Ach Barcelona

Zehn Jahre sind vorbei und doch ist kein Tag vergangen. Wir haben sofort wieder zusammengefunden, mein Barcelona und ich.

Allein der Metro-Geruch weckt die Erinnerung daran, welche Linie wo hält. Ich wusste gar nicht, dass ich das mal so genau wusste. Aber ja, ich erkenne jede Station wieder. Ihren Klang, ihre Wege.

Jede Durchsage weckt die alten Katalanisch-Kenntnisse, die ich (fast) nie wieder gebraucht habe. So nachhaltig, dass ich ohne drüber nachzudenken nach dem blauen „El Periódico“ greife – der katalanischsprachigen Ausgabe der Zeitung.

Ich stapfe durch die regennassen Straßen, atme den besonderen Duft der Stadt und genieße die besondere Stimmung bei grauem Himmel. Das sonst so fröhliche Barcelona wirkt düster und morbide und doch verleiht dieses Wetter ihm gleichzeitig diese einzigartige Eleganz, diese leise Überlegenheit.

Und überall der Duft von Flieder…

Neinnein, das ist kein Pipi in meinen Augen, das ist der Regen.

Ich lausche dem Spanisch der Katalanen und obwohl es das Spanisch ist, das ich ganz am Anfang mal gelernt habe, klingt es irgendwie seltsam nach all den Jahren Chilenisch. Es mündet in die ultimative Verwirrung, als ich wafle con frutillas statt gofre con fresas bestelle und erst der zentralamerikanische Kassierer das Missverständnis einigermaßen aufklären kann.

Und dann kommen sie zurück: Die Sonne in den Häuserschluchten, die kreischenden Halsbandsittiche.
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Ich erinnere mich an den unsinnigsten Kram, unzählige winzige Momente in Barcelona. Und ich suche die Erinnerung. Ich wandere durch mein Viertel, ich tappe in meine Bäckerei, bestelle dümmlich grinsend ein Croissant und betrachte die hässlich braune Einrichtung, an der sich nichts geändert hat. Ob sie wenigstens das überteuerte Eis im Kühler mal ausgetauscht haben?

Ich denke ganz viel an No. 1 und erinnere mich stets daran, dass ich unsere gemeinsame Zeit in Barcelona gerade ganz böse idealisiere. Und ich denke an all die Dinge, die er mir gezeigt und ermöglicht hat und dann bin ich irgendwie ganz schön dankbar und ein bisschen fehlt er mir…

Ich schwelge in Tortillas de patata, Patatas bravas und kurioserweise in Pa amb tomàquet, dem ich sonst nie so viel abgewinnen konnte – vor allem, nachdem ich Hunderte davon zubereitet habe…

Ich mache mit J. ganz viel Touri-Quatsch, den ich nie so gemacht habe, stelle fest, dass viel mehr Touris da sind als früher mal und dass sie noch mehr abgezogen werden als früher mal.

Und der Kreis schließt sich an den Treppen zum Museu Nacional d’Art de Catalunya, auf denen ich damals schon einmal saß, an einem meiner letzten Tage in Barcelona, auf die Plaça d’Espanya guckte und flennte.

J. fragt mich sehr ernsthaft, ob ich sie wohl noch zum Flughafen bringe, mit einem Augenzwinkern davon ausgehend, dass ich wohl bleiben werde. Sie fragt mich, warum ich eigentlich damals meine Sachen gepackt habe.

Ja, es gab Gründe. Es gibt aber eigentlich keinen, warum ich nicht zurückgekehrt bin…

Ach, Barcelona, meine Alte. Wir sehen uns wieder. Nicht morgen, nicht nächste Woche, aber bald!

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Karma

No. 3 kommt ja immer mal wieder mit „ichvermissdichso“-Mimimi. Ich bin vor ein paar Wochen aus reinem Eigennutz son bisschen drauf eingegangen, weil ich am Freitag relativ früh am Flughafen in Berlin sein muss und ich deshalb dort übernachten möchte.

HALLO, Fuckboy.

Dann hab ich ihn also ein bisschen lauwarm köcheln lassen, um ihm dann mitzuteilen: Sorry, die J. kommt auch schon am Vorabend nach Berlin, ich schlafe dann mit ihr. Byebye.

