Seite 49ff

Da erreicht mich so Leserpost (YEAY, Leserpost! 📭). Das ist etwas, was ich an dem Blog mag: Ihr Menschen, mit mehr, anderen oder einfach Erfahrungen sagt manchmal was, dann denk ich drüber nach und dann ergibt es Erkenntnisgewinn. Dieser Leser schreibt also (Fehler sind seine eigenen):

z.B. „das Jahr 2016“, das erwähnst du immer wieder, wie schlecht es war, und dann läuft das bei mir wie in einem Stephen King Buch, wenn er auf Seite 49 sagt, „aber zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass der Schatten auch in ihr Haus gelangen würde“, da wird der Spannungsbogen hochgehalten, wie dieses Jahr wohl wirklich war. Irgendwann werde ich es lesen.

Ich musste dann hart über das Jahr 2016 nachdenken. Ich konnte nicht mal nachvollziehen, in welcher Stadt ich 2016 gelebt habe. Ich musste mit Hilfe der Finger nachrechnen: Wenn ich diesen Job seit nem knappen Jahr habe, den davor drei… 2016 im Sinn… Ohne in meinem eigenen Blog zu spicken, kann ich mich auch an nur ein Ereignis erinnern: Den Tod des großen Ungetüms. Alles andere ist Watte in meinem Kopf. Woran ich mich sehr lebhaft erinnere: Das Gefühl, nachts aufzuwachen und schon zu heulen, bevor ich überhaupt begriffen habe, dass ich wach bin. Weil heulen der natürliche Zustand war. Totale physische und psychische Erschöpfung.

Was war so besonders schlimm an 2016? Ich glaube, ich habe das hier im Blog schon mal irgendwann irgendwo geschrieben, ich finds nur grad nicht: Manchmal passieren Dinge, die einem vorkommen wie das Ende der Welt. Man kann sich nicht vorstellen, wie die Dinge weitergehen sollen. Wie das Leben funktionieren soll, angesichts dieses Ereignisses. Aber die Welt dreht sich weiter, die Zeit vergeht und irgendwie gelangt man auf die andere Seite, die Dinge gehen weiter, das Leben funktioniert, der Schmerz wird kleiner. Eine Lektion, die ich in meiner Jugend gelernt habe, als ich jeden Abend weinend eingeschlafen bin und mein einziger Wunsch war, dass ich morgens nicht wieder aufwache. Fünf Jahre lang. 2016 hatte ich das Gefühl, dass ich nie auf die andere Seite komme. Dass es nicht vorbei geht. Dass DAS jetzt mein Leben ist. Und deshalb fühlt sich 2016 – obwohl ich kaum eine aktive Erinnerung daran habe – schlimmer an als alles, was danach kam. Obwohl mehr, vielleicht sogar schlimmeres Schlimmes passiert ist.

Ich schrieb dem Leser: „Und deshalb kann es sein, dass 2021 trotz allem nicht schlimmer war als 2016. Weil ich weiß: Es wird wieder anders. Keine Ahnung wie. Keine Ahnung, ob besser. Aber anders.“

Aber bei Licht besehen bin ich nicht mehr so sicher. Auch 2021 in weitgehend in meiner Hirnwatte verschwunden. Ich habe alles getan, was ich tun konnte, um mein Leben in die richtige Richtung zu schubsen. Jeder ist seines Glückes Schmied am Arsch. Das Leben ist immer im Weg. Mir ist dieses 2016-Gefühl so nahe wie nie. Ich weiß gar nicht so genau, woher diese physische Erschöpfung kommt, ich mach ja nix außer Denkarbeit, aber sie knutscht wild mit der psychischen Erschöpfung und da ist es wieder: Das 2016-Girl, das im Schlaf heult. Und ich denke: Vielleicht ist DAS mein Leben. Vielleicht war da nur ein kurzes Intermezzo zwischendurch, kurz Luft holen, aber DAS ist mein Leben. Und es gibt keine andere Seite. Darauf erstmal eine Runde erschöpften Schlaf.

