Un-Leben

Es gibt Leute, die schreien seit Monaten: „Ich will mein Leben zurück!“ Und fordern eine Rückkehr zur „Normalität“. Bei mir steht so etwas wie die Rückkehr zur Normalität an und ich denke: „Ihr nehmt mir mein Leben weg!“

Das Home Office hat mich wirklich vor der Eskalation im alten Job gerettet. Hätte ich weiterhin mit diesen Wahnsinnigen in einer Redaktion sitzen müssen, wäre ich entweder durchgedreht oder irgendjemandem ins Gesicht gesprungen. Und das meine ich sehr wörtlich. Stattdessen konnte ich in Ruhe arbeiten und mich neu orientieren. Und gerade in den vergangenen drei Monaten auch leben!

Ich fand meine Arbeit auch schon vorher reichlich sinnbefreit. Jetzt arbeite ich in einem größeren Verlag mit größerem Budget, bei dem mir mehr technischer Schnickschnack zur Verfügung steht. Und im Grunde muss ich damit noch weniger tun, weil eine Maschine meine Arbeit tut. Was nur zeigt, was ich schon lange sage: Nicht nur ein dressierter Affe, auch ein Algorithmus kann meinen Job machen. Ich bin besser im Zwischen-den-Zeilen-Lesen und Emotionen-Erfassen. Dafür macht der Algorithmus keine Tippfehler und er müsste nicht mit dem CMS kämpfen. Und er verlangt keine Sozialabgaben.

All diese Sinnbefreitheit und viel Leerlauf kann ich im Home Office mit Sinn füllen. Nicht nur mit Wäschewaschen und Spülmaschine ausräumen. Sondern mit Dingen, die für mich sinnvoll sind. Die mich glücklich machen. Mit LEBEN.

Deswegen fühlt sich die Rückkehr in die Redaktion in erster Linie wie ein großer Verlust an. Ich kann mich nicht mal mehr über den Wahnsinn meiner Vorgesetzten aufregen, weil sie nicht wahnsinnig sind. Ich bin einfach verdammt zu Rumgeklicke in der Langeweile. Meine Tage werden wieder befüllt sein mit Sinnleere.

Rettungsweste aus Blei

Wahrscheinlich habt ihr es mitgekriegt: Hier war ein paar Wochen Sendepause. Aus Gründen und sowieso. Das war nicht geplant und schon gar nicht für so lange und eigentlich… total egal. Am Anfang war ich ja noch n büschen auf Entzug, aber mittlerweile muss ich sagen: Ich hab kein Bock auf Blog.

Im Grunde hat sich der Sinn dieses Blogs – so er denn je einen hatte – erübrigt. Ich habe keine Lust mehr, mich mit meinen Befindlichkeiten auseinanderzusetzen. Es ist enorm ermüdend, und wie ihr mitbekommen habt, immer wieder das Gleiche in Variationen. Und es führt zu absolut nichts.

In den vergangenen Wochen ist in meiner kleinen Welt allerhand passiert, manche Dinge einfach so, andere habe ich angestoßen, einige wurden von außen angeschubst. Ich kann’s sehr kurz zusammenfassen: Es hat sich praktisch nix verändert. Ich kann strampeln wie ich will, wilde Sprünge wagen, alles einstellen: Irgendjemand setzt mich immer wieder in mein bekacktes Hamsterrad zurück und ich kann überhaupt nichts machen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zu Heulen.

Ich habe auch keine Lust mehr, mich mit den Befindlichkeiten von irgendwelchen Typen auseinanderzusetzen. Leider kann ich ja nicht einfach mit irgendwelchen x-beliebigen Typen rumvögeln, ich muss ja immer auch irgendwas mit denen anfangen können. Kack Hirn, das mitfickt. Dumm nur, dass wirklich jeder Mensch mit seinem eigenen Päckchen daherkommt. Entweder, man macht das Hirn aus, oder man setzt sich eben damit auseinander. Beides will ich nicht. Allein, was ich in den vergangenen Monaten mit verschiedenen Männern erlebt habe… nä! Dafür ist der Sex, den ich habe, nicht gut genug. Das ist schon bitter: Wenn ich drüber nachdenke und mich richtig ehrlich mache, hatte ich zuletzt wirklich guten Sex, als das mit No. 3 frisch war. Das ist jetzt halt auch schon 7 Jahre her. Da kann ich den Laden auch dicht machen. Und dass ich mich so lange nicht mehr locker machen konnte, zeigt auch noch mal sehr deutlich, dass ich mich in einer gewaltigen Abwärtsspirale befinde (und dass es immer zwei Leute braucht für schlechten Sex). Gut, dass ich derzeit eh keine Lust habe…

