Wer soll dich nur heiraten?

Ich nähe einen BH und muss dabei furchtbar lachen. Weil ich an meine Oma denke. Die ganz sicher im Grab Flickflacks schlägt.

Ich höre sie sagen: „Du wirst auch niiiiie eine richtige Hausfrau.“

„Nö, stimmt Oma.“

„Kind, mach dir doch Licht.“

Im Grunde hat sie recht, aber schon allein, weil sie’s gesagt hat, mach ich’s nicht. Auch wenn sie’s nur in meinem Kopf gesagt hat.

„Nee Oma, geht schon.“

„Ach Gott, gib her, ich mach das eben.“

„Ich bin doch gleich fertig, Oma!“

„Wer soll dich nur mal heiraten?“

„Niemand Oma. Es ist alles gut!“

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Im engsten Familienkreis

Im engsten Familienkreis kommen wir auf 30 Mann. Und das nur, weil mein Bruder, ich und drei unserer Cousinen so fortpflanzungsunwillig sind.

Außer meiner Oma verbindet uns alle nicht viel. Der preußische Stock im Arsch. Der Galgenhumor. Die albernen Einhorntaschentücherpackungen vom Aldi, die wir alle schniefend in der Kapelle aus den Jackentaschen ziehen. Dass wir eigentlich alle ganz froh sind, dass die Möwen die Worte, die die komische Pastorin am Grab noch von sich gibt, übertönen. Und dass Oma eine ruhige Ecke mit Meerblick hat.

Wir sind alle so unterschiedlich, dass es für 6 Familien reicht. Und auch wenn ich glaube, dass jede Familie so ihre Scheiße mit sich herumträgt: An uns kann sich noch so mancher Telenovela-Autor inspirieren. Wir hatten schon alles dabei, was in eine gute gehört. Und noch viel mehr.

Umso schöner, dass wir es alle geschafft haben, uns für einen Tag lang würdevoll und zivilisiert zusammenzusetzen und Aldi-Taschentücher vollzuschniefen.

Ich glaube, es war das erste Mal, dass Oma nicht ein einziges Mal Grund gehabt hätte, zu verkünden: Ihr seid so ungezogen!

Und ja, das ist noch etwas, was uns verbindet: Wir sind alles, nur nicht gezogen. Den preußischen Stock kann man auch zweckentfremden.

Ihre Gene eben…

The other shoe

Es ist alles ein bisschen unwirklich.

Ich fühle mich… wohl.

Ja, ich bin in der tiefsten Provinz, aber es ist eigentlich ganz schön. Die Stadt ist niedlich, die Gegend ist ein Träumchen und überall ist Wasser.

Es dauert deutlich länger, bis hier mal was ankommt – egal was; von der Post, über Nachrichten, MODE, Erkenntnis, die 2000er, dieses Internet bis hin zu Smartphones. Man sieht hier wirklich selten Smombies… Was zum einen am Durchschnittsalter und zum anderen an diesem Internet aus dem letzten Jahrtausend liegen dürfte.

Jedenfalls sorgt das alles für eine enorme Entschleunigung und die Leute sind irgendwie entspannter. Kreativer in ihrer Freizeitgestaltung. (Was wirklich unterhaltsam ist.) Und immer gut gelaunt. Eine unaufdringliche Freundlichkeit, die meine norddeutsch reservierte Toleranzgrenze nie unterschreitet.

Die Arbeit ist auch ganz gut. Es ist mir oft zu viel Regionalgeblubber, aber es ist auch mal ganz angenehm, nicht nur für andere Journalisten, die sich gegenseitig mit dem langweiligsten Kram hochschaukeln können, zu schreiben, sondern wirklich mal zu sehen, was für die Leute wichtig ist. Und was ihnen wichtiger sein sollte.

Ich lerne irre viel, endlich ist mein Hirn mal wieder richtig satt. Ich habe Spaß. Vor allem mit den Kollegen. Die ganze Redaktion muss uns Onliner hassen, dauernd sind wir am Quatschen, Kichern, Dünschiss verkünden. Ich krieg noch Falten vom vielen Lachen. Ja, G nervt manchmal, wenn er wieder den Erklärbär gibt, ja, S spaltet ständig Haare und ja, SL könnte ruhig mal das Maul aufmachen, wenn ihn was stört und aufhören, so zu tun, als könnt ich nix und mich zu übergehen, aber alles in allem mag ich die Jungs. Vor allem den schönen L

Ich habe endlich eine vernünftige Wohnung, ich kann auf dem Balkon (!) in der Sonne rumschlunzen, ich habe freie Wochenenden (!!!) und Geld ist auch nicht so das Problem.

Alles ist irgendwie ok.