Es ist ja gut, dass man der Fahrer im eigenen Leben ist. Dass man bestimmt, wo es hingeht (hoffentlich ans Meer), in welchem Tempo und überhaupt. Aber ich bräuchte mal ne Pause. Ich möchte gerne einfach mal Beifahrer sein auf dem Weg ans Meer (metaphorisch und in echt). Pause machen. Augen entspannen. Freies Dissoziieren. Das fehlt mir. Früher habe ich mich dem oft hingegeben, gerade beim Mitfahren im Auto. Ich habe den Körper dagelassen und war weg. Ganz weit weg. Ein schwer zu erreichender Zustand, wenn man selbst am Steuer sitzen muss. Es bleibt einem nicht viel übrig, als dem kalten Leben in die Augen zu sehen, während es einen mit Scheiße bewirft.

Meh

Es ist doch die schönste Zeit des Jahres: die Zeit der Jahresend-Roundup-Depression.

Was soll ich sagen: Ich stecke gar nicht so tief drin, dieses Jahr. Es war ein schlimmschlimm furchtbares Jahr. Ich hatte recht mit meiner Prognose vom letzten Jahr: „Die ersten 4 Monate werden wie ein ICE auf mich zu und über mich rüber rasen. Danach könnte der Krise die Chance folgen. Aber Optimismus liegt mir nicht.“

Tatsächlich ist der ICE bestimmt 4 oder 5 Mal über mich rübergerollt. Es wurde so richtig schlimm, richtig richtig schlimm und richtig schlimm.

Es ist allerdings alles unfassbar weit weg. Ich weiß, mir ging’s beschissen und alles war beschissen und scheiße und bäh, aber es fühlt sich an, als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Und alles, was danach kam: naja. Joa. Meh. Ich weiß, was ich dieses Jahr gemacht habe und was ich erlebt habe, ich kann da ne schöne Liste von machen. Aber meh. Es ist alles komplett gleichgültig. Es liegt dicke, fluffige Decke aus Meh und Gleichgültigkeit und weit weg drüber. Zwar transparent, aber wolkig. Selbst Frankreich: meh. Vielleicht hab ich mir das alles auch nur eingebildet. Oder jemand anderes hat es erlebt. Was weiß denn ich.

Das spiegelt sich auch im Blog wieder. Ich habe selten geschrieben. Nicht, dass nix los war. Aber es hat mich nicht ausreichend bewegt, um es aufzuschreiben. Weil: meh.

In diesem Sinne. Frohes Neues. Ich arbeite rein. Weil: eh egal.

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Schon lange älter als ich je werden wollte.

Offensichtlich war ich sehr klarsichtig, was das angeht.

Ich habe schon vor einer Weile einen Haken an mein Leben gemacht. Ich finde es eigentlich schon immer ziel-, sinn- und freudlos. Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass sich das noch ändern wird. Habe schon an so vielen Schrauben geschraubt: Immer noch nur anstrengend. Liege weiter mit dem Gesicht auf dem Asphalt und werde vom Leben weitergeschliffen. Sätze wie „das Leben ist schön“ sind für mich ein Paradebeispiel für ein Oxymoron.

Wenn ich Pech habe, habe ich noch nicht mal die Hälfte von diesem Ätz geschafft.

