Das Wettbüro ist geöffnet

Habe einem Kollegen in der Küche geschildert, dass ich mal sehr happy war mit dem Job und jetzt nicht mehr – im Beisein des Printleiters, der gerade im Kühlschrank rumwühlte.

Es dürfen Wetten abgeschlossen werden, ob mich die Chefredaktion in den kommenden Tagen zum Gespräch bittet.

Und wenn nicht ist auch alles klar…

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Gesprächsfetzen

Es ist sehr früh am Tag und ich bin mit einem Volontär allein in der Redaktion. Ich lese ihm die schönsten Facebook-Kommentare der Nacht vor.

„Macht die Augen auf, Leute! Wie diese Neubürger den Frauen hier ins Gesicht gucken!“ (Zahlreiche Ausrufezeichen wurden aus Lesbarkeitsgründen aus dem Zitat entfernt.)

ALTA!!!, sage ich. Die gucken den Frauen INS GESICHT. Stell dir das mal vor, INS GESICHT! Eins elf. Der Untergang des Abendlandes. Wo will die denn, dass die ihr hingucken?

Verschämt auf den Boden gucken?, fragt er.

ALTA, guck mir gefälligst auf die Brüste, wenn wir miteinander reden!!!

Er guckt verschämt auf den Boden…

Die Vorderseite der Medaille (2)

Eigentlich tragisch. Da ging der schöne L., der nutzlose F. wurde gegangen, der Arbeitsgatte nimmt sich Burnout und fällt wer weiß wie lange aus –  und wer weiß für wie lange er zurückkehrt… Und nun hat auch noch die rundum tolle J., die zwar Regio-Kram macht, aber auch für dieses Internet höchst nützlich ist – und nebenbei superliebst – gekündigt.

Der ganze Laden zerkloppt sich selbst.

Immerhin: Weil ich nicht wieder die Letzte sein will, die den sinkenden Kahn verlässt, bin ich endlich wieder im Bewerbungs-Flow.

Es beginnt

Nun hat der schöne L. gekündigt. Ihm reicht’s. Geld hat schon lange eine Rolle gespielt, die Unperson hat ihm den Rest gegeben. Da wurden ihm ewig Versprechungen gemacht, dann wurde ihm die Alte vorgesetzt.

Jetzt wird es richtig traurig. Keiner mehr, der Flachwitze am laufenden Band macht. Jetzt wird es richtig bitter. Keiner mehr, der hart und unverblümt dumme Scheiße anspricht und sachlich kritisiert. Jetzt wird es richtig hart. Einer weniger, der alle Dienste kann. Für die Zeitung und für dieses Internet. Die frühen, die späten, die Wochenenddienste. Davon haben wir eh schon zu wenige. Ein guter Reporter weniger. Ein guter Kumpel weniger.

Ich bin sehr traurig.

Der Arbeitsgatte packt praktisch schon die Koffer. Er hat immer gesagt: Wenn L. geht, gehe ich. S. schweigt, aber keiner glaubt, dass er sich nicht umguckt. Was hält den Hauptstädter schon hier in der Provinz? Der große M. sagt: Bis Ende des Jahres noch. Wenn’s dann nicht anders ist, gehe ich. Das stilltiefe Wasser M. hadert. Er hofft noch auf Besserung. Rechnet, wie er sich das neue Häuschen ohne den Job leisten kann. Selbst die Sekretärin würde gerne weg.

Nur der Nerd und der nutzlose Kollege F. stören sich nicht an der Lage. Sie leben eben in ihrer eigenen Welt…

Eigentlich können die Chefs es sich nicht erlauben, noch mehr Leute zu verprellen. Merken tun sies offensichtlich nicht. Leider konnte L. noch keine echte Ansage machen. Er will so früh wie möglich aus seinem Vertrag raus und muss noch lieb bittebitte machen. Sie scheinen doch etwas zu ahnen. Er solle gefälligst den wahren Grund für seine Kündigung nennen, der offizielle Grund werde ihm nicht geglaubt. Die dümmste Scheiße, die ich je gehört habe.

Vielleicht sollte ich schon mal mit meinen Vertragsauflösungsverhandlungen beginnen…

Nervöses Ohrenzucken

Die freudige Überraschung (dass ich DAS mal sagen würde): Nach vielen Monaten menstruiere ich mal wieder. Ich denke: Endlich das Ende der schlechten Laune in Sicht. Dann legen mich die Krämpfe aufs Kreuz. Ibuprofen und Kaffee sind mein Freund. Oder auch nicht. Würg. Ich taumle dumpf und grün um die Nase zur Arbeit.

Der Chef bittet mich und den Kollegen S. zum Gespräch.

„Ich habe Sie zu zweit hergebeten, damit sich nicht einer in die Ecke gedrängt fühlt“, sagt der Chef. Und alles war klar.

Das Büro ist eng und muffig, der Hund ist nass und muffig, der Chef ist starker Raucher und muffig. Schlimm genug, aber wenn ich meine Tage habe, vervielfacht sich mein Geruchssinn und wo ist eigentlich der Mülleimer in den ich kotzen kann??! Urks.

Der Chef schwafelt darüber, wie die Arbeit in der Redaktion künftig verteilt werden soll und wer da welche Rolle spielen soll, natürlich auch die Frau S. – i.e. die Unperson! Mein Kollege S. und ich schweigen eisig.

„Zuallererst“, sagt der Chef, „möchte ich sagen, dass ich nie mit der Frau S. geschlafen habe, ich habe sie auch nie angefasst.“

…???

…!!?!?!

