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Schon lange älter als ich je werden wollte.

Offensichtlich war ich sehr klarsichtig, was das angeht.

Ich habe schon vor einer Weile einen Haken an mein Leben gemacht. Ich finde es eigentlich schon immer ziel-, sinn- und freudlos. Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass sich das noch ändern wird. Habe schon an so vielen Schrauben geschraubt: Immer noch nur anstrengend. Liege weiter mit dem Gesicht auf dem Asphalt und werde vom Leben weitergeschliffen. Sätze wie „das Leben ist schön“ sind für mich ein Paradebeispiel für ein Oxymoron.

Wenn ich Pech habe, habe ich noch nicht mal die Hälfte von diesem Ätz geschafft.

In diesem Sinne: Happy Birthday to me. 🥂

Spätsommerdepression

Ich habe das Gefühl, Spätsommerdepression ist meine neue Winterdepression. Letztes Jahr war das Loch ja schon metertief. Dieses Jahr bin ich so tief unten, dass mein Hirn vom Druck zu platzen droht. Keine Übertreibung: Mein Hirn schmerzt permanent. Dumpfer Druckschmerz, der von düsteren Gedanken noch dumpfer wird. Seit Wochen geht das so. Trägt nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben.

Ich stelle wieder fest: Ich kann mein Leben ändern, auf den Kopf stellen, die Dinge ändern, die ich ändern kann – und das Leben hat nichts besseres zu tun, als mich mit Scheiße zu bewerfen.

Zu allem Überfluss sind mir nun auch noch die Ausreden ausgegangen, es hilft nix, ich muss wieder ins Büro. Und was soll ich sagen: ES IST KOMPLETT SINNLOS. Nicht nur, dass ich meine Zeit verplempere: Es ändert an meiner Arbeitsweise absolut überhaupt gar nichts. Im Gegenteil: Das Redaktionsnetzwerk ist komplett überlastet und unser veraltetes Redaktionssystem macht deshalb regelmäßig komplett die Grätsche, weshalb ich für Dinge, die mit meinem heimischen WLAN (nicht mal besonders fancy) normalerweise 30 Sekunden dauern, manchmal bis zu 10 Minuten brauche. Und das dutzendfach pro Schicht. Es ist also nicht nur Verplemperung meiner Zeit, sondern auch Verplemperung der Zeit der Firma. Ich sach ja bloß. Dazu kommt, dass wir im Großraumbüro doch nur chatten, weil wir aufgrund der Corona-Abstände so weit auseinander sitzen, dass wir brüllen müssten, um uns zu verständigen und damit alle nervten. Also: Alles wie vorher. Privat redet auch keiner mit mir, nicht, dass ich das wollen würde, aber es wirft halt jeden Tag deutlicher die Frage auf: WAS SOLL DAS EIGENTLICH? Und je mehr ich mit meiner Keinen-Bock-hier-zu-sein-Fresse rumlaufe, desto mehr isoliere ich mich selbst. Trägt alles nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben.

Die Katze findet das auch nicht gut.

Ebendiese Katze und die Pandemie haben meinen unsteten Nomadismus zum Stillstand gebracht. Nicht, dass ich nicht mehr rumziehen wollen würde. Es zieht in mir an mir. Aber ich krieg ja schon bei dem Gedanken, die Katze für ne Woche alleine zu lassen, komplette Schnappatmung. Da sind halt die Prioritäten anders. Und während ich so im Garten liege, die schnurrende Katze auf meiner Brust, meldet sich das leise Stimmchen in mir immer lauter, das sagt: Ich wär schon gern mal irgendwann irgendwo zu Hause. Und das ganz sicher nicht hier. Und mein beschissenes Hirn quält mich mit Wunschvorstellungen von dem, was ich gern hätte – und nie haben werde.

Ich werde mir nie aus eigener Kraft ein Zuhause leisten können und müsste halt aufs Erbe warten, was erstens nicht so erstrebenswert ist und zweitens auch hoffentlich noch so lange dauert, dass ich dann wohl eher keine Katze mehr haben werde, die mich zur Sesshaftigkeit schnurrt.

