Rauschen

Der Doc bescheinigte mir schweres Leck-mich-am-Arsch-Syndrom mit schlechter Prognose und hoher Rezidiv-Gefahr. „Ich kann Sie auch die nächsten sechs bis neun Monate rausnehmen, müssen Sie wissen, wie Sie das bei der Arbeit kommunizieren.“ So verlockend das ist, aber „huhu, entfristet mal meinen Vertrag, ich komm dann nächstes Jahr wieder“ ist wenig realistisch.

Aber gut, allein die Tatsache, dass ich mich die nächsten zwei Wochen nicht mit dem Quatschladen auseinandersetzen muss und dass dem Frühling wieder eingefallen ist, dass er dran ist, ist eine ziemliche Erleichterung. Ich schlappe durchs Dorf zur Apotheke und zum Briefkasten und genieße die Dorfkindvibes. Mitten auf der Straße latschen, weil da eh nur Viertelstarke auf ihren Fahrrädern rumgurken. Vögeln beim „vögel mich, vögel mich“-Rufen lauschen. Den Geruch von Geistesgestörten (also frisch gemähter Rasen, frische Farbe, Grillwurst), die mich für geistesgestört (altes Hippiekind) halten, atmen. Frühling in the village eben.

Und dann fällt mir das Spatzenhirn in den Rücken. Es denkt: Gut, dass du nicht mehr in der Stadt bist, denn dann würdest du jetzt anfangen, an Barcelona zu denken. Und dann würdest du anfangen, an das letzte Mal Barcelona zu denken. Barcelona mit J. Und dann würdest du daran denken, dass morgen vor einem Jahr die Monate aufgebraucht waren.

Was für ein mieses kleines Arschloch mein Spatzenhirn ist!

Monate nach den Monaten

J. ist seit knapp 10 Monaten tot. Fast ein Jahr. Ein Jahr mit ganz vielen ersten Malen ohne. Und vielen „letztes Jahr“s.

Manchmal sind es die beklopptesten Dinge, die ihre Abwesenheit mit einer unverschämten Unverschämtheit in den Vordergrund rücken. Sowas wie: Heute fängt die neue Staffel GNTM an. Jahrelang der Moment, an dem hektisch um 20:10 Uhr Sektchen und Fressalien zusammengerafft wurden, um pünktlich mit dem Live-Kommentar auf dem Handy beginnen zu können. Ich bin sogar mal geblitzt worden, weil sie mich ungefähr fünfminütlich dran erinnerte, dass das gleich losgeht. Kam trotzdem 10 Minuten zu spät, reinster Frevel.

Man kann sich denken, dass ich den Quatsch nicht wegen der Hochwertigkeit des Programms verfolgt habe. Sondern wegen der Freude am Lästern. Und ich glaube, das ist der größere Verlust als GNTM: das Lästern. Ich hab schon furchtbar lange nicht so richtig rumgelästert. Möglicherweise ein ganzes Jahr lang. Und das liegt nicht daran, dass ich keinen Grund gehabt hätte.

Und so reihe ich mich ein in die Reihe der Menschen, die diese Qualitätssendung nicht mehr verfolgen. Allerdings nicht so sehr aus (vorgeschobener?) moralischer Überlegenheit wie so viele andere. Sondern aus Mangel an unmoralischer Begleitung.

Ja, es gibt sie. Eine Welt ohne J. Aber die macht keinen Spaß.

An- in Abwesenheit

Es ist schon komisch, wie schnell ich mich an J.s Abwesenheit gewöhnt habe. Vielleicht auch, weil sie mir die andere J. dagelassen hat, die ohne Umschweife einen größeren Platz in meinem Leben eingenommen hat. Vielleicht auch, weil der Pandemiealltag fast derselbe geblieben ist. Vielleicht auch, weil ich einfach nicht so gern darüber nachdenke.

Und doch: Sie lauert überall. In einem Wort mitten im Roman. Im Wetter (das mit dem Rudern auf der Unwetterwolke muss sie noch üben. Kann ich einer Bescheid sagen, dass sie beim Einparken die Musik leiser drehen muss?). Im Küchenschrank. Im Bücherregal. In einer Anekdote, die nie erzählt werden wird. In meiner Handtasche.

Ihre Anwesenheit wirkt mitunter präsenter als es ihre Anwesenheit je war. Und es ist und bleibt eine unverschämte Schweinerei!