Mir ist im Moment alles eine Last, der Blog, das Leben und vor allem ich selbst. Selbst ein Sommerurlaub wie damals, mit nur barfuß im Sand und immerzu die Haare nass vom Meer und Sonnenbrand, bis sich die Pelle häutet, bringt nix Gutes.

Denn Starren aufs Meer (SCHLIMMER Anblick übrigens)

– also, richtig schlimm –

und in Sternschnuppen (enorme Ausbeute dieses Jahr) führt bloß zu Grübeleien, die bei mir ja ausschließlich Unfreundliches hervorbringen.

Da ist mir so viel Dreck widerfahren im Leben und ein Strandurlaub reißt mich in das möglicherweise tiefste Loch… Kein Tag vergeht, ohne dass ich nicht wegen irgendwas reichlich grundlos rumheule, und jeder klare Gedanke, den es mir zu fassen gelingt, löst eine Panikattacke aus. Alles geht in Zeitlupe und dabei rast die Zeit so schnell, dass mir von der Erdrotation schlecht wird.

Mir ist das Leben zu schwer geworden, um mich weiter damit auseinanderzusetzen. Und das führt ja doch zu nix.

Unnormalzustände

„Ist das fies, wenn man weiß, wie’s  ist, wenn’s nicht so ist, wie’s ist.“ Schrieb ich gestern jemandem und fies ist noch eine heillose Untertreibung.

Es gab mal ne Zeit in meinem Leben, da dachte ich, „unerträglich schlimm“ ist der Normalzustand. Ich kannte es ja gar nicht anders. Das Leben war unfassbar anstrengend und einfach unerträglich. Ich habe mich jeden Abend in den Schlaf geheult und gehofft, dass ich einfach nie wieder aufwache.

Es kamen bessere Zeiten und ich stellte fest: Nein, „unerträglich schlimm“ ist nicht der Normalzustand. Aber ein wiederkehrender.

Und eigentlich ist es noch schlimmer, wenn man weiß, dass es nicht so sein MUSS. Aber dass es oft genug außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegt, einen anderen Zustand herzustellen.

Ich hoffe abends gar nicht mehr, dass ich nie wieder aufwache. Das würde ja eine Verbesserung bedeuten. Und das ist einfach komplett unrealistisch.

Danke und auf Wiedersehen.

Da soll man sich ja vorstellen, wie die Dinge aussehen, wenn man ein Ziel, das man sich gesetzt hat, schon erreicht hat.

Ich kann das supergut. Viel zu gut. In meinem Kopf fand schon ein ganz anderes Leben statt, als das, das ich jetzt habe. Für meine Verhältnisse ziemlich realistisch. Anderer Ort, schöner für mich, viel schöner für die Katze, anderer Job, vielleicht nicht perfekt, aber anders und Chefredakteure sind eh immer bekloppt. An Sex denk ich lieber gar nicht mehr.

Trotzdem hat mir die Vorstellung gefallen, ich fand mein Ziel erreichbar.

Ist es nicht! Sagt das Leben und knallt mir die Tür in die Fresse.

Und ich fühl mich, wie bei hoher Geschwindigkeit vom Fahrrad geklatscht, mit der Fresse auf den Asphalt und noch n Stück weitergeschliddert.

Confieso que he vivido

Übel gejetlagged mit viel Kaffee in der Hand und Streichhölzern zwischen den Augenlidern melde ich mich zurück aus Chile. Und meine Freundin J. nagelt mich sofort auf unseren bisher noch vagen Planungen für unseren Barcelona-Trip fest. Sie will ihren runden Geburtstag dort feiern, ich habe ihr versprochen, dass ich ihr meine Hood zeige.