Das leise Stimmchen in mir säuselte in letzter Zeit häufiger vom Haus meiner Großmutter, das ziemlich viel von dem erfüllt, was ich mir wünsche. Wahrscheinlich hat es mir all die Flausen nur in den Kopf gesetzt. Nur, wie so oft, stellt sich die Frage: Wie soll ich da Geld verdienen? Denn natürlich wohnt Oma mitten in der Pampa, hinten im Naturschutzgebiet, kurz vorm Ende. Also: der Welt. Die Zeiten des Home Office hatten da noch mehr Flausen in meinen Kopf gesetzt und jetzt hat mir jemand diesen Stuhl unterm Arsch weggetreten!

Und dann verkündet der Papa, dem das Haus seit Opas Tod gehört, dass er es an den Onkel, dem die Hälfte des Grundstücks gehört, verkaufen will.

Also kann der sich mit dem kompletten Pack die Rente versilbern, oder meine Cousine kann irgendwann den dicken Reibach machen und mein Bruder und ich gucken in die Röhre.

Natürlich kann mein Papa mit seinem Haus machen, was er will und mit dem Geld eh. Ist schließlich seins und nicht das von mir und meinem Bruder. Abgesehen davon scheue ich mich, ein Veto einzulegen, weil ich keine Ahnung habe, wann und ob ich überhaupt je in der Situation sein werde, das Haus auch wirklich nutzen zu können. Wäre dann ja auch dumm. Und trotzdem: Jetzt hat mir noch jemand den Stuhl unterm Arsch weggetreten!

Nicht mal Träume gönnt mir mein Leben noch.

Es fehlt mittlerweile wirklich nur noch ne Kleinigkeit, bis mein Druckkopf platzt.

Mir verursacht schon das Nachrichtengeräusch des Telefons Tinnitus, weil endlich das Ende der Probezeit und damit der Beginn des Urlaubs ansteht und eine Freundin fragte, ob wir wie in alten Zeiten wie immer in der ersten Oktoberwoche nach Frankreich fahren und ich meine klar, ich will, ich habe nur massive Schnappatmung wegen der Katze, aber lass mal machen und dann meint sie aus dem Nichts so: Das geht doch klar, dass wir mit deinem Auto fahren, ne? Und ich so: Bruhahahhaha.

Dann können wir doch ein Auto von deinen Eltern nehmen, findet sie und ich frage mich, welcher erwachsene Mensch ernsthaft auf so eine Idee kommt.

Wie dem auch sei: Das Problem hat sie bei mir abgeladen. Und ich will darüber nicht nachdenken. Kann halt auch kein zuverlässiges Auto stricken, so ganz spontan.

Urlaubsvorfreude im Arsch und vielleicht lieg ich auch einfach drei Wochen mit der Katze im Bett. Mir erscheint das sehr attraktiv.

So wird der große Kackekuchen permanent mit so kleinen Kackestreuseln bestreut, die für sich genommen total unbedeutend sind, aber um mein Fass herum grad Überschwemmung machen. Und ich hab einfach keine Lust mehr. Also so gar keine.

Snowflake

Der große Häuptling gewährte mir in seiner großen Güte und Gnade eine Sonderregelung, mit der ich bis Ende Juli im Home Office bleiben darf. (Was genau im August an der Situation so anders sein soll – außer dass die Ansteckungsgefahr NOCH ein bisschen größer ist, so wie die Dinge laufen – weiß ich auch nicht so genau.) Er tat das natürlich nicht ohne ekelhafte Großkotzigkeit, sonst wäre er nicht großer Häuptling. Er wolle „die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, darauf hinzuweisen“, dass er in keiner Weise verpflichtet ist, mir das in seiner großen Güte und Gnade zu gewähren. 🤢 Und das alles in einer Mail, der man anmerkte, dass er eigentlich gar nicht mehr so genau weiß, wer ich bin. Weil wir uns genau einmal gesehen haben, weil meine Anwesenheit in der Redaktion bisher kein Stück notwendig war, aber ich denke, bis nächsten Sonntag werden sich dringende betriebliche Gründe manifestiert haben, deretwegen ich UNBEDINGT da sein muss.

*Scrollt durch Stellenanzeigen*

Derweil höre ich, dass das Haus mit dem Blick auf den Pazifik und die vorbeiziehenden Wale und den krächzenden Langschnabelsittichen oben an den 383 Stufen verkauft werden soll. Es ist wie ein zweiter Verlust nach dem Verlust des Home Office. Dass mir dieser wunderherrliche, inspirierende Ort für mich verloren gehen soll.