Una copa de vino tinto

Heute hätte J. Geburtstag.

Es stürmt und regnet und ich brauche so sehr das Mittelmeer im Herzen. Nach Barcelona wollten wir eigentlich eine Geburtstag-am-Mittelmeer-Tradition schaffen. 2020 wollten wir nach Griechenland. Aber da kam was dazwischen… Wir haben das Mittelmeer im Herzen, haben wir gesagt. Nächstes Jahr, haben wir gesagt. Und jetzt ist nicht nur immer noch Pandemie, jetzt isse auch noch tot.

Ich sauf trotzdem una copa de vino tinto auf dich, meine Alte. Du bist ja offensichtlich angerudert auf deiner Schlechtwetterwolke! Und nächstes Jahr vielleicht wieder am Mittelmeer. Salud.

Erdnussmomente

Am Ende bin ich doch zu der Beerdigung gefahren. Weil es immer noch unvorstellbar ist, dass J. wirklich tot sein soll. Weil ich gehofft habe, dass es vorstellbarer wird, wenn ich sehe, wie sie beerdigt wird. Und weil man mir gnädigerweise mitteilte, dass die erlaubte Personenzahl erhöht wurde, wir müssen uns nur alle mit nem Stäbchen in der Nase rumfummeln lassen. Wie das so ist in diesen Tagen.

Auch der Dresscode wurde durchgegeben. Dass kein Schwarz gewünscht ist, war klar, wir kennen doch unsere J. Doch nicht nur das: Erbeten werden Pink, Glitzer und Pailletten. Da kann ich beim besten Willen und aller Liebe nicht mit dienen. Mein Schrank bietet in erster Linie: fröhliches Schwarz.

Also stehe ich vor der Kapelle in fröhlich schwarzer Jeans und wegen der allen Liebe in weißen Turnschuhen – denn sie hat jahrelang versucht mich von Turnschuhen zu überzeugen und triumphiert als ich mir fürs Segeln welche anschaffte (und nur fürs Segeln!) – und in dem Pinkähnlichsten, das ich meinem Schrank entlocken konnte – auch wenns keiner sieht: dem rosa Tanga. J. hat nie verstanden, warum ich Tangas nicht mag. „Auch nicht im Sommer?!“ Nee, grad nicht im Sommer! Es gibt elegantere Gesten als sich den zwackenden Krustenkratzer, wie die Québécois sagen (nutzlose Vokabeln, die ich auch dann nicht vergessen werde, wenn ich schon meinen Namen nicht mehr weiß), aus der Arschritze zu klauben.

Ich bin in strahlendem Sonnenschein losgefahren, doch kurz vor dem Ziel kommt J. auf ihrer Schlechtwetterwolke angerudert und macht maximales Drama. Wie üblich. Erdnuss gefällig? Doch als der Typ mit der pinken Krawatte auftaucht, verzieht sie sich.

Der Typ mit der pinken Krawatte ist ein stadtbekannter Politiker einer bundesweit bekannten Partei mit C wie Zukunft und ist gelegentlich durch J.s Bett gerutscht. Aber eigentlich schon vor langer Zeit mit Schimpf und Schande davongejagt worden. Das hatte einfach keine Cukunft. Ich ziehe mir eilig die Maske übers Grinsen und am Prusten hinter mir erkenne ich die andere J., die ich bisher nur vom Telefon kannte.

Es ist eine kurze, pinke, formlose Zeremonie mit deutlich weniger Personen als das Drama erahnen ließ, die andere J. schummelt noch die Urne von Kater Paul mit in die Urne und irgendjemand muss mir mal erklären, wie man das mit dem Rotz unter der Maske machen soll.

Am Ende stehen wir unter einem Baum und man schmeißt pinke Rosenblätter in ein Loch. Der Bestatter hält mir das pinke Körbchen hin aber ich lehne dankend ab: Ich kippe eine Handvoll Erdnüsse auf die Urne. Der Bestatter guckt komisch, die Mädels hinter mir gackern. J., du warst doch eine alte Tratschtante!

Wir stehen unterm Baum und man befindet: perfekter Platz. Da wo am meisten los ist. Hat sie was zu lästern. Kann sie Erdnussmomente haben. Und Erdnüsse werfen.