Und ich traue dem Frieden nicht. Ich warte immerzu darauf, dass mich endlich wieder die dicke Scheiße niederknüppelt. Es kann doch nicht so einfach gewesen sein.

Aber vielleicht reicht es auch einfach, dass meine Oma gestorben ist…

Der Leibeigene

Besuch bei der kranken Oma.

Nachdem man sie ordentlich mit Schmerzmittel vollgepumpt hatte und sie zeitweise einigermaßen abwesend war, hat sie dann auch eine Pflegestufe bekommen.

Hat sie ein paar Wochen genossen. Jetzt ist sie wieder klar im Kopf und kann wieder allein rumlaufen und findet das mit der Pflege kacke. Da sollen sie fremde Leute anfassen, ist ja eklig. Und die bringen Unordnung. Und die machen das ja auch gar nicht richtig. Und das Essen schmeckt nicht. Und das wiederholt sich ja immer. Das kann sie ja selbst mit einem Arm besser. Und überhaupt – das is ja, als wäre sie alt!

Also bestellt sie eine Pflegeleistung nach der anderen ab. Nur das Mittagessen lässt sie sich noch liefern. „Nur noch bis Weihnachten“, betont sie. Dann will sie wieder was Richtiges. Und schickt mich schon mal zum Einkaufen. („Oma, ich kann deine Liste nicht lesen, meintest du Bier oder Eier?“ Sie wirft mit einer Plastikweihnachtskugel nach mir – die hatte ich eh nicht nach ihren Vorstellungen aufgehängt.)

Während sie sich erkundigt, ob das noch was wird mit den Urenkeln (als ob sie nicht schon genug hätte) und erläutert: „Das kommt über Nacht, weißt du!“, kommt der Junge vom DRK mit dem Mittagessen und den Tabletten.

„Das ist mein Leibeigener“, stellt sie vor. „Der hat schlimmeren Alzheimer als ich“, sagt sie und zeigt auf seinen Arm. „Der musste sich sogar den Namen seiner Tochter eingravieren lassen, damit er ihn nicht vergisst!“

Meine Mama sitzt da wie ein peinlich berührter Teenager, ich lache Tränen, der Leibeigene grinst und serviert formvollendet das Essen. Nur aussprechen kann er es nicht richtig und wird direkt belehrt. Dann wird er im allerbesten Oberschwesterkommandoton in die Küche geschickt, „Unordnung schaffen“ (das Geschirr vom Vortag einsammeln).

Ich frage sie, ob ich ihr nächstes Mal vielleicht eine Reitgerte mitbringen soll. Sie überlegt kurz und findet die Idee hervorragend. In der Zwischenzeit fuchtelt sie mit dem Rückenkratzer und scheucht auf dem Sessel thronend den Leibeigenen. („Die Tabletten da hin!“ „Heben Sie das doch mal auf.“ Aber: „Immerhin haben Sie sich heute richtig rasiert!“)

Ich freue mich, dass meine Oma doch wieder ziemlich lebendig ist und zu alter Form aufläuft. Und meine Mama stellt fest: „Irgendwie hat sich gerade mein Bild vom Sexleben meiner Eltern verändert…“

Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen

Meine Oma ist gestürzt. Über ihren Sessel. Der dann auf sie raufgefallen ist. Meine Oma hat Osteoporose. Den Rest kann man sich ja denken.

Und weil unser Gesundheitssystem so toll ist, hat man sie nach einer Nacht im Krankenhaus wieder nach Hause geschickt. Weil sone 94-jährige Tatteromi, die kommt ja schnell wieder auf die Füße.

Die Frau von der Krankenversicherung meint, ihr Laden kommt nicht dafür auf, wenn da ab und an mal ein Pfleger nach Oma guckt und ihr ein bisschen hilft. Oma hat ja keine Pflegestufe. JEDER mit einem gebrochenen rechten Arm kommt doch super alleine klar. Warum nicht auch eine 94-jährige Tatteromi mit noch weiteren Knochenbrüchen.

Oma ist nicht dumm, ruft sich nachts den Krankenwagen und sagt, sie bekommt keine Luft mehr. Nach zwei Nächten im Krankenhaus schickt man sie nach Hause…

Meine Oma möchte nicht angerufen werden. Zu anstrengend. Außerdem müsste sie dann jedes Mal aufstehen. Mama sagt: Schreib ihr doch.

Ich dreh am Rad. Das letzte Mal, als es meinem Opa schlecht ging, schrieb ich ihm einen ewig langen Brief. Und in dem Moment, als ich den in den Briefkasten warf, wusste ich: Der kommt nicht mehr an. Am nächsten Tag war Opa tot.

Ich bin ja nicht abergläubisch. Aber ich mag meiner Oma nicht schreiben…