„Warum hast du mir denn überhaupt erzählt, dass du nach Berlin kommst, wenn du mich gar nicht sehen willst?!“ und lauter derlei verbales Fußaufstampfen. Ausgiebig.

Ach, ich habs ja verdient.

Barcelona!

J. und ich haben unseren Urlaub in Barcelona klargemacht. Ich freue mich, auf unterwegs sein. Gleichzeitig packt mich so eine Welle von Nostalgie und die Frage: Krieg ich das hin?

Es ist eigentlich albern. Barcelona war im Grunde eine gute Zeit. Schön. Intensiv. Lehrreich. Persönlichkeitsbildend. Barcelona hat einen großen Platz in meinem Leben und in meinem Herzen. Ich denke oft sehnsüchtig daran. Und dennoch war ich seit zehn Jahren nicht mehr dort (oh Hilfe, WIE alt ich bin…). Obwohl nichts dagegen gesprochen hätte, einfach mal vorbeizugucken. Nichts hat mich aufgehalten.

Jetzt hat man mich praktisch dazu verdonnert und ich freu mich. Und ich hab nen Kloß im Hals. Eine völlig irrationale Ohnmacht. Mir fallen plötzlich Dinge ein, die ich völlig vergessen hatte. Orte, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich da mal war. Ganz viel Katalanisch, das ich nie wieder gebraucht habe. Splitter einer Darf man das?, die so gar nicht mehr ist.

Ich bin gespannt, ob ich dieser Begegnung mit meinem alten Ich gewachsen bin. Und ich kann’s kaum erwarten, das Stückchen alte Heimat zu sehen.

Confieso que he vivido

Übel gejetlagged mit viel Kaffee in der Hand und Streichhölzern zwischen den Augenlidern melde ich mich zurück aus Chile. Und meine Freundin J. nagelt mich sofort auf unseren bisher noch vagen Planungen für unseren Barcelona-Trip fest. Sie will ihren runden Geburtstag dort feiern, ich habe ihr versprochen, dass ich ihr meine Hood zeige.

Claro, sage ich, es bleibt dabei. Und muss ein bisschen irre grinsen. Stimmt, ich habe da mal gewohnt. So wie ich in Chile gewohnt habe. Und in Kanada. Du bist ganz schön irre, denke ich. Da biste grad mal 31 und hast in vier Ländern auf drei Kontinenten gewohnt. (Und sonst schimpfe ich mich immer furchtbar alt…)

Doch, ich hab da schon viel richtig gemacht. Viel Glück gehabt. Viele Chancen beim Schopf gepackt. War hier und da ein bisschen unvernünftig. Oarch, ich habe gelebt. Und ich bin noch längst nicht fertig!

Ein Land, wie man es gar nicht erfinden kann

Ach, mein Chile.

Kaum lässt man es mal unbeaufsichtigt… Es hat sich verändert in den vergangenen Jahren. Und irgendwie ist doch alles beim Alten geblieben.

Es ist ein Land im Aufbruch. Man merkt, dass mehr Menschen Zugang zu mehr Geld haben. Auch wenn es nur Kredite sind. Die Leute fahren schicke neue Autos, kaufen schicke kleine Fertighäuser in schicken Wohngebieten, in denen alle Häuser gleich aussehen. In jedem Zimmer ein fetter Fernseher. Die Leute steigen in die schicken neuen Billigflieger und fliegen nach Mar del Plata, Rio de Janeiro und Havanna. Das alte Paradigma, nach dem arm ist und bleibt, wer eine dunkle Hautfarbe hat, und reich ist und bleibt, wer weiß ist, bricht auf. Im Schneckentempo. Immerhin sieht man gelegentlich schon dunkelhäutige Menschen im Fernsehen. Und nicht als Verbrecher… Aber immer noch ist einer der reichsten Männer des Landes, der ganz zufällig auch noch Präsident ist, ganz schön weiß. Und all seine Buddys sind es auch.

Chile bleibt ein Land der Gegensätze. Nicht nur was die Natur angeht mit der Wüste im Norden, dem Eis im Süden, der Hitze am Tag und der Kälte in der Nacht. Auch der Alltag zeigt sich gern extrem: Der schicke neue Riesen-Mähdrescher rauscht am Ochsengespann vorbei. Die Leute gehen in die „Mall“, die schnell und billig zusammengezimmerte Glitzerwelt mit demselben schicken neuen Kram, den wir hier auch kaufen, und gehen dann zurück in ihr feuchtes Heim aus Wellblech und Holz (soon to be Fertighaus).