In diesem Sinne: Happy Birthday to me. 🥂

Arvorig

Acht Jahre bin ich nicht in der Bretagne gewesen. Es dauert genau acht Sekunden, bis ich wieder voll drin bin. Nur kurz durchs Dorf gefahren und schon erschlagen mich unzählige Erinnerungen. Kleinkram. Der Arztbesuch bei dem Dorfdoktor, der ungefähr so alt gewesen sein muss wie das Haus, in dem er praktizierte. Ohne Sprechstundenhilfe und viel Zeit. Die absurde Menge an Medikamenten, die die Apothekerin danach vor mir aufstapelte. Das morgendliche Zeitungskaufritual im Tabac: Ich kaufe die Zeitung nur für die Flutvorhersage, die mir referiert wird, sobald das Geld über den Tresen gewandert ist. Wesentlich detaillierter als da auf der drittletzten Zeitungsseite. Das stundenlange Rumgedrücke in der Citroen-Werkstatt, in der ein schnuckliger junger Mann die embrayage rettete (Worte, die ich nie vergessen werde…). Wäre wahrscheinlich schneller gegangen, hätte ich mich da nicht rumgedrückt. Menschen, die gestorben sind und Menschen, die geboren wurden. Dieselbe Katze streicht mir um die Beine, steinalt wie ihre Fellfarbe. Sie ist lauter geworden. Der Typ, der für immer meine Ansprüche an Männer viel zu hoch geschraubt hat. Obwohl wahrscheinlich auch er die Zahnpastatube nicht zuschraubt. Ich erinnere mich – obwohl der Sommer hier noch mal gründlich Zugabe gibt – plötzlich sogar an Februartage, an denen man Regen UND Gischt gleichzeitig in der Fresse hat. An dunkle Tage im Centre de recherche bretonne et celtique in Brest, die ich irgendwann frustriert abbrach und den fantastischen, liebenswerten Kauz im Ofis publik ar Brezhoneg in Carhaix, aus dem ich praktisch an einem Nachmittag meine Bachelor-Arbeit rausgepresst habe. Um sie dann mit Blick auf Sturm in Quiberon reinzuschreiben. Die kleinen Jungs von damals sind richtige Männer geworden. Und eine neue Riege kleiner Jungs zuppelt an den großen Pferden herum.

20 Jahre verbinden mich mit der Bretagne, 20 Jahre, in denen verrückt viel Zeug passiert ist. Mein Französisch ist ein bisschen eingerostet, weil ich es in den vergangenen 5 Jahren kaum benutzt habe, aber ich bin überrascht, wie mühelos ich mich über die verrücktesten Dinge unterhalten. Und manchmal stürze ich mich unbedarft in einen vermeintlich einfach Satz und verheddere mich hoffnungslos. Aber meistens hat mein Gegenüber eine Heckenschere für mein Sprachgewirr parat.

Irgendwo im Morbihan, mitten im Wald, zwischen Farnen und Misteln und Brombeergestrüpp, falle ich komplett auseinander. Ich kann keinem erklären, warum ich heule wie ein Schlosshund. Dafür kann ich danach im Land vor dem Meer auf die steigende Flut starren, ohne dass mich die große Schwermut befällt. Weil ich für einen Moment vergessen habe, wie die Welt hinter dem Land vor dem Meer aussieht.

Es ist ernst

Einen nach dem anderen erwischt es. Dieses Erwachsenenleben. Diese Verantwortung. Dieses Hamsterrad.

Mit der Pandemie geht auch diese andere ansteckende Krankheit um sich, die meinen Bekanntenkreis deutlich dezimiert: Schwangerschaft.

Bläh.

Ich habe No. 1a daran verloren. Ich habe die Gattin des Ex-Arbeitsgatten, die – Ironie des Schicksals – in den gelockdownten Wintermonaten mein Knuffelkontakt war, daran verloren.

Und weil er nun also Vater wird, zieht der Ex-Arbeitsgatte nun in ein Reihenhaus in einer noch kleineren Stadt. Hat schon einen Rasenmäher gekauft, wie sich das gehört. Hat sich einen Job in einer spießigen Institution gesucht, bei dem er nicht mehr so irre Schichten arbeiten muss (eine weitere Kündigung, die ich meinem Ex-Arbeitgeber sehr, sehr gönne, muhahaha). Hat sein Auto verkauft!

DAS Auto. SEIN Auto! Die 70000-PS-Schleuder, die man durch die halbe Stadt röhren hörte. DAS AUTO!!!

Es ist das Ende einer Ära. Mein Weltbild ist erschüttert. Bin ich bald die einzig übriggebliebene Geistig-13-Jährige? Bin ich bald die Einzige, die an kindisch-unrealistischen Träumen festhält und sich nicht im Traum von Dingen trennt, die kein Stück vernünftig sind und einfach Spaß machen?

Und dabei mache ich schon viel zu wenig Dinge, die einfach Spaß machen, weil ich selber viel zu fest in diesem Hamsterrad stecke.

Erwachsen sein ist doof. Und es macht noch viel weniger Spaß, wenn alle um einen rum so dolle erwachsen werden.

Man muss sich nur erinnern

Ich glaub ja oft nicht daran, dass sich meine Wünsche erfüllen. Aber vielleicht muss ich mich einfach zuverlässiger an meine Wünsche erinnern.