Claro, sage ich, es bleibt dabei. Und muss ein bisschen irre grinsen. Stimmt, ich habe da mal gewohnt. So wie ich in Chile gewohnt habe. Und in Kanada. Du bist ganz schön irre, denke ich. Da biste grad mal 31 und hast in vier Ländern auf drei Kontinenten gewohnt. (Und sonst schimpfe ich mich immer furchtbar alt…)

Doch, ich hab da schon viel richtig gemacht. Viel Glück gehabt. Viele Chancen beim Schopf gepackt. War hier und da ein bisschen unvernünftig. Oarch, ich habe gelebt. Und ich bin noch längst nicht fertig!

Je vais bien, ne t’en fais pas.

Letztes Jahr war alles furchtbar. Job furchtbar furchtbar. Aber ja schon gekündigt. Aussichten düster. Keine Ahnung, was da kommen würde. Zukunftsängste.

Jetzt habe ich einen neuen Job, irre viel Spaß, einen Chef, der mich schätzt und das sogar sagt (vor Publikum), tolle Kollegen, viel gelernt, ne deutlich bessere Wohnung, viel mehr Freizeit und auch mehr Freiheiten.

Alles toll. Oder?

Die ganzen letzten Jahre war da diese lähmende Watte im Kopf. Alles war dunkelschwarz. Jetzt lache ich dauernd und lache alles weg. Als ob nichts mehr an mir kratzte. Oder lass ich es einfach nicht mehr an mich ran?

Letztes Jahr war dunkelschwarze Watte, aber ich habe immer noch alles hingekriegt. Dieses Jahr ist Leere und ich tauche noch pünktlich und zuverlässig auf. Aber ich kümmere mich nicht mehr um mich. Fragt mich nicht, wann ich das letzte Mal ne Pediküre gemacht habe. Oder ne Gesichtsmaske. Oder wenigstens meine Augenbrauen anständig gezupft. Meine Wohnung wird auch immer erst dann aufgeräumt, wenns schon an Verwahrlosung grenzt. Und dann dieses Geschirr… Und wann habe ich eigentlich das letzte Mal den Papiermüll weggebracht? (Zum Container, den ich übrigens aus meinem Schlafzimmerfenster sehen kann – IRRE weit weg.) Bin ich einfach nur unsagbar faul oder lähmt mich was anderes?

Ich bin den ganzen Tag unter Menschen. Ich sabbel viel, ich lache viel. Ich bin eigentlich ganz froh, wenn ich abends die Tür hinter mir zumache und Ruhe ist. Und doch fühle ich mich einsamer als letztes Jahr. Da habe ich zwar immer allein vor mich hingearbeitet, aber ich hatte wenigstens noch den liebsten Ex-Kollegen, mit dem ich mindestens einmal die Woche auch nach Feierabend noch rumgehangen habe. Hier treffe ich keinen mehr. Nicht mal Nummern.

Ich habe auf einmal Sehnsüchte, die ich so nicht kannte. Die total schwachsinnig, weil unerfüllbar sind. Aber die mir deutlich zeigen, was ich alles nicht habe.

Mein Ich von vor zwei Jahren würde mich erschießen bei diesem Gejammer auf höchstem Niveau. DAS war ein Drecksleben.

Ich weiß wirklich nicht, was ich hab…

 

Winkewinke aus Nimmerland

Die Tatsache, dass ich gestern als Gefangene der Deutschen Bahn mehr als 6 Stunden für eine Strecke von 250 Kilometern gebraucht habe, hat einmal mehr deutlich gemacht: Du wohnst in der Provinz, du bräuchtest mal ein Auto.

In mir sträubt sich alles gegen den Kauf eines Autos. Und gar nicht mal so sehr, weil ich so ein Öko bin. Auch, aber eben nicht primär.