Besonders fies ist eigentlich, dass ich mir das sogar fast leisten könnte. Abgesehen davon, dass es für Ausländer nicht ganz einfach ist, Grundstücke in Chile zu kaufen: Moarrr. Geht schon allein wegen der Katze nicht. Und: Das Geld, mit dem ich für eine Weile wie die Bohemienne leben könnte, als die ich mich dort sehe, wäre dann futsch.

Und dann denke ich: Alte, du hast dieses Geld auf Kante, schmeiß doch den Quatsch hin und überleg dir zwei Jahre lang was Besseres! Du kannst immerhin drei Sachen, die andere nicht können. Immerhin haben diese Skills dir im letzten Monat zwei kleinere Projekte nebenher eingebracht, für die die Auftraggeber zu doof waren und die ich mit einer halben Stunde Arbeitsaufwand geklärt habe – und mit denen ich mir allerhand Chichi gegönnt habe, den ich sonst erstmal nicht angeschafft hätte.

Und dann kommt die Stimme der Vernunft und sagt: Und wenn dir nichts Besseres einfällt? Passiert ja schon seit Jahren nicht. Und diese Jobs fallen gelegentlich vom Himmel, zuverlässig beschaffen kannste dir das nicht.

Ich bin ein fucking millenial snowflake und ich will mich bitteschön auf ganz hohem Niveau beklagen und dass gefälligst meine Bedürfnisse beachtet werden und mein Bedürfnis ist halt grad Home Office, kann doch nicht so schwer sein!

Mimimi.

Eigentlich

Das Folgende wird euch bekannt vorkommen. Dieses „Alles ist furchtbar, keiner versteht mich, niemand kann mir helfen, es ist unmöglich etwas zu ändern, mein Leben kann in die Tonne“, was regelmäßig von dramatischen Dreizehnjährigen kommt. Entspricht etwas meiner geistigen Reife.

Dabei ist mindestens 80 Prozent selbstgerührtes Schicksal.

Ich liege im Sonnenschein, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern, die Katze gurrt, die Rasenmäher röhren und ich bin unglücklich. Mein Kopf sagt: Hey, wie viel besser du es hast als noch vor ein paar Jahren. Als noch vor ein paar Monaten. Du hast dich aus dem Loch geschaufelt. Und dann kommt mein Bauch und sagt: Ja, es ist besser. Aber es ist deswegen nicht gut.

Und meine Angst ist, dass es nicht besser wird. Dass ich für den Rest meines Lebens mit diesem oder einem ähnlichen Kompromiss klarkommen muss.

Eigentlich hätte ich gerne einen weniger stumpfen und sinnbefreiten Job. Eigentlich hätte ich lieber eine Bleibe im Grünen ohne Nachbarn mit Rasenmäher-Fetisch. Und nicht so weit weg vom Meer. Eigentlich.

Natürlich könnte ich hingehen, mir den Arsch aufreißen, Karriere machen, mehr Geld kassieren, mehr möglich machen. Aber ich will eigentlich nicht mehr raus aus dem Garden/Bett/Sofa-Office. Ich will meine Zeit nicht mit Pendeln und im Büro sitzen verplempern. Man spart ja nicht nur die Fahrtzeit. Im Büro kann ich nicht nebenher die Wäsche machen, die Spülmaschine ausräumen, meine Zähne putzen, die Haare kämmen, mir was an- oder ausziehen, Walderdbeeren ernten, mit der Katze spielen, mit der Katze kuscheln, der Katze beim glücklich sein zusehen. Ich kann mich, wenn abends schon nix, nix und nix mehr los ist, schon bettfertig machen und muss nicht erst um 23 Uhr ins Auto steigen, nach Hause fahren, da noch Zeug erledigen und DANN irgendwann ins Bett. Ich kann der Katze mittlerweile überhaupt nicht mehr vermitteln, dass ich gelegentlich das Haus verlassen muss und sie dann tagsüber drinne sein muss, weil wir keine Katzenklappe einbauen dürfen. Ich werde eine schlimme Tierquälerin geschimpft… Und wenn ich dann nach Hause komme, will sie natürlich raus und wann soll ich dann bitte mit ihr kuscheln? Hm?