Ja, in Chile braucht es den neuesten Scheiß, YouTube diktiert Geschmack und Bedarf. Und doch findet auch Altes Platz, Verwendung und Respekt.
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In Chile hängt der Weihnachtsschmuck an der Verkaufsbude mit der Mapuche-Fahne… img_2990

Chile ist berühmt berüchtigt für seine völlig irre Bürokratie (wirklich irre, aber der Endgegner bleibt Deutschland), dennoch herrscht ein gewisses Laissez-faire. Und eine gewisse Egalheit, die ihr seitens der Chilenen entgegenschlägt. Das Auto ist dreimal bei der technischen Überprüfung, die alles durchwinkt, was nicht beim Anlassen direkt explodiert, durchgefallen? Egal, gehen wir woanders hin und bezahlen einfach mehr Geld!

Ach, die Chilenen, die alles so wunderbar dramatisieren können…img_2841
… und in der nächsten Sekunde wieder eine unfassbare Egalheit an den Tag legen. Was kostet die Welt? Kann ich mir nicht leisten, aber ach, egal, gib mir zwei! Das führt zur unvergleichlichen chilenischen Präzision:
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Passt, weil keiner Angst vorm Bums hat…

Die Chilenen, die so gastfreundlich sind und fröhlich und laut und sich über diese Kolumbianer und Venezolaner beschweren, die zahlreich ins Land kommen und… fröhlich und laut sind. Die Chilenen, die berühmt berüchtigt für ihre doppeldeutigen Sprüche, aber total pikiert sind, wenn man direkt übers Ficken redet.

Doch: So ganz langsam wandelt sich die verklemmte Gesellschaft. Man merkt, dass die jungen Leute keine Lust mehr haben auf all diese Zwänge. Züchtig sein, heiraten, jegliche Sexualität hinter verschlossenen Türen stattfinden lassen. Als ich das erste Mal in Chile war, durfte ich auf gar keinen Fall MÄNNER in meine Wohnung mitnehmen, das wurde von der Hauswirtin genauestens überwacht! Als ich mir schließlich eine andere Wohnung nahm, ohne Männerschranke, hatte ich direkt einen Schlampenstempel. In der Öffentlichkeit knutschen war nicht. Trotzdem haben alle im Wald gevögelt, denn das Motel kann sich nicht jeder leisten. Weil aber die armen Studenten alle noch zu Hause wohnen mussten (ein chilenisches Studium ist ein teurer Spaß), war zu Hause ficken auch nicht drin. „Nicht unter meinem Dach“, der Standardspruch der chilenischen Muddi. Dass das trotzdem stattfindet, dürfte klar sein. Hauptsache, der Schein ist gewahrt… Muss man erwähnen, dass viele Chilenen miserabel aufgeklärt sind? Nicht mal Tampons hat man vernünftig gekriegt! Die gute katholische Jungfrau kann ja nicht von so einem Ding penetriert werden!
Mittlerweile wird geknutscht. Man sieht gelegentlich homosexuelle Paare. Auch wenn das ununterbrochen kommentiert wird -.- In manch gut sortiertem Supermarkt findet man Kondome. Und jaha, Tampons. (Wenn auch mitunter von zweifelhafter Qualität.) Und ja, Sex liegt in der Luft. Es scheint nicht mehr alles so heilig…

Ach Chile, ein Schlaraffenland, in dem der Hunger noch kein Fremder ist…

 

Das Land, in dem alle irgendwie das Meer lieben, weil es einfach so schön ist – und doch so tödlich.