So stellte ich fest, dass ich am 1. April 2020 schrieb: „Ich freu mich, dass ich die Redaktion möglicherweise nie mehr von innen sehen muss (weil ich immer noch hoffe, bis zum Ende des Jahres einen neuen Job gefunden zu haben).“

Hab ich damals nicht wirklich dran geglaubt. Und dann wurde es doch tatsächlich wahr…

Das rosa Nilpferd

Kurz vor Weihnachten bin ich aus Versehen in die Stadt des Grauens geraten. Tief in Gedanken Autobahn-Ausfahrt verpasst, die nächste genommen und weil die zwei Kilometer von dort bis zu mir bekannten Wegen ein schwarzes Loch auf meiner geistigen Landkarte sind, im Ghetto gelandet. Im Früher.

Vielleicht habe ich dort T. gesehen. Ich bin nicht sicher, ich habe den Weg gesucht und im Dezember sind die Tage dort im Norden etwa zweieinhalb Minuten lang und das Tageslicht kommt in 50 Grauschattierungen durch 50 Wolkenschichten. Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen.

Ich erzähle das nie jemandem, weil es mir wahnsinnig peinlich ist, aber T. ist vielleicht der einzige Typ, in den ich je wirklich verliebt gewesen bin.

Das Peinlichste ist, dass ich ihm in sentimentalen Momenten immer noch nachhänge. Es kommt gelegentlich vor, dass ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn er noch in meinem Leben wäre.

Im Grunde ist es komplett absurd. T. und ich, das war in einem anderen Leben. In diesem schlimmen Früher. Ich war ein anderer Mensch und er war… ein Mensch, den ich heute nicht mehr ertragen könnte.

Es gibt kein realistisches Szenario, in dem wir uns noch nicht gegenseitig den Hals umgedreht hätten. Wir mussten schon damals für die Definition von Hassliebe herhalten. Er wusste genau, wie man mich provozieren kann.

Natürlich habe ich ihn gegugelt. Was man findet: Seinen Vater, der gefühlt zweimal die Woche in der Lokalpresse auftaucht. Seine Mutter, der jemand das mit den Privatsphäre-Einstellungen in diesem Facebook erklären sollte. Seine Brüder in der großen Stadt, Jura, BWL, dickes Auto, blonde Freundin, 2.-Generation-Einwanderer-guck-her-ich-habs-geschafft. T. hat keine digitale Spur hinterlassen. Ich weiß nichts über den T. von heute.

Vielleicht habe ich T. gesehen, vielleicht habe ich eine graue Katze gesehen. Es reicht, um meinen Kopf zu ficken. Von der Bettkante stoßen würde ich ihn auch heute möglicherweise nicht. Und der Rest…? So ein Schwachfug!

Manchmal frage ich mich, ob ich damals meinen ganzen Vorrat an Verliebtsein aufgebraucht habe. Oder setze ich nur das Feuer von damals als viel zu hohe Messlatte an?

Manchmal frage ich mich, wie ernsthaft er mich zurückgeliebt hat. Und in ganz schwachen Momenten denke ich, wie schön es wäre, wenn es einer täte. Also, mich lieben. Nicht unbedingt er, sondern irgendwer.

Aber dann fällt mir ein, was für ein egoistischer Gedanke das ist. Denn ich liebe nicht zurück. Und überhaupt, man kann mich ja nicht lieben.

Am Ende ist es egal, ob ich T. gesehen habe, eine graue Katze oder ein rosa Nilpferd (rückblickend war es wahrscheinlich ein rosa Nilpferd). Wahrscheinlich ist es doch nur mein Hirn, das sich an das einzig sexye aus dem schlimmen Früher klammert. Die ultimative Vermeidungsstrategie. Vielleicht möchte mein Gehirn gar nicht, dass sich irgendetwas Besseres, Intensiveres, Realistischeres über diese Gefühle legt. Weil das Früher dann nur noch unerträglich wäre.

Wildes Schleudern

Ich glaube jeder, der heute zurückblickt auf Dinge, die er vor etwa einem Jahr zum Thema „Neues Jahr 2020, was da so kommt“ geschrieben hat, muss gerade ein bisschen grinsen. Was waren wir naiv und unschuldig. So süß!

