Unberauschend

Ich bin ja nicht so für Alkohol. Aus diesen und jenen Gründen und auch, weil sich mir dieser Hype um den „Rausch“ nicht erschließt. Die Wirkung von Alkohol auf mich: Mein Hirn wird papsig, jeder Gedanke kostet irre viel Mühe, finde ich anstrengend. Mir ist nicht richtig schwindelig, aber angenehm ist das nicht. Und ich werde UN-FASS-BAR müde.

Ich kann das noch und nöcher erklären: Man glaubt mir nicht und versucht mich immer wieder vom Spaß mit Alkohol zu überzeugen.

Der Nerd wollte nun wissen: Wenn sie schon nüchtern den ganzen Tag so anzügliches Zeug spricht, wie isses denn, wenn sie Promille hat? und lud mich zum Weinchen. Mit wer weiß was für Plänen darüber hinaus.

Ich bin ja mehr für Bier, aber der Rosé ist gar nicht mal so schlecht, ein bisschen prickelnd, ein bisschen zu süß, zack, zwei Gläser weg, Watte im Kopf. „So, nu bin ich betrunken“, verkünde ich nach etwa einer Stunde gemeinsamen Abendessens. Glaubt er mir nicht. Ich habe ja noch nichts Versautes gesagt. Und der Satz war schließlich auch am Stück formuliert.

Was er nicht weiß: Das war das letzte geistige Aufbäumen. Weitere Äußerungen möchte ich nicht tätigen, so sehr kriege ich meine Gedanken nicht zusammengerissen.

Ich räume noch kurz – hoppla – den Couchtisch ab, dann sinke ich aufs Sofa, verkünde noch – den Sonntagsdienst im Hinterkopf: Weck mich um halb acht, und zack ist halb acht.

Werbeanzeigen

Jahresendzeitstimmung?

Offensichtlich müssen alle noch schnell was zum Ficken kriegen, bevor das Jahr zu Ende geht. Ich nehme mich da nicht aus.

Dieser eine Typ, der ständig in meinem Kopf umhergeistert, kuschelt mit einer Tussi rum. Ich will ja gar nichts mit ihm anfangen, das wäre ja eine dumme Idee. Aber mein dummes Ego will, dass er mich will (sehr faires Arrangement, finde ich…). Und so kriege ich eine höchst erwachsene Eifersuchtskrise und verbreite schlechte Laune.

Der Nerd turtelt wie üblich mit der Volontärin rum, schließlich machen sie gemeinsam nen Abflug. Den dritten Tag in Folge, wie der Redaktionsleiter feixend feststellt. Vielleicht hat sich die Sache für mich jetzt endlich wirklich erledigt.

Schließlich sind der Arbeitsgatte und ich allein in der Redaktion. Wir kaspern rum, er hellt meine Stimmung deutlich auf. Ich himmle ihn ein bisschen an, fordere ihn auf, sich nackich zu machen (was er ignoriert) und biete ihm – wenn auch sehr durch die Blume – die Aussicht auf Blow-Jobs. Entweder hat er es nicht verstanden, oder es sehr galant ignoriert. Es gibt ja auch Männer, die ihren Frauen treu bleiben…

Derweil schreibt mir No. 8. Unerwartet, aber nicht ganz überraschend. Es geht auf Januar. Männer sind so sentimental. Er lädt mich ein für’s nächste Wochenende, ins Hotel und so… Abgeneigt bin ich wahrlich nicht, endlich mal wieder hemmungslos vögeln… Aber da bin ich dann schon in Chile. Er schlägt ein Treffen nach dem Urlaub vor, aber wer weiß. Vielleicht bin ich bis dahin wieder abgekühlt…

Von Creeps und Unzurechnungsfähigkeit

Meine Stimmung ist wieder so leuchtend wie ein Novembertag. Ich komme die Tür auftretend in die Redaktion und alle schon so: Ohoh. Und dann ist der Nerd da. Mehr als einen Monat hatte ich Ruhe. Ruhe vor seinem Geklugscheiße, Ruhe vor seinem Gebalze mit der Volontärin. Und da sitzt er wieder und macht sich wichtig. Das Pfauengefieder ist maximal ausgebreitet.

Alle halten zwei Meter Abstand von mir und ich setze mir die Kopfhörer auf, höre Punk und tue wie immer während der Mittelschicht: nichts. Und ärgere mich, dass ich nichts tue.

Immerhin heitert mich der alberne Alltag in der Redaktion einigermaßen auf, der Nerd muss in der Lokalredaktion aushelfen und sitzt damit maximal weit weg von mir. Ruhe. Und eine Facebooknachricht: „Wenn du jemanden zum Reden brauchst, sag bescheid“, schreibt der Nerd. Finde ich fast ein bisschen süß, klicke die Nachricht weg und denke: NIEMALS!