Der Typ mit der pinken Krawatte geht und die nachtschwarze Wolke rudert an. Die andere J. befindet: Das dauert ihr zu lange. Sie hasst viel Gewese. Und sagt zu ihrer Freundin M. auf mich zeigend: Nehmen wir sie noch mit? Und M. sagt: Sie gehört doch zur Erbmasse. Und ich werde mitgeschleppt auf einen „Latte Matschaaato“ in J.s Ehren, Kekse und Spaghetti mit heilender Sauce.

Wir quatschen, als kennten wir uns ewig, eine winzige Katze adoptiert mich auch und finden, dass die J. schon nen ziemlich guten Geschmack hatte. Auf dem Tisch krabbelt eine widerborstige Ameise, die sich einfach nicht raustragen lassen will und wir sind uns ziemlich sicher, wer da wohl reinkarniert ist…

Die andere J. zeigt mir ein Foto, das ich schon ganz vergessen hatte. J. hat es in Barcelona gemacht. Es sind nur unsere Füße drauf, unsere vom Barcelona-Marathon geschundenen Füße. Die Turnschuhe sind wohl nicht deine, hm?, sagt die andere J. Nee, meine Füße sind die mit den Sandalen, die J. mir mal geschenkt hat. Die Sandalen haben den Barcelona-Marathon nicht überlebt, sie wurden feierlich im Hotel-Mülleimer beerdigt.

Statt der Schuhe brachten wir den Erdnussmoment mit. Auf dem Hinflug wurden – ogottogott – keine Snacks serviert, weil jemand mit schwerer Erdnussallergie an Bord war. Meine Sitznachbarin verlor völlig die Fassung, weil sie nicht verstehen wollte, warum wir auf dem zweieinhalbstündigen Flug alle VERHUNGERN sollen, bloß weil da einer ne Erdnussallergie hat. Ist doch sein Problem, nicht unseres. Als der Flugbegleiter versuchte, ihr klarzumachen, dass es NOCH länger dauert, bis sie was zu futtern kriegt, wenn wir notlanden müssen, weil die Person einen anaphylaktischen Schock erleidet, versuchte sie, uns auf ihre Seite zu ziehen. Aber wir waren in ein SEHR wichtiges Gespräch vertieft. Als ich an der Gepäckausgabe auf unserer Handgepäck, das wir am Ende doch aufgeben mussten, wartend, total gestresst von der hysterischen Verhungernden ungeduldig zu knurren begann, meinte J. staubtrocken: Krisst wohl grad nen Erdnussmoment, wa?

Wir sind die Königinnen der Erdnussmomente. Ihre Wolke ist ein einziger Erdnussmoment.

Nee, ich finde es immer noch unvorstellbar, dass J. einfach nicht mehr da sein soll.

Die unerträgliche Schwierigkeit des Seins

Seit 15 Tagen stehe ich bleischwer auf. Liegt es daran, dass ich seit 16 Tagen nicht mehr vernünftig ausgeschlafen habe oder daran, dass J. seit 16 Tagen tot ist?

Erst kommt die Schwere und dann die Erkenntnis über das, was passiert ist. Und zur Schwere gesellt sich die Traurigkeit.

Dass es um die Bestattung auch noch Drama gab, machts nicht besser.

Und jetzt steh ich vor der Frage, ob ich da überhaupt hin will, zu dieser Bestattung. Noch mal 500 Kilometer abreißen müssen. Und das an einem Tag – und so einem beschissenen – dank Beherbergungsverbot. Noch mal allein mit Autobahnpanik und Freundinnenverlust. Zumal ich mich nicht willkommen fühle. Ist ja nur ne begrenzte Personenzahl erlaubt und die ist gedacht für die „richtigen“ Freunde, die in den letzten Wochen da waren, wurde mir kommuniziert.

Ja, danke. Fühl mich allein schon schlecht genug damit. Jaja, weit weg und Pandemie und Lockdown und Umzug und neuer Job und Drama Drama, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, oder? Und jetz auf einmal, jetzt wo’s zu spät ist, geht’s irgendwie doch.

Der getroffene Hund ist getroffen.

Fahr ich hin oder rede ich hier weiter mit den Wolken? Ich muss den Lebenden nix beweisen, höchstens noch mir. Aber was eigentlich genau?