Auch nicht, weil ich die Gräfin Geiz bin. Obwohl, naja… Ich könnte tatsächlich ein einigermaßen brauchbares Wägelchen direkt vollständig bezahlen, ohne jemanden anpumpen zu müssen. Die Tatsache, dass danach mein Konto aber Wüste ist, macht mich nicht so an. Für sonen profanen Blödsinn hab ich eigentlich nicht gespart.

Und da liegt der Hase im Pfeffer. Ein Auto… Das ist so… oll. Und so erwachsen. ICH BIN NOCH NICHT BEREIT FÜR SOWAS.

Autos sind so muttihaft. Mutti fährt zu Aldi, Mutti fährt zur Arbeit, Mutti fährt zur Häkelgruppe. (Für den coolen Mustang reicht die Knete eben noch nicht ganz…)

Ein Auto ist irgendwie eine Verpflichtung. Es muss mit jeder Menge Geld gefüttert und Versicherungen ausgestattet werden. Bläh.

Und dann mach ich es bestimmt direkt kaputt und dann muss es noch mehr Geld haben und das Ganze hat möglicherweise wahrscheinlich auch noch Konsequenzen. Örks. Das erwachsenste aller Wörter.

Weil ich eben alles immer kaputt mache, habe ich auch fast jedes Mal Bauchschmerzen, wenn ich Auto fahre. Und jedes Klappern macht mich erst recht nervös. Und dann weiß ich nicht, was ich mit dem doofen Ding machen soll. Ich kann ja nicht mal richtig tanken, geschweige denn, andere Autoprobleme lösen.

Es wär irgendwie nett, auch mal spontan zügig von A nach B zu kommen. ABER… Sprach es, stampfte mit dem Fuß auf und verkrümelte sich nach Nimmerland

:)

Ich habe mich immer gefragt, wer diese Leute sind, die an einem normalen Montagvormittag mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Stadt laufen. Ich mein: Was ist denn los mit denen? Das ist doch nicht normal!

Nun: Ich, das Vorzeige-Exemplar für das Resting-Bitch-Face und die ja geradezu übersprudelnde norddeutsche Emotionalität *hust*, bin neuerdings eine von ihnen.

Ich radle hier lächelnd, wenn nicht gar dümmlich grinsend durch die Gegend. Und das ohne besonderen Anlass. Es gäbe genug Gründe, miesepetrig rumzulaufen. Viel zu tun bei der Arbeit, Scheiß-WM-Gedöns überall, die tote Oma, das tote Pony einer Freundin, das auch Teil meiner Kindheit war, das schmerzende Bein… Und dann sind da noch meine Emotions-Antennen, die dieser Tage irgendwie besonders empfindlich sind. Ich sauge jeden Hauch einer negativen Stimmung auf und nehme sie an. Selbst wenns nur im Fääärnsehn is.

Aber an der allgemeinen Grundstimmung rührt das alles nicht. So anstrengend, nervig, traurig und schmerzhaft die Dinge sind – ich mags kaum aussprechen, wer weiß, was ich damit lostrete, aber: Das Leben ist grad ganz ok. (Wer hätte nach all dem Drama der vergangenen Jahre jemals gedacht, dass ich das mal sage. Ich jedenfalls habe nicht dran geglaubt.)

Irgendwie sind alle Störfaktoren weg: Die kleine Wohnung, die doofe Stadt, der Nachbar, die beschissenen Arbeitszeiten und -bedingungen, die eintönige Arbeit.

Meine alte Arbeit fand ich am Anfang auch noch super, am Anfang habe ich noch irre viel gelernt und mir Chancen auf mehr ausgerechnet. Ich denke, beim neuen Job wird sich irgendwann ebenfalls die Euphorie legen und das ein oder andere wird mich nerven. Aber ich lerne endlich wieder was und ich rechne auch wieder mit neuen Chancen.

Ich bin nicht der Meinung, dass ich am Ende der Karriereleiter angekommen bin, ich will nicht bis zur Rente in diesem Verlag bleiben.

Aber irgendwie kann ich mir auch gar nicht so recht vorstellen, wieder in eine Großstadt zu ziehen… Wo halt die ganzen großen Medienhäuser sind…

Wir werden sehen, wie es sich entwickelt. Und so lange wundere ich mich über das dümmliche Grinsen.