Ich mache Feierabend und hinter mir höre ich ihn fragen: „Na, alles wieder gut?“ Sei schlau, sage: Jaja, denke ich und sage: „Wird nicht so einfach alles wieder gut.“

Wir stapfen gemeinsam durch die Kälte, steuern denselben Supermarkt an. Und er fragt und bohrt und am Ende schütte ich ihm mein Herz aus. Erzähl ihm all das große Drama, das ich sonst maximal andeute, weil ich nicht die Kraft habe, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Erzähl ihm all meine kleinen Nöte, die ich sonst nicht mal vor mir selbst eingestehe, weil sie so mega albern sind. Die aber zur Verschlimmerung all meiner Dilemmata beitragen. Rege mich auf, dass ich nach all dem Kack letztes Jahr alles in die richtigen Bahnen gelenkt habe – und mir äußere Umstände, auf die ich wirklich keinen Einfluss habe, alles wieder kaputt machen. Heule ein bisschen (aber wirklich nur ein Bisschen!). Lasse mich ein bisschen knuddeln (aber nur ein ganz kleines, maximal norddeutsches Bisschen).

Er küchenpsychologisiert. Hält sich dabei erstaunlicherweise aber mit guten Ratschlägen zurück. Analysiert einfach. Versucht, nachzuvollziehen. Versucht, Positives hervorzuheben.

Trotzdem versuche ich, das Gespräch umzulenken. Stelle dabei fest, dass er offensichtlich jedes Wort gehört hat, das ich im Laufe des Tages gesagt habe. Obwohl er am anderen Ende der Redaktion saß. Was mich vor allem daran erinnert, dass ich wirklich mal an meiner Lautstärke arbeiten muss. Gleichzeitig frage ich mich: Hatte er sonst nichts zu tun? Und: Da waren noch zig andere Leute, warum hat er denen nicht zugehört??

Im Grunde überrascht es mich dann nicht, als er recht direkt fragt, ob ich eigentlich grad so auf Beziehung aus bin oder mir mehr so danach ist, jedes Wochenende einen anderen zu vögeln. Oder was ganz anderes?

Ich verstaue meine Einkäufe im Fahrradkorb, schniefe den Novemberkälterotz hoch und meine: „Rumvögeln wär schon ganz geil.“ Und verkünde: „Muss wirklich mal los. Schüs!“

Verpasse ihm eine Abschiedsumarmung, schwinge mich aufs Rad und radle in die Nacht. Mir gegen die Stirn schlagend.

Wie werd ich den nu wieder los?

Deluxe

Der Nerd begibt sich auf eine längere Dienstreise. Weil er die letzten Tage krank war und ich ihm nicht persönlich tschüs sagen konnte, schreibe ich ihm auf Facebook und wünsche ihm einen guten Trip.

„Komm doch nach“, schreibt er. „Ich habe ein großes Deluxe-Doppelzimmer.“

Und ich dachte, dank des Volontärinnen-Frischfleichs seien wir darüber hinweg… Ich Dummerchen.

Schulhof

Ich mag das ja, unter Männern zu arbeiten. Es ist wie auf dem Schulhof. Irgendjemand macht immer einen Penis-Witz. Und unsere Penis-Witze sind (meistens) wirklich komisch. Die schlimmsten dummen Sprüche gehen dabei auf mein Konto. Weil ich all die Dinge ausspreche, die sich die Jungs in Gegenwart einer Frau nicht so recht zu sagen trauen.

Manchmal ist es auch wie auf dem Schulhof, weil ein Meeeedchen im Raum ist. Dann geht die Balz los. Das mag ich dann nicht so. Bei mir haben sie es ja zum Glück nur kurz versucht. Manchmal kommt es kurz wieder auf, wenn ich zu direkte Anspielungen mache – so sabberte der Nerd-Kollege mir neulich ordentlich auf den Schreibtisch, als ich auf die irre originelle Frage, ob Veganerinnen eigentlich schlucken dürfen, antwortete, dass man damit dem Tier Mann ja was Gutes täte und: Du würdest das wahrscheinlich ganz gut finden, wenn ich dir einen blasen würde.

Aber im Grunde bin ich ja einer von den Jungs.

Umso unerwarteter traf mich die zusammengeknüllte Brötchentüte, die mich fast traf, als ich aus der Kaffeeküche kam. Ohne Grund und Ankündigung über zwei Schreibtische hinweg geworfen – gezielt auf mich, weit entfernt von jedem Mülleimer. Der Werfer breit grinsend, breitbeinig auf seinem Stuhl. Wie auf dem Schulhof!