In Chile gibt es drei Worte für „die Erde bebt“. Ein „sismo“ ist kaum wahrzunehmen. Hat es gewackelt, oder war das mein Herzschlag? Vielleicht hat sogar der Hund gebellt und am Ende sagt der Mann im Radio: Hat gewackelt. Ein „temblor“ kriegt man schon eher mit – wenn man es nicht verschläft. Bei einem temblor bellt der Hund bestimmt und die Möwen kreischen in der Nacht. Das Bett quietscht und die Gläser klirren. Ein temblor ist alles bis etwa zur Bebenstärke 7, nichts, was den Durchschnittschilenen aus der Ruhe bringt. Erst, wenn alles umfällt, spricht der Chilene von einem „terremoto“, einem Erdbeben und das bringt gerne mal nen Tsunami mit. Dann ist Schluss mit Egalheit.
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Ich kenne Chile aus einer Zeit, in der alles umgefallen war und vieles überschwemmt. Monatelang hat es täglich gewackelt, manchmal mehrmals täglich. Anfangs habe ich nachts noch im Bett gestanden, irgendwann habe ich alle möglichen temblores verpennt. In Prüfungen habe ich den Schreiber weggelegt, weil keiner das Gekrakel hätte lesen können. Mitunter habe ich den Kaffee weggestellt, damit mir das heiße Zeug nicht auf die Beine schwappte. Manchmal saß ich gerade auf einer Wiese oder am Strand – und fand es irgenwie… schön. Mutter Erde lebt und so. Klingt irgendwie eso-spinnert… Fast hat es mir dieser Tage gefehlt – die beiden einzig nennenswerten temblores habe ich verschlafen. (Ich hab leicht reden, ich habe durch das Beben nichts und niemanden verloren – nur den Zugang zu fließend warmen Wasser…)

In Chile weiß man nie, was einen erwartet. Und doch wird man nie überrascht. Denn auch das verrückteste, ungwöhnlichste oder schockierendste Ereignis lässt sich mit einem Wort erklären: Chile.

Was mich am ehesten überrascht in Chile, bin ich selbst. Chile verändert mich. Ich steige aus dem Flieger und bin eine andere Person. Ich bin entspannter. Ich bin fröhlicher. Ich bin geselliger. Ich bin wagemutiger. Ich bin… egaler. Was kostet die Welt? Egal, Hauptsache, es ist ein Chile drauf.

Ja, das Land verändert sich. Ich sehe es mit einem lachenden und weinenden Auge. Ich mag mein Chile, so wie es war. Auch wenn mich Manches auf die Palme getrieben hat. Aber es kann ja nicht zu meiner persönlichen Unterhaltung ein Museum bleiben. Kaum ein Chilene befindet sich in der Position, in der ich privilegierte Weiße mich befinde: Einfach jederzeit in ein Erste-Welt-Land verschwinden zu können, in dem auf ganz hohem Niveau gejammert wird.

Ich freue mich, dass es immer mehr Menschen in Chile immer besser geht, so manche Veränderung war bitter nötig. Nicht alle Entwicklungen finde ich toll. Vieles wird für immer verloren gehen. Aber ach, ich mag mein Chile, so wie es ist. Und ich werde es weiter im Auge behalten.

*Abgang mit viel Geheule*

Kryptonit

In Chile kommt man fast überall, wo es einigermaßen befahrbare Straßen gibt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin. Schon allein, weil längst nicht jeder ein eigenes Auto hat.

Da sind zum Einen die Fernbusse, die zu unschlagbaren Preisen Städte im ganzen Land miteinander verbinden. Kein Vergleich zu unseren unbequemen Rumpelfernbussen: Über hunderte und tausende Kilometer wird man stundenlang praktisch liegend transportiert, ein Steward kümmert sich um alles, es gibt saubere Decken und Kissen, Klimaanlage, Schnickschnack. Wenn man irgendwie geistesgestört ist und nicht so viel Wert auf  Körperpflege legt, kann man sich vier Tage lang die 5000 Kilometer von Arica nach Punta Arenas fahren lassen. Das Schlimmste was man machen kann: Mit einem Bus über mehrere hundert Kilometer zum Flughafen fahren und sich dann im Flieger in die Holzklasse zwängen. Plötzlich weiß selbst ich Zwerg nicht, wohin mit meinen Beinen.

Dann gibt es die Überlandbusse, die einen in die kleineren Städte und Dörfer rund um die großen Zentren rumpeln.

In Santiago gibt es ein paar Metrolinien, die nur so mittelhilfreich sind. Im Großraum Concepción fährt der Biotren, der sich in den vergangenen Jahren wirklich gemausert hat und den ich zuletzt ganz praktisch fand.

