Wenn ich den See seh

Da begab es sich nun, dass ich zu einem Besuch in die Provinz zurückkehrte. Schon lange vor der Ankunft konnte ich den See sehn. Und den Mohn blühen. Und alles grünen. Es ist einfach die schönste Jahreszeit.

Und tagelang wurde ich umhergefahren und konnte einfach Beifahrer sein. Den See sehn. Und den Mohn. Und die Felder auf den sanften Hügeln. Kilometerweit keine Spuren von Besiedlung. Einfach Provinz. Wie ich sie liebe.

Und ich musste gar nicht so tief in mich gehen, um die dummen Chefs (allen voran das unfassbar dumme fette Arschloch), die mir das so kaputt gemacht haben, dass ich gegangen bin, sehr zu hassen. Noch mehr als vorher schon. Einfach der blanke Hass!

Vor allem jetzt, wenn ich bei 33 Grad keinen See mehr seh.

Groarrrrrr.

Meh

Es ist doch die schönste Zeit des Jahres: die Zeit der Jahresend-Roundup-Depression.

Was soll ich sagen: Ich stecke gar nicht so tief drin, dieses Jahr. Es war ein schlimmschlimm furchtbares Jahr. Ich hatte recht mit meiner Prognose vom letzten Jahr: „Die ersten 4 Monate werden wie ein ICE auf mich zu und über mich rüber rasen. Danach könnte der Krise die Chance folgen. Aber Optimismus liegt mir nicht.“

Tatsächlich ist der ICE bestimmt 4 oder 5 Mal über mich rübergerollt. Es wurde so richtig schlimm, richtig richtig schlimm und richtig schlimm.

Es ist allerdings alles unfassbar weit weg. Ich weiß, mir ging’s beschissen und alles war beschissen und scheiße und bäh, aber es fühlt sich an, als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Und alles, was danach kam: naja. Joa. Meh. Ich weiß, was ich dieses Jahr gemacht habe und was ich erlebt habe, ich kann da ne schöne Liste von machen. Aber meh. Es ist alles komplett gleichgültig. Es liegt dicke, fluffige Decke aus Meh und Gleichgültigkeit und weit weg drüber. Zwar transparent, aber wolkig. Selbst Frankreich: meh. Vielleicht hab ich mir das alles auch nur eingebildet. Oder jemand anderes hat es erlebt. Was weiß denn ich.

Das spiegelt sich auch im Blog wieder. Ich habe selten geschrieben. Nicht, dass nix los war. Aber es hat mich nicht ausreichend bewegt, um es aufzuschreiben. Weil: meh.

In diesem Sinne. Frohes Neues. Ich arbeite rein. Weil: eh egal.

Das rosa Nilpferd

Kurz vor Weihnachten bin ich aus Versehen in die Stadt des Grauens geraten. Tief in Gedanken Autobahn-Ausfahrt verpasst, die nächste genommen und weil die zwei Kilometer von dort bis zu mir bekannten Wegen ein schwarzes Loch auf meiner geistigen Landkarte sind, im Ghetto gelandet. Im Früher.

Vielleicht habe ich dort T. gesehen. Ich bin nicht sicher, ich habe den Weg gesucht und im Dezember sind die Tage dort im Norden etwa zweieinhalb Minuten lang und das Tageslicht kommt in 50 Grauschattierungen durch 50 Wolkenschichten. Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen.

Ich erzähle das nie jemandem, weil es mir wahnsinnig peinlich ist, aber T. ist vielleicht der einzige Typ, in den ich je wirklich verliebt gewesen bin.

Das Peinlichste ist, dass ich ihm in sentimentalen Momenten immer noch nachhänge. Es kommt gelegentlich vor, dass ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn er noch in meinem Leben wäre.

Im Grunde ist es komplett absurd. T. und ich, das war in einem anderen Leben. In diesem schlimmen Früher. Ich war ein anderer Mensch und er war… ein Mensch, den ich heute nicht mehr ertragen könnte.

Es gibt kein realistisches Szenario, in dem wir uns noch nicht gegenseitig den Hals umgedreht hätten. Wir mussten schon damals für die Definition von Hassliebe herhalten. Er wusste genau, wie man mich provozieren kann.

Natürlich habe ich ihn gegugelt. Was man findet: Seinen Vater, der gefühlt zweimal die Woche in der Lokalpresse auftaucht. Seine Mutter, der jemand das mit den Privatsphäre-Einstellungen in diesem Facebook erklären sollte. Seine Brüder in der großen Stadt, Jura, BWL, dickes Auto, blonde Freundin, 2.-Generation-Einwanderer-guck-her-ich-habs-geschafft. T. hat keine digitale Spur hinterlassen. Ich weiß nichts über den T. von heute.

Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen. Es reicht, um meinen Kopf zu ficken. Von der Bettkante stoßen würde ich ihn auch heute möglicherweise nicht. Und der Rest…? So ein Schwachfug!

Manchmal frage ich mich, ob ich damals meinen ganzen Vorrat an Verliebtsein aufgebraucht habe. Oder setze ich nur das Feuer von damals als viel zu hohe Messlatte an?

Manchmal frage ich mich, wie ernsthaft er mich zurückgeliebt hat. Und in ganz schwachen Momenten denke ich, wie schön es wäre, wenn es einer täte. Also, mich lieben. Nicht unbedingt er, sondern irgendwer.

Aber dann fällt mir ein, was für ein egoistischer Gedanke das ist. Denn ich liebe nicht zurück. Und überhaupt, man kann mich ja nicht lieben.

Am Ende ist es egal, ob ich T. gesehen habe, eine graue Katze oder ein rosa Nilpferd (rückblickend war es wahrscheinlich ein rosa Nilpferd). Wahrscheinlich ist es doch nur mein Hirn, das sich an das einzig sexye aus dem schlimmen Früher klammert. Die ultimative Vermeidungsstrategie. Vielleicht möchte mein Gehirn gar nicht, dass sich irgendetwas Besseres, Intensiveres, Realistischeres über diese Gefühle legt. Weil das Früher dann nur noch unerträglich wäre.

Wildes Schleudern

Ich glaube jeder, der heute zurückblickt auf Dinge, die er vor etwa einem Jahr zum Thema „Neues Jahr 2020, was da so kommt“ geschrieben hat, muss gerade ein bisschen grinsen. Was waren wir naiv und unschuldig. So süß!

2020 ist fast vorbei und wem kommt es nicht vor, als sei er in den vergangenen 12 Monaten etwa 10 Jahre gealtert?

Corona war eigentlich mein geringstes Problem, im Gegenteil. Endlich müssen Leute ABSTAND halten, das ist mir enorm recht. Ich hab das schon immer gehasst, wenn mir im Supermarkt einer in den Nacken gehustet hat. Brrr. Ich hatte auch immer Desinfektionsmittel in der Handtasche, falls mir mal wieder wer unbedingt die Hand schütteln musste. Ich hoffe, dass es künftig heißt: Hände schütteln? Das ist so 2010er! Ekelhaft! Ich liebe, liebe, liebe nach wie vor das Home Office. Im Schlafanzug mit der Katze schimmeln und nebenher ein bisschen Content schubsen – vielleicht ist es doch ein bisschen ein Traumberuf. Wenn da nicht die Verrückten wären. Auch mein kurzer Ausflug in die Kurzarbeit war eigentlich ganz gechillt. Trotzdem hab ich dieses Kackvirus sowas von SATT! Leute werden krank, Leute sterben, Leute verlieren ihre Existenz, is halt kacke. Ich hab keinen Bedarf an Ansteckung, besten Dank, ist halt kacke. Mir fehlt wenig, ich geh nie shoppen, ich geh nie Party machen, Kultur gibs hier im Nirgendwo eh nie, aber manchmal wärs halt schon nett, einfach wieder mal „was“ machen zu können. Oder mir ne Wohnung in nem anderen Bundesland suchen zu können, ohne im Januar im Auto übernachten zu müssen! So Luxusprobleme halt. Und es ist schon ein Unterschied, ob man Leute nicht sehen will oder nicht sehen darf.

Ich schrieb schon vor Monaten: „Alles geht in Zeitlupe und dabei rast die Zeit so schnell, dass mir von der Erdrotation schlecht wird.“ Es trifft’s immer noch. Ich habe dieses Jahr trotz Allem gar nicht so wenig erlebt und doch kommt mir alles wahnsinnig weit weg vor. Der? Den hab ich vor 1000 Jahren getroffen. Irgendwann im Jahr 2020. Das? Das war vor Lichtjahren. 2020 halt. Ich habe vor gut 24 Stunden meinen Job gekündigt. Ewig her. (Flurfunkgeschwindigkeit übrigens: 5 Kollegen wussten in 0,5 Stunden Bescheid, ich selbst habe für drei Kollegen vier Stunden gebraucht, weil wir richtig redeten. Einer kommt wahrscheinlich sogar mit und es wird schööööön ❤ Reden ist manchmal interessant.)

Ich habe dieses Jahr alle vorstellbaren Emotionen durch. Ich erinnere mich nur durch Watte an sie. Der Rest ist Erschöpfung. Vergessen. Corona-Brain. Und der Stress, der plötzlich mit dem Jobangebot aufkam und alles überlagert. Plötzlich klammere ich mich an alles, nur weil es sicher ist. Den Job, den ich hasse, die Wohnung, die mich deprimiert….