2020 ist fast vorbei und wem kommt es nicht vor, als sei er in den vergangenen 12 Monaten etwa 10 Jahre gealtert?

Corona war eigentlich mein geringstes Problem, im Gegenteil. Endlich müssen Leute ABSTAND halten, das ist mir enorm recht. Ich hab das schon immer gehasst, wenn mir im Supermarkt einer in den Nacken gehustet hat. Brrr. Ich hatte auch immer Desinfektionsmittel in der Handtasche, falls mir mal wieder wer unbedingt die Hand schütteln musste. Ich hoffe, dass es künftig heißt: Hände schütteln? Das ist so 2010er! Ekelhaft! Ich liebe, liebe, liebe nach wie vor das Home Office. Im Schlafanzug mit der Katze schimmeln und nebenher ein bisschen Content schubsen – vielleicht ist es doch ein bisschen ein Traumberuf. Wenn da nicht die Verrückten wären. Auch mein kurzer Ausflug in die Kurzarbeit war eigentlich ganz gechillt. Trotzdem hab ich dieses Kackvirus sowas von SATT! Leute werden krank, Leute sterben, Leute verlieren ihre Existenz, is halt kacke. Ich hab keinen Bedarf an Ansteckung, besten Dank, ist halt kacke. Mir fehlt wenig, ich geh nie shoppen, ich geh nie Party machen, Kultur gibs hier im Nirgendwo eh nie, aber manchmal wärs halt schon nett, einfach wieder mal „was“ machen zu können. Oder mir ne Wohnung in nem anderen Bundesland suchen zu können, ohne im Januar im Auto übernachten zu müssen! So Luxusprobleme halt. Und es ist schon ein Unterschied, ob man Leute nicht sehen will oder nicht sehen darf.

Ich schrieb schon vor Monaten: „Alles geht in Zeitlupe und dabei rast die Zeit so schnell, dass mir von der Erdrotation schlecht wird.“ Es trifft’s immer noch. Ich habe dieses Jahr trotz Allem gar nicht so wenig erlebt und doch kommt mir alles wahnsinnig weit weg vor. Der? Den hab ich vor 1000 Jahren getroffen. Irgendwann im Jahr 2020. Das? Das war vor Lichtjahren. 2020 halt. Ich habe vor gut 24 Stunden meinen Job gekündigt. Ewig her. (Flurfunkgeschwindigkeit übrigens: 5 Kollegen wussten in 0,5 Stunden Bescheid, ich selbst habe für drei Kollegen vier Stunden gebraucht, weil wir richtig redeten. Einer kommt wahrscheinlich sogar mit und es wird schööööön ❤ Reden ist manchmal interessant.)

Ich habe dieses Jahr alle vorstellbaren Emotionen durch. Ich erinnere mich nur durch Watte an sie. Der Rest ist Erschöpfung. Vergessen. Corona-Brain. Und der Stress, der plötzlich mit dem Jobangebot aufkam und alles überlagert. Plötzlich klammere ich mich an alles, nur weil es sicher ist. Den Job, den ich hasse, die Wohnung, die mich deprimiert….

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Ja, es gab schlimmere Jahre. Schlimmer als 2016 will ich mir lieber gar nicht vorstellen, auch wenn ich es für durchaus möglich halte. Aber so ausgelaugt war ich noch nie.“ Ich kann mich beim besten Willen nicht an das Ende des letzten Jahres erinnern. Ich weiß nicht mehr, was war und wie ich mich gefühlt habe. 2016 war schlimm. War 2020 genauso schlimm? Zwischendurch hat es sich so angefühlt. Ich habe mich gefragt, ob ich all meine Resilienz aufgebraucht habe. Ich war an den dunkelsten Orten meiner Psyche. Die vergangenen sieben Tage haben mich aufgerüttelt wie eine Daunendecke, die ausgeschüttelt wird. Plötzlich muss ich unter die Lebenden zurückkehren. Und der Nebel über der Zeit vor vor einer Woche wird dichter.