Ich will auch nicht mehr Präsenz zeigen, mehr Stunden arbeiten, dauernd erreichbar sein. Einfach nö. Ich finde ja, 40 Stunden sind eh schon mehr als zu viel Zeit, die ich mit dem Quatsch verbringe. 32 würden eigentlich auch reichen… LOCKER.

Eigentlich hätte ich auch gerne mehr Sex. Oder überhaupt mal Sex. Aber ich hab keine Lust mich mit Idioten und ihrem Idiotenkram rumzuschlagen, mich irgendwo hinzubegeben, die Zeit eben nicht mit meiner superflauschigen Katze zu verbringen und dann doch wieder ohne Orgasmus und möglicherweise mit ner Blasenentzündung nach Hause zu kommen. Einfach nö. Und meine Idiotentrefferquote war zuletzt (deeeeehnbarer Zeitraum) wirklich… bei ca. 100 Prozent.

Und eigentlich fände ich es auch mal ganz schön, nicht auf ein Sexobjekt reduziert zu werden. Aber auch das ist selbstgebaut. Ich hab ja sonst nix zu bieten außer Sex. Also biete ich das. Und werde für genau das wahrgenommen. Und schlage mich nach schlechtem Sex wieder allein mit flauschiger Katze durch.

Eigentlich.

Es sind alles faule Kompromisse. Ich habe Ideen und Vorstellungen, was ich ändern könnte. Allein: Es fehlt an den Möglichkeiten, das umzusetzen. Und so liege ich in der Sonne, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern, die Katze gurrt, die Kirchenglocken läuten und ich bin unglücklich. Buhu.

Man muss sich nur erinnern

Ich glaub ja oft nicht daran, dass sich meine Wünsche erfüllen. Aber vielleicht muss ich mich einfach zuverlässiger an meine Wünsche erinnern.

So stellte ich fest, dass ich am 1. April 2020 schrieb: „Ich freu mich, dass ich die Redaktion möglicherweise nie mehr von innen sehen muss (weil ich immer noch hoffe, bis zum Ende des Jahres einen neuen Job gefunden zu haben).“

Hab ich damals nicht wirklich dran geglaubt. Und dann wurde es doch tatsächlich wahr…

Wildes Schleudern

Ich glaube jeder, der heute zurückblickt auf Dinge, die er vor etwa einem Jahr zum Thema „Neues Jahr 2020, was da so kommt“ geschrieben hat, muss gerade ein bisschen grinsen. Was waren wir naiv und unschuldig. So süß!

2020 ist fast vorbei und wem kommt es nicht vor, als sei er in den vergangenen 12 Monaten etwa 10 Jahre gealtert?

Corona war eigentlich mein geringstes Problem, im Gegenteil. Endlich müssen Leute ABSTAND halten, das ist mir enorm recht. Ich hab das schon immer gehasst, wenn mir im Supermarkt einer in den Nacken gehustet hat. Brrr. Ich hatte auch immer Desinfektionsmittel in der Handtasche, falls mir mal wieder wer unbedingt die Hand schütteln musste. Ich hoffe, dass es künftig heißt: Hände schütteln? Das ist so 2010er! Ekelhaft! Ich liebe, liebe, liebe nach wie vor das Home Office. Im Schlafanzug mit der Katze schimmeln und nebenher ein bisschen Content schubsen – vielleicht ist es doch ein bisschen ein Traumberuf. Wenn da nicht die Verrückten wären. Auch mein kurzer Ausflug in die Kurzarbeit war eigentlich ganz gechillt. Trotzdem hab ich dieses Kackvirus sowas von SATT! Leute werden krank, Leute sterben, Leute verlieren ihre Existenz, is halt kacke. Ich hab keinen Bedarf an Ansteckung, besten Dank, ist halt kacke. Mir fehlt wenig, ich geh nie shoppen, ich geh nie Party machen, Kultur gibs hier im Nirgendwo eh nie, aber manchmal wärs halt schon nett, einfach wieder mal „was“ machen zu können. Oder mir ne Wohnung in nem anderen Bundesland suchen zu können, ohne im Januar im Auto übernachten zu müssen! So Luxusprobleme halt. Und es ist schon ein Unterschied, ob man Leute nicht sehen will oder nicht sehen darf.

