Ich alte Romantikerin

Damals, in präpandemischen Zeiten (wisst ihr noch?), war ich mal ein bisschen verliebt.

Damals war ich eines Tages im August auf Sternschnuppenjagd in recht ergiebiger Gegend. Damals stellte ich den Sternen Fragen und wenn sie eine Schnuppe geworfen haben, wertete ich das als „ja“. (Jaja, so eine bin ich.)

Ich fragte die Sterne also, ob das mit mir und ihm wohl mal was wird und die Sterne warfen die fetteste Schnuppe, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Einmal quer übers Firmament, die war so fett, ich bilde mir ein, dass die sogar ein Geräusch gemacht hat. (Vielleicht wars auch nur n Mähdrescher.)

Der Typ, der nicht mal ne Nummer gekriegt hat, geistert immer noch manchmal durch mein Leben. Meistens mit einem arg romantischen: Ficken? Und meistens hab ich gar keine Lust. Und wenn ich das kommuniziere, wird er zur Diva. Und genau deswegen ist er mir den Aufwand nicht wert.

Und dann meldet sich ein dünnes Stimmchen ganz hinten in meinem Spatzenhirn: Aber die Sternschnuppe!

Und dann muss ich immer hart lachen über dieses alberne Stimmchen. Und dann blockiere ich ihn doch nicht, wegen des Stimmchens.

Pflaumen

Ich stecke mitten in einem stressigen Spätdienst und jemand ruft mich mit unterdrücker Rufnummer an. Ich denke, das hat mit Arbeit zu tun, ich bin im Home Office und das Telefon sollte auf mich umgeleitet sein, auf die private Nummer, es ist zum Kotzen, der Betriebsrat ist informiert, macht aber auch nicht wirklich was. (Selbst bei meinem schäbigen vorherigen Arbeitgeber hatten wir Diensthandys.)

Jedenfalls gehe ich einfach dran, was ich sonst bei unterdrücken Nummern nicht tue, weil nö.

Ich brauche ein bisschen, um zu schalten, weil er seinen Namen deutsch ausspricht, aber es ist No. 3. Er hat schon nen halben Satz fertig, als ich auflege. Blä. Er tut immer so, als gäbe es etwas Wichtiges zu besprechen. Wüsste nicht was. Ich werde ihn ja damals kaum geschwängert haben.

Dann bekomme ich eine Nachrichtenanfrage bei Signal, à la „lange nichts gehört, biste noch in ..“ Schon seit 4 Jahren nicht mehr, was alles darüber sagt, wie lange da schon Funkstille herrscht. Ich kann nicht rekonstruieren, ob es sich um No. 4 oder No. 5 handelt, sie haben denselben Vornamen.

Wie immer kommen die Idioten in Rudeln.

Und ich frage mich, warum ich das eigentlich immer mit so Pflaumen zu tun habe.

Und dann denke ich, dass sie ja eigentlich nicht immer Pflaumen waren. Bei fast allen meinen Sexpartnern habe ich mir zwischenzeitlich durchaus mehr vorstellen können. Wissen die nur nicht.

Und dann denke ich, vielleicht bin ich die Pflaume. Ich bin ja zwischenmenschlich nun wirklich kein großes Talent.

Und dann denke ich, so eine schlimme Pflaume kann ich ja eigentlich nicht sein, sonst würden die ja nicht immer wieder ankommen. So toll können meine Blowjobs nicht sein. Also, dass man dafür immer wieder Pflaumigkeit in Kauf nimmt.

Bleibt also nur der Schluss: alles Pflaumen. Ich bin halt zwischenmenschlich wirklich kein großes Talent…

Ich habe einen Typ?

Ich dachte ja immer, wenn man einen Typ hat, dann heißt das, dass man immer wieder auf den gleichen Typ Menschen abfährt.

Aber offenbar ist das andersrum: Es ist immer wieder die gleiche Art Typen, die bei mir ankommt.

Immer diese Typen, die ein Schild aus Ironie vor sich hertragen und sich dabei selbst ganz schön witzig finden. Aber am Ende steckt so wenig (oder so viel Unsicherheit?) dahinter, dass sie diese Pose nie ablegen können.