In den Städten selbst nimmt man die Micro. (Am Anfang habe ich bei dem Namen gerade wegen des weiblichen Artikels irgendwie immer an Mikrowellen gedacht, völlig absurd.) Außerhalb von Santiago handelt es sich um klapprige Minibusse mit teils so schnöden Liniennamen wie Concepción – Coronel – Lota, teils fantasievolleren Kreationen wie „Las Galaxias“ oder „Vía Láctea“. Mein Favorit: Die „Rapidos“ in Chillán, die kreuz und quer durch die ganze Stadt zuckeln, vorbei an allem Wichtigen wie dem Busbahnhof, dem Bahnhof, der Kathedrale, der Plaza de Armas, dem Markt… Nur eben alles andere als schnell, wie im Namen behauptet.

Einige Micros sind schlicht gehalten, wieder andere sind überbordend geschmückt mit Girlanden, Fußballdevotionalien, blinkenden Lichterketten und dem Klassiker: Heiligen- und Marienbildnissen. Am schönsten: Die Jungfrau inmitten von rosa Rüschen. (Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es sich beim Micro-Fahren um ein höchst männliches Gewerbe handelt, ich sah noch nie eine FahrerIN. Ich ließ mir sagen, im Großraum Concepción seien zwei Damen unterwegs.) Auch gern genommen: Aufkleber mit religiösen Botschaften. „Jesus ist für dich gestorben!“ oder „Jesus lebt!“ (Watt denn nu?)

Wer die Micro nimmt, macht sich besser auf ein lautes Vergnügen gefasst. Die Dinger dieseln und klappern nicht nur ordentlich – vor allem, wenn sie im ersten Gang die Berge hochkriechen und nach jedem Halten erst mal drei, vier Meter zurückrollen -, sie haben auch fast immer musikalische Untermalung. Wenn man Glück hat, läuft einfach das Radio. Wenn man Pech hat, laufen Reggaeton und Cumbia in Dauerschleife und wenn man die ganz goldene Arschkarte gezogen hat, läuft traditionelle chilenische Musik. Bis die Ohren bluten. Und Teenies, die mit ihren Handys laut Musik hören, sind wohl ein internationales Phänomen…

Die Micros dienen nicht nur dem Fahrgasttransport: Dort steigen auch Straßenmusiker oder -künstler ein und bieten Show. Mitunter erzählt ein Prediger vom Tod oder vom Leben von Jesus (ich muss da wohl mal besser zuhören, dann versteh ich’s vielleicht). Meistens bieten fliegende Händler Süßes, Eis, Getränke und im Herbst geröstete Araukarien-Kerne. Man munkelt, es seien sogar schon Motorsägen in der Micro verkauft worden…

Der Fahrstil der Micro-Fahrer ist… interessant. Die haben es immer eilig. So muss man unbedingt vor der Konkurrenz an der Haltestelle sein (viele Fahrer sind Herren über ihr eigenes Gefährt). Dann wird schon während der Fahrt die Tür geöffnet, was im Sommer ganz angenehm sein kann, im Winter etwas frisch. Und noch während die Leute ein- und aussteigen wird schon wieder losgepest, die Tür kann man an der nächsten Ampel noch zumachen. Man ist also besser behände, barrierefrei sind Micros nicht.

Das andere Extrem sind Fahrer, die an der Haltestelle stehen und auch auf den trödeligsten Opi warten, der noch drei Häuserblocks entfernt ist und so aussieht, als könne er eventuell die Micro nehmen wollen. Da hat man besser keine Eile, denn dieses Schauspiel wiederholt sich an jeder Haltestelle, während drei andere Micros der gleichen Linie an einem vorbeidonnern.

Die Micros haben eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 40 in der Stadt und 80 außerorts – daran gehalten hat sich meines Wissens noch kein Fahrer. Schön fand ich den Fahrer, der mit 110 Sachen an einer Polizeikolonne vorbeirauschte und dabei noch wild hupte. Wild gehupt wird eh dauernd: Sei es um andere Micro-Fahrer einzuschüchtern, um potenzielle Fahrgäste auf das eigene Herannahen aufmerksam zu machen oder einfach so…

Auch nett: Der Fahrer, der auf der Ruta 160 morgens um 5 noch ein Schläfchen hielt. Die Straße ist Dutzende Kilometer lang schnurgerade, die Micro kennt den Weg. Besser, man weckt den Mann nicht auf, sonst verreißt er noch das Steuer.

