerven. Ich werde den Gedanken an die Angst und den Schmerz des armen Dings nicht los, das am Ende nicht mal den Zweck erfüllte, den Jagdtrieb meiner Katze abschließend zu befriedigen.

Ich hatte gedacht, dass es ausreichend Grenzerfahrung ist, Fleisch einzukaufen und zuzubereiten, als die Katze hier einzog. Hübsch portioniertes Katzenfutter ist schon leichter zu ertragen, aber auch da darf ich nicht zu genau drüber nachdenken. Ihr selbstgefangener Mitternachtssnack… Augen auf beim Einsammeln halb verhungerter Katzenbabys in Tiefgaragen, kann ich da nur sagen. Da rettet man ein Tier und tötet das andere (und ja im Grunde nicht nur das).

😩

Mistress Scarlett II

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Mistress Scarlett überwacht GENAUESTENS meine Tätigkeiten im Bett Office. Bitte auf jeden Fall Müdigkeit vorschützen und alle Aufmerksamkeit ihrem weichen Fell widmen!!! Für ihre Überwachungstätigkeiten legt sie sich am liebsten auf meine Brüste – da hat man den besten Überblick.

Beim leisesten Fehlverhalten erhebt sie sich mit gestrengem Blick und ihre Krallen bohren sich unerbittlich und höchst treffsicher tief in meine Nippel… Regelmäßig.

Ich bin in harter Hand.

Social whaat? – Alltag

Ein weiser Mann sagt mir dieser Tage immer wieder, ich soll die Dinge positiv sehen. Na jut.

Was soll ich sagen. In der Redaktion ging bereits letzte Woche die Panik um, nachdem der Chefchef ein Verdachtsfall war. Das fette Arschloch faselte irgendwas von Feldbetten und ich machte mich dünne.

Nun befinde ich mich in der sehr privilegierten Lage, dass meine Arbeit komplett onlinebasiert ist und ich das von egal wo machen kann. Bloß, dass das fette Arschloch immer meint, wir sollen nicht ganze Wochen im Home Office bleiben und wenn dies und das, dann dürfen wir nicht ins Home Office, bla. Letzte Woche konnten wir auf einmal nicht schnell genug verschwinden.

Win für mich: Ich muss seine dumme Fresse nicht sehen und sein dummes Gelaber nicht hören. Dasselbe gilt für die Unperson. Kleiner Nachteil: Weil alle im Home Office vor sich hinwurschteln, kommuniziert niemand und am Ende bleibt alles an mir hängen. Es geht doch nichts übers Gebrülle quer durch die Redaktion à la: Tu dies, zackzack! Wenn ich dafür erst telefonieren oder mailen muss – selbst Chat dauert zu lange, weil ich nicht so schnell tippe, wie ich brülle – mache ichs doch lieber schnell selbst. So habe ich unfassbar viel zu tun, neben der unfassbar geschäftigen Nachrichtenlage. Und wir sind ja so irre gut besetzt, weil ja alle voll gern unter der Fuchtel von Fetti arbeiten… Ich beneide die Kollegen nicht, die „nebenbei“ noch Kinder betreuen müssen. Ich liege nur mit Laptop und Katze – der Fell-Good-Managerin – im Bett rum.

Win für die Katze: Abgesehen davon, dass sie jetzt 24/7 unterhalten wird, ist sie postkastrationslädiert und kann den ganzen Tag auf mir liegen und sich gesund schnurren. (Definitiv kein Win für bequemes Liegen.)

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Win: Social distancing. ENDLICH muss ich mich nicht mehr dafür rechtfertigen, ein ungeselliger Waldschrat zu sein! Endlich fühle ich mich nicht mehr verpflichtet, an sozialen Aktivitäten teilzunehmen. Ist das herrlich. Wer hätte gedacht, dass das mal ein Vorteil sein könnte, ein Assi zu sein. Bett, Rudermaschine, Spaziergang am See – was soll ich sagen: Mir reicht das völlig!

See

Im Grunde hat sich für mich nix verändert – außer, dass ich nicht mehr die 10 Minuten zur Arbeit radeln muss. Wie gesagt: Privilegierte Lage. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, für die sich sehr viel ändert, die noch unfassbar viel mehr zu tun haben, die es unendlich viel schwerer haben, die es mir ermöglichen, mich hier im Bett am Arsch kratzen zu können, die für unser aller Sicherheit und Gesundheit da draußen unterwegs sind. Danke an die. Und dann sind da noch ganz viele Leute, die auf ganz hohem Niveau jammern. Naaa aaach. Ich lass das jetzt.

Ich jammer ein bisschen: Madagaskar fällt flach, das ist ganz schön bitter. Um es mal gelinde auszudrücken. (Win für die Katze.) Sex natürlich auch, aber das wollte ich ja eh nicht mehr, nech? …

In diesem Sinne: Haltet alle durch, genießt die Sonne und bleibt gesund!