Ich find diese Art von Typen eigentlich eher anstrengend. Ich begegne ihnen mit den gleichen Waffen, aber eigentlich habe ich da gar nicht so viel Lust drauf. Weil ich mich nie auf ein Schild aus Ironie einlassen würden. Daran prallt man nur ab, daran kann man sich nicht anlehnen. Und ich habe schon zu oft erlebt, dass ein kurz locker gelassenes Schild heftig wieder hochgezogen wurde. Und das tut weh.

Vielleicht ist das deshalb mein Typ, weil ich etwas anderes gar nicht an mich heranlassen würde. Denn ohne Schild käme man ja aneinander heran.

Gesprächsfetzen

Der Arbeitsgatte hat mir Psycho-Wrack den Transporter durch die halbe Republik gefahren. Wir schmeißen meine Matratze ins Schlafzimmer und er verkündet: Endlich! Möbel schleppen, 400 Kilometer fahren und nochmal Möbel schleppen! Jetzt können wir vögeln! Ich lieg unten und mach nix!

Er wird übrigens im Oktober Vater 🎉 Und seine nur so mittelbegeisterte Frau erzählte es mir, bevor sie es ihm erzählte 🤪

Das rosa Nilpferd

Kurz vor Weihnachten bin ich aus Versehen in die Stadt des Grauens geraten. Tief in Gedanken Autobahn-Ausfahrt verpasst, die nächste genommen und weil die zwei Kilometer von dort bis zu mir bekannten Wegen ein schwarzes Loch auf meiner geistigen Landkarte sind, im Ghetto gelandet. Im Früher.

Vielleicht habe ich dort T. gesehen. Ich bin nicht sicher, ich habe den Weg gesucht und im Dezember sind die Tage dort im Norden etwa zweieinhalb Minuten lang und das Tageslicht kommt in 50 Grauschattierungen durch 50 Wolkenschichten. Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen.

Ich erzähle das nie jemandem, weil es mir wahnsinnig peinlich ist, aber T. ist vielleicht der einzige Typ, in den ich je wirklich verliebt gewesen bin.

Das Peinlichste ist, dass ich ihm in sentimentalen Momenten immer noch nachhänge. Es kommt gelegentlich vor, dass ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn er noch in meinem Leben wäre.

Im Grunde ist es komplett absurd. T. und ich, das war in einem anderen Leben. In diesem schlimmen Früher. Ich war ein anderer Mensch und er war… ein Mensch, den ich heute nicht mehr ertragen könnte.

Es gibt kein realistisches Szenario, in dem wir uns noch nicht gegenseitig den Hals umgedreht hätten. Wir mussten schon damals für die Definition von Hassliebe herhalten. Er wusste genau, wie man mich provozieren kann.

Natürlich habe ich ihn gegugelt. Was man findet: Seinen Vater, der gefühlt zweimal die Woche in der Lokalpresse auftaucht. Seine Mutter, der jemand das mit den Privatsphäre-Einstellungen in diesem Facebook erklären sollte. Seine Brüder in der großen Stadt, Jura, BWL, dickes Auto, blonde Freundin, 2.-Generation-Einwanderer-guck-her-ich-habs-geschafft. T. hat keine digitale Spur hinterlassen. Ich weiß nichts über den T. von heute.

Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen. Es reicht, um meinen Kopf zu ficken. Von der Bettkante stoßen würde ich ihn auch heute möglicherweise nicht. Und der Rest…? So ein Schwachfug!

Manchmal frage ich mich, ob ich damals meinen ganzen Vorrat an Verliebtsein aufgebraucht habe. Oder setze ich nur das Feuer von damals als viel zu hohe Messlatte an?

Manchmal frage ich mich, wie ernsthaft er mich zurückgeliebt hat. Und in ganz schwachen Momenten denke ich, wie schön es wäre, wenn es einer täte. Also, mich lieben. Nicht unbedingt er, sondern irgendwer.

Aber dann fällt mir ein, was für ein egoistischer Gedanke das ist. Denn ich liebe nicht zurück. Und überhaupt, man kann mich ja nicht lieben.