Ich schrieb schon vor Monaten: „Alles geht in Zeitlupe und dabei rast die Zeit so schnell, dass mir von der Erdrotation schlecht wird.“ Es trifft’s immer noch. Ich habe dieses Jahr trotz Allem gar nicht so wenig erlebt und doch kommt mir alles wahnsinnig weit weg vor. Der? Den hab ich vor 1000 Jahren getroffen. Irgendwann im Jahr 2020. Das? Das war vor Lichtjahren. 2020 halt. Ich habe vor gut 24 Stunden meinen Job gekündigt. Ewig her. (Flurfunkgeschwindigkeit übrigens: 5 Kollegen wussten in 0,5 Stunden Bescheid, ich selbst habe für drei Kollegen vier Stunden gebraucht, weil wir richtig redeten. Einer kommt wahrscheinlich sogar mit und es wird schööööön ❤ Reden ist manchmal interessant.)

Ich habe dieses Jahr alle vorstellbaren Emotionen durch. Ich erinnere mich nur durch Watte an sie. Der Rest ist Erschöpfung. Vergessen. Corona-Brain. Und der Stress, der plötzlich mit dem Jobangebot aufkam und alles überlagert. Plötzlich klammere ich mich an alles, nur weil es sicher ist. Den Job, den ich hasse, die Wohnung, die mich deprimiert….

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Ja, es gab schlimmere Jahre. Schlimmer als 2016 will ich mir lieber gar nicht vorstellen, auch wenn ich es für durchaus möglich halte. Aber so ausgelaugt war ich noch nie.“ Ich kann mich beim besten Willen nicht an das Ende des letzten Jahres erinnern. Ich weiß nicht mehr, was war und wie ich mich gefühlt habe. 2016 war schlimm. War 2020 genauso schlimm? Zwischendurch hat es sich so angefühlt. Ich habe mich gefragt, ob ich all meine Resilienz aufgebraucht habe. Ich war an den dunkelsten Orten meiner Psyche. Die vergangenen sieben Tage haben mich aufgerüttelt wie eine Daunendecke, die ausgeschüttelt wird. Plötzlich muss ich unter die Lebenden zurückkehren. Und der Nebel über der Zeit vor vor einer Woche wird dichter.

Ich schrieb vor knapp einem Jahr: „Einen Ausblick auf dieses 2020 wage ich gar nicht. Was weiß denn ich, was da kommt. Ich hoffe, Veränderung. Ich fürchte: nicht.“ Was wussten denn wir, was da kommen würde! Süße Ahnungslosigkeit. Es hat sich alles verändert und doch irgendwie nichts. Meine Befürchtung für 2020 hat sich irgendwie erfüllt und meine Hoffnung wird auf den letzten Drücker erfüllt. Ein bisschen zu heftig für meinen Geschmack, aber eigentlich mag ich’s ja hart. Und ich weiß: Auch diese Daunenwolke wird sich legen. Auch dieser Wahnsinn wird vorbeigehen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie.

2021 wird definitiv Veränderung bringen. Für mich und alle. Einen Ausblick auf dieses 2021 wage ich nicht. Ich gebe nur die Prognose: Die ersten 4 Monate werden wie ein ICE auf mich zu und über mich rüber rasen. Danach könnte der Krise die Chance folgen. Aber Optimismus liegt mir nicht. Wir werden es sehen. Ich lasse den ICE rollen. Und dann sehe ich weiter.

Vor knapp einem Jahr schrieb ich: „Ereignisloser Neujahrsdienst, wo gibts denn sowas! Nächstes Jahr gebt ihr euch wieder mehr Mühe, ok? Ohne unschuldige Affen zu töten, bitte!“ Jetzt müsst ihr kreativ werden! Ich bin ja herzlich froh über Stillvester. Aber der Neujahrsdienst droht RICHTIG lang zu werden. Denkt euch was aus! Und kommt gut rüber!

2021 wird… 2021.

„Alles wird gut.“

„Alles wird gut.“

Das steht in krakeliger Fünftklässlerschrift auf einem roten Zettel auf dem ein Pfennig klebt und der an meinem Spiegel hängt. Früher einmal, also damals, da hing der Zettel mit dem Spruch in der krakeligen Schrift und dem Pfennig an einer roten Rose. Sie ist längst verblüht, vertrocknet und zu Staub zerfallen. Die Rose mit dem Zettel und dem Pfennig überreichte unser Schuldirektor uns zum Abitur.

