Seriöse Journalisten

Ich versuche den Nerd davon zu überzeugen, dass ich in höchstem Maße keusch und unschuldig bin. Er lacht mich aus.

Doooch, sage ich, wie ein Engelchen.

Er gibt in der Suchfunktion unserer Facebook-Nachrichten das Wort „Penis“ ein. Es kommen sehr viele Ergebnisse. Alles Beiträge von mir. Irgendwo sehe ich das Wort „anatomisch“.

Siiiiehst du, sage ich, ich habe ein rein anatomisch-medizinisches Interesse an Penissen. Wie eine Klosterschülerin!

Hmmhmm, sagt er, wie die Klosterschülerinnen aus den Filmen, die ich immer gucke.

Bestimmt künstlerisch hochwertige Streifen, sage ich anerkennend.

Ja, antwortet er, es wird sich sehr künstlerisch mit Penissen auseinandergesetzt.

Hmmm, Penisse, sage ich.

„Hmm“ im Sinne von lecker?, fragt er.

Hab ich zumindest gern im Mund sowas, antworte ich.

Er behauptet, sich jetzt wirklich mal auf seinen Text konzentrieren zu müssen und das könne er nicht, wenn ich über Penisse im Mund spreche.

Ich spamme ihn mit P-Worten zu.

Priester.

Pfarrer.

Papst.

Pädophile.

Ich sehe schon, sagt er, alles Schlechte fängt mit P an.

Außer Penis, murmelt er, während ich gleichzeitig sage: Außer Pommes.

Pommes, sagt er. Das Andere, was ich gerne im Mund habe!

(Er behauptete dann, nur zitiert zu haben, was ich nicht ausgesprochen habe.)

JA, wir sind wirklich sehr erwachsen.

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Und nun die Werbung!

Ich bummelte vor ein paar Wochen ziellos durch die Stadtbücherei und sah dieses prachtvolle Ausstellungsstück:

Haben fliegende Fische Flügel?: 118 außergewöhnliche Fragen und Antworten zum Thema Meer

HA!, dachte das Nordlicht, wär ja gelacht, wenn ich nicht 118 Fragen zu meinem natürlichen Lebensraum beantworten könnte! Las also das Inhaltsverzeichnis und fühlte mich auf einmal, als stünde ein Fünfjähriger neben mir. 118 Mal wer, wie, was, wieso, weshalb, warum? In etwa der Hälfte der Fälle dachte ich: HA, weiß ich! Is doch klar! Bei der anderen Hälfte der Fragen dachte ich: HA! Emmm. Hä? Reichte auf alle Fälle, um es mitgehen zu lassen auszuleihen. Und dann festzustellen: Ganz so genau wusste ich die Hälfte der Sachen dann doch nicht…

Kurz: Lesen! Das is voll gut für Profis und Amateure, für Leute, die nur am Strand rumschlumpern, Leute, die sich aufs Meer wagen, Leute, die sich ins Meer wagen, Leute, die halt manchmal ans Meer denken… Leute, die sich so ganz allgemein für Wasser interessieren, Leute, die Physik mögen (??? ihr Komischen!), Leute, die Geographie mögen, Leute, die Hydrographie mögen, Leute, die Biologie allgemein mögen und Leute, die Zoologie mögen, Leute, die Meteorologie mögen, Leute, die sich für Politik interessieren, Leute, die Astronomie mögen, na, Nerds eben. Und ich wette, jeder kann was lernen. Und wenn’s nur is, um beim nächsten Smalltalk cooles Meerwissen abzugeben. Und einfach nur, um zu wissen, dass es Seeschmetterlinge gibt. Die eigentlich Schnecken sind. Und wer das jetzt nicht gegugelt hat, dem is auch nicht mehr zu helfen (oder er ist genau richtig gebildet).