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Ja, es gab schlimmere Jahre. Schlimmer als 2016 will ich mir lieber gar nicht vorstellen, auch wenn ich es für durchaus möglich halte. Aber so ausgelaugt war ich noch nie.“ Ich kann mich beim besten Willen nicht an das Ende des letzten Jahres erinnern. Ich weiß nicht mehr, was war und wie ich mich gefühlt habe. 2016 war schlimm. War 2020 genauso schlimm? Zwischendurch hat es sich so angefühlt. Ich habe mich gefragt, ob ich all meine Resilienz aufgebraucht habe. Ich war an den dunkelsten Orten meiner Psyche. Die vergangenen sieben Tage haben mich aufgerüttelt wie eine Daunendecke, die ausgeschüttelt wird. Plötzlich muss ich unter die Lebenden zurückkehren. Und der Nebel über der Zeit vor vor einer Woche wird dichter.

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Einen Ausblick auf dieses 2020 wage ich gar nicht. Was weiß denn ich, was da kommt. Ich hoffe, Veränderung. Ich fürchte: nicht.“ Was wussten denn wir, was da kommen würde! Süße Ahnungslosigkeit. Es hat sich alles verändert und doch irgendwie nichts. Meine Befürchtung für 2020 hat sich irgendwie erfüllt und meine Hoffnung wird auf den letzten Drücker erfüllt. Ein bisschen zu heftig für meinen Geschmack, aber eigentlich mag ich’s ja hart. Und ich weiß: Auch diese Daunenwolke wird sich legen. Auch dieser Wahnsinn wird vorbeigehen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie.

2021 wird definitiv Veränderung bringen. Für mich und alle. Einen Ausblick auf dieses 2021 wage ich nicht. Ich gebe nur die Prognose: Die ersten 4 Monate werden wie ein ICE auf mich zu und über mich rüber rasen. Danach könnte der Krise die Chance folgen. Aber Optimismus liegt mir nicht. Wir werden es sehen. Ich lasse den ICE rollen. Und dann sehe ich weiter.

Vor knapp einem Jahr schrieb ich: „Ereignisloser Neujahrsdienst, wo gibts denn sowas! Nächstes Jahr gebt ihr euch wieder mehr Mühe, ok? Ohne unschuldige Affen zu töten, bitte!“ Jetzt müsst ihr kreativ werden! Ich bin ja herzlich froh über Stillvester. Aber der Neujahrsdienst droht RICHTIG lang zu werden. Denkt euch was aus! Und kommt gut rüber!

2021 wird… 2021.

Sentimentäler

No. 3 jammert, er will mich sehen und fantasiert davon, wie er mich im Arm hält und meinen Nacken küsst.

Ich gebe zu, fast will ich mich ein bisschen drauf einlassen, wider besseres Wissen und ich schimpfe sehr mit mir selbst. Frage mich, was da kaputt ist in meinem Hirn. Und dann fällt mir auf, das die Erklärung leicht ist: Ich möchte mich gern begehrenswert fühlen, obwohl ich weiß, dass ich es nicht bin. Mit seinem dummen Gelaber erfüllt er dieses Bedürfnis.

Ich werde nicht schwach, denn ich weiß, er wird mir nicht geben, was ich will und noch weniger, was ich brauche. Aber ach, wenn ich mir so jemanden backen könnte…

Fazit und so

Normalerweise kommt ja am Ende des Jahres immer mein Fazit und maule, wie schlimm wieder alles war. Also, letztes Jahr war kurz ok, aber sonst immer alles schlimmschlimmschlimm. Kurze Selbstmitleidserenade.

Dass das dieses Mal mit einem Tag Verspätung kommt, ist ziemlich symptomatisch. Ich krieg N-I-X gebacken. Ich bin körperlich und emotional komplett erschöpft. Wenn es nach mir ginge, würde ich nur noch rumliegen.

Was eigentlich ganz gut anfing als dieses sogenannte 2019, begann bereits im Februar irgendwie meh zu werden und während ich noch dachte, das ruckelt sich schon noch wieder zurecht, begann eine unaufhaltsame Abwärtsspirale, die sich bis heute fortsetzt. Und ich kann nur zusehen und in all meiner Erschöpfung nichts tun.

Ja, es gab schlimmere Jahre. Schlimmer als 2016 will ich mir lieber gar nicht vorstellen, auch wenn ich es für durchaus möglich halte. Aber so ausgelaugt war ich noch nie.