„Alles wird gut.“ Das war die Botschaft, die er uns mit auf den Weg gab. Wie schon bei der Einschulung, beim Wechsel aufs Gymnasium, zum Beginn der Oberstufe hörten wir den altbekannten Spruch: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“ Und zum ersten Mal fühlte es sich… nun ja: Ernst an. Plötzlich soll man „etwas aus sich machen“. Und zwar allein. Was eigentlich genau? Keine Ahnung. Natürlich gab es einige, die es offenbar schon voll raus hatten. Den Plan. Alles organisiert. Dass das keine Garantie für irgendwas war, haben wir erst sehr viel später gelernt.

„Alles wird gut.“ Das war seine Antwort auf unsere Beklemmung, die großen Fragezeichen, die sehr viel Platz in unseren Köpfen einnahmen. Auf das große Unbekannte, was vor uns lag. Eine Antwort, die mich ratlos zurückließ.

„Alles wird gut.“
Warum der Zettel mit dem Spruch und dem Pfennig an meinem Spiegel landete, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, weil ich die Gewissheit brauchte, dass die lange Zeit der Ratlosigkeit, des gefühlten und tatsächlichen Versagens, des Beginnens und nicht Beendens, irgendwann enden und alles gut werden würde.

„Alles wird gut.“
Warum der Zettel mit dem Spruch und dem Pfennig immer noch an meinem Spiegel hängt, weiß ich nicht. Vielleicht weil ich nach Fortschritten, Erkenntnissen, Erfolgen, Rückschritten, Verzweiflungen und Misserfolgen immer noch die Gewissheit brauche, dass irgendwann alles gut wird. Wann immer das sein mag.

Gedankenspiele

Während ich vergangene Woche jemandem predigte, dass es nicht total absurd ist, wenn man noch mal studiert, auch wenn man schon länger deutlich älter als 20 ist, und dass der Abi-Schnitt dann völlig wumpe ist, weil man definitiv alle Wartesemester abgesessen hat, fiel mir ein, dass ich ja für mein damaliges Wunschstudium mittlerweile auch alle abgesessen haben müsste. Abgesehen davon habe ich ja jetzt nen Bachelor mit nem Streber-Schnitt und nen Master, der auch nicht ganz kacke lief. Und ich könnte direkt mit dem Master, den ich eigentlich machen wollte, anfangen. Ich habe zwar absurdes Zeug studiert, als Qualifikation für den MA reicht es aber.

Eigentlich ist es ein bisschen quatschig, ich glaube nicht, dass mich das beruflich weiterbringen würde. Aber… Oarch, ich WILL. Ich habe da Bock drauf. Ich habe Lust, mein Hirn anzustrengen, lernen zu müssen, wissenschaftlich zu arbeiten. Ich habe auf das Programm Lust, weil es in zwei Ländern stattfindet und weil es genau das ist, was mich immer interessiert hat. Ich könnt’s mir leisten. (Ich hab mich ja schon immer gefragt, worauf ich so eisern spare.) Und ich will ja eh hier weg, aber so richtig Alternativen tun sich in diesen Zeiten nicht so auf…

Auch meine chilenische Mitbewohnerin von damals (aaach, das Haus voller Frauen – und Jesus!), will wieder an die Uni, sie hatte sogar schon das Stipendium für Barcelona (halloooo, Schwester, du weißt, ich werde permanent bei dir rumhocken, oder?) in der Tasche und dann kam Corona… Sie schrieb die weisen Worte: Unser Job ist es nicht, Punkte auf einer Liste abzuhaken, die andere geschrieben haben. Unser Job ist es, glücklich zu sein.

Man müsst sich halt trauen. Und die Katze… ins erste Land kann ich sie noch mitnehmen, Dänemark ist für uns Fischköppe ja ein – höhö – Katzensprung. Das zweite Jahr wird schwierig (und da kommt mittlerweile auch eine gewisse Brexit-Problematik ins Spiel…).

Ach, mein Spatzenhirn und seine Ideen. Das wird mich lange umtreiben. Jetz hab ich ja auch noch die Bewerbungsfrist um Monate hinter mir gelassen und damit noch Monate Zeit, darüber nachzudenken. Eigentlich Blödsinn, aber…

Das ganz große Pfffft

Manchmal setzt man große Hoffnungen in Dinge, Menschen, Ziele, Möglichkeiten. Ich kann vor allem letztere stundenlang in meinem Spatzenhirn durchspielen: Was wäre wenn und wäre wenn nicht wunderbar?