Ja, ich hatte immer Gugel parat, während ich das Buch gelesen habe. Aber nicht, weil ich es sonst nicht verstanden hätte, denn es ist tatsächlich so geschrieben, dass auch Naturwissenschaftsnullen wie ich das verstehen können, sondern weil ich die Dinge auch einfach sehen wollte. Wie halt so nen Seeschmetterling. Oder mir noch mal vergegenwärtigen. Wie marines Eis zum Beispiel, das ist eben auch so schön, das kann man sich immer mal wieder angucken. Oder um zu gucken, ob ich das wirklich verstanden hab und auch nach einer anderen Erklärung noch sage: ja klar, logisch. Wie das mit dieser Corioliskraft. (Ich schiele immer noch ein bisschen, wenn ich darüber nachdenke.)

Also, ich bin auch Wochen nach der Lektüre noch voll begeistert und fühle mich sehr unterhalten und sehr, sehr schlau. Lesen!

In diesem Zuge empfehle ich außerdem sehr die niederländische Doku „Wad“ über das wunderschöne, knallharte Wattenmeer, das ist ein sehr, sehr, sehr, sehr schöner Film mit wundervollen Bildern und liebe zum Detail – da ist auch für so Dokuhardcores wie mich noch Neues dabei. Gucken! (Und ich sach das nich nur wegen der flauschigen Robbenbabys!)

 

Männer und Frauen

Das stilltiefe Wasser M. und ich sind ein saugeiles Team. Seit wir zusammenarbeiten, hat sich die Reichweite der Homepage verdoppelt. Mindestens. Wir sind die geilsten Klicknutten in der Hütte. Wir sind praktisch die (vernachlässigte) Online-Redaktion und wir sind gut. Wir machen 17 Sachen gleichzeitig, mehr als jeder andere Redakteur. Wir treffen pro Tag etwa 1780 redaktionelle Entscheidungen (grobe Schätzung), mehr als jeder andere Redakteur. 99 % unserer Kollegen und 100 % unsrer Chefs haben keine Ahnung, was wir tun. Alle sehen nur: Läuft.

Wirklich alle?

Mein Vorgesetzter kommt angewatschelt und will, dass ich sofort dies und jenes tue. Kann ich machen, sage ich, ist halt kacke für die Reichweite. Ich erkläre ihm ausführlich die Gründe. Will er mir nicht glauben. Das stimmt doch gar nicht, sagt er. Emm, doch, sage ich. Aber woher willst du das denn wissen?, fragt er. Das hat einfach die Erfahrung gezeigt, sage ich. M. stimmt mir zu. Alle Kollegen, die auch mal online mitarbeiten, gucken peinlich berührt in die Luft. Mein Vorgesetzter mault: Wir müssen auch mal aufhören, an alten Verhaltensmustern festzuhalten!

Weil er in letzter Zeit mit permanentem Gemaule und unerträglicher Arroganz auffällt, da noch die Sache mit der Unperson ist und das mit meinem PMS, ist mein Geduldsfaden extrem kurz. Ich ärger mich täglich über irgendeine dumme Scheiße. Natürlich stört es mich da überhaupt nicht, wenn man meine Kompetenz anzweifelt und übergeht, sich Argumenten gegenüber taub stellt und um jeden Preis seinen Willen durchsetzen will – ohne eine Ahnung zu haben.

Ich hätte seinen Wunsch (zähneknirschend) in meine redaktionelle Planung einbauen können, ohne dass es was kaputt macht (außer meiner Stimmung und meiner sehr guten ursprünglichen Planung). Stattdessen mache ich es genau so, wie er es gerne wollte. Bitteschön. Wer nicht hören will…

Ich knirsche eine angemessene Zeit lang mit den Zähnen, dann gehe ich vor die Tür und knurre meinen Unmut in den Park. Verdrücke ein paar Wuttränen. Der Nerd taucht auf. Unser mehrfach preisgekrönter Starreporter. Knuddelt mich. Versucht zu verstehen, warum alles so dermaßen eskaliert ist. Und sagt: Ich weiß, dass kein Arsch meine Artikel lesen würde, wenn es dich nicht gäbe. Naja, sage ich, M. ist ja auch noch da. Jaaaa, sagt der Nerd. Aber der is so… weiblich. Der haut nich so auf den Tisch wie du und sagt: So machen wir das jetzt. Der is nich son Kerl wie du!

