Wenn ich den See seh

Da begab es sich nun, dass ich zu einem Besuch in die Provinz zurückkehrte. Schon lange vor der Ankunft konnte ich den See sehn. Und den Mohn blühen. Und alles grünen. Es ist einfach die schönste Jahreszeit.

Und tagelang wurde ich umhergefahren und konnte einfach Beifahrer sein. Den See sehn. Und den Mohn. Und die Felder auf den sanften Hügeln. Kilometerweit keine Spuren von Besiedlung. Einfach Provinz. Wie ich sie liebe.

Und ich musste gar nicht so tief in mich gehen, um die dummen Chefs (allen voran das unfassbar dumme fette Arschloch), die mir das so kaputt gemacht haben, dass ich gegangen bin, sehr zu hassen. Noch mehr als vorher schon. Einfach der blanke Hass!

Vor allem jetzt, wenn ich bei 33 Grad keinen See mehr seh.

Groarrrrrr.

Haus am See

Nach einer Woche Arbeit, Penisproblemen und mehr Wahnsinn, als man sich vorstellen kann (glaubt mir wieder keiner, wenn ich erzähle, was in der Redaktion abgeht…), mache ich das einzig Sinnvolle: Ferien. Ich liege im Garten eines Hauses am See, im Apfelbaum über mir summen die Bienen, ein Specht verursacht ein enormes Echo, das über den ganzen See hallt, zwei Kuckucke tragen einen ernsten Revierkampf aus, Gänse und Enten halten Palaver, Blesshühner schimpfen (besonders über mich, weil ich mehrmals täglich wenige Meter neben ihrem Kindergarten im Schilf ins Wasser steige) und Haubentaucher halten sich raus.

Ich vergesse, was eigentlich meine bekloppte Arbeit ist und setze viel zu viel Hoffnung in ein Vorstellungsgespräch am Montag. Die komischen Pillen vom Doc zeigten weiter keine Wirkung, dafür konnte ich mich tagelang vor lauter Schwindel nicht rühren und jemand riet mir, noch mal den Beipackzettel zu lesen. Und diese „praktisch nebenwirkungsfreien“ Pillen erklärten neben dem brutalen Schwindel dann auch das Mehr an Angst, das Geschwitze, das Nasenbluten, die Gelenkschmerzen und die komplett irrsinnigen Träume. Spätestens, als ich von heißem Sex mit einer heißen Jungendfreundin und No. 3 (No. 3! of all Nummern!!!) träumte, hatte ich die Faxen dicke. (Immerhin hatte ich im Traum die Vernunft, No. 3, der sich schon wieder sonstwas einbildet, nach dem Sex auf den Pott zu setzen und ihn darauf hinzuweisen, dass er sich nichts einzubilden brauche, weil er trotz heißem Sex immer noch zu den größten Arschlöchern unter der Sonne zählt.)

Jedenfalls gammeln die Pillen jetzt schon länger im Müll und ich untern Baum. Ohne Schwindel und einen durch meine Träume geisternden No. 3. Und ohne Angst. Nur mit kalten Füßen. Weil das Wasser noch kackekalt ist. Tiefkühlung konserviert. Ich geh dann mal ins Wasser.

Mein spirit animoohl

Arvorig

Acht Jahre bin ich nicht in der Bretagne gewesen. Es dauert genau acht Sekunden, bis ich wieder voll drin bin. Nur kurz durchs Dorf gefahren und schon erschlagen mich unzählige Erinnerungen. Kleinkram. Der Arztbesuch bei dem Dorfdoktor, der ungefähr so alt gewesen sein muss wie das Haus, in dem er praktizierte. Ohne Sprechstundenhilfe und viel Zeit. Die absurde Menge an Medikamenten, die die Apothekerin danach vor mir aufstapelte. Das morgendliche Zeitungskaufritual im Tabac: Ich kaufe die Zeitung nur für die Flutvorhersage, die mir referiert wird, sobald das Geld über den Tresen gewandert ist. Wesentlich detaillierter als da auf der drittletzten Zeitungsseite. Das stundenlange Rumgedrücke in der Citroen-Werkstatt, in der ein schnuckliger junger Mann die embrayage rettete (Worte, die ich nie vergessen werde…). Wäre wahrscheinlich schneller gegangen, hätte ich mich da nicht rumgedrückt. Menschen, die gestorben sind und Menschen, die geboren wurden. Dieselbe Katze streicht mir um die Beine, steinalt wie ihre Fellfarbe. Sie ist lauter geworden. Der Typ, der für immer meine Ansprüche an Männer viel zu hoch geschraubt hat. Obwohl wahrscheinlich auch er die Zahnpastatube nicht zuschraubt. Ich erinnere mich – obwohl der Sommer hier noch mal gründlich Zugabe gibt – plötzlich sogar an Februartage, an denen man Regen UND Gischt gleichzeitig in der Fresse hat. An dunkle Tage im Centre de recherche bretonne et celtique in Brest, die ich irgendwann frustriert abbrach und den fantastischen, liebenswerten Kauz im Ofis publik ar Brezhoneg in Carhaix, aus dem ich praktisch an einem Nachmittag meine Bachelor-Arbeit rausgepresst habe. Um sie dann mit Blick auf Sturm in Quiberon reinzuschreiben. Die kleinen Jungs von damals sind richtige Männer geworden. Und eine neue Riege kleiner Jungs zuppelt an den großen Pferden herum.

20 Jahre verbinden mich mit der Bretagne, 20 Jahre, in denen verrückt viel Zeug passiert ist. Mein Französisch ist ein bisschen eingerostet, weil ich es in den vergangenen 5 Jahren kaum benutzt habe, aber ich bin überrascht, wie mühelos ich mich über die verrücktesten Dinge unterhalten. Und manchmal stürze ich mich unbedarft in einen vermeintlich einfach Satz und verheddere mich hoffnungslos. Aber meistens hat mein Gegenüber eine Heckenschere für mein Sprachgewirr parat.

Irgendwo im Morbihan, mitten im Wald, zwischen Farnen und Misteln und Brombeergestrüpp, falle ich komplett auseinander. Ich kann keinem erklären, warum ich heule wie ein Schlosshund. Dafür kann ich danach im Land vor dem Meer auf die steigende Flut starren, ohne dass mich die große Schwermut befällt. Weil ich für einen Moment vergessen habe, wie die Welt hinter dem Land vor dem Meer aussieht.

Kein Meer ist auch keine Lösung

Das Leben hat entschieden, dass ich keinen Sex mehr haben werde, sondern das dritte Rad am Wagen bin. Weswegen ich mich zum Arbeitsgatten und seiner Frau in sein Schlachtschiff setzte, um ans Meer zu fahren und da dieser Sabine zu harren.

Weil: Man kann nie oft genug ans Meer fahren.

Tja nu… Sowohl das Meer als auch wir Norddeutschen reagierten eher klischeehaft zurückhaltend auf diese Sabine…