Manchmal warte ich Wochen und Monate oder sogar noch länger auf das große Finale. Das Wenn.

Manchmal – viel zu oft – kommt statt des großen, sehnlich erhofften großen Wumms nur ein niedliches Pfffft. Ein Anruf. Ein Gespräch. Ein nie geführtes Gespräch. Eine verpasste Gelegenheit. Ein minimal verändertes Vorzeichen. Pfffft. Die Spannung löst sich, die Hoffnung verpufft in Sekunden.

Manchmal bringt es eine Enttäuschung mit sich.

Manchmal kehrt einfach die natürliche Ordnung der Dinge zurück.

Manchmal ist das ganz große Pfffft genau das, was nötig war. Und mit ein ganz bisschen Bitterkeit gibt es süße Gewissheit.

Die Kühe (heilig oder dumm?)

Es ist so abgelutscht, aber so sieht’s aus: Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Von der Sexsituation brauchen wir gar nicht reden, sie ist nicht existent. Mi.

Meine Beziehung zu mir selbst ist an einem ziemlichen Tiefpunkt, vielleicht verbringe ich zu viel Zeit mit mir. Ich finde mich noch scheißer als sonst, ein Wunder, dass mich je irgendein Mensch ertragen hat. Da werde ich immer allen vor, sie seien Arschlöcher und dann bin ich selber eins. Und nicht nur innerlich – auch äußerlich bin ich ekelig. Dass ich mein Gesicht ganz gerne umtauschen würde, ist nix Neues. Aber derzeit finde ich mich auch noch unförmig und fett. Bin ich eigentlich schon ein Weilchen, seit ich den Job wechselte, habe ich ganz schön zugelegt. Aber seit ich mich nicht ehr anziehen muss, fällt es natürlich besonders auf. Jetzt quäle ich mich mit deutlich verschärftem Sportprogramm und … freudloser Ernährung. Seit ich nicht mehr einkaufen gehe – das habe ich schon immer gehasst und mittlerweile ist der Wahnsinn nicht mehr zu ertragen – findet auch nix mehr Ungesundes in die Wohnung. Keine Impulskäufe, nur noch gesundes Zeug. Ich hab Hunger. Und wenn man dann so am Kalorienzählen ist und feststellt, wie wenig eigentlich diese ewige Quälerei mit diesem Sport ins Gewicht fällt, warum mach ich das eigentlich? Und die Waage macht auch keinen Mut. Miii.

Auch dass ich meinen Job zum Brechen finde, ist keine Nachricht. Es ist … freudlos. Seelenlos. Schmutzig. Es ist nicht das, was ich mal machen wollte. Ich wollte immer Journalistin werden und jetzt sitz ich da und arbeite nach Schema F den schmutzigen Stuss ab, den das fette Arschloch und sein Herrchen, der Chefchef, so wollen. Zu was anderem komme ich ja nicht und selbst dabei werde ich noch aufgehalten, weil Fetti mir permanent dazwischen quakt. Keine Ahnung aber richtig große Fresse. Der sitzt in seiner Blase und denkt, er ist geil, weil er in der Isolation den Hass nicht mitbekommt, der ihm von allen Seiten entgegenschlägt. ALLE außer seinem Herrchen hassen ihn. Sogar die Unperson ist genervt – und hat offenbar Angst vor ihm (wie ich aus zwei sehr nervösen Telefonaten gestern und einer beinahe verzweifelten Nachricht heute schloss). Er ist respektlos, dumm, inkompetent, ein Arschloch und absolut kritikunfähig. Wenn man weit weg ist, kann man Einwände ja besser ignorieren. Als ich ihn vergangene Woche nachäffte und ihn mehrfach im Gruppenchat aufforderte, seine Fehler oder Versäumnisse zu korrigieren – wie er das eben immer so tut – kam irgendwann ein bockiges: Mach doch selber! (Lustig, genau das, was ich immer denke.) Moarrr.

