HA!

Als ich die Suche schon aufgegeben hatte, am unwahrscheinlichsten aller Orte, an dem ich im Fort Niebla ausnahmsweise grad Bildungsprogramm gemacht habe (beziehungsweise Auffrischungsprogramm von all dem Kram den ich in den gefühlt 173 Vorlesungen und Seminaren zur Geschichte Lateinamerikas gelernt habe (ok, es waren 4 plus meine Masterarbeit…)): Weißbauchdelfine!

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Man beachte die weißen Bäuche!

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Heaven is places on earth

Ich habe eine ganze Weile überlegt, ob ich von der vergangenen Woche schreiben soll oder nicht. Man kennt ja diese Geschichten von Orten, die voll im Arsch sind, weil irgendwelche fancy Blogger drüber bloggten. Nun bin ich kein fancy Blogger, aber trotzdem. Ich will am Ende nicht Schuld sein…
Ich hatte vor vielen Jahren das wahnsinnige Privileg, dass mich jemand an einen unfassbar schönen, nur mit einem Boot und auch damit nur schwer zugänglichen Ort mitgenommen hat, den damals nur Einheimische und ihre Gäste aufsuchten. In letzter Zeit kommen auch Touristen dahin – zwar noch sehr, sehr wenige, weil man weiter jemanden kennen muss, der jemanden kennt, der den Kontakt zu den Leuten mit dem Boot herstellt. Dennoch merkt man die Veränderung. Natürlich handelt es sich – wie praktisch überall – um ein empfindliches Ökosystem und eine ebenso empfindliche Sozialstruktur. Außerdem sind es Leute aus der Stadt, die an dem Spaß verdienen – nicht die Einheimischen, denen das Land gehört und die praktisch alle Indigene sind. Ich habe erlebt, dass Prinzessinchen aus Santiago, die auf Abenteuer-Trip im Süden waren, nicht mal in der Lage waren, dem Mann, der den schönsten Aussichtspunkt zugänglich gemacht hat – wenn man das einen Zugang nennen möchte:

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Einer der eher besseren Wegabschnitte…

und eine Plattform gebaut hat, damit man sich nicht in den Tod stürzt, die 2000 Pesos zu geben, die er dafür verlangt, dass man seinen Hof betritt.
Ich habe mich dafür entschieden, die Namen der Orte für mich zu behalten. Auch Fotos von auffälligen Landmarken werde ich euch vorenthalten. Ist dann nur halb so schön, aber jut. Dieses böse Internet…

An einem sonnigen Tag im Süden schlappe ich mit Sack und Pack zum Überlandbusbahnhof. Ich steige in den Minibus, der gen Küste fährt, schmeiße meinen Rucksack in die erste Reihe zu dem Sack Kartoffeln, den zwei Rollen Stacheldraht und den zwei Hackenporsches, nehme weiter hinten Platz und lasse mir von fliegenden Händlerinnen erst ein Brombeer- und dann ein Chirimoya-Eis andrehen, bevor es endlich losgeht.
Der Bus zuckelt aus der Stadt hinaus, dröhnt im ersten Gang die Hänge hoch, bis der Motor komisch riecht und rauscht die Hänge wieder runter, bis die Bremsen komisch riechen. Zwischendurch sammelt der Busfahrer Leute vom Straßenrand auf, wartet auf den Herren mit der Sextanerblase, liefert die Kartoffeln aus und plaudert mit Bekannten, die einsteigen und ein paar Kilometer mitfahren.
Wir fahren erst an einer Reihe von Bauernhöfen vorbei, dann wird der Urwald dichter und nur noch von ein paar Häusern mit gerade genug Wiese für die zwei Pferde, die Kühe, ein paar Schafe, ein Schweinchen und das Ochsengespann, die man hier so hat, wenn man auf dem Land wohnt, unterbrochen. Ein Torbogen weist darauf hin, dass man sich auf Mapuche-Gebiet befindet – wenn man das noch nicht anhand des Aussehens von Busfahrern und Fahrgästen erraten haben sollte…
Die Straße wird rumpeliger und schließlich schraubt sich der Bus hinunter in einen winzigen Hafen in einer winzigen Bucht. Dort schmeißt der Fahrer alle mit Sack und Pack raus, schließt sein Vehikel ab und geht frittierten Fisch essen.
Ich schultere mein Marschgepäck und hoffe auf ein Sammeltaxi, denn ich muss den nächsten Berg hoch und dann auf der anderen Seite wieder runter – mein Ziel liegt in der Nachbarbucht. Da, wo nur wenige Auswärtige hinkommen, weil man praktisch nicht baden kann (1. weil der Humboldtstrom das Wasser schweinekackenkalt macht, 2. fiese Strömungen rumströmen und 3. weil die Wellen viel zu heftig sind. So sieht das an einem fast windstillen Tag aus:

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Ein Darf man das? = 1,64m

Deswegen können auch nur in der Nachbarbucht Boote ein- und auslaufen – und das auch nur bei ablaufendem Wasser. Auch die Straße hat schon mal bessere Zeiten gesehen – Wind, Wetter, der Ozean und die Erdbeben hinterlassen Spuren. Immerhin ist sie schon asphaltiert und damit ganzjährig passierbar, das ist eine jüngere Entwicklung.) Da, wo dieses Internet nicht so richtig angekommen ist und auch das Handysignal kaum hinkommt. (Der coole Jorge kriegt auf seinem supercoolen Schmartfon bei gutem Wetter einen Streifen hin und manchmal sogar 1G, wenn er es im oberen Stockwerk des Hauses auf dem Berg aufs Fensterbrett legt, leicht angewinkelt mit einem Schuh fixiert. Dann teilt er sein G mit allen und ist der Held.)

Begegnet man dann unterwegs diesen Kollegen:

weiß man, man ist auf dem richtigen Weg. Die Tiere gehören einem alten Mapuche, der oben auf dem Berg wohnt und auf wundersame Weise immer weiß, wo sie sich gerade herumtreiben…
Am Ende der Straße geht es dann wieder den Berg hinauf. Und jedes Mal, wenn ich die 383 Stufen hinaufstiefele, verfluche ich den Tag, an dem ich den Mann kennenlernte, in dessen Elternhaus ich die nächsten Tage verbringen werde. „Den Müll runterbringen“ bekommt hier eine ganz neue Dimension. Dafür wird man mit dieser Aussicht belohnt:
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Und man kann ohne schlechtes Gewissen alle Empanadas und Milcaos und Kuchen essen, die man will, schließlich rennt man mehrmals täglich 383 Stufen rauf und runter…

Hier, wo die Rabengeier kreisen, die steinharten Langschnabelsittiche krächzen, die Hauszaunkönige vögeln, die Pelikane vorbeidonnern und die Pinguine planschen, kurz gucken und abtauchen, wo der Ozean Tag und Nacht rauscht und donnert, sitze ich stundenlang da und warte darauf, dass Wale oder wenigstens ein paar Weißbauchdelfine vorbeiziehen (tun sie natürlich nie, wenn ich da bin, aber spätestens übermorgen tauchen sie auf, da geh ich jede Wette ein.), liege nachts am Strand und starre in den unvergleichlichen südlichen Sternenhimmel, kühle meine Füße im Pazifik tief, führe profunde Gespräche mit den streunenden Hunden und fühle mich wie Pablo Neruda (der zwar viiiiiele hundert Kilometer weiter nördlich gelebt hat, aber ach…). Einer der inspirierendsten und entspannendsten Orte, die ich kenne.

An einem windstillen Tag mache ich mich dann am frühen Morgen auf zum Hafen im Nachbarort, besteige das Boot von Juan Luis, er schmeißt den Motor an und selig vor Wiedersehensfreude schweigen wir uns die nächsten zwei Stunden an,

bis wir schließlich durchgeschüttelt von der Brandung in den Fluss einfahren und dann in seinem winzigen Dorf ganz ohne Straße, ganz ohne Laden, ganz ohne Warmwasseranschluss und so anlanden.

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Wo der Puma frühstückt.

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Wassertemperarur: Einstellig. Reicht zum Baden? Darf man das? sagt ja.

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Es macht mich auch diesmal sprachlos und demütig. Und traurig: Bald werden die Menschen dort sich nicht mehr so freuen, wenn Gäste kommen und sie ungefragt mit ihren Waldkräutern gegen den aus Schland mitgebrachten Husten versorgen. Der Strand so einsam sein und nachts so eine himmlische Ruhe herrschen. Ja, die Touristen bringen einen zum Lachen. („Wird es am 17. regnen?“ Hrhrhr. Puppe, wir wissen nicht mal, ob es um 17 Uhr regnen wird. Wahrscheinlich ja, irgendwann im Laufe des Tages. Die Luft ist heiß, der Sand glüht, das Meer ist eiskalt, das Wasser verdunstet, der Dunst bleibt an den Bergen hängen, zack, Regen. Physik für Volltrottel.)

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Guckstu hier.

Aber sie bringen auch Getrampel und Müll und Selfies. Noch gibt es nur zwei kleine Boote, die nur einmal am Tag fahren können – der Gezeiten wegen. Doch man baut an einer Straße…
Wer weiß, ob ich den Flecken Erde wiedererkennen werde, wenn ich das nächste Mal dort aufkreuze. Ich fühle mich ein bisschen schlecht, als ich in „meine“ Bucht zurückkehre (übrigens vollständig kuriert vom Husten). Auch ich bin nur eine olle Touristin…
Und bin umso dankbarer, dass ich diese Orte so kennenlernen durfte, wie sie waren.

Ich heule jedes Mal Rotz und Wasser, wenn ich Chile verlasse. Diesmal heule ich schon, als ich in den Bus zurück in die Stadt steige. (Der arme Mensch, der im Flieger neben mir sitzen wird…)

Ach Chile…