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Einen Ausblick auf dieses 2020 wage ich gar nicht. Was weiß denn ich, was da kommt. Ich hoffe, Veränderung. Ich fürchte: nicht.“ Was wussten denn wir, was da kommen würde! Süße Ahnungslosigkeit. Es hat sich alles verändert und doch irgendwie nichts. Meine Befürchtung für 2020 hat sich irgendwie erfüllt und meine Hoffnung wird auf den letzten Drücker erfüllt. Ein bisschen zu heftig für meinen Geschmack, aber eigentlich mag ich’s ja hart. Und ich weiß: Auch diese Daunenwolke wird sich legen. Auch dieser Wahnsinn wird vorbeigehen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie.

2021 wird definitiv Veränderung bringen. Für mich und alle. Einen Ausblick auf dieses 2021 wage ich nicht. Ich gebe nur die Prognose: Die ersten 4 Monate werden wie ein ICE auf mich zu und über mich rüber rasen. Danach könnte der Krise die Chance folgen. Aber Optimismus liegt mir nicht. Wir werden es sehen. Ich lasse den ICE rollen. Und dann sehe ich weiter.

Vor knapp einem Jahr schrieb ich: „Ereignisloser Neujahrsdienst, wo gibts denn sowas! Nächstes Jahr gebt ihr euch wieder mehr Mühe, ok? Ohne unschuldige Affen zu töten, bitte!“ Jetzt müsst ihr kreativ werden! Ich bin ja herzlich froh über Stillvester. Aber der Neujahrsdienst droht RICHTIG lang zu werden. Denkt euch was aus! Und kommt gut rüber!

2021 wird… 2021.

„Alles wird gut.“

„Alles wird gut.“

Das steht in krakeliger Fünftklässlerschrift auf einem roten Zettel auf dem ein Pfennig klebt und der an meinem Spiegel hängt. Früher einmal, also damals, da hing der Zettel mit dem Spruch in der krakeligen Schrift und dem Pfennig an einer roten Rose. Sie ist längst verblüht, vertrocknet und zu Staub zerfallen. Die Rose mit dem Zettel und dem Pfennig überreichte unser Schuldirektor uns zum Abitur.

„Alles wird gut.“ Das war die Botschaft, die er uns mit auf den Weg gab. Wie schon bei der Einschulung, beim Wechsel aufs Gymnasium, zum Beginn der Oberstufe hörten wir den altbekannten Spruch: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“ Und zum ersten Mal fühlte es sich… nun ja: Ernst an. Plötzlich soll man „etwas aus sich machen“. Und zwar allein. Was eigentlich genau? Keine Ahnung. Natürlich gab es einige, die es offenbar schon voll raus hatten. Den Plan. Alles organisiert. Dass das keine Garantie für irgendwas war, haben wir erst sehr viel später gelernt.

„Alles wird gut.“ Das war seine Antwort auf unsere Beklemmung, die großen Fragezeichen, die sehr viel Platz in unseren Köpfen einnahmen. Auf das große Unbekannte, was vor uns lag. Eine Antwort, die mich ratlos zurückließ.

„Alles wird gut.“
Warum der Zettel mit dem Spruch und dem Pfennig an meinem Spiegel landete, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, weil ich die Gewissheit brauchte, dass die lange Zeit der Ratlosigkeit, des gefühlten und tatsächlichen Versagens, des Beginnens und nicht Beendens, irgendwann enden und alles gut werden würde.

„Alles wird gut.“
Warum der Zettel mit dem Spruch und dem Pfennig immer noch an meinem Spiegel hängt, weiß ich nicht. Vielleicht weil ich nach Fortschritten, Erkenntnissen, Erfolgen, Rückschritten, Verzweiflungen und Misserfolgen immer noch die Gewissheit brauche, dass irgendwann alles gut wird. Wann immer das sein mag.

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Älter als ich je werden wollte und komplett desillusioniert. Allgemeines Meh. Allgemeine Niedergeschlagenheit. Und allgemeine Hoffnungsosigkeit.

So meh wie selten, ohne wirklich einen Grund ausmachen zu können. Außer das generelles Meh um Job, Wohnsituation, Helikopterkatzenmuttiangst und was will ich eigentlich, jedenfalls nicht das hier.

Darauf also Schnaps und Prost.