Es ist furchtbar ermüdend. Es stresst mich viel mehr, als es sollte. Der Jobmarkt ist leergefegt und zu allen offenen Bewerbungen bekam ich die Nachricht: Sorry, Corona, wir können grad keine Personalentscheidungen treffen. Ich höre hier von mehreren Kollegen: Ignorier Fetti einfach, nimm’s nicht so schwer. Den schweren Typen kann man allerdings schwer ignorieren. Und dann kommt immer: „Fetti schätzt dich sehr, das sagt er immer wieder, du bist seine heilige Kuh. Er kann’s nur nicht zeigen.“ Haha, DAS stimmt allerdings. Ich bin eher ne dumme Kuh. Dass ich mir seinen dummen Dummfug immerzu gebe und das bei dem Gehalt… Mit mir kann man’s ja machen und am Ende reparier ich immer den Blödsinn der Anderen und er setzt sich die Lorbeeren auf. Ganz dumme Kuh – mit zu hohen Ansprüchen an ihre Arbeit. Moarrrr.

Und dann hab ich nach meinem unerfreulichen Abenteuer auf der Autobahn auch noch Panik beim Autofahren (im Sinne von: Ich dreh völlig durch bei jeder Bodenwelle) und mag nirgendwo hin. Zugfahren is ja auch keine Option. Miiii.

Das Schlimmste ist, dass ich im Grunde eine ziemlich klare Vorstellung davon habe, wie mein Leben aussehen sollte. Das ist nicht mal wahnsinnig fancy. Aber wahnsinnig anders, als das, was grade stattfindet.

Ich habe schon vor Jahren geschrieben: „Man sagt ja immer so megaklug, man müsse sich nur klar darüber werden, was man wirklich will. Tja, im Haus am See auf der Veranda sitzen und schreiben ist halt einfach nicht realistisch. Davon werden keine Rechnungen bezahlt. Ich muss halt was anderes wollen…“

Ich nehm auch n Haus an der Ostsee übrigens, das wird dann sicher einfacher.
Was zu dieser Fantasie dazugehört: Die Katze aufm Schoß. Den Punkt haben wir immerhin schon mal abgehakt, wir wollen ja mal nicht so tun, als gäbe es hier keine Fortschritte. Problem eins: Das ist ein ganz schönes Luxuskätzchen, ich möchte mir lieber nicht so genau ausrechnen, was eigentlich teurer ist, mein oder ihr Futter. Also, die zu bezahlenden Rechnungen sind höher geworden. Problem zwei hat mit meiner Beziehung zu mir selbst zu tun: Ich finde einfach generell alles kacke und komplett belanglos, was ich schreibe. Es gibt nichts, was ich irgendjemandem zum Lesen gäbe – einfach weil ich vor Scham im Boden versänke.

In meinem Kopf geistert in letzter Zeit immer stärker der Gedanke herum, aus dem was ich mit diesem Blog und um ihn herum so treibe, mehr zu machen. Irgendwas aus ihm heraus zu entwickeln, womit ich vielleicht Geld verdienen könnte. Weil es mir Spaß macht. Weil es mehr „ich“ ist als mein Beruf, der so anders ist als das, was ich wollte. Ich kannte diesen Teil von mir nicht, bevor ich das hier gemacht habe. Und mir meine Blase hier geschaffen habe. Und ich muss sagen: Es gefällt mir sehr.

Nun sind mein Blog und ich ja nicht gerade Freunde. Er ist ein bockiges Biest und macht, was er will und ist nie das geworden, was ich wollte, das er wird. Und wenn ich mir was anderes für ihn überlegt habe, hat er sich das auch anders überlegt. Nur anders als ich. Wie in drei Teufels Namen soll ich hier was … öhöm.. „Vernünftiges“ draus machen? (Ich und vernünftig ist ja ein Oxymoron.)

Außerdem ist mein Blog meine heilige Kuh. Es ist ja doch eine Hassliebe. Ich kann nicht mehr ohne ihn. Auskotzen, rummuffeln, Gedanken ordnen, Gedanken von Lesern ordnen lassen, Zeug halt. Er ist meine Spielwiese. Ich will hier nix müssen.

Natürlich bin ich auch vollkommen ideenlos. Was, was ich anbieten könnte, wäre so speziell, dass man dafür Geld verlangen könnte. Und selbst wenn ich eine Idee hätte, mein Ich fände sie scheiße.

Nun ja. Mit der Gesamtsituation unzufrieden und so.