Von Männern und kurzen Penissen

Nun habe ich ja eine Schwäche für Politik. Und eine für Lateinamerika. Natürlich interessiere ich mich für die Ereignisse in Ecuador. Ich habe aber für meinen Geschmack zu wenig Ahnung und frage deshalb den einen Ecuadorianer, den ich kenne: No. 3.

Ja nu. Ich weiß, dass das nicht sooo schlau ist. Aber der steckt drin, der ist schlau, der hat ganz viel Meinung. Zu meiner linksversifften Blase passende Meinung.

Wir intelloen also so vor uns hin, über Ecuador, die Entwicklungen in Chile und natürlich immer auch die Arbeit. Ich maule ordentlich über meine. Unter anderem weil ich stinksauer bin auf meinen komplett irren Chefredakteur. Nachdem das fette Arschloch der stellvertretende Chefredakteur in der vergangenen Woche irgendwas in den Raum geblubbert hatte, wie er es täglich hundertfach tut, mich meinte, was ich nicht mitbekam, unter anderem weil ich auf meine Arbeit konzentriert war, aber auch, weil ich gelernt habe, ihn einfach auszublenden und ja, auch, weil ich Kopfhörer trug, hat der Chefredakteur am Wochenende in die Zeitung geschrieben, in einer Kolumne, in der es eigentlich um etwas anderes gehen sollte: Also, einer muss es ja sagen, also, man muss sich ja an gesellschaftliche Konventionen halten, also, Kopfhörer in der Redaktion, das geht ja gar nicht, das macht man nicht. Weiß ja nicht, welche Relevanz diese „gesellschaftliche Konvention“ für den gemeinen Leser hat, aber gut, dass dem das nun mitgeteilt wurde und uns in der Redaktion, nun ja, eigentlich irgendwie nicht.

No. 3 lacht und meint, er liebe meine Kommentare und dass ich mich für Lateinamerika interessiere und für Politik und und dass ich so verdorben sei und wann sehen wir uns eigentlich?

*Ab hier bitte leise Geigenmusik im Hintergrund spielen lassen.*

Es sei ja so schön, dass ich ihn verstehe, meint er, während ich weitermotze, und: Immer, wenn du so ehrlich bist, merke ich, wie sehr ich dich mag und bewundere. Du bewunderst mich, weil ich immer rummotze?, frage ich, ehrlich erstaunt. Nein, er bewundert mich, weil ich Charakter habe…

Er entschuldigt sich, weil er das Thema wechselt, aber er vermisse es, mich zu ficken. Und unsere 2 Stunden dauernden Küsse. An die kann ich mich nicht erinnern, ich stehe eigentlich nicht so auf knutschen.

*Geigenmusik wird dramatischer.*

Er wolle mich einfach sehen und Zeit mit mir verbringen. „Ich finde, du verstehst mich, wie keine andere Frau es tut“, findet er.

Ich frage ihn, wie’s denn wohl so mit seiner Beziehung läuft und er sagt, was er immer sagt, seit… ja seit wann eigentlich? Ich werfe einen Blick in die Annalen: Seit fast fünf Jahren. Alles ganz schlimm. Also, alles so gut wie vorm Ende.

Also, eigentlich ist das ja ne offene Beziehung. Die ER ihr aufgedrückt hat. Aber jetzt hat sie jemanden, mit dem sie sich regelmäßig trifft, und das passt ihm nun auch wieder nicht. Ihm, der mich praktisch mit in die Beziehung gebracht hat. Er wiederum hat aber eigentlich auch keine Lust auf One-Night-Stands, er will was zum Kuscheln.

Also, eigentlich ist er ja nur noch mit ihr zusammen wegen der Knete, da hat er nämlich nie was von. Die Schulden für’s Studium, das Geld, das er nach Ecuador schickt… Alleine kann er sich keine Wohnung in Berlin leisten. Das Konzept WG sollte ihm eigentlich nicht fremd sein, mit einer solchen lernte ich ihn kennen, aber hey, einfache Lösungen wären ja zu einfach.

Aber doch, eine Lösung kann er sich doch vorstellen, denn wenn er eine Darf man das? träfe, DANN würde er das mit der H. sofort beenden.

*Dramatisches Geigencrescendo*

„Ich glaube, eine Freundin wie du würde mir gut tun“, findet er. „Wir könnten eine neue Zeit anfangen. Wenn wir es wollten.“

Also, wer jetzt nicht ergriffen ist… ist ich.

Was ich gerade will: Meinem Chef mitteilen, er möge doch bitte in Zukunft in die Zeitung schreiben, was er von mir möchte. Und wenn es nur ist: Können Sie mal überprüfen, ob XY online ist?

Musik-nackich

Drei Wochen der himmlischen Ruhe und des produktiven Arbeitens sind vorbei – das fette Arschloch der stellvertretende Chefredakteur ist aus dem Urlaub zurück.

Schon bevor er den Raum betritt, stopfe ich mir die Ohren mit Kopfhörern, alle seine Gesprächsversuche lenke ich gekonnt und auffällig auf meinen armen Kollegen M. ab, ich egoistisches Schwein.

Ich tue so, als ob ich arbeite – auf Anraten des Betriebsrats krümme ich praktisch keinen Finger mehr – bringt eh nix, solange die Personaldecke derart anorektisch ist – und höre Musik.