123456

Irgendwo mitten in Deutschland hat mein Auto heute die 123456 km-Marke überfahren. Mindestens 10000 davon haben wir in den vergangenen paar Wochen zurückgelegt. Und ich bin einfach unfassbar müde.

Ich wollte immer eine Nomadin sein. Aber dann kam das Leben und das hat da nicht mitgespielt. Und dann kam die Katze und die spielt da ganz sicher nicht mit! Und trotzdem bin ich immer unterwegs. Und dann habe ich einen Ort gefunden, an dem ich mir hätte vorstellen können, Wurzeln zu schlagen, aber einer Handvoll Idioten sei Dank habe ich es doch nicht getan. Eine Steppenhexe im eingezäunten Bereich.

Ich hab einfach keine Lust mehr, immer unterwegs zu sein, ohne richtig unterwegs zu sein. Das Leben hat mir sehr deutlich gezeigt, dass es endlich ist und ich mache dauernd Sachen, die ich gar nicht machen will und die unfassbar viel Zeit beanspruchen. Son Vollzeitjob zum Beispiel.

Da geht sie hin, die Lebenszeit, die Welt dreht und dreht sich und ich Steppenhexe wirble durch den eingezäunten Bereich, ohne Pause und dabei auch sehr allein. Die Leute in der Provinz – außer der Handvoll Idioten – waren toll und ich bin da jetzt nicht mehr. Ich sitze jetzt hier allein im Homeoffice. Die J. war supertoll und die ist gar nicht mehr da.

Ich bin allein und ich würd grad halt schon gern mal auf dem Beifahrersitz sitzen.

Stattdessen regel ich Zeug und arbeite Dinge ab und kümmer mich um alles außer mich selbst. Macht ja alles auch sonst keiner. Kein Mensch kümmert sich um Steppenhexen.

Also fahre ich weiter allein durch die Gegend und hab eigentlich keine Ahnung, wohin.

Auf die 234567.

Monate aufgebraucht

Da sind sie hin, die Monate. Keine fröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz mehr. Einfach gar keine Nachrichten mehr.

Ich stelle fest: Ja, es gibt sie. Eine Welt ohne J. Aber die macht keinen Spaß.

Und dann meine liebe Trude! Ich find ja nett, dass du versprochen hast, auf deiner Wolke hier vorbeizurudern. Aber kannste dafür vielleicht nächstes Mal ne Schönwetterwolke nehmen?

The other shoe II

Ja, Wohnung ist gemütlich und endlich wieder auf dem Dorf und so. Kollegen wirken ganz nett und ich bilde mir ein, bei der ein oder anderen Sache schon den Dreh raus zu haben. Krieg den neuen Job wohl hin. Und auch wenn er grad pausiert, der Frühling kommt und mein Garten blümt vor sich hin.

Und dann kommen da fröhliche Nachrichten aus dem Hospiz. Ich möchte keine fröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz. Ich möchte aber auch keine unfröhlichen Nachrichten aus dem Hospiz. Ich möchte einfach Nachrichten von meiner Freundin. Ohne Hospiz. Aber das Leben ist ja ein Ponyhof mit ewigem Scheißegeschaufle.

Akzeptanz und ihre Grenzen

Nachdem mein in unserer Zweisamkeit recht aufmüpfiges, außerhalb seiner Komfortzone jedoch reichlich ängstliches Kätzchen monatelang nur im Blumenpott saß und auf den Innenhof herabschaute und ich nicht unzufrieden davon ausging, dass es einfach kein Freigänger sein möchte, beschloss es vor einigen Wochen von einem Moment auf den anderen, doch ins Grün hinabzusteigen.

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Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich jetzt nicht mehr 24/7 helikoptern kann und dass Kitten vor all dem Schlimmen da draußen beschützen kann. Und dass es jetzt ein zweites Leben da draußen hat, in dem ich keine Rolle spiele. Ich kann immer noch nicht schlafen, solange sie rumstromert. Auch wenn ich ja weiß, dass Katzen so müssen.