Immerhin habe ich eine ständige Begleitung beim Rumliegen: die schwarze Prinzessin. Auch wenn sie schon wieder Grund ist, mir Sorgen zu machen. Ganz schlimm: Das schlechte Gewissen, dass ich sie wegen Madagaskar eeeeewige 18 Tage verlassen werde.

Einen Ausblick auf dieses 2020 wage ich gar nicht. Was weiß denn ich, was da kommt. Ich hoffe, Veränderung. Ich fürchte: nicht.

Das neue Jahr begann für mich mit einer besonders heftigen und schmerzhaften Menstruation – was auch immer man da reininterpretieren will. Begleitet war sie wie üblich von einem wilden Sextraum – was auch immer man da reininterpretieren will. Protagonist: Der Arbeitsgatte. Was auch immer man da reininterpretieren will.

Es wirkte wirklich realistisch und lebhaft – so sehr, dass ich noch den ganzen relativ ereignislosen Feiertagsdienst (ereignisloser Neujahrsdienst, wo gibts denn sowas! Nächstes Jahr gebt ihr euch wieder mehr Mühe, ok? Ohne unschuldige Affen zu töten, bitte!) immer wieder Bilder davon vor Augen hatte.

Und obwohl es in meinem Traum wirklich wild und sehr, sehr sexy war: Je mehr ich drüber nachdenke, desto weniger kann ich mir Sex mit dem Arbeitsgatten vorstellen. Ich kann mir einfach keine Situation vorstellen, in der wir uns wirklich ernst nehmen. Das fänd ich beim Vögeln dann halt schon schön. Man muss die Situation nicht ernst nehmen. Aber den Partner.

Und somit kann ich wieder jemanden von der Vögelliste streichen. Was eigentlich nichts zu bedeuten hat, denn: Ich habe grade überhaupt keine Energie für sowas. Und meinen Körper mag ich auch grad keinem vorführen.

Wie dem auch sei. Frohes Neues und so.

Barcelona!

J. und ich haben unseren Urlaub in Barcelona klargemacht. Ich freue mich, auf unterwegs sein. Gleichzeitig packt mich so eine Welle von Nostalgie und die Frage: Krieg ich das hin?

Es ist eigentlich albern. Barcelona war im Grunde eine gute Zeit. Schön. Intensiv. Lehrreich. Persönlichkeitsbildend. Barcelona hat einen großen Platz in meinem Leben und in meinem Herzen. Ich denke oft sehnsüchtig daran. Und dennoch war ich seit zehn Jahren nicht mehr dort (oh Hilfe, WIE alt ich bin…). Obwohl nichts dagegen gesprochen hätte, einfach mal vorbeizugucken. Nichts hat mich aufgehalten.

Jetzt hat man mich praktisch dazu verdonnert und ich freu mich. Und ich hab nen Kloß im Hals. Eine völlig irrationale Ohnmacht. Mir fallen plötzlich Dinge ein, die ich völlig vergessen hatte. Orte, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich da mal war. Ganz viel Katalanisch, das ich nie wieder gebraucht habe. Splitter einer Darf man das?, die so gar nicht mehr ist.

Ich bin gespannt, ob ich dieser Begegnung mit meinem alten Ich gewachsen bin. Und ich kann’s kaum erwarten, das Stückchen alte Heimat zu sehen.

Oh, ein Jubiläum

Zur Abwechslung schreibt No. 1 mal wieder. Der alte Stalker hat sich sogar extra ein neues Facebook-Profil zugelegt.

Weil ich bei der Arbeit sitze und mir sehr, sehr langweilig ist, lasse ich mich auf einen Chat ein. Letztlich schreiben wir meine ganze Schicht lang. Es ist über weite Strecken eine ganz normale Unterhaltung mit viel des von mir so geliebten Intello-Gedanken-Ping-Pongs. Oft muss ich sehr lachen.

Und wie immer frage ich mich: Was treibt ihn immer wieder dazu, mir so aus dem Nichts zu schreiben? Wer läuft denn rum und denkt: Hach, heut schreib ich mal meiner Ex?

Er schreibt: Ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe, als ich mich damals auf dich eingelassen habe. Ich hatte doch so glücklich vor mich hingelebt.

Ich denke: Du hättest dich nicht einlassen müssen. DU hast darauf gedrängt, das was läuft.

Ich denke an die warme Septembernacht, in der er mir auf einer Bank am Fuße der Sagrada Familia zum ersten Mal auf die Pelle gerückt ist.

Und plötzlich weiß ich, warum er ausgerechnet heute schreibt: Das ist ziemlich haargenau zehn Jahre her. Wie sentimental von ihm…