Etwas, was ich außerhalb des Autos nur noch selten tue, da ich nach meinem Studium die Schnauze von Kopfhörern gewaltig voll hatte und auch gar keine Geräusche direkt aufm Ohr mehr ertrug…

Jedenfalls gebe ich mich so ganz der Musik hin, weil alles besser ist als das störende Gelaber von Fetti und stelle mal wieder fest: All die gute Musik in dieser stunden- wenn nicht gar tagelangen Playlist lässt mich an No. 3 denken. Egal wie oft ich auf weiter drücke. Alles behaftet mit Gedanken – und wieder nicht an das unfassbare Arschloch, das er ist, sondern an den heißen, wilden, zärtlichen Typen von ganz damals, der für die 16-Jährige in mir Kryptonit ist. Den Typen, der schon längst nicht mehr existiert.

Jetzt ist ja nichts gegen schöne Erinnerungen einzuwenden, nur: Ich denke dann auch immer an seinen Körper, seinen Geruch, das Gefühl von seiner Haut unter meinen Händen. Und ich weiß, dass diese drei Dinge nur eine kurze Nachricht weit weg sind. Noch diese Woche könnte ich wild mit ihm vögeln. Und wahrscheinlich würde ich ihn direkt im Anschluss wieder einen Kopf kürzer machen wollen.

Mein Kopf ist sowas von durch mit diesem Typen, aber mein Körper irgendwie nicht. Und schon erst recht nicht mein Musik-Gedächtnis.

Mir bleibt keine Wahl: Ich brauche einen neuen Musik-Geschmack…

Nö. Nönönö.

Der Nerd ist seit seinem Wochenende in Berlin ganz weit weg. Lässt sich auf keinen Schweinkram mehr ein. Gevögel grad nicht abzusehen.

Als No. 3 ankommt und fragt, ob ich diese Woche Zeit habe, scheint sich einfacher, schneller Sex anzubahnen. Harter Sex wie ich ihn mag. Sex ohne Austarieren wie der andere tickt. Einfach losficken.

Und dann denke ich an unsere letzte Begegnung und denke: nein. Neinneinneinneinnein.

Leck mich! Am Arsch, nicht der Muschi. Einfach nein!

Da lieber keinen Sex.

Karma

No. 3 kommt ja immer mal wieder mit „ichvermissdichso“-Mimimi. Ich bin vor ein paar Wochen aus reinem Eigennutz son bisschen drauf eingegangen, weil ich am Freitag relativ früh am Flughafen in Berlin sein muss und ich deshalb dort übernachten möchte.

HALLO, Fuckboy.

Dann hab ich ihn also ein bisschen lauwarm köcheln lassen, um ihm dann mitzuteilen: Sorry, die J. kommt auch schon am Vorabend nach Berlin, ich schlafe dann mit ihr. Byebye.

„Warum hast du mir denn überhaupt erzählt, dass du nach Berlin kommst, wenn du mich gar nicht sehen willst?!“ und lauter derlei verbales Fußaufstampfen. Ausgiebig.

Ach, ich habs ja verdient.

Rudelwinseln

Wie immer treten meine Nummern im Rudel auf. Nach dem Gewinsel von No. 3 gestern finde ich heute die mittlerweile jährliche Post von No. 4 im elterlichen Briefkasten. Ich wiederhole mich: Der Stalker!

Der Brief ist praktisch inhaltsgleich mit einer E-Mail, die mir kurz nach meinem Geburtstag ins Postfach flatterte.

Ein bisschen Geblubber über ihn selbst, ein bisschen mimimi, ich will so gern Kontakt mit dir, was tust du so, was ist nur passiert.

Irgendwie geht er immer noch davon aus, mich verletzt zu haben. Niedlich, dieses Ego. Nach der E-Mail war ich ein bisschen versucht, tatsächlich mal die 10 Minuten zu investieren, um zu antworten. Um ihm ein bisschen gehässig den Zahn zu ziehen, er hätte mich verletzen können (womit denn eigentlich?). Um ihm einfach sachlich zu erklären, was tatsächlich war: Dass er mich erst gelangweilt und dann schrecklich genervt hat.

Wie das immer so ist, habe ich die Antwort bis heute nicht verfasst. Und nach der Nummer mit No. 3 werde ich sicher nicht nett schreiben. Schluss mit nett!

Nett und Arschloch

Ich hatte mir fest vorgenommen, heute endlich mal loszulassen und No. 3 bestimmt, aber unfreundlich mitzuteilen, dass er raus ist. Richtig raus. Ohne weitere Erklärung, ohne Rechtfertigung. Einfach Ende.

Doch er kam mir zuvor, als ich zum Handy griff, war da schon eine längere Nachricht.

No. 3 schwurbelt was vom Vermissen und bemüht Versalien: ES TUT MIR LEID. (Übrigens nicht, dass er verschwand wie ein Riesenarsch, nein, dass er an dem Abend „so wenig Zeit“ für mich hatte, tat ihm leid.)

Digitaler Hundeblick.

Und ich komme mir direkt schlecht dabei vor, unfreundlich keine Erklärung vorzubringen. Also schreibe ich ihm freundlich, dass er sich zu einem Arschloch entwickelt hat. Oder so auf mich wirkt; ich will ja nicht behaupten, ich hätte mich nicht verändert in den letzten 5 Jahren. Sage dann freundlich, aber bestimmt: Ende!

Denke, damit habe sich die Sache erledigt.

Da sollte man meinen, nach mehr als 5 Jahren kennte ich ihn besser.

Er findet ja, wir müssten nur mehr Zeit miteinander verbringen, dann würden wir schon zum alten Groove zurückfinden.

Ich.bin.zu.nett.