Seit Tagen wurschtelt der um mich rum, lobhudelt meine Arbeit, selbst wenn sie kacke ist, freut sich für alle hörbar über mein mittägliches Aufkreuzen in der Redaktion (endlich, Frau Fragezeichen!), versucht, mich für andere Arbeiten – auf seiner Seite des Ladens – zu empfehlen, erinnert sich mit nostalgischer Stimme an unsere gemeinsam, einsam in der Redaktion verbrachten Samstagabende, hat ständig irgendwelche Extraufgaben für mich – für ihn persönlich zu erledigen- und hat auf jeden Spruch eine – zugegebenmaßen witzige – Replik. Der Komplimente-Weltmeister-Print-Chef.

Ich mag ihn wirklich – ich würde sogar behaupten, er sei mein Lieblingskollege. Auch wenn er der letzte ist, den ich sieze. Weil ihn alle siezen und er alle zurücksiezt. Ich find ihn auch sausexy – er ist in diesem Alter, in dem Frauen trutschig werden und Männer reif. Ihr wisst schon. Aber… neinnein. Ich vögle keinen Kollegen. Und erst recht nicht einen mit scharfer Braut und kleinem Kind daheim. Neinnein.

Am Ende ist das doch ganz schön anstrengend, unter lauter Männern zu arbeiten…

Schnipsel

Verschlafen, verletzt, Pony ausgesperrt, im Stau gestanden, Kühlwasser übergelaufen, Handy alle, verquatscht, Ponys Halfter weg, Besuch wartet, Abholer verschollen, Handys ohne Empfang, Kopfkino läuft, Pony eingesperrt, Halfter immer noch weg, aufgestanden mitten in der Nacht, Zug verspätet, Zug ausgefallen, 6 Stunden und 10 Minuten für 250 Kilometer gebraucht, zu spät und ungeduscht bei der Arbeit angehechtet.

Vier Tage Spaß.

Irgendwie hab ich mich direkt gefreut, wieder bei der Arbeit zu sitzen. Mit den Jungs dummzuschwatzen. Ich freue mich an der Dynamik unserer Witze. Daran, dass sich der ein oder andere freut, dass ich wieder da bin. Dass Herr B. in der Konferenz meine praktisch monatelange Abwesenheit beklagt. Dass sich G. mir als Begleitung für die Mittagspause aufdrängt. Mir ausgiebig das Neueste von seinem Auto erzählt (sein ein und alles, die ausführliche Schilderung spricht für unsere Vertrautheit…). Dass die Plastik-Blondine wieder bei den Weibern sitzt und softe Themen behandelt.

Nur der Nerd nimmt von meiner Existenz keinerlei Notiz. Er möge sich quergehackt legen.

A propos! Ich bin ja beleidigt, dass ihr meinen prachtvollen Arsch meine wunderhüpsche Unterbuxe überhaupt nicht zur Kenntnis genommen habt. Pfft.

Tag zu verschenken

Es gibt so Tage…

Dass mein dummes Dienst-Ei-Fon den Geist aufgegeben hat, hat mich alles andere als betrübt. Jedes tote Ei-Fon ist ein gutes Ei-Fon. Dass dann aber der IT-Mensch mit einem neuem ankam und von den Konfigurationsproblemen berichtete, dann mich wegen der Passwörter brauchte und dann erst recht so rein gar nichts klappte, DAS killte die Laune.

Zwei Stunden meiner Dienstzeit habe ich auf den Dreck verschwendet, viel geflucht und am Ende die Hälfte gelassen, weils eh nicht klappte. Hey, wofür brauch ich auf dem Diensttelefon das Firmen-Telefonverzeichnis, vor dem nächsten Wochenenddienst lern ich einfach alle Nummern auswendig.

Harrr, grummel.

Und dann ist da die Barbie.

Dass irgendwann eine Frau eingestellt würde und mir meine Machorunde zerkloppen würde, das war ja nur eine Frage der Zeit. Die neue Volontärin ist aber… speziell. Blondiert, geglosst, gesilikont, unbekannt aus dem Trash-TV kichert sie sich durch die Redaktion und kommentiert alles – wirklich geistreich.

Einige wenige Kollegen rollen mit den Augen, der Rest schart sich um sie und erklärt ihr auch zum 100sten Mal das Redaktionssystem. Und sie himmelt. Und den Jungs beult sich in der Buxe, was im Kopf aussetzt. Und mein Hirn schmilzt, während ich mir diese Gespräche anhören muss…

Vor allem der Nerd-Kollege sonnt sich im Strahlen von Gloss und Glitzer und wird direkt superzickig, als ich ihn auf eine stilistische Unfeinheit in einem seiner Text hinweise. Es gab mal Zeiten, da konnten wir da wie Erwachsene drüber diskutieren und am Ende lachen. Aber jetzt muss ich wohl ooooh und aaaaah sagen, sobald er etwas äußert, wenn ich noch zivilisiert behandelt werden möchte.

Aber so erledigen sich die Dinge doppelt. Das ist sehr unsexy. Und ich bin sehr froh, dass ich nur noch einen Tag bis zum Urlaub überstehen muss.