(Mein Vorgesetzter räumte übrigens am nächsten Morgen M. gegenüber seinen Fehler (der mit einem 3-Sekunden-Blick auf die Zahlen ersichtlich wurde) ein. Zu mir sagte er nichts.)

Unberauschend

Ich bin ja nicht so für Alkohol. Aus diesen und jenen Gründen und auch, weil sich mir dieser Hype um den „Rausch“ nicht erschließt. Die Wirkung von Alkohol auf mich: Mein Hirn wird papsig, jeder Gedanke kostet irre viel Mühe, finde ich anstrengend. Mir ist nicht richtig schwindelig, aber angenehm ist das nicht. Und ich werde UN-FASS-BAR müde.

Ich kann das noch und nöcher erklären: Man glaubt mir nicht und versucht mich immer wieder vom Spaß mit Alkohol zu überzeugen.

Der Nerd wollte nun wissen: Wenn sie schon nüchtern den ganzen Tag so anzügliches Zeug spricht, wie isses denn, wenn sie Promille hat? und lud mich zum Weinchen. Mit wer weiß was für Plänen darüber hinaus.

Ich bin ja mehr für Bier, aber der Rosé ist gar nicht mal so schlecht, ein bisschen prickelnd, ein bisschen zu süß, zack, zwei Gläser weg, Watte im Kopf. „So, nu bin ich betrunken“, verkünde ich nach etwa einer Stunde gemeinsamen Abendessens. Glaubt er mir nicht. Ich habe ja noch nichts Versautes gesagt. Und der Satz war schließlich auch am Stück formuliert.

Was er nicht weiß: Das war das letzte geistige Aufbäumen. Weitere Äußerungen möchte ich nicht tätigen, so sehr kriege ich meine Gedanken nicht zusammengerissen.

Ich räume noch kurz – hoppla – den Couchtisch ab, dann sinke ich aufs Sofa, verkünde noch – den Sonntagsdienst im Hinterkopf: Weck mich um halb acht, und zack ist halb acht.

Jahresendzeitstimmung?

Offensichtlich müssen alle noch schnell was zum Ficken kriegen, bevor das Jahr zu Ende geht. Ich nehme mich da nicht aus.

Dieser eine Typ, der ständig in meinem Kopf umhergeistert, kuschelt mit einer Tussi rum. Ich will ja gar nichts mit ihm anfangen, das wäre ja eine dumme Idee. Aber mein dummes Ego will, dass er mich will (sehr faires Arrangement, finde ich…). Und so kriege ich eine höchst erwachsene Eifersuchtskrise und verbreite schlechte Laune.

Der Nerd turtelt wie üblich mit der Volontärin rum, schließlich machen sie gemeinsam nen Abflug. Den dritten Tag in Folge, wie der Redaktionsleiter feixend feststellt. Vielleicht hat sich die Sache für mich jetzt endlich wirklich erledigt.

Schließlich sind der Arbeitsgatte und ich allein in der Redaktion. Wir kaspern rum, er hellt meine Stimmung deutlich auf. Ich himmle ihn ein bisschen an, fordere ihn auf, sich nackich zu machen (was er ignoriert) und biete ihm – wenn auch sehr durch die Blume – die Aussicht auf Blow-Jobs. Entweder hat er es nicht verstanden, oder es sehr galant ignoriert. Es gibt ja auch Männer, die ihren Frauen treu bleiben…

Derweil schreibt mir No. 8. Unerwartet, aber nicht ganz überraschend. Es geht auf Januar. Männer sind so sentimental. Er lädt mich ein für’s nächste Wochenende, ins Hotel und so… Abgeneigt bin ich wahrlich nicht, endlich mal wieder hemmungslos vögeln… Aber da bin ich dann schon in Chile. Er schlägt ein Treffen nach dem Urlaub vor, aber wer weiß. Vielleicht bin ich bis dahin wieder abgekühlt…

Von Creeps und Unzurechnungsfähigkeit

Meine Stimmung ist wieder so leuchtend wie ein Novembertag. Ich komme die Tür auftretend in die Redaktion und alle schon so: Ohoh. Und dann ist der Nerd da. Mehr als einen Monat hatte ich Ruhe. Ruhe vor seinem Geklugscheiße, Ruhe vor seinem Gebalze mit der Volontärin. Und da sitzt er wieder und macht sich wichtig. Das Pfauengefieder ist maximal ausgebreitet.