S. und ich schweigen und WO IST EIGENTLICH DER MÜLLEIMER??? Würg.

Frau S. habe sein volles Vertrauen, sagt der Chef, er wisse, was sie könne und er habe sich das SO toll vorgestellt, als er sie eingestellt habe, aber jetzt seien die Umstände ja so, dass die Stelle ja im Grunde nutzlos sei.

ACH. Und: nein, nein, nicht die Stelle, die FRAU.

S. und ich schweigen. Mir ist wirklich sehr, sehr grün um die Nase.

Der Chef fährt fort: Die Frau S. müsse ja auch lernen, wie man dies und jenes mache, unter anderem das mit dem Internet. (Längerer Blick auf mich – mich hatte er gebeten, ihr das zu zeigen. Ich hatte aus meiner Ablehnung keinen Hehl gemacht, ihr aber alles laut zähneknirschend gezeigt. Ihr gesagt: Man muss das üben, am besten täglich, wenn du Fragen hast, weißt du, wo du mich findest. Sie hat mich nie was gefragt… Und auch keinen Online-Kollegen.)

Sie stelle eben auch immer wieder fest, dass man ihr mit einer Sprachlosigkeit begegne und das sei ja nicht konstruktiv, sagt der Chef.

S. explodiert und erklärt, was er alles nicht konstruktiv findet. Der Chef verteidigt sich und meint, als Chef dürfe man das halt. Sehr konstruktiv.

Ich überlege, ob ich in den Hundenapf speie. Der arme Wauz. Ich halte mir die Hand vor den Mund.

„Gut“, sagt der Chef und guckt in die Runde. „Frau Fragezeichen sieht nicht so glücklich aus.“

Ich gucke hoch, stehe auf und greife wirklich nach dem Mülleimer.

„Mir gehts nicht so gut“, nuschle ich und verlasse fluchtartig das Büro.

War alles wieder sehr konstruktiv!

Männer und Frauen

Das stilltiefe Wasser M. und ich sind ein saugeiles Team. Seit wir zusammenarbeiten, hat sich die Reichweite der Homepage verdoppelt. Mindestens. Wir sind die geilsten Klicknutten in der Hütte. Wir sind praktisch die (vernachlässigte) Online-Redaktion und wir sind gut. Wir machen 17 Sachen gleichzeitig, mehr als jeder andere Redakteur. Wir treffen pro Tag etwa 1780 redaktionelle Entscheidungen (grobe Schätzung), mehr als jeder andere Redakteur. 99 % unserer Kollegen und 100 % unsrer Chefs haben keine Ahnung, was wir tun. Alle sehen nur: Läuft.

Wirklich alle?

Mein Vorgesetzter kommt angewatschelt und will, dass ich sofort dies und jenes tue. Kann ich machen, sage ich, ist halt kacke für die Reichweite. Ich erkläre ihm ausführlich die Gründe. Will er mir nicht glauben. Das stimmt doch gar nicht, sagt er. Emm, doch, sage ich. Aber woher willst du das denn wissen?, fragt er. Das hat einfach die Erfahrung gezeigt, sage ich. M. stimmt mir zu. Alle Kollegen, die auch mal online mitarbeiten, gucken peinlich berührt in die Luft. Mein Vorgesetzter mault: Wir müssen auch mal aufhören, an alten Verhaltensmustern festzuhalten!

Weil er in letzter Zeit mit permanentem Gemaule und unerträglicher Arroganz auffällt, da noch die Sache mit der Unperson ist und das mit meinem PMS, ist mein Geduldsfaden extrem kurz. Ich ärger mich täglich über irgendeine dumme Scheiße. Natürlich stört es mich da überhaupt nicht, wenn man meine Kompetenz anzweifelt und übergeht, sich Argumenten gegenüber taub stellt und um jeden Preis seinen Willen durchsetzen will – ohne eine Ahnung zu haben.

Ich hätte seinen Wunsch (zähneknirschend) in meine redaktionelle Planung einbauen können, ohne dass es was kaputt macht (außer meiner Stimmung und meiner sehr guten ursprünglichen Planung). Stattdessen mache ich es genau so, wie er es gerne wollte. Bitteschön. Wer nicht hören will…

Ich knirsche eine angemessene Zeit lang mit den Zähnen, dann gehe ich vor die Tür und knurre meinen Unmut in den Park. Verdrücke ein paar Wuttränen. Der Nerd taucht auf. Unser mehrfach preisgekrönter Starreporter. Knuddelt mich. Versucht zu verstehen, warum alles so dermaßen eskaliert ist. Und sagt: Ich weiß, dass kein Arsch meine Artikel lesen würde, wenn es dich nicht gäbe. Naja, sage ich, M. ist ja auch noch da. Jaaaa, sagt der Nerd. Aber der is so… weiblich. Der haut nich so auf den Tisch wie du und sagt: So machen wir das jetzt. Der is nich son Kerl wie du!

(Mein Vorgesetzter räumte übrigens am nächsten Morgen M. gegenüber seinen Fehler (der mit einem 3-Sekunden-Blick auf die Zahlen ersichtlich wurde) ein. Zu mir sagte er nichts.)

Gesprächsfetzen

Ich hab die superfrühe Schicht und deshalb superfrüh Feierabend.

Schüs!, brülle ich in die Runde. Und zum schönen L. sage ich: Schreib mir einfach, wenn du noch Dienstleistungen brauchst. Also… du weißt schon. Er antwortet sehr laut: Du kannst ruhig sagen, dass es um Französisch geht!

* Ich hatte ihm mehrere französische Dokumente übersetzt.