Am Ende ist es egal, ob ich T. gesehen habe, eine graue Katze oder ein rosa Nilpferd (rückblickend war es wahrscheinlich ein rosa Nilpferd). Wahrscheinlich ist es doch nur mein Hirn, das sich an das einzig sexye aus dem schlimmen Früher klammert. Die ultimative Vermeidungsstrategie. Vielleicht möchte mein Gehirn gar nicht, dass sich irgendetwas Besseres, Intensiveres, Realistischeres über diese Gefühle legt. Weil das Früher dann nur noch unerträglich wäre.

Geister, die ich nicht mehr rufe

Ich bin missmutig und einsam und mit der Gesamtsituation unzufrieden, aber immerhin komme ich mal wieder zum Lesen. Und natürlich fällt mir ein Buch in die Hände, dass mich mit seinem ganzen Er-sie-Lateinamerika-Europa-Hassliebe-hin-und-her-Quatsch total an meine Beziehung zu No. 3 erinnert. Ich musste sehr viel lachen, weil der Typ in der Geschichte nicht grad gut wegkommt – sie allerdings auch nicht. Ich hab mich ein bisschen gegruselt, weil es für die beiden nie aufhörte. Droht mir das auch? Und ich hab ganz schön Sehnsucht bekommen, nach dem No. 3, den es schon so lange nicht mehr gibt. Nach dem, was wir einmal hatten.

Mir fehlt jemand wie der Typ, der er einmal war. Mir fehlt jemand, mit dem ich so sein kann, wie ich mit ihm sein konnte. Mir fehlt jemand, dem ich nicht erst lang erklären muss, wer und wie ich bin, weil er es weiß. Weil er schon fast alles gesehen hat.

Als hätte er einen Riecher für mein Grübeln, schreibt er mir. Beziehungsweise schickt mir ein Bild. Kein weiterer Kommentar. Keine Ahnung, was er mir sagen will.

Aber was soll ich sagen. Ist mir wurscht. Er bringt mich jedenfalls nicht zu einer Nachfrage. Er hält ein paar Wochen durch, dann fragt er, ob ich immer noch wohne, wo ich wohne.

Da sollte man meinen, wir hätten das geklärt. Unsere Geschichte ist vorbei. Der Typ, der er mal war, begraben. Er bringt mich gar nicht mehr in Versuchung, egal, wie er es versucht. Das was wir hatten, ist für immer verloren. Und so sehr es mir fehlt: Ich weiß, dass ich es nicht wiederhaben kann.

Zurück zur Isolation

Ich fühle mich von einem ziemlich betrunkenen Typen einfach nur nervig vollgequatscht und fände vier bis fünf bis zwanzig Meter Sicherheitsabstand mehr als angemessen, als meine Begleiter einen imaginären Freund für mich erfinden. Weil ich mal wieder nicht gerafft habe, dass ich angegraben wurde. Weil das ist ja ein vollkommen abwegiger Gedanke… So eine bin ich.

Er bedauert derweil, dass ich schon vergeben bin, weil ich sei ja ne Topfrau. Joa, sagt der Arbeitsgatte. DAS stimmt.
Soooso…

Dennoch, können wir uns bitte alle wieder in Isolation begeben? Ich fühl mich schon betrunken von seinem Atemalkohol…

Nachhersehbar

Weil die Welt ein Dorf ist und irgendwie ja jeder jeden kennt, wurde mir nun also über Ecken zugetragen, dass No. 3 jetzt tatsächlich Single ist. Die Trennung ereignete sich offenbar etwa ziemlich haargenau um die Zeit, als er mir so pseudobesorgt schrieb.

Überrascht das irgendjemanden?

Ich verkünde jedenfalls mit Stolz: Diese Neuigkeit macht rein gar nichts mit mir.

Festwochen

Es sind schon wieder die „Darf man das? hat mir mal einen geblasen und jetzt komm ich nicht drüber weg“-Festwochen.

Erst kommt No. 3 um die Ecke, tut, als mache er sich Sorgen. Wegen diesem Corona, ihr wisst schon, man soll ja auch nicht im Streit ins Jenseits gehen. Dann kommt No. 5 aus seinem Loch gekrochen, offensichtlich ist ihm langweilig in der Isolation, er versucht’s auf die lustige Tour. No. 2 hat ausländerrechtliche Fragen, nun gut, der Chile connection zuliebe…

Möchte jemand Wetten auf No. 1 abschließen?