Alle halten zwei Meter Abstand von mir und ich setze mir die Kopfhörer auf, höre Punk und tue wie immer während der Mittelschicht: nichts. Und ärgere mich, dass ich nichts tue.

Immerhin heitert mich der alberne Alltag in der Redaktion einigermaßen auf, der Nerd muss in der Lokalredaktion aushelfen und sitzt damit maximal weit weg von mir. Ruhe. Und eine Facebooknachricht: „Wenn du jemanden zum Reden brauchst, sag bescheid“, schreibt der Nerd. Finde ich fast ein bisschen süß, klicke die Nachricht weg und denke: NIEMALS!

Ich mache Feierabend und hinter mir höre ich ihn fragen: „Na, alles wieder gut?“ Sei schlau, sage: Jaja, denke ich und sage: „Wird nicht so einfach alles wieder gut.“

Wir stapfen gemeinsam durch die Kälte, steuern denselben Supermarkt an. Und er fragt und bohrt und am Ende schütte ich ihm mein Herz aus. Erzähl ihm all das große Drama, das ich sonst maximal andeute, weil ich nicht die Kraft habe, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Erzähl ihm all meine kleinen Nöte, die ich sonst nicht mal vor mir selbst eingestehe, weil sie so mega albern sind. Die aber zur Verschlimmerung all meiner Dilemmata beitragen. Rege mich auf, dass ich nach all dem Kack letztes Jahr alles in die richtigen Bahnen gelenkt habe – und mir äußere Umstände, auf die ich wirklich keinen Einfluss habe, alles wieder kaputt machen. Heule ein bisschen (aber wirklich nur ein Bisschen!). Lasse mich ein bisschen knuddeln (aber nur ein ganz kleines, maximal norddeutsches Bisschen).

Er küchenpsychologisiert. Hält sich dabei erstaunlicherweise aber mit guten Ratschlägen zurück. Analysiert einfach. Versucht, nachzuvollziehen. Versucht, Positives hervorzuheben.

Trotzdem versuche ich, das Gespräch umzulenken. Stelle dabei fest, dass er offensichtlich jedes Wort gehört hat, das ich im Laufe des Tages gesagt habe. Obwohl er am anderen Ende der Redaktion saß. Was mich vor allem daran erinnert, dass ich wirklich mal an meiner Lautstärke arbeiten muss. Gleichzeitig frage ich mich: Hatte er sonst nichts zu tun? Und: Da waren noch zig andere Leute, warum hat er denen nicht zugehört??

Im Grunde überrascht es mich dann nicht, als er recht direkt fragt, ob ich eigentlich grad so auf Beziehung aus bin oder mir mehr so danach ist, jedes Wochenende einen anderen zu vögeln. Oder was ganz anderes?

Ich verstaue meine Einkäufe im Fahrradkorb, schniefe den Novemberkälterotz hoch und meine: „Rumvögeln wär schon ganz geil.“ Und verkünde: „Muss wirklich mal los. Schüs!“

Verpasse ihm eine Abschiedsumarmung, schwinge mich aufs Rad und radle in die Nacht. Mir gegen die Stirn schlagend.

Wie werd ich den nu wieder los?

Deluxe

Der Nerd begibt sich auf eine längere Dienstreise. Weil er die letzten Tage krank war und ich ihm nicht persönlich tschüs sagen konnte, schreibe ich ihm auf Facebook und wünsche ihm einen guten Trip.

„Komm doch nach“, schreibt er. „Ich habe ein großes Deluxe-Doppelzimmer.“

Und ich dachte, dank des Volontärinnen-Frischfleichs seien wir darüber hinweg… Ich Dummerchen.