Zum Glück habe ich bisher ein recht artiges Aschenputtel, das pünktlich mit Einsetzen der Dämmerung ins Grün hüpft und pünktlich gegen Mitternacht wieder zurückkommt. Und es ist herzerwärmend zu sehen, wie sie über die Wiese tobt und Insekten jagt, durch die Büsche spurt und die Bäume hochrennt. Sie lauert auch Vögeln auf, aber die Amseln haben längst allen Bescheid gesagt und ihre Attacken lösten bei mir und bei den Piepmätzen bisher nur Gekicher aus. Die Hoffnung, dass mein Duracell-Kätzchen durch Rennen, Jagen, Klettern in der Wohnung mal einen Gang runterschaltet, hat sich keinesfalls erfüllt. Neuerdings bringt sie um Mitternacht statt eines Prinzen bereits flugunfähige, aber noch sehr lebendige, dicke Nachtfalter mit, da kann man sich auch noch ein, zwei Stunden in der warmen Wohnung mit beschäftigen.

Ich finde das Falter-Leid schwer erträglich – das Dilemma eines fühlenden Katzenbesitzers. Gestern Abend kam dann das Aschenputtel früher rein, seine Ankunft laut verkündend, stolz geschwellte Brust, eine sehr tot aussehende Spitzmaus im Maul. Ich wollte mich gerade beeindruckt zeigen, ob des doch recht unverhofften Jagderfolgs, ich gebs ja zu, ich habs ihr gar nicht zugetraut. Da setzt sie das Insektenfresserchen neben mein Bett und es ist sehr lebendig.

Für einen Moment erwäge ich, dem Gang der Dinge einfach seinen Lauf und die Katze ihr Werk beenden zu lassen, doch dann denke ich daran, dass Spitzmäuse im Gegensatz zu ihren Namensvettern zwar eher Nütz- als Schädlinge sind, aber dennoch Exkremente hinterlassen und überhaupt, das arme Tier und nicht in meinem Schlafzimmer! Und boar, das arme Mäuschen. Das auch noch so zuvorkommend war, direkt aus dem Zimmer in den Flur zu flüchten und sich unter einem Schuh zu verstecken.

Ich fange durchdrehende Pferde, panische Schafe, empörte Enten – eine Spitzmaus in Todesangst bringt mich an meine Grenzen. Das Tier ist schnell und passt selbst unter der Tür durch, ich hab keine große Lust, gebissen zu werden und noch mehr weh tun will ich dem armen Ding auch nicht. Plötzlich verstehe ich, warum Leute angesichts so kleiner und harmloser Tiere kreischen, was ja auf den ersten Blick mal gar nix bringt: Es ist enorm befreiend. Die Spitzmaus verschwindet unter einer Fußleiste und ich gebs auf. Wenn sie da reinpasst, hab ich keine Chance.

Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass ich jetzt eine weitere Mitbewohnerin habe und finde das eigentlich gar nicht mehr schlimm, gebe ihr sogar einen Namen und hoffe, dass sie doch irgendwie unverletzt geblieben ist. Auch wenn ich weiß, dass sie eigentlich auch keine Chance hat: Spitzmäuse sterben schon nach wenigen Stunden ohne Futternachschub und was die wilde Flucht an Kalorien verbraucht hat, kann man sich ja ausrechnen.

Ich versuche, für den Rest des Abends nicht mehr drüber nachzudenken, als die Katze wieder aufdreht: Das Hinterteil der Spitzmaus kommt unter der Fußleiste hervor und ich sehe mich gezwungen, doch noch zu handeln. Ich will sie rausziehen, sie wehrt sich, hängt fest, kommt weder vor noch zurück, ist jetzt wirklich verletzt, die Katze tobt und ich heule hysterisch, während unter meiner Hand die Lebensgeister schwinden.

Am Ende ist die Spitzmaus tot, die Katze sauer, meine Wohnung wieder eine 2er-WG und ich bin fertig mit den Nerven. Ich werde den Gedanken an die Angst und den Schmerz des armen Dings nicht los, das am Ende nicht mal den Zweck erfüllte, den Jagdtrieb meiner Katze abschließend zu befriedigen.

Ich hatte gedacht, dass es ausreichend Grenzerfahrung ist, Fleisch einzukaufen und zuzubereiten, als die Katze hier einzog. Hübsch portioniertes Katzenfutter ist schon leichter zu ertragen, aber auch da darf ich nicht zu genau drüber nachdenken. Ihr selbstgefangener Mitternachtssnack… Augen auf beim Einsammeln halb verhungerter Katzenbabys in Tiefgaragen, kann ich da nur sagen. Da rettet man ein Tier und tötet das andere (und ja im Grunde nicht nur das).

😩