Nicht zu verachten ist der Unterhaltungsfaktor einer Micro-Fahrt. Chilenen sind äußerst pragmatisch: Warum einfach Bus fahren, wenn man gleichzeitig Achterbahn fahren kann? Meine speziellen Empfehlungen: Eine Fahrt über die Brücke Juan Pablo II zwischen Concepción und San Pedro de la Paz, die nach dem Erdbeben 2010 etwas… uneben zurückblieb. Paar Stützen drunter und schon fließt der Verkehr wieder… Wenn die Micro-Fahrer dort alles aus ihrem Vehikel rausholen und Stoßdämpfer ein Fremdwort sind – yihaaaaa. Noch besser: Eine Fahrt von Caleta Tumbes den Berg runter nach Talcahuano, wenn der Fahrer mal aufs Klo muss. Am besten in der letzten Reihe in der Mitte sitzen und bei vollem Bewusstsein die Nahtoderfahrung machen. Alles zum Preis von weniger als einem Euro.

Praktisch: Eine Micro hält nicht nur an den Haltestellen, man kann auch einfach irgendwo rumstehen und sich eine ranwinken. Genauso kann man den Fahrer nett fragen (oder durch den ganzen Bus brüllen), ob man da an der Ecke rauskann.

Das Problem an der Micro: Es gibt keine Fahrpläne, was schon allein am wahnsinnigen Verkehr und den wahnsinnigen Fahrstilen liegt, aber auch an der schieren Masse der Micros und eben der Tatsache, dass viele Fahrer ihr eigenes Ding machen. Dann bleibt man halt morgens mal länger liegen oder schiebt abends ne Sonderschicht ein. Es gibt auch keine Tages-, Wochen-, oder gar Monatskarten, jede Micro wird einzeln bezahlt, muss man umsteigen, zahlt man halt zweimal. Und: Es gibt keine Linienpläne, höchstens im Bus selbst finden sich welche und auch nur für diese Linie. Wenn der Plan nicht vom Marienbild überdeckt wird. Vorne steht zwar die ungefähre Route dran, aber außer ein paar Orientierungspunkten wie „Busbahnhof“ oder „Mall“ sind die für Ortsunkundige eher nichtssagend. Weil man nicht unbedingt weiß, wo sich die benannten Straßen befinden und weil die Straßen meist kilometerlang sind. Was hilft es, wenn ich an einem Ende der Straße aussteigen kann, aber ans ganz andere muss?

Dazu kommen die wahrlich großartigen Wegbeschreibungn der Chilenen. „Steig aus, wo die Micro um die Ecke fährt.“ Danke für diesen Hinweis, eine Micro fährt pro Tour um mehrere Hundert Ecken. „Steig an der Plaza de Armas aus“, ist schon hilfreicher. Die Plaza de Armas liegt in der Regel im Stadtzentrum, ist recht groß, grün und meistens stehen Stauen oder Büsten von so Kollegen wie Bernardo O’Higgins oder Anibal Pinto drauf rum. Doof nur, wenn man die Plaza eines Ortes nicht kennt, denn große grüne Plätze gibt es auch gern mal mehrere und dann auch noch mit Kaspern drauf. Ich kann auch nicht behaupten, genau zu wissen, wie die beiden oben genannten Herren genau aussehen, der O’Higgins ist im Zweifel der uffm Gaul, das ist aber auch nicht gesetzt.

Nun gibt es noch die Colectivos, Sammeltaxis, die festgelegte Routen abklappen, bei wenig Fahrgästen oder nachts aber auch gerne mal einen kleinen Schlenker fahren, wenn man lieb bitte sagt. Könnte man schon weiter mit kommen, nur wieder das Problem: Fährt der überhaupt in die Nähe von da, wo ich hinwill?

So gut ich mich in Chile mit all seinem Chaos zurechtfinde (meine Freunde führen ein Darf-man-das?-Chilenisierungspunktekonto auf dem ich kurz vor der Einbürgerung stehe): Die Micros sorgen immer noch dafür, dass ich immer neue Ecken kennenlerne – wenn auch höchst unfreiwillig. (Minuspunkte ohne Ende auf dem Chilenisierungskonto.)  In Concepción habe ich monatelang jeden Weg zu Fuß gemacht, weil ich es einfach nicht hingekriegt habe. Ich bin zwar noch jedes Mal am Ziel angekommen. Dennoch merke ich jedes Mal, wenn ich wieder irgendwo ganz anders aussteige, als ich wollte, wie in quietschroter Leuchtschrift das Wort „Gringa“ auf meiner Stirn aufleuchtet… Seufz.

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